Den Belagerungen standhalten

Der Sammelband „Castles at War“ beleuchtet die Rolle nordischer Burgen zu Kriegszeiten

Von Ulrike LauferRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrike Laufer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit der Lektüre von Castles at War begibt sich der Leser auf eine spannende Reise durch das Nordeuropa des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Dabei werden auch Seitenblicke auf die englische, französische und Tiroler Festungsbaukunst geworfen, so dass sich das Werk insgesamt in die europäische Burgen- und Mittelalterforschung gut einfügt. Castles at War ist der erste Band einer neuen Reihe mit dem Titel Castles of the North, die von der Danish Castle Research Association herausgegeben wird. Die 14 Beiträge fußen auf einem interdisziplinären Symposium, das 2013 stattfand. Ziel war es, nach all den Diskussionen um die Burg als Herrschaftsort, als Wohnraum, als Bühne, als Architekturobjekt, als landwirtschaftlicher Betrieb, als Symbol und weiteres, eine in der jüngeren Forschung vernachlässigte, aber dennoch zentrale Funktion der Burg zu beleuchten, nämlich: die Burg als Subjekt und Objekt der Kriegsführung.

Veröffentlichungen zu den Burgen am Rhein, in Tirol, Großbritannien und Frankreich sind zahlreich, die Burgenwelt Nordeuropas dagegen noch immer viel zu wenig erschlossen. Natürlich hatten auch hier die Burgen mehrere Funktionen zu erfüllen. Sie boten Wohnung und Schutz, übernahmen zunehmend die Rolle von Residenzen, waren Zentren von Verwaltung, Religion und Kultur und kontrollierten Verkehrs- und Handelswege. Castles at War untersucht jedoch in erster Linie die geographischen Gegebenheiten, politisch-strategischen Positionierungen und Architekturen der skandinavisch-baltischen Festungsbauten. Die kampfumtoste Burg, das mühsame, meist langwierige und verlustreiche Geschäft ihrer Belagerung bzw. ihre standhafte, tapfere Verteidigung ist das Hauptthema dieser Publikation. Burgen waren nicht nur Demonstrationsobjekte von Macht und Vermögen, sie waren auch Herrschaftszentren. Wer seinen Gegner oder Rivalen nachhaltig treffen und besiegen wollte, kam nicht umhin, dessen Burgen direkt anzugreifen. Wir erfahren viel über die Analogie von Waffentechnik und Festungsbau, über Angriffs- und Verteidigungsstrategien, die Lebensbedingungen der Bewohner und Bewohnerinnen unter der Belagerung und ihren Einsatz bei der Verteidigung. Berücksichtigt wird auch das Schicksal der Burgen und ihrer Besitzer nach einer erfolgreichen Erstürmung. Nebenbei lernen wir, Legenden von Geheimgängen und „Pechnasen“ richtig einzuordnen und erfahren, dass in den skandinavischen Kreuzzügen Musikkapellen eine wichtige strategische Rolle bei den Belagerungen spielten, Wassergräben dagegen überschätzt werden, fanden doch beispielsweise die Kriegszüge gegen die Slaven überwiegend im Winter statt und gerade im Norden waren die Gräben dann zugefroren und begehbar.

