„Ich werde schreibend untergehen“

Aus Anlass seines 80. Geburtstages gab der in Paris lebende Berner Paul Nizon seinem Landsmann und Freund Dieter Bachmann Auskunft über sein Leben und Schreiben

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit 34 Jahren lebt der Schweizer Autor Paul Nizon in Paris. In dieser Zeit entstanden Bücher wie „Das Jahr der Liebe“ (1981), „Im Bauch des Wals“ (1989), „Das Auge des Kuriers“ (1994) oder „Das Fell der Forelle“ (2005). Aus Anlass seines 70. Geburtstages ehrte ihn der Suhrkamp Verlag 1999 mit einer siebenbändigen Werkausgabe. Ebenfalls bei Suhrkamp erscheinen seit 1995 die Journale des Autors, die in diesem Jahr mit dem fünften Band, der die Jahre 2000 bis 2010 umfasst, zu einem vorläufigen Abschluss kommen werden. Nizons Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, sind seit Jahrzehnten Gegenstand literaturwissenschaftlicher Analysen und beginnen gerade eben ihre Karriere als Schulstoffe. All das sowie die Tatsache, dass der Autor eine stattliche Anzahl renommierter Preise sein Eigen nennen darf – zuletzt kam 2010 der österreichische Staatspreis für Europäische Literatur hinzu –, deutet darauf hin, dass man es bei Paul Nizon mit einem modernen Klassiker zu tun hat.

Er selbst würde dem wohl nicht unbedingt beipflichten. Im Gespräch mit seinem Landsmann und Freund Dieter Bachmann, das nach einer leicht gekürzten zweiteiligen Publikation im „magazin“, der Wochenendbeilage mehrerer großer Schweizer Tageszeitungen, nun erstmals vollständig nachlesbar ist, legt er – auch wenn ein bisschen Bedauern darüber zwischen den Zeilen anklingt – Wert auf seine Außenseiterposition. Berühmt: ja. Aber auch erfolglos im Sinne von „nicht populär“.

Auf knapp 60 Seiten rekapituliert der Dialog die Entwicklung eines Künstlers, dessen Werk in jedem Moment „mit dem Leben bezahlt“ wurde. Letzteres darf man so verstehen, dass Nizon Leben und Schreiben schon immer in eins gesetzt hat, dass Leben für ihn jene unstete Materie darstellt, der er mit seiner Sprache erst feste Konturen verleiht. In diesem Sinne stehen seine einzelnen Texte – vom Erzähldebüt „Die gleitenden Plätze“ (1959) bis zum gerade in Arbeit befindlichen Buch mit dem Titel „Der Nagel im Kopf“ – zwar jeweils für sich, bilden in ihrer Summe aber auch eine existentielle Essenz. Daran mag man denken, wenn der Autor vermerkt: „Bei Lesungen gibt es immer wieder Leute, die mein ganzes Werk zum Signieren anbringen.“

„Ein Schreibtisch in Montparnasse“ ruft Nizons Lebensstationen in Erinnerung, rückt seine Überzeugungen ins Scheinwerferlicht und widmet sich Themen wie Liebe und Einsamkeit, Politik und Literatur, Altern und der Frage nach dem, was bleibt. Daraus, dass hier an fünf Tagen im Juni 2009 zwei Männer, die sich seit beinahe 50 Jahren kennen, miteinander im Gespräch sind, bezieht das Ganze seine Leichtigkeit. Man muss sich voreinander nicht verstecken, kennt Schwächen und Eitelkeiten des jeweiligen Gegenübers ganz genau. Nizon kocht, gesteht seine Leidenschaft für das Kino und den heimlichen Horror vor dem Alleinsein im Alter. Bachmann führt ihn zurück an den Ort ihrer ersten Begegnung, zu jener „Urszene“, in der beider Zukunft 1961 schon symbolisch beschlossen schien: In Zürich stand man sich damals gegenüber, jeder auf einer anderen Seite des Limmatquais, Nizon beim Café „Terrasse“, einem „Tempel des Eros“, Bachmann am „Odeon“, dem Intellektuellentreff der Stadt. Man erinnert sich an Mitstreiter und Gegner, politisiert ein wenig angesichts einer immer unübersichtlicher werdenden Weltlage und stellt klar, dass aus der Enge der Schweiz heraus literarische Weite wohl nicht zu gewinnen ist: „Das Prädikat, ein ‚führender Schweizer Schriftsteller‘ zu sein, war für mich nicht das Ziel meiner Träume. In aller Unbescheidenheit gesagt: ich visierte auf die Weltkunst.“

Wer Nizons Hauptwerke kennt, dem wird in diesem Gespräch viel Vertrautes begegnen, was kein Wunder ist, da der Autor Erzähltexte wie Journaleinträge als versprachlichte Lebenszeugnisse auffasst, die das biografisch Flüchtige ins literarisch Manifeste überführen. Es finden sich aber auch genug Ideen und Gedanken, die bereits Bekanntem neue Lichter aufsetzen. So erscheint der Weg Nizons vom Berner Museumsassistenten und „NZZ“-Kunstkritiker zum freien Schriftsteller umso folgerichtiger, bringt man ihn in Verbindung mit Bemerkungen des Autors zu dem gesellschaftlichen Standort, den er für sich reklamiert. Wer sich als „links denkend“ sieht, kann eben nicht sein ganzes Leben dem Katalogisieren und Konservieren widmen. In Nizons eigenen Worten klingt das so: „Die Rechte ist konservierend, was natürlich auch bedeutet, dass Kultur verwaltet, aber nicht als Sprengkörper weitergereicht wird. Ich war natürlich nicht auf der Seite des Museums, sondern auf der Seite des Lebens; des Entwurfs, der Lebensrettung …“

Nizons Gespräch mit Bachmann ist in der von Heinz Ludwig Arnold herausgegebenen bibliophilen Reihe der „Göttinger Sudelblätter“ erschienen. Keine schlechte Gesellschaft, in die der Berner da geraten ist. Hans Wollschläger und Adolf Endler, Albrecht Schöne und Hans Joachim Schädlich, Peter Rühmkorf und Navid Kermani – auf ganz unterschiedliche Weise sind sie alle positiv besessen vom Schreiben als einer Möglichkeit des Widerstehens und Zeugnisablegens. Auch wenn das von Malcolm Lowry entliehene Fazit des kleinen Bändchens – „Wenn die Welt nur einen Augenblick nüchtern würde, müsste sie sich umbringen“ – unterstreicht, was damit jedem Einzelnen zugemutet und abverlangt wird.

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Paul Nizon / Dieter Bachmann: Ein Schreibtisch in Montparnasse. Ein Gespräch.
Herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold.
Wallstein Verlag, Göttingen 2011.
56 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-13: 9783835308367

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