Der „dankbare Leser“ und sein Erfolgsautor

Neues von und über Karl May

Von Jochen StrobelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Strobel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Alter von zwölf Jahren nimmt der aus einer armen sächsischen Weberfamilie stammende Karl May 1854 an der Vorbereitung eines aus 90 Einwohnern seiner Heimatstadt Hohenstein-Ernstthal bestehenden Auswandererzuges teil. Wie viele Deutsche wollen Mays Landsleute nach Amerika und bereiten sich mit einem Sprachkurs vor, den sich auch der Zwölfjährige nicht entgehen lässt. Zur Finanzierung ist er als Kegeljunge in einer Schankwirtschaft tätig, bekommt dafür etwas Kleingeld und gelegentlich ein Bier. Dabei macht er in besagtem Gasthaus die Bekanntschaft mit einer weit über 1.000 Bände zählenden Leihbibliothek, die die gängigen Unterhaltungsromane der Zeit enthält, so Alexandre Dumas’ „Der Graf von Monte Christo“, Eugène Sues „Die Geheimnisse von Paris“ und Christian August Vulpius’ goethezeitlichen Klassiker „Rinaldo Rinaldini“. Wie er in seiner Autobiographie selbst erzählt, verschlingt May diese „äußerst gefährliche Büchersammlung“. So ist ihm bald nicht mehr zu helfen: Zeitlebens ist er dem Genre der Abenteuerliteratur verfallen. Es ist ihm sogar beschieden, ihr erfolgreichster deutschsprachiger Exponent zu werden.

Dieses Ereignis bezeichnet die vielleicht wichtigste Weichenstellung in Karl Mays jungem Leben und zugleich sein bedeutendstes Bildungserlebnis. Denn ohne die Amerika-Sehnsucht jener Deutschen, die im Land geblieben sind, wäre die Popularität von Mays Wildwest-Romanen nicht zu denken. Dabei entstehen diese Romane stets aus den Fantasien des in der Heimat verbliebenen Autors heraus, nicht aus seinen realen Erlebnissen. Diese beschränken sich fast lebenslang auf das, was er schon als Zwölfjähriger macht: Sprachenlernen und Lektüre. Indem er also lange vor Beginn seiner schriftstellerischen Karriere die anderen ziehen lässt und ihnen die wirkliche Welt überlässt, trifft er eine Entscheidung fürs Leben, lange vor der bewussten Entscheidung, Schriftsteller zu werden.

May erhält nach absolvierter Volksschule die Chance, sich in einem Seminar selbst für den Volksschullehrerberuf zu qualifizieren, doch fehlen ihm die höhere Bildung und auch der bürgerliche Habitus, die im literarischen Feld des 19. Jahrhunderts unabdingbar sind. Nun bedient der spätere Autor May die Parallelwelt der Unterhaltungsliteratur – von Ungebildeten für Ungebildete –, zugleich ist für den Rest seines Lebens der unbedingte Wille zur Verbürgerlichung erkennbar. Was ihm an Herkunft und Bildungsvoraussetzungen fehlt, muss ersetzt werden durch Ruhm, (falsche) Titel, eine Dichtervilla und eine größtenteils frei erfundene Biografie. In einer der katholischen Familienzeitschriften, die in den 1880er-Jahren Mays Dichterruhm begründeten, findet sich folgende Kurzvita: „Dr. Karl May ist seines Zeichens Schriftsteller und Redakteur in Dresden-Blasewitz. Er wurde geboren im Jahre 1842 zu Hohenstein, studirte Philologie und erwarb sich den philosoph. Doktortitel. Er ist ein großer Kenner der orientalischen Sprachen und lieferte Uebersetzungen aus dem Arabischen, Türkischen, Persischen u. s. w. Diese Sprachkenntnisse, welche er sich auf großen Reisen erworben hatte, verbunden mit einer lebhaften Phantasie, ermöglichten es ihm, die beliebten Reise-Erlebnisse und Abenteuer aller Herren Länder, besonders aber in Afrika und Amerika zu schreiben, welche ihm einen großen dankbaren Leserkreis verschafften.“

