Mit einem Fuß im Ewigen

Über einige Neuerscheinungen und Wiederauflagen von und zu Emmanuel Lévinas

Von Fabian KettnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Fabian Kettner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bekannt wurde das Werk Emmanuel Lévinas' durch Jacques Derridas umfangreichen Aufsatz "Gewalt und Metaphysik" aus dem Jahre 1964. Dass es dadurch zugänglich wurde, kann man allerdings nicht behaupten. Als Zygmunt Bauman es in den 1990ern über die Soziologie erneut in den akademischen Diskurs brachte, wurde das Werk zwar nicht in Bedeutung heischenden post-heideggerschen Sprachwindungen präsentiert, aber auch nicht zugänglicher. Bauman bedient sich - wie nicht nur Nicht-Philosophen das zu tun pflegen - bei der Philosophie wie in einem Gemischtwarenladen. Was gefällt, was dazu dienen können soll, für das, was man errichten will, das Fundament zu gießen, wird genommen. Philosophie als Rückversicherung im Absoluten. Es sieht gut und nach mehr aus, macht Eindruck, und hoffentlich kratzt keiner dran. Die Herkunft aus der Philosophie soll die Begründung verbürgen, die zu geben man selber nicht in der Lage ist. Lévinas' Ethik, die Sorge um den Anderen, bleibt dann bloße Wahl, Willkür gar.

Sein Werk ist verwirrend nicht nur durch die Eigenheit seines Denkens, sondern auch, weil es in Deutschland auf verschiedene Verlage aufgeteilt ist. Bei "Karl Alber" und "Felix Meiner" findet man die Hauptwerke, beim "Verlag Neue Kritik" sämtliche Talmud-Interpretationen. Die deutschen Ausgaben nicht nur kleinerer Schriften wurden obendrein nicht 1:1 aus dem Französischen übernommen, sondern auseinandergerissen, einzelne Aufsätze dann neu kompiliert oder gar einzeln in Sammelbände verstreut. So kommt es, dass in den hier besprochenen Büchern drei Aufsätze doppelt und ein Aufsatz gar dreifach erschienen ist. So kommt es auch, dass wer zu Lévinas arbeitet, einen guten Teil seiner Arbeitszeit darauf verwenden muss, sich über das Werk einen Überblick zu verschaffen.

Lévinas wurde 1906 in Litauen geboren. Er studierte in Straßburg, Freiburg und Paris, Edmund Husserl und Martin Heidegger waren ihm die wichtigsten akademischen Einflüsse. Mindestens ebenso bedeutsam für sein Denken waren aber auch Franz Rosenzweig ("Der Stern der Erlösung"), das osteuropäische Judentum sowie die Erfahrung der Shoah. Im Jahre 1940 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Seine in Litauen gebliebene Familie wurde in der Shoah ermordet, weswegen er deutschen Boden nie wieder betrat.

Seine Bemühungen, eine Ethik neu zu begründen, resultieren aus diesen Erfahrungen. Die gegenwärtige geistige Lage, in der diese Neubesinnung notwendig wird, ist für ihn das Produkt einer langen Entwicklung, deren Darstellung er in den Aufsätzen in "Die Unvorhersehbarkeiten der Geschichte" variiert.

Der philosophische Idealismus stellte die Freiheit des Menschen in den Mittelpunkt. Sein Konzept von Freiheit aber gründet auf einer Dualität von Sein und Denken, durch die er letztendlich scheitert. Die Distanz in der Trennung von Subjekt und Objekt konstituiert zwar das freie Subjekt, aber um den Preis der Trennung der Menschen voneinander wie von ihrer Welt. Der Idealismus ist gleichzeitig ein trügerisches totales Verstehen, indem er sich alles unterordnet; er löst die Welt in Abstraktionen auf, um über sie verfügen zu können. Mit der Freiheit besteht auch die Gefahr von Willkür und Beliebigkeit - und, schlimmer noch, einer Gegenbewegung: aus der historisch erarbeiteten Freiheit heraus auf Freiheit zu verzichten und sich wieder ins Sein zu fügen.

