Ein schmaler Band mit Weitblick

Die fünfte Auflage der „Einführung in die Theaterwissenschaft“ gibt Studierenden kompaktes Fachwissen an die Hand

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Christopher Balmes deutschsprachiges Einführungs- und Standardwerk der Theaterwissenschaft kann man nicht missverstehen: In drei Teile gegliedert, die sich mit den Grundlagen der Theaterwissenschaft, dem Theater als Kommunikationssystem und der Interdisziplinarität der Theaterwissenschaft auseinandersetzen, zeichnet sich das Buch durch eine fast überdeutliche Struktur aus, die sich einerseits an zentralen theatertheoretischen Begriffen orientiert und andererseits auf wissenschaftliche Teildisziplinen und Gegenstandsbereiche referiert. Fast verwundert es, dass dieser klare Aufbau und die kapitelweise Trennung von Theatergeschichte und theaterwissenschaftlicher Theoriebildung, von Schauspieler und theatralem Raum der Schlüssigkeit und Tiefe des Werks keinen Abbruch tut. Über Dramenanalyse, Theatertheorie und -–geschichte, Rezeptionsforschung und Inszenierungsverfahren, Bühnengestaltung und die Frage nach Intermedialität wird der Leser sachlich fundiert in die verwinkelten Wege der Theaterwissenschaft eingeführt. Dabei verliert Balme auch medien-, kunst- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen nicht aus den Augen und trägt damit der aktuellen Lehr- und Forschungspraxis Rechnung.

Für die nun vorliegende fünfte, erweiterte Auflage der Einführung wurde das sechste Kapitel neu verfasst, das sich mit der wichtigen Kategorie „Öffentlichkeit“ und der Zuschauer- und Rezeptionsforschung sowie mit soziologischen und empirischen Ansätzen befasst. Diese Neuerung entspricht ganz dem aktuellen Forschungsstand und wird den darin situierten Debatten gerecht. Erst der Zuschauer, konstatiert Balme, mache das Wahrgenommene zum Theater, konstituiere also den theatralischen Akt und sei das eigentliche Fundament der komplexen inszenatorischen Zeichensysteme, die theatralen Strukturen implizit sind. Es sei nicht der aktive Darsteller, dessen Rolle als Vermittler eines ästhetischen Produkts der lediglich konsumierenden Haltung des Zuschauers diametral entgegenstünde, sondern vielmehr handle es sich um ein interaktives Wechselspiel beider Seiten, das innerhalb ausdifferenzierter ästhetischer Produktions- und Rezeptionsbedingungen den Zuschauer „zum primären Spieler“ der Theateraufführung – hier zitiert Balme den Theaterregisseur Manfred Wekwerth – mache. Spätestens seit den 1960er-Jahren sieht sich die Theaterwissenschaft also mit der Herausforderung, dem Zuschauer zentrale Bedeutung im Theatergeschehen beizumessen, konfrontiert. Während die Rezeptionsforschung das Kunstwerk und dessen Interpretationsmöglichkeit über die semiotische Theoriebildung zu fassen versucht, indem der wahrnehmungsästhetische Rahmen desselben untersucht werde, habe sich parallel in den 1970er-Jahren eine zweite Herangehensweise herauskristallisiert: Durch Interviews, Befragungen und andere Konzepte, die ihre Anwendung vor und während der jeweiligen Aufführungen erfahren, eruiert die soziologisch-empirische Publikumsforschung konkrete Daten zu Publikumsreaktionen.

Überaus hilfreich ist die tabellarische Differenzierung der Begriffe Zuschauer, Publikum und Öffentlichkeit, die Balme hier vornimmt. Werden die Begriffe oft fälschlicherweise synonym gebraucht, korrigiert der Münchner Theaterwissenschaftler dies, indem er Kurzdefinitionen anfügt und jedem Begriff daraufhin spezifische Forschungsansätze zuteilt, die sich im Spannungsfeld soziologischer, historischer, ökonomischer, aber auch psychologischer, kognitions- und emotionswissenschaftlicher sowie semiotischer und ästhetischer Theoriengebilde bewegen. Hierbei schlägt Balme in präzisen, keinesfalls ausufernden Erläuterungen elegante Bögen von Bourdieu bis hin zu Theoretikern wie Sauter, Knowles, Popp, Pavis, Schoenmakers, Bennet und zahlreichen anderen. Balme scheint die größte Zielgruppe seines Buchs genau zu kennen: An jedem Kapitelende findet sich eine übersichtliche Zusammenfassung – das dürfte Studierende, die sich von den labyrinthischen Pfaden und kaleidoskopischen Gedankengebäuden der Theaterwissenschaft erschlagen fühlen, beruhigen. Trotz der fachterminologisch komprimierten Ausführungen überfordert die Einführung nicht; sie bleibt konzentriert und prägnant bei gleichbleibend sukzessiver, klarer Theorienvermittlung.