Fast nichts davon stimmt, nur dreierlei: Wohnort, Geburtsjahr sowie die „lebhafte Phantasie“. Wie weit dieses Leben von der Höhenkammliteratur der Zeit entfernt ist, lässt sich nun in der fünfbändigen Karl-May-Chronik nachlesen, wenn man etwa die im Personenregister gelisteten „Goethe“-Belege nachliest. Gewiss begibt sich der arrivierte Schriftsteller und Radebeuler Villenbesitzer May mit seiner Gattin immer wieder zu Aufführungen von Goethes Dramen in das Dresdner Residenztheater. Die anderen Belegstellen überraschen, doch geht es dort nie darum, dass May selbst Goethe gelesen hätte. 1897 etwa schreibt ihm eine Leserin eine „hohe Stirn, die an Goethe erinnert“ zu. 1899 beschwört man im Hause May in spiritistischen Sitzungen die Geister Goethes und Schillers – letzterer diktiert dem Neu-Lyriker angeblich einige „Himmelsgedanken“ in die Feder. Die große Orientreise vergleicht May in seinem Reisetagebuch mehrfach mit Goethes Italienischer Reise und bedauert dabei, anders als der Weimarer, keinen ausgebildeten Sinn für das Schöne zu haben, sieht aber auch Parallelen, etwa wenn es ihm im Alter plötzlich gelingt, italienische Renaissance-Architektur höher zu schätzen als die deutsche Gotik. 1907 zitiert May in einem Brief an seinen Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld ein dickes Lob der „Augsburger Postzeitung“, die ihm „Göthische Kühnheit“ bescheinigt hatte – und ganz ungoethisch fühlt er sich dadurch in seiner Absicht bestärkt, „den diesjährigen Weihnachtsbüchermarkt [zu] erobern“. Ein durchaus marktorientierter Autor eben.

Noch einmal fällt der Name Goethe in Karl Mays letztem, 1912 in Wien gehaltenen Vortrag, in dem er Goethe und Schiller als „Edelmenschen“ charakterisiert, also jenem Geistesadel zuordnet, auf den der selbst immer wieder bekundete Läuterungsprozess, das eigene „Leben und Streben“ (so der Titel der Autobiografie), bereits abgezielt habe. So nobilitiert sich der Pazifist und Proletarier May auch selbst.

Karl May schrieb für ein großes Publikum über die Abenteuer eines Ich-Erzählers in fernen Ländern. Dabei hat er in seinen Texten wie auch im Leben lange Zeit suggeriert, das „Ich“ sei mit seiner Person identisch. Schon während seiner jugendlichen Karriere als Kleinkrimineller war ihm eine Neigung zur Hochstapelei zu attestieren – als Autor setzte er sie, öffentlich legitimiert, fort, nun mit anderen Mitteln und ab 1870, wie jeder deutsche Schriftsteller, durch das Urheberrecht geschützt.

Im Alter, gebeutelt durch Anfeindungen, in denen ihm sein kriminelles Vorleben wie seine moralisch vermeintlich zweifelhaften Jugendwerke vorgeworfen werden, stellt er sich als Geläuterter dar. In Wahrheit begann er mit der Wandlung zum „anspruchsvollen“ Autor seine eigentlichen Stärken zu verleugnen: spannungsreiches Erzählen, die Zeichnung plastischer, eingängiger, aber auch simpler Charaktere mit oft je ureigenem Sprachstil, eine von christlichem Kinderglauben dominierte Welt, in der Gut und Böse leicht zu unterscheiden sind und in der das Gute am Ende siegen darf. Vor allem zweier exotischer Sehnsuchtsräume der Deutschen bemächtigte sich der Erzähler May erfolgreich: der USA und des Orients.

Dabei entsprechen dem Kampfgeist seiner Helden und deren Fähigkeit Spuren zu lesen die Disziplin, das Durchsetzungsvermögen und die Geschäftstüchtigkeit, ja der ökonomische Spürsinn des Autors selbst. Dazu gehört auch, wie sich noch zeigen wird, die Fähigkeit, innovative Techniken der Selbstpräsentation und der Leserlenkung auszuprägen.