Diesen Schritt sieht Lévinas mit der Philosophie Heideggers vollzogen. Die philosophischen Entwicklungen werden von politischen begleitet. Entspricht dem Idealismus der Liberalismus, so der Fundamentalontologie der Nationalsozialismus. Letzterer kombiniert die Aggressivität und Rücksichtslosigkeit totaler Freiheit mit der Unterwerfung unter das Seinsgesetz, als dessen Vollstrecker er sich begreift. Lévinas betont, dass "das Fehlen der Sorge um den Anderen bei Heidegger und sein persönliches politisches Abenteuer [...] etwas miteinander zu tun" haben. Damit löste er sich frühzeitig und konsequent von seinem früher bewunderten Lehrer. "Ich habe Hitler im Radio gehört, und wenn ich ihn gehört habe, hat mir immer Heidegger ein bißchen nachgeklungen; ich meine in der Art und Weise, die Dinge zu bejahen und herauszuschreien."

Weil Heidegger Dankbarkeit gegenüber dem Sein, Gehorsam statt Kontemplation fordert, deswegen ist der Hitlerismus "eine Möglichkeit, die der Ontologie des Seins eingeschrieben ist." Heidegger reduziert den Menschen auf ein Medium für das Sein, damit das Sein sich im Menschen spiegeln kann. Was angeblich nicht geändert werden kann, was zum "Geschick" und zum "Seinsgeschehen" verewigt und veredelt wird, das wird nicht nur hingenommen, sondern dem werden höhere Weihen verliehen. Heideggers Philosophie ist beherrscht vom Grundprinzip des autoritären Charakters: zu seiner eigenen Sache zu machen, was einem aufgezwungen wird, dem Leiden einen höheren Sinn zu geben. Wenn man am Opfer festhält, dann gibt man nicht nur nachträglich dem einen Sinn, worüber man nicht verfügen kann, sondern man sorgt auch dafür, dass es weiter entrichtet wird. Deswegen verdient "jede Zivilisation, die das Sein, die tragische Verzweiflung, die es mit sich bringt, und die Verbrechen, die es rechtfertigt, hinnimmt, [...] den Namen der Barbarei."

In der Gegenwart gelten Gott und Humanismus als tot, Metaphysik als überwunden. In dieser Situation, so Lévinas in den Beiträgen in "Humanismus des anderen Menschen", macht er sich an eine unzeitgemäße Betrachtung, "der das Wort 'Humanismus' noch keinen Schrecken oder keinen Schrecken mehr einjagt." Er möchte die Seinsphilosophie philosophisch überwinden, den "Ausweg aus dem Sein" finden. Dies habe die Philosophie bislang nur selten versucht und dann meist auch nur ein anderes Sein erfunden. Das Sein aber ist ein "Gefängnis, dem es zu entkommen gilt." Und deswegen "geht es darum, das Sein auf einem gänzlich neuen Weg zu verlassen."

Lévinas' Ethik ist nicht nur, weil sie eine Ethik ist, dem Anti-Humanismus der in ihr Gegenteil verkehrten Aufklärung entgegengesetzt, sondern auch von ihrer philosophischen Konstitution her. Lévinas stellt kein neues moralisches Gebot auf, welches er dem Anti-Humanismus entgegenhält. Immer wieder betont er, dass seine Ethik kein äußerliches Regelwerk sei. Sie ist kein "bloß aus Regeln bestehender Moralismus", sondern "das ursprüngliche Erwachen eines 'Ich'." Ethik wird tiefergelegt: sie macht das Ich aus. Lévinas kann hier eher als Transzendentalphilosoph denn als Ontologe gelesen werden: Ethik macht das Ich aus, sofern das Individuum sich zu ihr aufschwingt. Sie macht das Ich überhaupt erst zu einem Ich, sie ist "eine Erfahrung, die uns konstituiert." Man ist erst dann Ich, wenn man sich der Verantwortung für den Anderen nicht entziehen kann. Das Ich ist ein Individuum, das sich dem Sein entwunden hat.

