NS-Geschichte ohne Kontroversen

Zur Frage, warum sich der NS-Boom der Verlagsprogramme nicht mehr in der Selbstdarstellung der Geschichtswissenschaft widerspiegelt

Von Isabel HeinemannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Isabel Heinemann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Zeit der großen Debatten um die Ergebnisse der NS-Historiografie scheint - zumindest vorübergehend - vorbei. Dies signalisierte zumindest der 46. Deutsche Historikertag, der im September 2006 in Konstanz stattfand. Dort dominierte eine stark am Rahmenthema "Geschichtsbilder" orientierte bildanalytisch informierte Kultur- und Wissenschaftsgeschichte - bei augenfälliger Abwesenheit von Veranstaltungen zu den historischen Prozessen, Problemlagen und Ereignissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Lange vorbei scheinen die Zeiten, in denen auf Historikertagen Kontroversen über Goldhagens Thesen und den Antisemitismus der Deutschen oder die braune Vergangenheit der Gründergeneration der bundesdeutschen Sozialhistorie die Gemüter erregten. Gewiss, Debatten lassen sich nicht postulieren, und schon gar nicht nachträglich einfordern. Doch die derzeitige (Nicht-)Repräsentanz insbesondere der NS-Forschung in den historiografischen Diskussionen erscheint symptomatisch für den gegenwärtigen Stand der Zeitgeschichtsforschung. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein gravierendes Missverhältnis zwischen der weiterhin boomenden Produktion historischer Texte zur Epoche des Nationalsozialismus und der schwindenden Präsenz dieser Forschungsergebnisse in den die Zunft bewegenden Themen. Welche Art von "älterer Zeitgeschichte" (bis 1945) ist also dann gegenwärtig en vogue?

Zeitgeschichte bis 1945 auf dem 46. Deutschen Historikertag: "Visualisierung" und "Planung"

Während der Erste Weltkrieg - auch in seiner ikonografischen Verarbeitung - auf dem Historikertag in keiner Veranstaltung verhandelt wurde, kam die europäische Zwischenkriegszeit in einigen diachron angelegten Sektionen zur Sprache. So untersuchte eine von Martina Heßler (Aachen) und Alexander Nützenadel (Frankfurt/Oder) geleitete Sektion den Zusammenhang von Wissenschaft und Visualisierung in der Moderne und schlug dabei den Bogen vom 18. bis zum späten 20. Jahrhundert. Die Diskussion der Referate kulminierte in der Frage, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisprozesse selbst durch die Verwendung von Bildern verändern und inwiefern die Beschreibung beziehungsweise Zuschreibung durch die Bildanalyse die Aussage der Abbildungen selbst beeinflussen könne. Hier wird weitere methodische Arbeit auf dem Feld der Bildgeschichte zu leisten sein. Eine von Dirk van Laak (Jena) initiierte Sektion analysierte mit den "Leitbildern der Planung im 20. Jahrhundert" ein weiteres zentrales Phänomen der Moderne: Die einzelnen Beiträge arbeiteten heraus, wie Planung als "Suggestion von Ordnung" (Anselm Doering-Manteufel, Tübingen) im letzten Jahrhundert eine zweifache Konjunktur erlebte. Die erste Hochphase der Planung begann in den 1930er-Jahren, als es galt, mittels rationaler Steuerungsinstrumente die Folgen des Ersten Weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise zu beheben und einer je nach Land durchaus unterschiedlich verstandenen Variante von "Moderne" zur Durchsetzung zu verhelfen. Die zweite Hochkonjunktur erlebte der Planungsbegriff in den 1960er-Jahren, diesmal im Zeichen optimistischer Zukunftserwartung, wie Gabriele Metzler (Tübingen) in ihrem Beitrag zur Politischen Planung in der BRD ausführte. Insgesamt wurde deutlich, dass dass die Vorstellung von "Demokratisierung" und zentraler Planung in einem Widerspruch zueinander stehen, aller Utopien zum Trotz: Um die Gesellschaft zu verändern, muss jeder Plan zwangsläufig die Interessen bedeutsamer Teile der Mitglieder dieser Gesellschaft außer Acht lassen. Ein Unterschied besteht nur im Ausmaß und in den Folgen.