Modern ist an May, dass er sich selbst immer wieder neu erfinden musste – notgedrungen. Der im Gefängnis gefasste Entschluss, Schriftsteller zu werden, war wohl ein Selbstrettungsversuch, der darauf abzielte, so etwas wie bürgerliche Sicherheit mit dem exzessiven Ausleben der kaum kontrollierbaren Fantasietätigkeit zu verbinden. Nach ersten Publikationen von Gedichten und Humoresken in regionalen Medien war die Begegnung mit dem Dresdner Kolportageverleger Heinrich Münchmeyer für viele Jahre lebensentscheidend für ihn – schließlich aber auch verhängnisvoll. May erlernte die literarische Fließbandproduktion, die in der Unterhaltungsindustrie mindestens seit der Schreibfabrik eines Alexandre Dumas nichts Ungewöhnliches mehr war. Nach diesem Identitätswechsel vom mehrfach vorbestraften Verbrecher zum Lohnschreiber und Zeitschriftenredakteur erfolgte der nächste, als May zunehmend erfolgreich für katholische Familienzeitschriften zu schreiben begann und nun gleichsam zur moralischen Autorität wurde. Neu war, dass sein Prestige ihm nun mindestens genauso wichtig war wie sein Einkommen. Schnell fand er den Weg aus der Anonymität zu einem bei seinen vielen Lesern beliebten Schriftsteller. Von nun an identifizierten diese die abenteuernden Ich-Erzähler aus den Fortsetzungsromanen mit dem Autor selbst, der sein Schreiben unter das Banner des Christentums stellte und, selbst gebürtiger Protestant, im ‚Kulturkampf‘ der Gründerzeit nolens volens die ultramontane Gegenposition bezog. Zu seinen bevorzugten Publikationsmedien zählten nun Bonifatius- und Marienkalender.

In einem unübersichtlich gewordenen Literaturbetrieb war dieser Wechsel zweifellos mit einem sozialen Aufstieg verbunden, war doch das konfessionell geprägte Schrifttum im späteren 19. Jahrhundert ein nicht geringer ökonomischer und auch soziokultureller Faktor. May machte sich also einen Namen; aus der billigen Dresdner Stadtwohnung konnte er 1888 erstmals in eine Villa im noblen und landschaftlich reizvoll gelegenen Radebeul umziehen. Unumstritten war er auf dem Markt der katholischen Unterhaltungsliteratur jedoch auch damals nicht. Der renommierte „Hochland“-Herausgeber Carl Muth etwa hielt Mays Texten die literarische Qualität eines Charles Sealsfield oder eines Bret Harte entgegen und monierte, das Religiöse beschränke sich bei May auf „eingeflochtene“ „Phrasen“.

Seine Autor-Imagines ersetzte May weiterhin schubweise: Den Durchbruch zum endgültig vielgelesenen Schriftsteller hatte er einem Anfang der 1890er-Jahre geschlossenen Vertrag mit dem Freiburger Verleger Fehsenfeld zu verdanken, der statt der vergänglichen Zeitschriftenpublikationen Buchausgaben und sogleich eine fortlaufend erscheinende Werkausgabe vorsah. Das Feuilleton ignorierte May nach wie vor, doch die zu Lebzeiten auf gut 30 Bände anwachsende Ausgabe, deren gediegene Ausstattung der Karl-May-Verlag bis heute beibehalten hat, machte aus May eine feste Größe. Seine Bücher standen im Regal zumindest optisch den Klassikerausgaben in nichts nach. Ganz und gar nicht ‚klassisch’ waren Mays Strategien der Selbstvermarktung, wenn es um Kontakt zu seinen Lesern ging: Er erhielt und beantwortete Fanpost, versandte Autogrammkarten, ließ zahlreiche Fotos von sich anfertigen, die ihn inmitten seiner zusammengekauften Jagd- und anderer Trophäen zeigten, verkleidet wahlweise als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi. Allein 100 solcher Kostümfotos gab er bei einem Linzer Fotografen in Auftrag. Die Flucht aus einer seit der Kindheit belasteten Identität gelang offenbar im obsessiv betriebenen Schreibakt – die Rede ist von bis zu 3.000 Druckseiten im Jahr – und komplementär in Gestalt besagter Verkleidungen und Verstellungen im Alltag.

Für die damalige Zeit recht innovativ dürften seine Tourneen gewesen sein, auf denen er sich dem ihm huldigenden Publikum darbot, aus Werken las und mit seinen Lesern ins Gespräch kam. Als sich in Weimar die ehrwürdige „Goethe-Gesellschaft“ gründete, schossen zugleich vielerorts Karl-May-Clubs aus dem Boden. Ganz ungewöhnlich war sein Wunsch an die Leser, ihm Porträtfotos von sich zu senden, die er in einem (mittlerweile veröffentlichten) Leseralbum sammelte. Waren das Autografenalbum, das Schriftstellerfoto schon im mittleren 19. Jahrhundert fast alltägliche Medien eines beginnenden voyeuristischen Starkults, so drehte May den Spieß um und übte auf diese Weise ‚Kontrolle‘ über die Physiognomien seiner Leser aus.

Große Teile des Werks sind als Schlüsselliteratur angelegt, ohne es wirklich zu sein. Erst das sogenannte symbolische Spätwerk scheint nun tatsächlich die erlittenen Demütigungen und den erzwungenen Läuterungsprozess des Autors darzustellen und zu mythisieren. Das Leben als topografisch nachvollziehbaren Reinigungsweg von den fast ‚tierischen‘ Niederungen der Bewohner Ardistans zum metaphysischen Dschinnistan nachzuzeichnen ist jedoch nicht ‚symbolisch‘ im goethischen Sinn, nämlich dergestalt, dass eine Idee im Bild „unendlich wirksam und unereichbar“, ja „unaussprechlich“ bleibt, sondern allegorisch wie schon die christliche Literatur des Mittelalters, die zu abstrakter Wahrheit konkrete, exemplarisch scheinende ‚Bilder‘, Handlungselemente erfand, die eindeutig zu decodieren waren. Und an seinen literarisch zu vermittelnden Wahrheiten kannte May keinen Zweifel. Als Allegoriker ist er von den Schreibverfahren der Moderne und der Gegenmoderne nicht so weit entfernt, wäre da nicht dieser Zwang zur Eindeutigkeit und Sinnhaftigkeit. Könnte man sich auf das Typenhafte seiner Figuren, die Notwendigkeiten ihrer Wandlungen etwa beschränken, so könnte an Vergleiche zur Literatur aus der Zeit vor dem Expressionismus gedacht werden – wären da nicht die naive Sprache, das traditionell-„realistische“, ausufernde Erzählen und die geduldigen, teils auf schlichte komische Effekte zielenden Dialoge bei May, die seinen Büchern einen ‚trivialen‘ Charakter geben.

Um 1900 platzte Mays Operettenidentität wie eine Seifenblase: Nach und nach zerrten Neider und moralisch motivierte Gegner allerhand Nachteiliges über den Autor hervor, von den angeblich sittenwidrigen Jugendromanen, der kriminellen Vergangenheit bis hin zum falschen Katholizismus – und den erfundenen Weltreisen. May durfte nun nicht mehr Old Shatterhand sein, sondern nur noch ein sächsischer Lügenbold ohne ästhetisches Gespür. Schwer wog, dass er, der Moralist und Besserer, nun selbst als Lügner dastand, statt Vorbild zu sein. Im Kosmos einer auf moralische Besserung fixierten Zweckliteratur waren nun gleichermaßen Autor und Werk diskreditiert, während man aus der Sicht des Ästhetizismus der Jahrhundertwende (dem May ganz gewiss nicht angehören wollte) dieses fantasmatische Lebenskunstwerk, die geschickte Fiktionalisierung von Leben und Werk durchaus hätte bewundern müssen.

Am Rande zahlreicher Prozesse, von denen sein letztes Lebensjahrzehnt überschattet war, erfand May sich abermals neu, mutierte zum literarischen Pazifisten und überhöhte seine Erzähltexte durch das besagte symbolisch-allegorische Gedankengebäude, das auf eine christlich verbrämte Läuterung und Höherentwicklung des einzelnen zum „Edelmenschen“ abzielte. Sich selbst und seinen treu gebliebenen Lesern verschrieb er damit die Teilhabe an einer Elitenkultur, die inmitten der weltanschaulich diffuser und vielgestaltiger werdenden Szenarien der Jahrhundertwende nicht ganz ungewöhnlich war. Immerhin verzichtete er, dem die Aussöhnung der „Rassen“ am Herzen lag, auf die üblich gewordenen kolonialen und xenophoben Konfrontationen (wenngleich etwa in „Ardistan und Dschinnistan“ Abstufungen vorgenommen werden zwischen den ‚guten‘ Indianern und Orientalen einerseits und den offenbar weniger wertvollen „Yankees“ sowie der „gelben Rasse“ andererseits). Seriös zu werden, doch noch Klassiker zu werden – das hieß für Karl May, in seinen letzten Produktionen die Konzentration auf eine spannende Handlung zurückzunehmen und plötzlich gedankenvoll zu philosophieren. Es hieß auch, nun alle Gattungen zu bedienen und nicht nur den gut verkäuflichen Roman: Zum Drama „Babel und Bibel“ kam der Lyrikband „Himmelsgedanken“ – beides hat mit der durch Naturalismus, Impressionismus und Symbolismus geprägten zeitgenössischen Avantgarde nichts zu tun; May dürfte sie kaum wahrgenommen haben. Er bezeichnete jedoch fortan alles Frühere, nunmehr öffentlich in Zweifel Gezogene als bloße Vorstufe zum jetzt erst in Angriff genommenen Werk.