So will er Ethik unumgänglich machen. Aber was ist mit einem Einzelnen, der - wie der faschistische - nicht Subjekt sein, der sich nicht dem Sein entwinden will? Dieser Entscheidung zur eigenen Unfreiheit und zu der anderer kann man nicht beikommen. Aber auch der faschistische Einzelne muss die Erfahrung des Anderen gemacht haben. Sie ist nicht nur an sich unumgänglich, sondern auch in der Art und Weise, wie sie geschieht. Lévinas beschreibt sie als ein "Sollen, das nicht um Zustimmung gebeten hat, das auf traumatische Weise in mich gekommen ist", als eine "Heimsuchung". Das Verhältnis zum Anderen, darauf weist Bernhard Waldenfels hin, ist asymmetrisch, keine Äquivalenz von 'Ich & Du'. Indem er sie als gewalttätig, gebietend und autoritativ charakterisiert, soll zum einen philosophisch die Beliebigkeit, die Möglichkeit der Wahl, liquidiert werden. Lévinas beschreibt sie immer wieder in paradoxen Konstellationen, als Unterwerfung, die keine Unterwerfung ist, weil sie Autonomie ermöglicht. Das Subjekt ist durch den Anderen determiniert - befindet sich aber nicht in Knechtschaft. Indem es der Determination 'gehorcht', findet es "seine Integrität wieder." Nur wenn es sich zum Anderen hin zu transzendieren vermag, erst dann hat es seine Identität erlangt; nicht wenn es bei sich bleibt. Das Verhältnis zum Anderen ist, so Bernhard Waldenfels, "ein Grenzverhalten, das sich auf Fremdes einläßt, ohne es dem Eigenen gleichzumachen oder es einem Allgemeinen zu unterwerfen." In ihm überschreitet man die Schwelle zum Anderen, "ohne die Grenze aufzuheben und hinter sich zu lassen." Die Drastik der Beschreibung dieses Verhältnisses zeigt aber auch - wie Josef Simon veranschaulicht - den Unterschied zu einer bloßen Sollensethik. In ihr sind die Anderen bewusstlos immer schon auf eine bestimmte Weise präformiert und werden dann philosophisch subsumierend aufgesammelt. Im Falle des Lévinas'schen "Antlitz" ist der Andere "nicht 'erst' da, sozusagen als 'etwas', das außerdem spricht." Zeichensein und Sprechen sind "kein Akzidens an einer 'im allgemeinen' stummen Substanz." Ist der Andere da, dann hat er auch immer schon gesprochen. Man kann nicht von einem "Anderen" sprechen, ohne damit auch immer zu meinen, dass dieser in einem Verhältnis zu mir steht. An dieser Stelle müsste man manche philosophische Gegnerschaft, besonders die zu Hegel, überdenken; vor allem. wenn man an Lévinas' Ausführungen über den Ursprung und die Rolle der Sprache in der Begegnung mit dem Anderen und über das durch den "Anruf des Anderen" sich konstituierende Denken hinzunimmt.

Von der Erfahrung und der Ethik des Anderen ist Lévinas' Gottes-Begriff nicht zu trennen. Gott und der Andere sind insofern strukturell ähnlich, als beide sich entziehen, als es beide nur als Spur gibt, als beide präsent sind nur in dem Vorgang, in dem sie sich entziehen. Der Andere ist aber nicht Gott. Dessen Göttlichkeit "ereignet sich im Bereich des Menschlichen." Menschlichkeit besteht darin, den Vorrang des Anderen anerkennen zu können, und in diesem Vorrang fällt Gott in das Denken ein. Die Verpflichtung durch den Anderen ist "Gottes erstes Wort". Darin besteht der Unterschied zum Gott der Scholastik und der Philosophen, die Gott wie einen Gegenstand behandelten, indem sie ihn beweisen wollten. Deswegen kann Lévinas sagen, dass "der Status seiner Transzendenz [...] nie dargelegt worden" ist. Wenn man Gott auf diese Weise verfügbar gemacht hat, dann ist "Gott" nur der Name für einen unbedingten Wert, den man unter "Mißbrauch der Sprache" gebildet hat. Gott aber existiert nicht durch das Wissen über Gott - er lebt, wo das Menschliche praktiziert wird. Weil "das Heilige [...] sich nur dort [offenbart], wo der Mensch den Menschen als Anderen anerkennt", deswegen ist "die ethische Ordnung [...] keine Vorbereitung, sondern der Zugang zur Gottheit selbst."

