„Dass ich sein kann, wie ich bin“

Zur Hilde Domin-Biografie von Marion Tauschwitz

Von Natalia Blum-BarthRSS-Newsfeed neuer Artikel von Natalia Blum-Barth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn man zu einer Biografie greift, geschieht dies, weil man über die betreffende Person mehr erfahren möchte. Die im Mainzer VAT-Verlag erschienene Hilde Domin-Biografie von Marion Tauschwitz folgt der Ausgabe des Palmyra-Verlags (2009) und ist ein Zeichen des großen Interesses an der Dichterin. Die 2006 im Alter von 97 Jahren verstorbene Lyrikerin Domin ist eine der beliebtesten Autorinnen in Deutschland. Sie wird oft und gerne zitiert, denn ihre einfachen, klaren, optimistischen und versöhnlichen Worte vermögen Vieles zu verdeutlichen und prägen sich ein.

Die Taschenbuchausgabe des VAT-Verlags wurde laut Cover-Angaben „überarbeitet und aktualisiert“. Im Impressum heißt es sogar: „umfassend bearbeitet und aktualisiert“. Die beiden Ausgaben unterscheiden sich bereits optisch durch verschiedene Umschlagfotos Domins. Auch ist die Taschenbuchausgabe kleinformatiger. Der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass das Vorwort von Beate Weber, der ehemaligen Oberbürgermeisterin von Heidelberg, in der VAT-Ausgabe fehlt. Der weitergehende inhaltliche Vergleich ergibt, dass die Gliederung beibehalten, aber einige Streichungen im Text vorgenommen wurden. Neue Stellen sind dazugekommen und kürzere Passagen wurden oftmals umformuliert. Dies trägt zum ohnehin lesefreundlichen Stil der Biografie bei.

Als Biografin geht Tauschwitz chronologisch vor und nimmt für ihren Text, somit auch für das Leben Domins, geografische Orte als Anhaltspunkte. Dieses Prinzip spiegelt sich bereits im Inhaltsverzeichnis wieder: nur zwei von dreiundzwanzig Kapiteln – das erste „Kindheit und Jugend, 1909-1929“ und das elfte „Rückkehr nach Deutschland, 1954-1955“ – werden nach thematischen Kriterien benannt. Diese Vorgehensweise ist eine Folge der enormen Fülle an Detailinformationen, die die Auswertung der nachgelassenen Briefe und Dokumente ergab. Tauschwitz leistete hiermit eine große Arbeit in der Ersterschließung und präsentiert dem Leser den Lebensweg Domins vermutlich ‚lückenlos‘.

Die Zivilcourage Domins und ihr gesellschaftliches und politisches Engagement sind bleibende Motive der Biografie. Wünschenswert wäre in diesem Zusammenhang, die Korrespondenzen mit Jean Améry, Hans-Georg Gadamer, Dolf Sternberger, Jürgen Habermas, Karl Jaspers, Otto Pöggeler, Jean-Paul Sartre, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und somit auch das politische Denken Domins, die studierte Philosophin und „politisch interessierter Mensch“ war, stärker zu berücksichtigen.

Detailliert und ausführlich schildert Tauschwitz die Rückkehr Domins nach Deutschland. Ob die besondere Bedeutung Domins und ihrer Texte in den 1960er- und 1970er-Jahren dem heutigen Leser deutlich wird, bleibt allerdings offen. Als Remigrantin war sie keine Anklägerin, sondern die Versöhnende. Ihre Texte bieten Offenheit und Erfahrungen an, die sich nicht nur auf jüdische Themen festlegen lassen. „Domins Gedicht vermeidet plakative Schuldbekenntnisse und ermöglicht eine gemeinsame Trauer, ohne den Bezug auf den Holocaust aufzugeben“, schreibt Margret Karsch in ihrem Band „Das Dennoch jedes Buchstabens“ (2007). Dies gilt auch für das Denken und Handeln Domins in der Nachkriegszeit, was in der Biografie nur am Rande behandelt wurde. Die ausführlichen und langjährigen Korrespondenzen mit PEN-Kollegen (Hermann Kesten, Günter Eich, Martin Gregor-Dellin, Siegfried Melchinger und anderen) demonstrierten das unermüdliche Engagement Domins, mit dem sie sich für die Einhaltung der Charta des Internationalen P.E.N. einsetzte, auf die Situation der Autoren in der DDR, in Chile und Kuba aufmerksam machte, für Völkerverständigung (zum Beispiel im Falle der Nahostschulbücher) plädierte, sich zu Entwicklungen in Israel äußerte, die ultralinke Szene in der BRD kritisierte und sich nach dem in einem Brief an Kesten formulierten Prinzip „Wer in Wort und Tat die Humanität und die Demokratie bejaht, den akzeptiere ich“ richtete. Besonders bei der Aufnahme der neuen P.E.N.-Mitglieder ließ sich Domin von dieser Maxime leiten und schrieb an Kesten, den P.E.N.-Präsidenten von 1972-1976: „Wollen Sie alle, die Nazis waren, rauswerfen? Wollen Sie nachforschen? Oder wollen Sie nicht mit mir und Tau und Nelly darauf verzichten, nachzuforschen, zu wissen, wie schwach einer war: heute, wo doch alle schwach sind?“ Unwillkürlich denkt man an die Zeilen „Abel steh auf / damit es anders anfängt / zwischen uns allen“.

Sehr hilfreich sind die Verzeichnisse der Primär- und Sekundärliteratur sowie das Namensregister. Die Primärliteratur zu Domin wird in der VAT-Ausgabe chronologisch und nicht alphabetisch wie in der Ausgabe 2009 angegeben. Die Liste der Sekundärliteratur wurde ergänzt und aktualisiert, wobei die Vollständigkeit nicht beansprucht werden kann.

Als Biografin betrieb Tauschwitz viele Archivrecherchen im In- und Ausland und leistete eine großartige Arbeit der Ersterschließung mehrerer Bestände zu Domin. Es handelt sich um eine gut recherchierte und dokumentierte, spannend geschriebene Lebensgeschichte der Dichterin. Es ist ein persönliches Buch, das dem Interesse an der Dichterin Domin nicht nur gerecht wird, sondern dieses weckt.

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Marion Tauschwitz: Hilde Domin Biografie. Dass ich sein kann, wie ich bin.
Verlag André Thiele, Mainz am Rhein 2011.
606 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783940884091

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