Doch grau, teurer Freund, ist alle Theorie: Stellenweise wären noch mehr konkrete Beispiele aus der Theaterwelt wünschenswert, denn bei der Fülle an Wissen, das Balme den Studierenden auf nur knapp 200 Seiten vermitteln möchte, erstickt die Theorie manchmal ihren eigentlichen Gegenstand. Das Lesen bereitet zwar trotz des strikten Taktes, dem die Kapitel unterliegen, große Freude und ermöglicht eine weiterhin leichtfüßige Wissensaneignung, doch man wird das Gefühl nicht los, dass Balme den Studierenden zur Sicherheit und zur Vermeidung jedweder Missverständnisse fest an die Hand nimmt und diese erst wieder im Anhang aus seiner Umklammerung löst. Zu selten stellt er Bezüge zum Geschehen auf zeitgenössischen Theaterbühnen her, und für die zahlreich aufgelisteten Theaterformen und -–gattungen werden kaum exemplarische Texte oder genannt oder gar veranschaulichend zitiert, so als führe dies bereits zu weit. Wünschenswert wäre weiterhin eine stärker interkulturell orientierte Perspektive, die ihren Fokus auf internationale theaterwissenschaftliche Debatten setzt und sich nicht nur auf die Theatertheorie des deutschsprachigen Raums beschränkt.

In manchen Punkten bleibt die neue Auflage außerdem auf dem Stand der vorigen und hätte zumindest marginaler Änderungen bedurft:  So insistiert Balme in dem Abschnitt, in dem er die Theaterwissenschaft aus interdisziplinärer Sicht analysiert, auf seiner kritischen Haltung angesichts des medialen Paradigmenwechsels auf der Theaterbühne und der vermeintlich fehlenden theaterwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit demselben. Haben Medien wie Internet, Film, Radio und Fernsehen das Theater als soziales Leitmedium mitunter infrage gestellt, so stehe die Theaterwissenschaft nun vor der Herausforderung, ihr Verhältnis zu diesen neuen Medien endlich neu zu bestimmen. Das ist eine wichtige Beobachtung, die allerdings diesbezügliche theaterwissenschaftliche Entwicklungen der letzten Jahre ignoriert. Wenn diese Aussage in der neuen Auflage des Einführungswerks bestehen bleibt, verfestigt sich leider der Eindruck, in den letzten fünf Jahren seien keine nennenswerten kritischen Monographien zu den wechselseitigen Beziehungen neuer Medien und zeitgenössischer Aufführungspraxen im Theater erschienen – was glücklicherweise nicht stimmt.

Geschichtliche, theoretische und analytische Dimensionen der Theaterwissenschaft werden dennoch ausgewogen, lückenlos und zuverlässig präsentiert. Die Lektüre des Einführungswerks bereitet optimal auf ein Studium vor und kann dieses gut begleiten. Dass sich das Buch erstens an ein studentisches Publikum richtet und zweitens mit Studierenden gemeinsam er- und überarbeitet wurde, wird an der Stichhaltigkeit der einzelnen Passagen und der unmissverständlichen Exaktheit der Begriffserklärungen evident, die ein jedes Grundstudium wohl erleichtern dürften. Besonders erfreulich ist der Anhang: Hier finden sich theaterwissenschaftliche Institute im deutschsprachigen Raum mit genauen Kontaktdaten, Studiengängen und einer Aufschlüsselung der jeweiligen Studienschwerpunkte an den aufgeführten Universitäten. Sogar über die Ausstattung der Fachbereichsbibliotheken und die Zahl der Studierenden können sich Interessierte informieren. Die wichtigsten Nachschlagewerke und Zeitschriften listet Balme ebenso auf wie weiterführende Literatur. Der Band wird den Anforderungen an ein einschlägiges Einführungswerk nach wie vor gerecht und ist Studierenden nicht nur theaterwissenschaftlicher, sondern dank der interdisziplinären Ausrichtung auch Studierenden sämtlicher geisteswissenschaftlicher Disziplinen in jedem Fall zu empfehlen.

Titelbild

Christopher Balme: Einführung in die Theaterwissenschaft.
5., neu bearbeitete und erweiterte Auflage.
Erich Schmidt Verlag, Berlin 2014.
226 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783503155057

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch