Das Blut und seine Sauger

Claudio Biedermann und Christian Stiegler lassen AutorInnen verschiedener Disziplinen die Spur von "Horror und Ästhetik" aufnehmen

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In der nicht nur unter jungen Feministinnen beliebten Fernsehserie "Buffy - The Vampire Slayer" wird eine Zigeunerin von einem Untoten angefallen und getötet. Ihre Familie rächt sich, indem sie den Vampir verflucht. In Hans Richard Brittnachers kleiner Untersuchung "[z]ur Diabolisierung von Außenseitern in der phantastischen Literatur" wird der Vorfall allerdings nicht erwähnt, und dies obwohl sie unter dem Titel "Die Rache der Zigeuner" steht. Das liegt natürlich zunächst einmal daran, dass es sich bei "Buffy" nicht um ein literarisches Werk handelt, sondern um eine Fernsehserie. Doch auch inhaltlich hätte der Vorfall Brittnacher kaum als Beispiel dienen können. Denn anders als in manch anderem Werk der Phantastik werden ZigeunerInnen hier keineswegs diabolisiert. Dies zeigt sich schon in der Art des Fluches. Sie geben dem Vampir seine Seele zurück.

Brittnacher hat seinen Aufsatz in dem von Claudio Biedermann und Christian Stiegler herausgegebenen interdisziplinären Sammelband "Horror und Ästhetik" veröffentlicht. Er zählt zu den weniger überzeugenden Beiträgen des Bandes. Wenn Brittnacher den "Apologeten der Phantastik" etwa vorwirft, sie übersähen, dass deren - wie der Autor insinuiert: vermeintlich - "subversive Kraft" sich "mit wahrhaft eliminatorischem Furor" ausschließlich gegen verschiedene durch ihre "Abweichung von Normalität und Rationalität" geeinte Außenseiter wie "Vampire und Werwölfe, Monster, Teufelspaktierer und Hexen" richte, "die im Dienst der Normkonsolidierung kollektiv gehetzt und zur Strecke gebracht werden", so ist er selbst es, der etwas übersieht. Dass dieser Vorwurf nämlich schon lange nicht mehr zutrifft. Die Gegenbeispiele sind zu zahlreich und zu bekannt, als dass sie hier genannt werden müssten. Ebenso wenig kann man der "amerikanischen Populärkultur" insgesamt eine "krude Biologie" vorwerfen. Ganz abgesehen davon, dass nicht ganz klar ist, was der Vorwurf überhaupt besagen soll, wenn man nicht unterstellt, das ein kruder Biologismus gemeint ist, drückt sich in ihm wohl eher ein kruder Antiamerikanismus aus.

Andere AutorInnen des Bandes, der der "Rezeption von 'Horror'" als "strukturelle[m], ästhetische[m] Grundprinzip" und "aktive[r] ästhetische[r] Wahrnehmung" nachgeht, warten hingegen mit erhellenden Erkenntnissen und Interpretationen auf. Mit an erster Stelle zu nennen ist hier Julia Köhne, deren Beitrag sich auf den Film "Carrie" (1976) von Brian de Palma konzentriert. Genauer gesagt auf zwei Szenen des Films. Die eine zeigt die Titelfigur unter der Dusche, wo sie unerwartet ihre erste Menstruation hat, und die andere spielt auf dem Highschool-Ball, auf dem sie als vermeintliche Jahrgangs-Queen mit Schweineblut übergossen wird und anschließend mithilfe ihrer telekinetischen Kräfte - mit Ausnahme einer Freundin - alle Anwesenden tötet und das Gebäude niederbrennt. Anhand dieser beiden Szenen geht Köhne unter dem Titel "Let it bleed" dem im Film hergestellten "Konnex von Blut und Trauma" auf den Grund. Hierzu prägt sie den Neologismus "Blutfigur", mit dem sie Figuren bezeichnet, "die mit irgendeiner Art von körperlichem Blutfluss in Verbindung stehen" oder "Blut an sich tragen." Eine ihrer zentralen Thesen besagt, Filmblut beginne "immer dann zu fließen, wenn das Trauma aufscheint oder 'zugreift'." Denn es fungiere "als eine Art doppelter Marker [...], der einerseits den Blutszenen und -auftritten ihre je spezifische dramaturgischen Prägung gibt und andererseits das (Wieder-)Aufscheinen einer traumatischen Spur kennzeichnet."

