Menschliches Leben oder lebende Menschen - Claudia Breger, Irmela Krüger-Fürhoff und Tanja Nusser geben einen Sammelband zu Narrationen vom Menschen in Biomedizin, Kultur und Literatur heraus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Von Rolf Löchel

"Wie wird menschliches Leben definiert, wann beginnt und wann endet es, welche Rechten und Pflichten ergeben sich daraus?" Mit dieser Frage binden Claudia Breger, Irmela Krüger-Fürhoff und Tanja Nusser in der Einleitung des von ihnen herausgegebenen Sammelbandes "Engineering Life" einige der zentralen Probleme auf eine für die gegenwärtige bioethischen Diskussion typische Weise zusammen. Typisch darum, weil sie von der begrifflichen Unschärfe zeugt, mit der diese Diskussion weithin geführt wird, unterscheidet sie doch nicht zwischen menschlichem Leben, lebenden Menschen und dem Leben von Menschen. Denn offenbar zielt die zweite in dem Satz enthaltene Frage gar nicht darauf, wann menschliches Leben begann und wann es enden wird - sein Beginn wäre einigen Hunderttausend oder Millionen Jahren vor Beginn unserer Zeitrechnung zu verzeichnen, sein Ende wird, so hoffen wohl die meisten, noch mindestens ebenso lange auf sich warten lassen.

Gemeint ist von den Herausgeberinnen des Sammelbandes offenbar vielmehr die Frage, wann ein (individuelles) menschliches Leben beginnt und wann das Leben eines Menschen endet. Ebenso unscharf ist die Frage nach den Rechten und Pflichten. Denn sie lässt offen, ob Rechte und Pflichten des menschlichen Lebens - respektive lebender Menschen - oder gegenüber diesem - respektive diesen - gemeint sind, oder gar beides. Je nachdem worauf sie zielen, wären beide Fragen unterschiedlich zu beantworten. Dass menschliches Leben in Form von Gewebezüchtungen zur Hauttransplantation Pflichten oder Rechte hätte, ist beispielsweise nur schwer vorstellbar, menschliches Leben in Form lebender Menschen hat sie hingegen sehr wohl. Genauer gesagt sind es die Menschen, die Rechte und Pflichten haben. Die undifferenzierte Rede vom menschlichem Leben öffnet hingegen den konservativen und misogynen Diskursen der 'Lebensschützer' Einfallstür und -tor.

Doch leiden nicht alle Beiträge des vorliegenden Bandes an der begrifflichen Verwaschenheit der Fragen mit denen die Herausgeberinnen ihre Einleitung eröffnen. In "exemplarischen Einzelanalysen" gehen die den Disziplinen der Biologie, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, der Technikanthropologie, Philosophie, Soziologie, Literaturwissenschaft und der Kulturwissenschaft entstammenden AutorInnen dem titelstiftenden "engineering life in Biologie und Kultur" nach. Die Beiträge ersten Teils analysieren "einzelne Begriffe und Diskurse", um "größere historische Linien" zu entwickeln, die das Themenfeld aus verschiedenen Perspektiven "konturieren". Mariacarla Gadebusch Bondio beleuchtet die "historische[n] Verbindungen zwischen Medizin und Mechanik", Ulrike Vedder geht "wissenschaftlichen und literarischen Fiktionen an der Grenze des Todes" nach, und Johannes Türk nimmt die "Genese und Topologie des modernen Menschen" in den Blick.

Die AutorInnen des zweiten Teils fokussieren hingegen "auf einzelne Facetten dieser Diskurse" in Wissenschaft, Literatur und Film. Tanja Nusser widmet sich "Züchtungsphantasien und Zellkulturen" in Konrad Loeles 1920 erschienenem Roman "Züllinger und seine Zucht". Christina Brandt vertritt die nicht eben bahnbrechende These, dass sich Science-Fiction-Literatur besonders gut dazu eigne, bioethische Fragen zu verhandeln, und illustriert dies vor allem an Kate Wilhelms Roman "Hier sangen früher Vögel" (1978, amerikanisches Original 1976). Jörn Ahrens wendet sich mit "Species" (1995) einem Science-Fiction-Film zu, den er als "eindeutig konservativ" charakterisiert und dessen Protagonistin Sil, eine Mensch-Alien-Hybride, er nicht wirklich überzeugend als Cyborg interpretiert.


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Claudia Breger / Irmela Marei Krüger-Fürhoff / Tanja Nusser (Hg.): Engineering Life. Narrationen vom Menschen in Biomedizin, Kultur und Literatur.
Kulturverlag Kadmos, Berlin 2008.
221 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-13: 9783865990440

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