May fand zu allen Zeiten Fürsprecher, manchmal auch heute noch gewichtige. Der noch die Attitüde des Dandys, also auch massiv des Unbürgerlichen, pflegende junge Heinrich Mann, äußerte sich zu den Gerüchten über Mays lasterhaftes Vorleben wie folgt: „Ich höre, daß Karl May der Oeffentlichkeit so lange als guter Jugendschriftsteller galt, bis irgendwelche Missetaten aus seiner Jugend bekannt wurden. Angenommen aber, er hat sie begangen, so beweist mir das nichts gegen ihn – vielleicht sogar manches für ihn. Jetzt vermute ich in ihm erst recht einen Dichter!“

Die Bohème suchte und brauchte den Skandal, das hat nichts mit einem Urteil über ästhetische Qualität zu tun. Neben Heinrich Mann nahmen aber etwa auch Albert Ehrenstein, Georg Heym und Erich Mühsam zugunsten Mays Stellung.

Nach wie vor erhebt sich die Frage, welcher Part von Mays Texten der nachhaltig beeindruckendere ist: der übliche moralisierende Schluss oder vielleicht doch der, wie Rolf-Bernhard Essig und Gudrun Schury betonen, „extrem antiautoritäre, ja asoziale Charakter“ der Handlungsverläufe, die die Angstlust der Leser ansprechen, nicht ihren Besserungssinn. Ob man hiermit die Erklärung für Mays nachhaltigen Erfolg in Händen hält oder ob es gar die von Arno Schmidt entdeckte Verschlüsselung angeblicher obsessiver (Homo-)Sexualität in Mays Texten ist, die Generationen von Jünglingen bannte, sei dahingestellt.

May dürfte gegen Ende seines Lebens keinen Durchbruch zu bürgerlichen Leserschichten erzielt haben, wie seine Lebens- und seine späte Schreibweise es wohl nahelegen sollten; doch es gelang seinen Gegnern umgekehrt auch nicht, den populären Autor zur Unperson zu machen. Der späte May wusste, was er von seinen treuen Lesern erwarten konnte. Ein Büchlein namens „Der dankbare Leser“, in dem er, selbst anonym bleibend, enthusiastische Fanbriefe zusammenstellte, diente ihm der Entlastung von Vorwürfen. Weder die Gerichte noch die ihm stets eher feindselig gesinnte Presse – das Feuilleton ignorierte May selbstredend – sollten nun urteilen, sondern die Leser selbst. Auch diese Aufwertung einer bis dahin weitgehend ausgeblendeten Instanz im System der literarischen Kommunikation macht Mays Modernität mit aus.

Nach seinem Tod 1912 kommt es zu einer weiteren, nun von den Erben und vom bald gegründeten Karl-May-Verlag gesteuerten Wiedergeburt des Schriftstellers: Seine Texte werden geglättet und für ein vor allem jugendliches Publikum kompatibel gemacht. Wohl das ganze 20. Jahrhundert hindurch bleibt dieser Autor, der doch unverkennbar dem 19. angehörte, der meistgelesene deutscher Sprache. Kaum verwunderlich, dass es der mittlere Karl May ist, der geeignet ist für ein nach exotischen Abenteuern begieriges Publikum, der die Lektüren des 20. Jahrhunderts vor allem bestimmt. Zu verworren waren die frühen Großromane, zuwenig einprägsam ihre Helden – und die ästhetischen Qualitäten des Alterswerks werden zwar gern hervorgehoben, doch wirken diese Bücher auf den unbedarften, auf Spannung erpichten Leser schwer nachvollziehbar, für den (immer noch?) typischen jungen und wohl meist männlichen Karl-May-Leser dürften sie schwer genießbar sein.

Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte eine Art rephilologisierende Gegenbewegung zur literarischen und filmischen Trivialisierung Karl Mays ein, galt es, erstmals vielleicht weniger die Statur des Autors als die seiner Texte zu retten oder allererst zu rekonstruieren. Mitten in dieser Bewegung befinden wir uns, und sie ist es, die es lohnenswert erscheinen lässt, diesen Autor und seine Texte wieder aufzutischen, nach der Bedeutung des Phänomens Karl May und seiner Aktualität erneut zu fragen.

