Psychotherapie der Suizidalität

Drei neue Bände des Hamburger Therapiezentrums für Suizidgefährdete

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt" - dieser poetisierende Titel des von Begina Gerisch und Ilan Gans herausgegebenen Bandes zum Suizid ist irreführend. Wer literarisierten Weltschmerz und Todessehnsucht erwartet, wird sich gründlich enttäuscht finden. Schließlich trägt das Buch den Untertitel "Autodestruktivität und chronische Suizidalität" und ist in der Reihe "Hamburger Beiträge zur Psychotherapie der Suizidalität" erschienen. Folglich melden sich hier beinharte Wissenschaftler, Psychiater und Psychoanalytiker zu Wort, die der Pathologie suizidaler Tendenzen nachspüren, deren Realisierung es mit allen Mitteln der Psychotherapie und -pharmazie zu verhindern gelte. Angesichts der Vehemenz, mit der die Möglichkeit rationaler, wohl abgewogener Gründe eines Suizids bestritten wird, beziehungsweise die Konsequenz, mit der sie beschwiegen wird, in jedem Falle aber die Suizidalität pathologisiert wird, könnte man beinahe auf den sicher abwegigen Gedanken verfallen, dass sich hier gelegentlich ein seinerseits pathologischer Abwehrmechanismus gegen die Möglichkeit eines nichtpathologisch begründeten Suizids bemerkbar mache.

In einem anderen Buch der Reihe geht Thomas Haenel Fragen zu "Suizid und Zweierbeziehung" nach. Mit letzterer ist zwar in erster Linie diejenige zwischen Liebenden oder ehemals Liebenden gemeint. Darüber hinaus erörtert der Autor jedoch auch "Suizidhandlungen bei Zwillingen", bei Müttern, die sich und ihr Kind töten und das Verhältnis von SuizidantInnen zu Gott. Zunächst beklagt er jedoch, dass die Schweizerische Sterbehilfeorganisation "Exit" "fast tausendmal so groß" ist wie die "Schweizerische Gesellschaft für Krisenintervention und Suizidverhütung". Daher sei es "mehr als gerechtfertigt, sich für die Suizidverhütung einzusetzen", argumentiert er über die schiere Zahl der Engagierten, statt die Berechtigung des Anliegens zu erörtern. "Manche Suizide könnten wohl verhindert werden", so vermutet er, "wenn die Gleichgültigkeit und Ahnungslosigkeit über das, was in anderen Mitmenschen vorgeht, überwunden" werde. Vermutlich hat er so Unrecht nicht, doch ebenso sicher dürfte sein, dass in diesem Falle auch die Mitgliederzahl von "Exit" steigen dürfte und mehr Menschen ihren Wunsch zu sterben gewährt bekämen.

Haenel unterscheidet sinnvoll zwischen 1. Doppelsuizid, also dem gemeinsam beschlossenen Suizid, 2. dem erweiterten Suizid, bei dem der Suizidant aus altruistischen Gründen oder Gleichgültigkeit andere Menschen ohne deren Wunsch mit in den Tod nimmt und 3. dem postaggressionellen Suizid, dem Mord mit anschließender Selbsttötung. Einen vierten Fall, die Selbsttötung als Mittel, möglichst viele Menschen ermorden zu können, nennt er nicht eigens, doch dürfte er dem postaggressionellen Suizid, wenn nicht zuzuschlagen, so doch brüderlich verwandt sein. Neben dieser klaren Differenzierung geht der Autor der Frage nach, ob (Doppel-)Suizide "auch von psychisch gesunden Persönlichkeiten ausgeführt werden können". Voraussetzung hierfür sei, die Möglichkeit eines reinen Bilanzsuizids, der dadurch ausgezeichnet ist, dass der potentielle Suizidant mit "kühler und klarer Besonnenheit" das Für und Wider von Leben und Tod aufgrund seiner Lebensbilanz oder seiner konkreten Lebenssituation abwägt. Doch müsse es sich bei derart Handelnden darum noch nicht "zwangsläufig" um "psychisch gesunde Persönlichkeiten" handeln. Zudem sei ein "reiner Bilanzsuizid schwer fassbar und in den seltensten Fällen glaubhaft zu belegen und kaum zu beweisen". Wobei allerdings unklar bleibt, wieso die Beweislast denjenigen aufgebürdet wird, die einen Suizidanten vorderhand für einen gesunden Menschen halten und nicht vielmehr denjenigen, die ihn pathologisieren. Doch Haenel hält schon die Frage, ob Bilanzselbstmorde vorkommen, für falsch. Stattdessen sei zu fragen, "ob der Anteil einer gesunden Bilanz bei einem bestimmten Suizid groß oder klein ist, ob er von ausschlaggebender Bedeutung ist oder nicht". Mit anderen Worten geht es also nur darum, festzustellen, wie krank der Patient ist. Doch bleibt Haenel vorsichtig und erklärt nicht sämtliche Menschen, die sich (gemeinsam) töten, eben darum schon für psychisch gestört, sondern beschränkt sich darauf zu sagen, dass Doppelsuizide "in der Regel nicht von psychisch gesunden Personen durchgeführt" würden. Für den praktizierenden Psychiater spielt diese Überlegung allerdings eine allenfalls untergeordnete Rolle, denn "akute Suizidalität" sei "grundsätzlich eine Indikation für eine psychopharmakologische Behandlung". Von Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des (kranken oder gesunden) Suizidanten ist keine Rede. Das "Recht auf Aufklärung über seine Krankheit" gesteht Haenel ihm zwar zu; was jedoch mit ihm geschieht, etwa "in Hinblick auf eine Klinikseinweisung", entscheidet der Arzt. Wenn man dann noch hört, dass Haenel neben "ängstlich-agitiertem Zustandsbild, manifesten Ängsten" und dem "Fehlen von nahen, mitmenschlichen Kontakten" auch das "Alleinleben in einer Wohnung" zu den Kriterien rechnet, "die für eine Klinikeinweisung sprechen", kann man schon eine Gänsehaut bekommen. Man erwartet fast, dass er SuizidantInnen noch in der Psychiatrie unter Quarantäne stellen möchte, denn "Suizidhandlungen haben ansteckende Wirkung".