Die Szene einer Belagerung, bzw. Verteidigung aus dem Jahr 1340 in Frankreich (Aubenton) ziert das Cover des gut gestalteten Bandes. Dass man hier auf eine Darstellung aus Jean Froissarts Chronique de la France (1470-1475) zurückgreifen musste, deutet bereits auf die große Herausforderung einer Geschichte der Castles of the North hin: Die Forschung kann nur auf wenige schriftliche Quellen und auf noch weniger authentische Illustrationen zurückgreifen. Die Autoren von Castles at War zitieren ausgiebig aber prägnant aus den zeitgenössischen Überlieferungen, die sie souverän anhand von Ergebnissen  moderner archäologischer Forschungen  überprüfen. Die von den Autoren geleisteten Forschungen zur Architektur, geographischen Einbettung und Baugeschichte schlagen sich in Skizzen, Plänen, Grund- und Aufrissen nieder und werden so weit wie möglich mit zeitgenössischen Darstellungen und Fotografien vom gegenwärtigen Zustand der Bauwerke ergänzt. Daraus ist eine äußerst lebendige Schilderung der mittelalterlichen Burgenwelt am nördlichen Rand Europas entstanden. Die bisher wenig beachteten oder vergessenen Quellen und die darin beschriebenen Dramen und Heldentaten finden so auf einer gut veranschaulichten Bühne statt. Dabei begegnen uns neben den bekannteren auch ganz neue Akteure: Hetmann Stanislaw und andere Mitglieder der Familie Koniecpolski, die rivalisierenden norwegischen Könige Håkon und Skule, Boleslaw der Tapfere, die dänischen Könige von Friedrich I. bis Christian IV., die Deutschordensritter und Iwan der Schreckliche, die livländischen Bischöfe Meinhard und Albert und die unglückliche dänische Königin Christine sind die wesentlichen Protagonisten der Beiträge. Doch die Hauptrollen spielen die „Castles at War“ selbst.

Es ist ein besonderes Verdienst dieser Publikation, dass auch die Anfänge einbezogen werden: bescheidene Schutzhütten, die von überdimensioniert wirkenden ringförmig aufgeworfenen oder gebauten Wällen, hölzernen Palisaden oder Zäunen geschützt werden und eher an Forts des Wilden Westens als an gemeinhin in Europa bekannte Festungsbauten erinnern. Sie sind besonders im slawischen Gebiet des 8. bis 12. Jahrhunderts nachweisbar. Es entspricht in etwa dem heutigen Mecklenburg und Brandenburg bis nach Sachsen. Ähnliche Schutz- und Rückzugsorte aus Erdwällen und Palisaden gab es auch im Livländischen – und sicherlich auch in anderen europäischen Regionen.

Steinerne Festungsbauten entstanden erst seit den Kreuzzügen zum Ende des 12. Jahrhunderts. Die Burgen der Kalmarer Union, das heißt der Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden vom 14. bis 16. Jahrhundert wurden überwiegend entlang der skandinavischen Küsten errichtet und zeugen von wirtschaftlicher Prosperität und politischem Selbstbewusstsein (unter anderem Kopenhagen, Malmö, Nyborg). Der Einfluss mediterraner Bauweisen (vom château à motte bis zum palazzo in fortezza) ist deutlich erkennbar. Ebenso spielte wie im übrigen Europa die Teilnahme an Kreuzzügen, die strategische Erfahrungen und das nötige materielle Einkommen mit sich brachten, beim Auf- und Ausbau der Burgen und Schlösser eine große Rolle. Die Reformation brachte gerade in Dänemark einen Aufschwung im Festungsbau mit sich, da nun Mittel aus der Enteignung von ehemaligem Kirchengut zur Verfügung standen.

Der vorliegende Band zeigt, wie wichtig die Burgenforschung für die europäische Geschichte ist. Durch sie wird neues heterogenes Quellenmaterial (beispielsweise Geobasisinformationen mittels Lasertechnologie) eingebracht. Ihre Interdisziplinarität führt nicht nur zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auch zu einer lebendigen Geschichtsvermittlung, die Wissenschaftler wie Laien in den Bann zieht. Es ist sehr zu wünschen, dass Castles at War sehr schnell Eingang in die deutsche wie auch die europäische Mediävistik finden wird.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Rainer Atzbach / Lars Meldgaard Sass Jensen / Leif Plith Lauritsen (Hg.): Castles at War. The Danish Castle Research Association „Magt, Borg og Landskab“ Interdisciplinary Symposium 2013.
Dr. Rudolf Habelt GmbH, Bonn 2015.
230 Seiten, 75,00 EUR.
ISBN-13: 9783774939783

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