Nun fällt bei der Lektüre neuerer Bücher zu Karl May, aber auch bei einem Blick auf Neueditionen der Werke auf, dass es immer wieder und immer noch jene dankbaren Leser sind, die selbst nach Mays Biografie, nach seinen Quellen und nach einer zuverlässigen Textgrundlage für ihre Lektüre fragen. Wenn die Karl-May-Gesellschaft sich im kommenden September in Marburg trifft, dann dürften weniger Literaturwissenschaftler als vielmehr Enthusiasten versammelt sein. Mit 2.000 Mitgliedern ist sie eine der größten deutschen literarischen Gesellschaften. Auch die in den letzten vier Jahrzehnten durch diese Gesellschaft ganz wesentlich getragene, verdienstvolle Karl-May-Forschung ist nicht ganz unparteiisch: Leser verantworten sie, für Leser ist sie gemacht.

Über die Beweggründe der Begeisterung, über den Erfolg des Schriftstellers Karl May seit weit über einem Jahrhundert wurde oft spekuliert. Angesichts sich immer wieder wandelnder literarischer Moden bleibt es jedoch umso rätselhafter, warum sich dieses Phänomen so lange halten konnte und kann. Allenfalls in den letzten ein, zwei Jahrzehnten, namentlich auch anhand der Veröffentlichungspolitik des Karl-May-Verlages, lassen sich Anzeichen ausmachen, die darauf hindeuten, dass May vom Massenphänomen zum Ereignis für einen kleiner werdenden, aber umso besser informierten Leserkreis geworden ist. Diese Leser, allen voran mit Hans Wollschläger und Hermann Wiedenroth die Initiatoren der Historisch-kritischen Ausgabe, schrieben sich philologische Genauigkeit auf ihre Fahnen. Als Feindbild dienen musste zunächst der Bamberger Karl-May-Verlag, dessen Begründer Euchar Albrecht Schmid damit begonnen hatte, Mays Texte zu bearbeiten und zu kürzen – aus philologischer Sicht gewiss ein Sakrileg, andererseits eine bis heute nicht unübliche verlegerische Praxis überall dort, wo es gilt, für ein breites (namentlich jugendliches) Publikum sperrige, historisch gewordene Texte zu popularisieren oder gar zu aktualisieren. Was etwa Grimmelshausen, Defoe, Swift, Gerstäcker oder Dickens geschehen ist, musste eben auch Karl May blühen.

Doch ist es bezeichnend, dass heute gerade die zuverlässigsten, die seriösesten Publikationen über Karl May in Bamberg erscheinen. Es sieht so aus, als wende sich das Marketing-Konzept des Verlags nicht mehr so sehr an jugendliche Leser der Internet-2.0-Generation, der Indianerspiele fremd geworden sein dürften, als an schon ältere Verehrer von Autor und Werk, die sich nicht mit der kontextlosen Neulektüre der Klassiker ihrer Jugend zufrieden geben wollen. Möglicherweise tut es Karl May gut, den Status des ewigen Jugendschriftstellers zu verlieren, ein Autor nur noch für eine auch an Hintergründen interessierte Minderheit zu sein.

Was gibt es also Neues über und von Karl May zu lesen? Beginnen wir mit drei Neuerscheinungen von Texten Mays, die für die editorische Bandbreite des Karl-May-Verlags stehen, die aber alle eher den Kenner ansprechen als den uninformierten Anfänger. Die Bände demonstrieren, in welchem Maß sich die Karl-May-Editorik mittlerweile professionalisiert hat.

Einer der letzten Romane Mays, „Ardistan und Dschinnistan“, wurde erstmals kritisch (wenngleich nicht innerhalb der vor Jahrzehnten begonnenen Historisch-kritischen Ausgabe) ediert. Da bereits die Erstausgabe durch einen Dritten bearbeitet wurde, hat man sich dazu entschlossen, angereichert durch einen ausführlichen Apparat, den Text nach dem erhalten gebliebenen Manuskript zu publizieren. „Ardistan und Dschinnistan“ ist, trotz des engagierten Nachworts von Hans Wollschläger, kein modernes Buch, zumindest insofern der didaktische und der moralisch-erbauliche Zug, der Mays Werk durchzieht, auch jetzt nicht verschwunden ist, die allegorische Einkleidung auf eine eindeutige Entschlüsselung ausgerichtet ist. Bei allem Friedenspathos werden doch in den physischen und in den verbalen Gefechten immer wieder soziale Macht und besonders kulturelle Überlegenheit ausgehandelt. Das Christentum steht dabei eindeutig über dem Islam; Kara Ben Nemsi ist es im Unterschied zu seinem Freund Hadschi Halef Omar längst gelungen, die ihm angeborene ‚Seele‘ im Prozess einer Höherentwicklung in ‚Geist‘ umzusetzen – doch bleibt es eben Aufgabe des Europäers, das „Herz des Orientes zu gewinnen“. ‚Europäer‘ heißt, genau besehen, doch immer: ‚Deutscher‘ – das Nationale ist in Mays Texten stets präsent. Nicht zufällig ist das orientalische alter ego schon namentlich als „Ben Nemsi“ ausgewiesen.