Köhne trägt nicht nur diese These plausibel vor, sondern liest den Film unter Bezugnahme auf die PsychoanalytikerInnen Maria Torok und Nicolas Abraham auf überzeugende Weise als "Visualisierung der transgenerationellen Weitergabe von Traumata weiblicher Figuren."

All das ist durchdacht, originell und nachvollziehbar. Nur in einer kleinen Nebenbemerkung zeigt Köhne Schwächen: "Nach einer Aussage (Stephen) Kings [der die Buchvorlage für den Film lieferte, R.L.] befasst sich 'Carrie' mit der Wirkung der Frauenbewegung auf den männlichen Part von Gesellschaft und wäre damit durchaus als feministische Intervention einzustufen." Köhnes Schluss ist nicht zwingend. Auch wenn Kings Behauptung zutrifft - und davon ist auszugehen - ist eine maskulinistische Botschaft des Films denkbar, die vor der vernichtenden Macht von Weiblichkeit warnt. Allerdings ist die titelstiftende Protagonistin zumindest im Film für diese maskulinistische Lesart allzu deutlich als Identifikationsfigur angelegt.

Ebenfalls mit dem Medium Film befasst sich der Mitherausgeber Christian Stiegler. Ganz im Gegensatz zu Köhnes Beitrag erweist sich sein von umständlicher Ausdrucksweise und wirrer Argumentation durchdrungener Aufsatz allerdings schnell als ziemlich unlesbare Kost.

Nicht dem Film, sondern der Literatur gilt Roland Innerhofers Beitrag, der sich mit den "Horrorszenarien" in Elfriede Jelineks Roman "Die Kinder der Toten" befasst, den er luzide zu interpretieren versteht. Ebenfalls klug ist Michael Rohrwassers Text über Doktor Mabuse, den "(Schau-)Spieler". So bezweifelt er etwa mit guten Gründen die von Fritz Lang nach dem Zweiten Weltkrieg in Umlauf gebrachte Behauptung, dessen 1932 fertiggestellter Film "Das Testament des Dr. Mabuse" sei "der erste Anti-Nazi-Film" gewesen und "das erste Opfer der NS-Zensur geworden, weil Goebbels in dem Film-Helden Hitler wiedererkannt habe". Dem steht Rohrwasser zufolge entgegen, dass Thea von Harbou, Ehegattin von Lang und Mitarbeiterin am Drehbuch, zu diesen Zeitpunkt bereits Mitglied der NSDAP war. Auch dürfte die Titelfigur des Films "im Blick der Nazis" nicht etwa Hitler entsprochen haben, vielmehr habe sie den Gewaltherrschern und ihren Anhängern als "Inkarnation der jüdischen Gefahr" erscheinen müssen, sei die Figur doch "ein Verbrecher und Verderber der Gesellschaft, der sich hinterhältiger Machenschaften und zauberischer Techniken bedient, und d[ie] zudem konnotiert war mit der Psychoanalyse, die als jüdisches System galt." Darüber hinaus macht Innerhofer ganz nebenbei auf eine deutliche, jedoch weithin übersehene Bezugnahme in Thomas Manns Novelle "Mario und der Zauberer" auf Norbert Jacques Roman "Dr. Mabuse, der Spieler" aufmerksam.

Ein Gemeinschaftsprodukt von gleich drei Autoren ist ein Beitrag, der unter dem Titel "Diagnose: Vampirismus" firmiert. Mario M. Dorostkar, Niku Dorostkar und Alexander Preisinger zeigen auf interessante Weise, dass und wie sich "viele Eigenschaften" der phantastischen Figur des Vampirs im medizinischen Diskurs auf verschiedenste Krankheiten zurückführen lassen. Dabei gilt ihr eigentliches Interesse der "historisch belegbaren Vermengung von medizinischem Diskurs und Vampirismus [...] in Literatur und Film der Gegenwart."

Ist die Qualität der fünfzehn Beiträge auch ausgesprochen heterogen, so überwiegen doch die lesenswerten Texte, die den Band insgesamt empfehlenswert machen.


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Christian Stiegler / Claudio Biedermann (Hg.): Horror und Ästhetik.
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2008.
270 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783867640664

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