Beide Sektionen zeigten, dass Themen der Zeitgeschichte unter der Frage nach der Wirksamkeit von (Geschichts-)Bildern in längeren Zeiträumen und unter Berücksichtigung internationaler Interdependenzen zu behandeln sind. Die Veränderung in der Gestaltung von wissenschaftlichen Diagrammen und wirtschaftswissenschaftlichen Modellen wie auch die Transformationen von ökonomischen und sozialen Planungen erschließen sich als Indikatoren historischer Transformationsprozesse und Denkkonjunkturen eben nur in diachroner Perspektive.

"Geschichtsbilder" und "blinde Flecken"? Die Präsentation der NS-Forschung auf dem 46. Historikertag

Gemäß dem Rahmenthema wurden auf dem Historikertag mit der Praxis der Wiedergutmachung und dem Phänomen des Zeitzeugen ausschließlich Folgen und Repräsentationen des Nationalsozialismus verhandelt, nicht aber die NS-Geschichte selbst: Die Darstellung der NS-Geschichte im Fernsehen inspirierte gleich zwei Veranstaltungen, eine Sektion zur "Popularisierung der Geschichte im Fernsehen" und eine abendliche Podiumsdiskussion zur "Geschichte im Fernsehen".

Da stellte sich bisweilen der Eindruck ein, an die Stelle einstiger Debatten um neuere Forschungen zum Nationalsozialismus trete nun das Lamento über die mediale Präsentation der NS-Geschichte, insbesondere durch den prominenten ZDF-Fernsehmacher Guido Knopp. Doch wie die von Martin Sabrow (Potsdam) geleitete "Zeitzeugen"-Sektion unterhaltsam und eindrücklich demonstrierte, beschränkt sich der Erkenntniswert einer kritischen Analyse des medialen Umgangs mit der NS-Vergangenheit keineswegs auf die Diagnose der vom Publikum gewollten "Geschichtspornographie" (Wulf Kantsteiner, Binghampton). Vielmehr war aus dem abwechselungsreichen Beitrag Kantsteiners über "Zeitzeugenschaft und Vergangenheitspolitik" zu lernen, wie in den Geschichtsdokumentationen des ZDF den Zeitzeugen zugleich eine Unterhaltungs- und Authentizitätsfunktion zugemessen werde.

Norbert Frei (Jena) verdichtete diese Diagnose in seinem Kommentar zum Begriff der "Authentizitätsfiktion". Wie Judith Keilbach (Berlin) in ihrem Vortrag nachwies, fanden in der geschlechtsspezifischen Aufgabenteilung zwischen männlichen und weiblichen ZeitzeugInnen über die Jahre signifikante Verschiebungen statt: Wurden die Aussagen von Frauen in den Geschichtsdokumentationen der 1980er-Jahren hauptsächlich zur Erzeugung von Emotionen eingesetzt, während die männlichen Zeitzeugen Zusammenhänge schilderten, so änderte sich dies in den 1990er-Jahren mit dem Trend zur allgemeinen Viktimisierung der Zeitgenossen des Nationalsozialismus: Nun präsentierten die Autoren der Geschichtsdokumentationen oftmals traumatisierte Soldaten als Opfer, wohingegen Frauen mittelbar die Rolle der Täterinnen übernahmen, so etwa die langjährige Sekretärin Odilo Globocniks.

Die deutsche Gesellschaft und der Holocaust: Wichtige Neuerscheinungen des letzten Herbstes

Das ansonsten weitgehende Fehlen von Sektionen zu Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg in Konstanz stand in einem merkwürdigen Missverhältnis zur Buchpräsentation der Verlage. So zierte auch im letzten Herbst wieder eine Vielzahl wichtiger und diskussionswürdiger Neuerscheinungen die Büchertische, insbesondere zur Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus und zur Akzeptanz des Judenmordes in der deutschen Gesellschaft. Besonders hervorzuheben sind hier die Arbeiten von Saul Friedländer ("Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und Juden 1939-1945", München 2006), Peter Longerich (",Davon haben wir nichts gewusst!' Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945", München 2006) und Frank Bajohr und Dieter Pohl ("Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten". München 2006).

Friedländer schildert in seiner großen Arbeit Terror, Massenmord und Shoah aus der Perspektive der Opfer und gibt diesen auf der Grundlage einer Vielzahl von Tagebüchern, Briefen und Erinnerungen Stimme und Gesicht. So gelingt vielfach ein ganz neuer Blick auf die bekannte Geschichte des Massenmordes, nicht als Analyse eines bürokratischen Prozesses, sondern als Schilderung von Schicksalen einzelner Individuen, einzelner Familien. Eine solche darstellerische Dichte erreicht und zugleich das individuelle Grauen in einen analytisch klaren Rahmen eingeordnet zu haben, darin besteht die besondere Leistung dieses Werkes.