Innerhalb der HKA erscheint der Band „Der schwarze Mustang“, der allerdings auch editorische Kärrnerarbeit leistet, indem er einige der von vornherein für die Jugend geschriebenen, im Stuttgarter Union-Verlag Wilhelm Spemanns zuerst erschienenen Erzählungen versammelt. Der Band stellt eine Pionierleistung dar, haben sich doch die Karl-May-Gesellschaft, die Karl-May-Stiftung und der Karl-May-Verlag dafür endlich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können. Weitere Bände der Historisch-kritischen Ausgabe sind nun in Vorbereitung.

In der altbekannten Reihe der „Gesammelten Werke“ ist als Band 88 unter dem Titel „Deadly Dust“ eine Neuedition von Mays ersten beiden Winnetou-Erzählungen erschienen, die er später im dritten „Winnetou“-Band unterbrachte. Wiederum der Kenner und aufmerksame Leser wird daran interessiert sein, diese Vorstufen separat kennenzulernen.

Unter den jüngeren Neuerscheinungen der Karl-May-Sekundärliteratur wohl am attraktivsten ist der sehr opulent gestaltete Bildband „Karl May und seine Zeit“, der umfassend und mit beträchtlicher Akribie Bild- und Textdokumente aus Mays Leben versammelt und dabei einen Vollständigkeitsgrad erreicht wie kaum ein vergleichbarer Autorenbildband. Der Betrachter arbeitet sich unversehens in die (oft sehr stark biografisierende) Karl-May-Forschung der letzten Jahrzehnte ein. Die Abfolge von der justiziablen Hochstapler-Karriere über die wachsende Erfolgsgeschichte bis zur Umstrittenheit im Alter ist breit dokumentiert, der Schwerpunkt liegt zwangsläufig auf den letzten Jahren. Erst der fast Sechzigjährige besitzt die Mittel, um eine ausgedehnte und fotografisch reich dokumentierte Orientreise zu unternehmen. Der Band kann sich auf viele Materialien aus dem Bamberger Karl-May-Archiv und besonders auch aus Mays Nachlass stützen.

Eine umfassende, ihres Gleichen suchende Dokumentation ergänzt den Bildband, nämlich eine fünfbändige Karl-May-Chronik, deren Zustandekommen durch ein Forschungsstipendium der Deutschen Forschunsgemeinschaft ermöglicht wurde. Auf insgesamt 3.000 Seiten ist Mays Leben Tag für Tag aus Primär- und Sekundärquellen kumulativ erschlossen; die empirisch und biografisch arbeitende Forschung dürfte damit einen gewissen Endstand erreicht haben. Entstanden ist ein Nachschlagewerk, das ausführlicher auch für Höhenkammautoren wie Goethe oder Wieland nicht vorliegt. Kaum erstaunen kann, dass die ersten gut fünf Lebensjahrzehnte Mays immer noch so sehr im Dunkeln liegen, dass sich insgesamt nur Material für einen Band finden ließ – während für die letzten eineinhalb Jahrzehnte im Durchschnitt vier bis fünf Jahre auf einen Band kommen. Vor allem die Negativ-Publicity der Zeit ab etwa 1900 und Mays heroischer Kampf dagegen sind nun umfassend dokumentiert.