Auch zur Geschlechtsspezifik von Doppel- und erweiterten Suiziden äußert sich Haenel und stellt fest, "daß Männer vorwiegend ihre Intimpartnerin töten, Frauen dagegen vorwiegend ihre Kinder". Unberücksichtigt bleiben hier offenbar die so genannten "Familiendramen", die fast ausnahmslos darin bestehen, dass ein Vater seine Kinder und die Frau tötet und anschließend sich selbst. Diese mitgerechnet dürften weit mehr Väter ihre Kinder töten, als Mütter es tun.

Doch nicht nur Haenel widmet sich dem Zusammenhang von "Geschlecht und Suizidalität". Regula Freytag und Thomas Giernalczyk haben einen ebenfalls in der genannten Reihe erschienenen Sammelband zu diesem Thema herausgegeben. Nach Vorwort und erstem Beitrag erwartet man auch hier nichts Gutes. In längst überwunden geglaubter biologistischer Manier wird über den "biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau" schwadroniert. "Wie eine Pyramide" seien "biologische, soziale und psychologische Muster von Männlichem und Weiblichem aufeinandergeschichtet und gleichzeitig vielfach vernetzt", heißt es im Vorwort der Herausgebenden.

Im ersten Beitrag führt der Neurobiologe Jochen Oehler, an dem der Gender- und Geschlechterdiskurs der letzten Jahrzehnte offenbar spurlos vorübergegangen ist und der für seinen auch erkenntnistheoretisch naiven Biologismus gerne Darwin als Gewährsmann heranzieht, "geschlechterspezifisches Verhalten" auf die den Organismen die Fortpflanzung garantierenden "grundsätzlichen biologischen Funktionen" zurück. Ob Tier oder Mensch ist ihm da einerlei. Auch "in der besonders dem Menschen eigenen kulturellen Entwicklung" seien "biologisch basale Dispositionen nicht aufgehoben", sondern würden "durch kulturell gesteigerte Variabilitätsmöglichkeiten" nur "vielfältiger im phänomenologischen Erscheinungsbild". Mit besonderer Vorliebe wendet der Autor sich dem "menschlichen Weibchen" zu. "Dauerschwellung der weiblichen Brust", "sexuelle Dauerbereitschaft" der Frauen und ihre "damit verbundene Orgasmizität" seien die "biologischen Vorgaben für Partnerbindungsprozesse". Der "Absicherung des eigenen Nachwuchses" der "weiblichen Artangehörigen" habe die "biologische Entwicklung" dadurch "Rechnung getragen", dass sich "beim weiblichen Geschlecht generell und insbesondere beim Menschen Strukturen, Handlungsbereitschaften und Verhaltensweisen entwickelt haben, die der Partnerbindung dienen". Hierzu zählt Oehler etwa die "spezifisch weiblichen Verhaltensweisen, die mit dem Begriff des Flirtens allgemein umschrieben werden".