Dieser Gottes-Begriff richtet sich auch wieder gegen die Ontologie: diese ist Heidentum. Weil sie keine Transzendenz kennt, ist sie mythisch. Eine bemerkenswerte Umkehrung der üblichen Argumentation: nicht der Glaube, nicht die Ausrichtung auf Transzendenz, ist mythisch - sondern genau das, was sich, als Philosophie der Immanenz, als anti-mythisch versteht. Mit Gott unterwirft sich der Mensch nicht, sondern er erhebt sich. Was hingegen keine Transzendenz kennt, kann sich nur dem stummen Sein fügen. Mit dem Menschen geschieht ebensowohl "der Einbruch Gottes ins Sein" wie auch "der Ausbruch des Seins hin zu Gott." Die Offenbarung durchstößt die "geschlossene [...] Ordnung der Totalität."

Bis hierhin geht Wolfgang Nikolaus Krewanis Arbeit zu Lévinas' Philosophie mit. Krewani ist ein ausgewiesener Lévinas-Kenner. Er hat einige seiner Werke übersetzt und bereits mehrfach zu ihm gearbeitet. "Es ist nicht alles unerbittlich" ist eine um gut einhundert Seiten erweiterte Neufassung seines Buchs "Denker des Anderen" von 1992. Den Zugriff auf das Werk hat er weitgehend beibehalten. Nachdem er die geistesgeschichtliche Entwicklung und die geistige Lage der Gegenwart entfaltet, unterteilt er das Gesamtwerk in Frühwerk ("Vom Sein zum Seienden", "Die Zeit und der Andere"), Übergangsphase ("Totalität und Unendlichkeit") und Spätwerk ("Jenseits des Seins"). In jeder Phase soll Lévinas ein anderes Konzept von Transzendenz verfolgt haben. Auf die "erotische Transzendenz", in der der Andere als Geliebte erscheint, folgte die "ethico-erotische Transzendenz" und auf diese schließlich die "ethische Transzendenz", in der die Transzendenz nicht mehr in erotischer Liebe, sondern in Verantwortung gesucht wird. Krewani gibt einen guten Überblick und eine gute Einführung - allerdings nicht in dem Sinne, dass das gesamte Werk abgedeckt würde. Sein Buch ist auch mehr als eine Einführung, weil er Lévinas' Denken sehr detailliert und sachkundig nachzeichnet, wobei er sehr übersichtlich, kleinschrittig und systematisch verfährt. Es gelingt ihm meistens, Lévinas' schwierige Gedankengänge zugänglich zu machen, seine zentralen Begriffe zu erläutern und im Kontext sowie in ihrer Entwicklung darzustellen.

Ganz heraus aber fallen beispielsweise Lévinas' Talmud-Interpretationen. Krewani hat Recht, wenn er betont, dass "die Äußerungen Lévinas' über Gott [...] sich dem Ganzen seiner Philosophie nicht ohne weiteres integrieren lassen"; sie stehen aber auch nicht außen vor. Man findet in den Talmud-Interpretationen, die seit einigen Jahren im "Verlag Neue Kritik" erscheinen, wesentliche Züge von Lévinas' Philosophie wieder. Sie ist von der jüdischen Religion beeinflusst, aber nicht auf diesen Einfluss zu reduzieren. Schließlich bestimmen nicht nur "die Einflüsse eine Philosophie", wie Krewani richtig feststellt, "sondern eine Philosophie sucht sich ihre Einflüsse."