Schließlich ist auf zwei weitere Bände in der „grünen“ Werkausgabe hinzuweisen, die den Briefwechsel Mays mit seinem Verleger Fehsenfeld erstmals vollständig und mit Kommentaren versehen zugänglich machen. Der sich seines Marktwerts jederzeit bewusste Autor ging mit seinem Verleger mitunter hart ins Gericht. Fehsenfeld hatte seinem zeitweilig einzigen Autor beträchtlichen Wohlstand zu verdanken. 1907 einigte man sich auf einen wohl einmaligen Kontrakt, der für Autor und Verleger je 50 % der Nettoeinnahmen vorsah, ein Agreement, von dem Fehsenfeld verständlicherweise bald wieder zurücktrat. May drohte immer wieder mit einem Verlagswechsel, doch hielt das Bündnis über 20 Jahre bis zum Tod Mays. Die Korrespondenz spiegelt auch die rapiden Einbrüche der Publikumsgunst etwa seit der Jahrhundertwende wider. Dass die Dankbarkeit der Leser schwand, ist an rapide sinkenden Honorarzahlungen Fehsenfelds an May abzulesen. Doch besserte sich die Lage kurz vor Mays Tod bereits wieder.

Dem Laien sei zum Einstieg Rolf-Bernhard Essigs und Gudrun Schurys Lexikon „Alles über Karl May“ empfohlen, das sich dem Riesenwerk mittels einer parodistisch zu lesenden lexikalischen Systematik nähert, welche die Kontingenzen der Lektüre eines so vielfältigen und umfangreichen Œuvres abbildet. Stichwörter wie „Juchheirassa“ machen neugierig.

Editionen wie Sekundärliteratur dienen der Rekonstruktion des ‚authentischen‘ Karl May, setzen also an die Stelle der Legende das ‚Original‘. Vergessen werden könnte dabei, dass die Popularität dieses Autors gerade der Legende mit zuzuschreiben ist. Im kulturellen Gedächtnis der Deutschen koexistieren spätestens seit den 1950er-Jahren der als Westmann verkleidete Autor und seine Roman- und Film-Pendants. Den Bedingungen, unter denen dieses Ensemble noch weit über die Nachkriegszeit hinaus so erfolgreich sein konnte, wäre verstärkt nachzugehen – dem realen Karl-May-Leser der letzten Jahrzehnte wäre also weiter nachzuspüren.

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Dieter Sudhoff / Hans D. Steinmetz (Hg.): Karl May Chronik. Band IV.
Karl May Verlag, Bamberg 2005.
600 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3780201747
ISBN-13: 9783780201744

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Titelbild

Dieter Sudhoff / Hans D. Steinmetz (Hg.): Karl May Chronik Band I. 1842-1896.
Karl May Verlag, Bamberg 2005.
544 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3780201712

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Dieter Sudhoff / Hans D. Steinmetz (Hg.): Karl May Chronik Band II. 1897-1901.
Karl May Verlag, Bamberg 2005.
510 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3780201720

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Dieter Sudhoff / Hans D. Steinmetz (Hg.): Karl May Chronik Band III. 1902-1905.
Karl May Verlag, Bamberg 2005.
574 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3780201739

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Dieter Sudhoff / Hans D. Steinmetz (Hg.): Karl May Chronik Band V. 1910-1912.
Karl May Verlag, Bamberg 2006.
624 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3780201755

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Rolf-Bernhard Essig / Gudrun Schury: Alles über Karl May. Ein Sammelsurium von A bis Z.
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2007.
295 Seiten, 7,95 EUR.
ISBN-13: 9783746623139

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Dieter Sudhoff (Hg.): Briefwechsel mit Friedrich Ernst Fehsenfeld I. Erster Band: 1891-1906.
Mit Briefen von und an Felix u.a.
Karl May Verlag, Bamberg 2007.
544 Seiten, 15,90 EUR.
ISBN-13: 9783780200914

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Gerhard Klußmeier / Hainer Plaul: Karl May und seine Zeit. Bilder, Dokumente, Texte.
Karl May Verlag, Bamberg 2007.
592 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN-13: 9783780201812

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Dieter Sudhoff / Hans D. Steinmetz (Hg.): Briefwechsel mit Friedrich Ernst Fehsenfeld II. Band II: 1907-1912.
Mit Briefen vonund an Felix Krais u.a.
Karl May Verlag, Bamberg 2008.
480 Seiten, 15,90 EUR.
ISBN-13: 9783780200921

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Karl May: Deadly Dust.
Mit einem Nachwort von Christoph F. Lorenz. Herausgegeben von Lothar und Bernhard Schmid.
Karl May Verlag, Bamberg 2008.
493 Seiten, 15,90 EUR.
ISBN-13: 9783780200884

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Karl May: Der schwarze Mustang.
Karl May Verlag, Bamberg 2008.
528 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783780220509

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