Demgegenüber geht Peter Longerich der Frage nach, wie viel Informationen über die Judenverfolgung in der deutschen Bevölkerung präsent waren und wie sich die deutsche Gesellschaft insgesamt zum Komplex der "Judenpolitik" verhielt. Longerich kommt zu dem Schluss, dass es während des gesamten Nationalsozialismus eine relevante Anstrengung des Regimes gab, die Bevölkerung auf die Judenverfolgung einzustimmen und sie mehr und mehr in die Judenpolitik zu involvieren. Was mit ausgedehnten Propagandakampagnen begann, entwickelte sich zu Repressionsmaßnahmen und endete bei einer partiellen Aufgabe der Geheimhaltung der "Endlösung". Demgegenüber, so Longerich, war die vorherrschende Haltung der deutschen Bevölkerung Indifferenz und Passivität gegenüber der "Judenfrage". So versuchten viele Deutsche, vor allem in der zweiten Kriegshälfte, als es durchaus möglich war, sich detaillierte Informationen über den Massenmord zu beschaffen, sich von der offiziellen Mordpraxis zu distanzieren und zugleich die Verantwortung von sich zu weisen. Dies kulminierte in der Nachkriegszeit im stereotypen Satz "Davon haben wir nichts gewusst!".

Zu ähnlichen, gleichwohl pointierter formulierten Ergebnissen kommt Frank Bajohr in seiner knappen Darstellung über Wissen und Einstellung der Deutschen zum Holocaust. Er kann zeigen, wie in der deutschen Gesellschaft bis zum Jahr 1938/39 ein weitgehender antijüdischer Konsens entsteht, gespeist durch die Faktoren Antisemitismus, Befriedigung persönlicher Interessen und Zustimmung zur NS-Diktatur. Doch diese Zustimmung zur Verfolgung entwickelt sich im Laufe des Krieges nicht in eine flächendeckende Akzeptanz der Massenvernichtung, von einem allgemeinen Mordkonsens kann nicht gesprochen werden. Inspiriert durch die vielfach kursierenden Informationen über die Praxis des Judenmords entsteht vielmehr ab 1943 ein Klima von Scham, Vergeltungsängsten und Bestrafungserwartung, was dann zum verbreiteten Versuch der Schuldabwehr führt.

Doch warum vermochten diese Ausführungen zu den wichtigen Fragen "Was wussten die Deutschen wann vom Holocaust?" und "Wie verhielt sich die deutsche Gesellschaft zur Judenverfolgung?" noch keine Kontroversen oder auch nur entsprechende Historikertags-Sektionen zu inspirieren? Herrscht also breites Einverständnis über die Ergebnisse der neueren NS-Forschung? Oder sind nach den Zeiten der harschen Konflikte um die Interpretation des Holocaust (in den 1980er-Jahren Intentionalisten versus Strukturalisten, in den 1990er-Jahren Primat des Rassismus versus wirtschaftliche Interessen) seitens der NS-Forschung einfach noch nicht wieder die richtigen Fragen gestellt worden?

Eine mögliche Erklärung wäre die in den letzten Jahren zu beobachtende Methodenferne des Faches, die oftmals eine fehlende Anschlussfähigkeit an die Fragestellungen einer politisch informierten Kulturgeschichte zugunsten einer Verstrickung ins regionalhistorische oder ereignisgeschichtliche Klein-Klein zur Folge hat. Auf einem Historikertag, der sich durch die Hinwendung zur Bildanalyse als methodisch innovativen Diskurs versteht, haben es die "klassischen" Felder der NS-Forschung wie Vernichtungspolitik und Massenmord, Herrschafts-, Wirtschafts-, Sozial- und Ideologiegeschichte wohl eher schwer.

Hinzu kommt die Tendenz der modernen Gesellschafts- und Kulturgeschichte, den Nationalsozialismus aus ihren Fragestellungen von vorneherein auszuklammern oder auf einige wenige Topoi ("charismatische Herrschaft") zu reduzieren. Ist die vielfach zu beobachtende elegante Umschiffung des Nationalsozialismus durch die neuere Kulturgeschichte (wie auch durch diesen Historikertag) vielleicht daraus zu erklären, dass sich Rassismus, Verfolgung und Vernichtung in ihrer extremsten Zuspitzung einer einfachen Einordnung in soziale Prozesse, kulturelle Denkmuster und Repräsentationsformen entziehen?