Lévinas befasste sich nicht nur wegen seiner kulturellen Prägung intensiv mit dem Talmud. Das Judentum ist die Religion, die seinen philosophischen Ansprüchen genügt und in der Lévinas sein Konzept von Philosophie verwirklicht sehen kann. Denn sie kennt kein Dogma; - Dogmen gehen zurück auf Offenbarung und nicht auf Beweise. Die religiöse Gesetzgebung gründet zwar in göttlicher Weisung - bedarf aber ebenso vernünftiger Erklärung. Und so ist die Thora "nichts anderes als Fragen und Diskussionen. Sie existiert nicht in Gestalt eines mystischen Wortes." Die Thora bedarf dieses In-Frage-Stellens und der Diskussion; hieraus besteht sie im Wesentlichen. Der Text des Talmuds enthält mehr, als er zunächst zu enthalten scheint. Seine Exegese dient nicht dem Empfang eines objektiven Sinns, sondern befreit "in den Zeichen eine verzauberte Bedeutung [...], die unter den Buchstaben gärt." Die Interpretation hat damit ein subjektiv-aktives Moment, der Text steht nicht für sich, sondern muss immer wieder angeeignet werden. Er bedarf der Menschen, weil er nur durch sie lebendig ist. Diese Betonung des subjektiven Moments bedeutet keine Beliebigkeit, die Pluralität müsse man aber begreifen "als einen unumgehbaren Umstand der Sinnstiftung des Sinnes." Der Pluralismus des rabbinischen Denkens ist sein "eigentliches Leben".

Die Talmud-Interpretationen stehen häufig in unmittelbarer Nähe zu Äußerungen zur Politik und zu Israel. Den Worten der Herausgeber von "Verletzlichkeit und Frieden", "daß es bei Emmanuel Lévinas ein noch nicht genug beachtetes, aber ernstzunehmendes Denken des Politischen gibt", ist zumindest insofern zuzustimmen, als Lévinas' politische Äußerungen bislang wenig beachtet wurden. Ernstnehmen kann man sie leider nicht immer, weil sie häufig belanglos sind. Unangenehm gar wird es, wenn Lévinas über die Shoah mit dem Vokabular der religiösen Sinngebung spricht, das man von ihm an dieser Stelle nicht erwartet hätte. Mit Sicherheit aber ist es überzogen zu meinen, dass "die Fragen und die Probleme des Politischen [...] Levinas' Philosophie in fast allen ihren Dimensionen" prägen, wie die Herausgeber formulieren. Eher werden die politischen Äußerungen von Lévinas' Philosophie geprägt.

Dies gilt leider auch im Negativen. Von dem Stil, den Lévinas immer noch zu sehr der Ontologie abgelauscht hat, wird man trügerischerweise auf die Spur gesetzt, hinter den Belanglosigkeiten bis Banalitäten eine 'tiefere' Bedeutung zu suchen. Leider ist gerade dies für viele anziehend; Schüler übernehmen es gerne. Zu der Unsitte, ein Werk nicht zu interpretieren und zu erklären, sondern es mittels einer Neukompilation nur nachzuerzählen, tritt die bereitwillige Einstimmung auf Lévinas' Sound (vgl. die Beiträge zu Lévinas in "Après vous").

Es findet sich aber auch Gutes. Lévinas korrigierte klassische antisemitische Ressentiments, wie den Vorwurf des 'auserwählten Volks' und des 'Rachegotts', und erkannte die neueste Erscheinungsform des Antisemitismus, den Antizionismus. Aber zu beiden hatte er nur wenig zu sagen. Auch seine Äußerungen zu Sartres "Überlegungen zur Judenfrage" sind belanglos, abgesehen davon, dass er zurecht darauf hinweist, dass der Jude nicht einfach nicht mehr ist als das Konstrukt des Antisemiten.

