Spiderman versus Superman

Superhelden zwischen Comic und Film in der "edition text + kritik"

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sollten sich etwa tatsächlich nur Jungs für die Abenteuer der zahlreichen Superhelden in Comic und Film interessieren? Das kann man sich kaum vorstellen, zumal die Helden ja zu einem nicht geringen Teil weiblichen Geschlechts und somit Heldinnen sind. Man denke nur an Wonderwoman, Supergirl, Roque, Mystique, Electra oder Jean Grey. Doch ein Blick ins Inhaltsverzeichnis des von Andreas Friedrich und Andreas Rauscher herausgegebenen Bandes "Superhelden zwischen Comic und Film" reicht aus, um die Überzeugung zu erschüttern, auch Mädchen und Frauen könnten sich für die Superheldengeschichten beider Geschlechter interessieren. Denn sofort sticht ein gender gap ins Auge: Neun Autoren stehen null Autorinnen gegenüber. Dieses gender gap - und das überrascht angesichts der rein männlichen Autorschaft nun schon weniger - setzt sich im Inhalt der Beiträge fort, in denen es ganz überwiegend um Superhelden, also um Männer geht. Nur auf dem Titelblatt prangt das Foto einer Superheldin: Storm, verkörpert durch Halle Berry. Gedacht ist dieses Titelbild ganz offenbar als attraktiver Blickfang und Kaufanreiz für das unterstellte männliche Lesepublikum.

Nicht zu Unrecht erklären die Herausgeber Andreas Friedrich und Andreas Rauscher "Superhelden-Comics" zu einer "ureigene[n] amerikanische[n] Erfindung". Doch der vorliegende Band bietet nicht nur einen "Überblick über wichtige Hollywood-Adaptionen von Superhelden-Comics", sondern wirft "auch einen Blick auf Verfilmungen und gängige Heldenkonzepte aus Hongkong und Japan".

Ivo Ritzer, der sich unter dem Titel "Wicked City" den "Superhelden im transnationalen Hongkong-Kino" widmet, und Sascha Koebner, dessen Interesse der "Heroenvielfalt im japanischen Manga und Anime" gilt, decken den asiatischen Part des Genres ab. Der Regisseur M. Night Shyamalan ist zwar indischer Abstammung, sein "Meta-Comic"-Film "Unbreakable" jedoch eine amerikanische Produktion, womit Bernd Zywietz mit seiner Interpretation des Werkes das Genre einerseits transzendiert, zugleich aber auch eine Brücke zwischen seiner asiatischen und seiner amerikanischen Ausprägung schlägt.

Letztere wird insbesondere durch zwei Traditionslinien geprägt, deren eine mit dem Verlagshaus DC und seinen Helden Superman und Batman verbunden ist, während die andere aus dem Hause Marvel stammt, zu deren berühmtesten Schöpfungen Spiderman und die X-Men (die natürlich zu einem nicht geringen Teil X-Women sind) zählen. Michael Grutesers Beitrag "Magic Marvel Moments" zeichnet die Unterschiede und Entwicklungsverläufe beider Verlagshäuser und ihrer HeldInnen nach. Während die Comics von DC "die fantastischen Abenteuer durch die Meidung des Alltäglichen glaubhaft mach[en]", bindet Marvel seine SuperheldInnen in "glaubwürdige urbane Milieus" ein. Wodurch diese einen "Mehrwert" gewinnen, den der Autor mit dem titelstiftenden Topos seines Beitrags zu fassen sucht. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich einige der Unterschiede zwischen beiden Konzeptionen allerdings verschliffen. Die Probleme von DCs Mitgliedern der "Liga der Gerechten" und auch deren Handlungswelt unterscheiden sich nicht mehr allzu grundsätzlich von denjenigen der Marvel'schen "X-Men".

Ähnlich wie Gruteser zeichnet Andreas Friedrich in seinem Beitrag über "Superman, Batman und ihre filmischen Metamorphosen" die konzeptionellen Entwicklungen der Figuren eher nach, als dass er sie analysiert. Gerade dann aber wird es interessant. So etwa, wenn er auf die Gemeinsamkeiten zwischen Batman und seinem Kontrahenten Joker aufmerksam macht. Doch auch seine Ausführungen über die Entwicklungen der Comic-Geschichten im Spiegel der amerikanischen Gesellschaft sind erhellend. 1954 stellte der homophobe Psychologe Fredric Wertham die an sich ja nicht abwegige These auf, Batman und Robin würden "like a wish dream of two homosexuals living together" dargestellt. Die seinerzeitige Reaktion der amerikanischen Öffentlichkeit glich Friedrich zufolge einem "Erdbeben". Die Comic-Macher reagierten flugs: "Als potentielles Love Interest für Batman wurde eine Batwoman, für Robin ein Batgirl eingeführt." Erst zehn Jahre später konnte die Bat-Familie wieder abgeschafft werden.

Auch Andreas Rauscher greift Werthams These auf. Doch versucht er sie schon auf den ersten Seiten lächerlich zu machen, womit er sogleich gegen seinen Text einnimmt. Denn so lächerlich - und zudem gefährlich - Werthams Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit auch ist, seine These vom - wie man heute sagen würde - homosexuellen Subtext des Verhältnisses von Batman und Robin ist es keineswegs. Dieser unglückliche Einstieg in Rauschers Beitrag über das "Marvel-Universum im Film" ist umso bedauerlicher, als sich sein Text ansonsten durchaus als kenntnisreich, informativ und instruktiv erweist. In der "neue Welle" der Marvel-Filme von Regisseuren wie Sam Raimi, Bryan Singer, Mark Steven Johnson, Ang Lee und Tim Story hat sich Rauscher zufolge während der letzten Jahre "innerhalb des Mainstreams eine überfällige Alternative zur sterilen Tradition der Qualität" entwickelt, "die in den letzten 20 Jahren weitgehend den Bereich der entweder nostalgisch klassizistischen oder lustlos infantilen Comic-Verfilmungen dominierte". Brian Singer komme das "Verdienst" zu, "eine ernsthafte Form der Comic-Verfilmung etabliert zu haben", ohne auf "ironische Elemente" zu verzichten. Rauscher widmet sich vornehmlich den "X-Men"- und "Spiderman"-Trilogien, dem Film "Daredevil" sowie weniger ausführlich den Filmen "Hulk" und "Die Fantastischen Vier", wobei er auf letzteren zu Recht den kritischsten Blick wirft. Ebenso zu Recht werden vor allem die "X-Men" positiv hervorgehoben, die - wie man hinzufügen könnte - ebenso wie "Catwoman" oder "Electra" "die simplen Demarkationslinien traditioneller Superhelden-Geschichten auf[lösen]", und in deren Zentrum nicht der "theatralische Kampf zwischen Gut und Böse" steht, sondern "gesellschaftskritische Aspekte". So verstünden es "die von Alltagsproblemen geplagten und gegen Vorurteile aller Art ankämpfenden Charaktere", "den sense of wonder mit einem kritischen Bewusstsein zu verbinden".

Doch fasst Rauscher nicht nur die Inhalte der Filme und Comics ins Auge, sondern auch ästhetische Aspekte. Die Aussage des Spiderman-Erfinders Stan Lee, "dass die Zeichner und Autoren bei Marvel als 'visual storyteller' schon immer besonders filmisch dachten", sei "richtungsweisend für den dynamischen Austausch zwischen den beiden Medien".


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Andreas Friedrich / Andreas Rauscher (Hg.): Superhelden zwischen Comic und Film.
edition text & kritik, München 2008.
125 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783883778624

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