Dem wäre erstens entgegenzuhalten, dass die Analyse von Verfolgung und Vernichtung, von Kollaboration und ökonomischen Interessen, von Rassenideologie und gesellschaftlicher Basis, von Täterverhalten und Opferschicksalen weder durch den Primat der Kulturgeschichte noch durch einen möglichen "iconic turn" der Geschichtsforschung etwas von ihrer Brisanz verliert. Gerade die Analyse innerhalb längerer Untersuchungszeiträume und mit Blick auf internationale Zusammenhänge schärft den Blick für die Besonderheiten der nationalsozialistischen Herrschaft und des staatlich gelenkten Massenmords.

Zweitens wäre es an der NS-Forschung selbst, sich methodisch zu öffnen und beispielsweise analytisch geschärfte Fragestellungen aus Nachbardisziplinen zu erproben, sei es aus der Historischen Anthropologie, der Soziologie, der Sozialpsychologie, den Gender Studies oder eben der Bildanalyse - allerdings ohne dabei ihre traditionelle empirische Stärke aufzugeben. Dass dies immer wieder gelingt, zeigt beispielsweise die Integration von Fragestellungen aus der Wissenschaftsgeschichte in die Untersuchung der NS-Zeit, wie an den Resultaten der beiden Großprojekten zur Erforschung der Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Institute und der Deutschen Forschungsgemeinschaft abzulesen ist.

Drittens kamen einige der wichtigsten Anregungen zur Etablierung der Bildanalyse als relevanten Bestandteil der Geschichtsforschung doch gerade aus dem Kontext der NS-Forschung und der Erinnerungsgeschichte des Nationalsozialismus. Warum nicht auf diesen Überlegungen aufbauen?

Zusammenfassend ergibt sich für die "ältere" Zeitgeschichte bis 1945 - ausgehend von ihrer Repräsentation auf dem 46. Historikertag - folgendes Bild: 1.) Die Analyse von (Geschichts-)Bildern erbringt neue Einsichten in Wandlungsprozesse von Konzepten und Darstellungsformen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis (Planung, wissenschaftliche Abbildungen). Sie erfolgt allerdings notwendigerweise in diachronem Rahmen, so dass sie sich einer engen Epochenzuordnung entzieht. 2.) Die merkwürdige Absenz der "großen" Themen Erster und Zweiter Weltkrieg, Zwischenkriegszeit, Nationalsozialismus und Holocaust mag einer gewissen Debattenmüdigkeit in diesen Feldern geschuldet sein, vielleicht auch einer methodischen Orientierung am Rahmenthema des Historikertages. Ein Spiegel der Forschungskonjunktur, ablesbar an Verlagsprogrammen, ist sie sicher nicht. Hier ist Zeitgeschichte bis 1945 keineswegs "out". Zu fragen wäre nun, wie die Geschichte des Nationalsozialismus in die zweijährliche Selbstdarstellung und -reflexion des Faches "zurückzuholen" wäre, als die der Historikertag doch eigentlich gedacht ist.

Hier bietet sich vielleicht ein doppeltes Vorgehen an, zum einen durch ein Verständnis des Rahmenthemas als Anregung, neue Wege zu gehen, aber nicht als allzu starres Korsett. Zum anderen wäre es an der NS-Forschung selbst, abseits extravaganter Moden und schlichter Anbiederung an aktuelle Trends, methodische Aufgeschlossenheit und gedankliche Anschlussfähigkeit zu demonstrieren und wieder einmal die richtigen Fragen zu stellen. Dass sie das kann, zeigen sowohl die Tradition der deutschen NS-Historiografie als auch die beeindruckende Bandbreite der diesjährigen Neuerscheinungen.


Titelbild

Peter Longerich: "Davon haben wir nichts gewusst". Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945.
Siedler Verlag, München 2006.
445 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-10: 3886808432

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Frank Bajohr / Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten.
Verlag C. H. Beck, München 2006.
156 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-10: 3406549780

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Titelbild

Saul Friedländer: Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945.
Übersetzt aus dem Englischen von Martin Pfeiffer.
Verlag C. H. Beck, München 2006.
870 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-10: 3406549667

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