Oehlers Aufsatz liest sich nachgerade als Illustration der von Begina Gerisch im gleichen Band vertretenen These, dass Wissenschaften "in der Tradition einer männlichen Wissenschaftsgeschichte" stehen. In ihrem lesenswerten Aufsatz führt Gerisch weiter aus, dass dies auch für die Suizidologie gelte, die "biologisch orientierte Hypothesen ausnahmslos zur Erklärung des Suizidverhaltens von Frauen, nicht aber für das von Männern" heranziehe. In ihren Theorien zum "weiblichen Suizidverhalten" komme nicht so sehr die "Wirklichkeit der suizidalen Frau" zum Vorschein, sondern vielmehr die "Phantasien, Ängste und Projektionen des Mannes". Gerisch interpretiert "die Verankerung des Suizidalen in der biologischen Natur der Frau" zum einen als "Versuch des Mannes, das eigene Suizidale und die Angst vor der Sterblichkeit abzuwehren", und zum anderen als Versuch, "die interaktionelle Bedeutung der weiblichen Suizidhandlung zurückzuweisen".

Christina Rachor weist in ihrer im gleichen Band erschienenen Untersuchung des "weiblichen Suizidversuchs" darauf hin, dass Frauen erst seit Ende des Zweiten Weltkrieges häufig suizidal, insbesondere aber mit Suizidversuchen reagieren. Dieser Befund widerspricht der These der biologischen Bedingtheit weiblichen Suizidalverhaltens. Rachor vertritt denn auch die These, dass "im suizidalen Geschehen Geschlechterstereotypen einwirken". Das "Verhaltensmuster Suizidversuch" sei als "neuzeitlicher Implikations- und Kommunikationsmodus" einzustufen, der dem herrschenden Weiblichkeitsklischee sowohl ent- als auch widerspreche. Der Suizidversuch gelte ganz allgemein, aber insbesondere bei Frauen nicht ganz zu Unrecht als wenig ernst gemeint. Vielmehr sei er oft ein Hilferuf und ein Versuch, andere unter Druck zu setzen. Zudem werde er, ebenfalls häufig zu Recht, als "spontane, übereilte, ungeplante, überstürzte" und "unbedachte" Handlung angesehen. Des Weiteren gelte er als "unvollständig, inkonsequent, halbherzig, misslungen, unernst" und zwar vor allem gemessen an der "Norm des gelungenen, ernsthaften und konsequenten Suizids", also eines sozial als männlich typisierten Verhaltensmusters. Die von Rachor aufgeführten "Struktureigenschaften des Suizidversuchs" als dem anderen des Suizids entsprechen denjenigen, die das Klischee der Frau als der anderen des Mannes prägen. Der Clou von Rachors Überlegung besteht nun darin, den Suizidversuch eben nicht als missglückten Suizid zu interpretieren, sondern als einen "eigenständigen vom Suizid unabhängigen Verhaltenstypus". So zeige sich die "Verkehrung" der genannten "Weiblichkeitsmerkmale": Könnten mit ihm tatsächlich Veränderungen und Verbesserungen, oder zumindest Hilfe, Aufmerksamkeit und Zuwendung erreicht werden, handele es sich um die "logische Lösung" eines Problems. Zudem sei er "rational in dem Sinn, als er Mittel zum Zweck" sei, also eine "zweckrationale Handlung". So betrachtet stelle sich der Suizidversuch als "durchaus konsequent" dar. Auch sei er eine autonome Handlung, da mit ihm "nicht mehr auf alte Kommunikations- und Interaktionsmuster" gesetzt werde. Der Suizidversuch korrespondiere so gesehen also viel eher dem Geschlechterstereotyp des Mannes als dem der Frau. Doch sei dies nur die eine Seite der Medaille. Denn andererseits entspreche er dem Weiblichkeitsklischee, da er "quasi unter der Flagge des Appells" segele und so auf die 'weiblichen' Eigenschaften "Hilflosigkeit, Ohnmacht, Hilfsbedürftigkeit und Angewiesensein" setze. Das komme den 'Listen der Ohnmacht' gleich, zu denen Frauen greifen müssen, da sie die "durchsetzungsfähigen, autonomen, konsequenten" und "aggressiven Aspekte" ihres Handelns nicht in dem Maße "betonen oder zeigen dürfen" wie Männer. Vielmehr sei es "im Weiblichkeitsklischee verankert", "unter der Ägide von Hilflosigkeit und Appell" zu agieren. "Die Widersprüche und Unvereinbarkeiten heutiger weiblicher Existenz", lautet Rachors überzeugendes Fazit, "wiederholen sich geradezu im Suizidversuch".

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Regula Freytag / Thomas Giernalczyk (Hg.): Geschlecht und Suizidalität.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001.
165 Seiten, 15,20 EUR.
ISBN-10: 3525458886

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Titelbild

Benigna Gerisch / Ilan Gans (Hg.): Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt. Autodestruktivität und chronische Suizidalität.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001.
148 Seiten, 16,30 EUR.
ISBN-10: 3525459017

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Titelbild

Thomas Haenel: Suizid und Zweierbeziehung.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001.
156 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3525458959

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