Er kann den Staat Israel, "sein übernatürliches, in Form des Alltagslebens gelebtes Abenteuer", auch gegen religiöse Einwände verteidigen. Lévinas legitimiert ihn aus der Schrift: hier finden sich keine Einwände gegen eine politische Ordnung, denn man wisse, dass unter einer politischen Ordnung das Gesetz des Absoluten nicht verschwindet. Gegen andere Feinde des Staates Israel wendet er ein, dass ein 'Judenstaat' gerade keine Theokratie wäre, weil ein solcher Staat nicht unter der Herrschaft von Priestern stünde, sondern unter dem Gebot der Ethik. Weil die religiöse Praxis so sehr auf die weltliche ausgerichtet ist, weil die weltliche Praxis religiöse ist, deswegen kann er "die laizistische Seite des Judentums" betonen, deswegen beharrt er darauf, dass "die soziologische Kategorie der Religion eigentlich gar nicht mit dem Phänomen des Judentums zu vereinbaren ist."

Lévinas' politische Äußerungen stehen in einem direkten Zusammenhang mit seinem jüdisch-religiösen und philosophischen Denken, wenn er die Geschichte, ihren "anonyme[n] Verlauf", als "eine Reihe sich fortsetzender Verbrechen" bezeichnet. Jude sein hingegen, das bedeutet nach Lévinas, "das Gesetz der Gerechtigkeit nicht dem unerbittlichen Lauf der Ereignisse [zu] unterwerfen, [sondern] sie notfalls als Widersinn oder als Irrsinn an[zu]prangern." Ein Jude, das ist für ihn "ein freies Wesen, das die Geschichte beurteilt, statt sich von ihr beurteilen zu lassen." Um dies zu können, dafür muss man "mit einem Fuß im Ewigen stehen."

Hier findet sich wieder eine erstaunliche Verknüpfung von Immanenz und Transzendenz. Eben weil es im Irdischen schon das Göttliche erkennt, deswegen kann das Judentum dem Diesseits stärker verhaftet sein als andere Religionen. Jude sein, das bedeutet gerade nicht, in ein Jenseits zu fliehen, sondern "das ethische Handeln zu wählen." Weil die Rituale des Judentums keine sakramentale Bedeutung haben, sondern "Methode und Disziplin für seine Ethik" sind; weil diese Religion nicht die Vorgaben für richtiges Handeln vorschreibt, sondern weil hier das richtige Handeln die Ausübung der Religion ist; weil die religiöse Praxis weltliche Praxis ist et vice versa; - deswegen ist das persönliche Seelenheil an die gesellschaftliche Vollendung gebunden. Deswegen muss der Mensch den Menschen retten und darf nicht auf das Eingreifen göttlicher Mächte warten.


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Emmanuel Lévinas: Anspruchsvolles Judentum. Talmudische Diskurse.
Übersetzt aus dem Französischen von Frank Miething.
Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M. 2005.
174 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-10: 380150378X

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Emmanuel Lévinas (Hg.): Ausweg aus dem Sein / De l'evasion. Französisch-deutsch. Mit den Anmerkungen von Jacques Rolland.
Herausgegeben und übersetzt von Alexander Chucholowski.
Felix Meiner Verlag, Hamburg 2005.
102 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-10: 3787317120

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Wolfgang Nikolaus Krewani: Es ist nicht alles unerbittlich. Grundzüge der Philosophie E. Lévinas'.
Verlag Karl Alber, Freiburg 2005.
371 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-10: 3495481885

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Emmanuel Lévinas: Humanismus des anderen Menschen.
Herausgegeben und übersetzt von Ludwig Wenzler.
Felix Meiner Verlag, Hamburg 2005.
152 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-10: 3787317139

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Frank Miething / Christoph von Wolzogen (Hg.): Après vous. Denkbuch für Emmanuel Levinas.
Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M. 2006.
262 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3801503836
ISBN-13: 9783801503833

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Emmanuel Lévinas: Die Unvorhersehbarkeiten der Geschichte.
Übersetzt aus dem Französischen von Alwin Letzkus.
Verlag Karl Alber, Freiburg 2006.
183 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-10: 349548163X
ISBN-13: 9783495481639

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Emmanuel Lévinas: Verletzlichkeit und Frieden. Schriften über die Politik und das Politische.
Diaphanes Verlag, Zürich 2007.
253 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783935300599

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