Ganz im Inneren der Gegenwart

Rainald Goetz schreibt weiter an seinem Tagebuch des Jetzt im "Jahrzehnt der schönen Frauen"

Von Ulrich RüdenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrich Rüdenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jahrelang hatte Rainald Goetz keinen Fuß in ein Literaturhaus gesetzt, schon gar nicht, um darin aus seinen Büchern zu lesen. Jahrelang hatte er sich geweigert, in einem Literaturhaus etwas anderes zu sehen als einen abstrakten Ort der Texte, in den man automatisch beim Lesen eintritt, einen Ort der absoluten Stille. Dann plötzlich, zwei Jahre ist das jetzt her, ging Rainald Goetz auf seine erste Lesereise, und er trat in Literaturhäusern auf, wo seine Fans auf ihn warteten wie auf einen Popstar. Ein "Experiment" nannte er das in einem Interview. Rainald Goetz zückte dann einen Fotoapparat, blitzte zur Begrüßung das Publikum und las aus seiner Ausgeh-Techno-Erzählung "Rave", später aus seinem großen Ich-Roman "Abfall für alle" oder aus seinem schmalen Medien-Handbuch "Dekonspiratione" oder dem Kunst-Stück "Jeff Koons". Die Medien der Gesellschaft, die Kunst der Gesellschaft, das Nachtleben der Gesellschaft, die Gegenwart der Gesellschaft - Rainald Goetz hat mit den Teilbänden seines Projekts "Heute morgen" eine fast megalomanische, wenn auch ausschnitthafte Chronik des Jetzt verfasst, an einer ganz eigenen, auf vielfache Weise mit der Welt verflochtenen Universalpoesie gearbeitet. Über 2.000 Seiten hat er so in den letzten knapp drei Jahren "rausgerockt", einige Platten mit eigenen Techno-Tracks bespielt und nun kürzlich eine Doppel-CD herausgebracht mit einem Querschnitt aus "Heute morgen", gelesen vom Autor höchstpersönlich.

Wenn er bei seinen Lesungen keine Lust mehr hatte, weiter vorzutragen, kam der Part des Publikums: Fragen, Angriffe, Widerworte waren erwünscht, und Goetz hat darauf mit Fragen, Widersprüchen und Widerworten reagiert. Er hat sich selbst befragt, sich selbst die Sätze im Mund herumgedreht. Und dann waren da noch die Bücherstapel, die er um sich herum ausgebreitet hatte. Er zog ein Buch hervor, etwa von Ernst Jünger, Julien Green oder Judith Hermann und las Lieblingspassagen daraus vor, die er dann, bezogen auch auf das eigene Schreiberdasein, erläuterte. Wer eine solche Lesung erlebt hat, der versteht Goetz und sein Werk ein bisschen besser, seine Arbeitsweise, seine manische Textbesessenheit, die Wahrnehmungsflut, die der Autor schreibend bewältigt, die Bedeutung, die er jedem Wort beimisst, die "Heiligkeit der Schrift", an die er als Romanschreiber, Theaterschriftsteller, Internet-Tagebuchschreiber, Dichter oder Interviewter mit der größten Leidenschaft lebt. Und man erkennt auch besser jenes Moment des Widerspruchs, das seine Texte antreibt, ihnen ihre spezifische Form des Fragmenthaften und Anti-Erzählerischen verleiht.

Goetz' Werk lebt, auch wenn es sehr egozentrisch wirkt, von einem dialogischen Prinzip: Es sind alle Arten von Medien - Bilder, Fernsehen, Bücher und Musik -, alle Arten von medialen Figuren - Harald Schmidt, DJ Westbam oder Niklas Luhmann -, die offen oder versteckt durch seine Bücher geistern: Ziel sei es, schreibt er in "Abfall für alle", "möglichst viele Aspekte, und natürlich vor allem die, die nicht direkt an einen gerichtet sind, auf sich zu beziehen, um die eigene Sache dadurch so Widerspruchs- und Anknüpfungspunkte-reich wie möglich zu machen. Und gleichzeitig der dabei entstehenden zusätzlichen Komplizierung und Konsequenz-Autistik mit ganz gezielter Energie entgegenzuarbeiten, um sich trotzdem noch möglichst voraussetzungslos verständlich zu machen".

Ähnlich sorgfältig wie mit den Textformen Vortrag oder Lesung, die im praktischen Vollzug schon wieder zum Gegenstand von Reflexion werden, geht er auch mit der Textsorte Autorengespräch um. Das hat etwas äußerst Skrupulöses und daher auch sehr Genaues: "Für mich ist, deswegen habe ich auch so Schwierigkeiten mit Interviews, jede Interviewäußerung gleich wichtig wie die heiligste Zeile in einem poetischen Werk. Das ist auch ein Grundzugriffsmoment der Textpraxis, die 'Abfall' realisiert, daß man alle Textformen auf gleicher Ebene ansiedelt", erklärt er in unverkennbarem Pop-Gestus. Die Befragung des eben Geschriebenen oder Gesagten, die in seinen Büchern auf jeder Seite präsent ist und symptomatisch in einem Schwanken zwischen "einerseits" und "andererseits" ausgefochten wird, ist im Gespräch einfach an eine andere Person delegiert.

Nun hat Goetz Interviews der vergangenen beiden Jahre und zudem eine Serie von "Taggedichten", die in den letzten Monaten des 20. Jahrhunderts entstanden sind, seinem Großprojekt "Heute morgen" als Epilog oder, wie er selbst sagt, als "Koda", angehängt. Wie der Prolog, das Interviewbuch "Mix, Cuts & Scratches" (1997), das er mit Westbam verfasst hat, ist auch "Jahrzehnt der schönen Frauen" beim kleinen, auf Theorie spezialisierten Merve Verlag erschienen, während die anderen Texte der "Heute morgen"-Reihe bei seinem Verlag Suhrkamp veröffentlicht wurden. Das knallig Goetz'sche Plastik-Pop-Rot mit weißem Schriftzug ist das Erkennungszeichen aller Bücher und Platten dieses imposanten Zyklus - ein signal- und anspielungsreiches "Vestibül", um Gérard Genette zu zitieren, das man passiert, um ins Innere dieses ganz eigenen Gegenwartskosmos vorzudringen.

"Jahrzehnt der schönen Frauen" versammelt also Texte, die verstreut allesamt schon zu lesen waren. Gedichte, die über das Internet-Forum "Pool" ins Netz gestellt wurden, eine Wochenmitschrift für die Tagebuch-Ausgabe des "Jetzt"-Magazins, Interviews mit dem "Spiegel", der "Süddeutschen Zeitung" oder "Sprache im technischen Zeitalter". Der Band trägt die laufende Startnummer 5.7, setzt damit die von den anderen Werkteilen bekannte Opus-Ordnungsmanie fort: "einen starken Hau ins Lächerliche" habe das, sagt Goetz im "Spiegel"-Gespräch.

Man könnte fragen, was der Band nun Neues zu bieten hat. Denn nicht nur waren die Texte ja bereits an anderer Stelle veröffentlicht, ähnliche Überlegungen wie in den Interviews konnte man auch schon im Tagebuch-Roman "Abfall für alle" finden. Die Antwort ist vielleicht ganz einfach: Der schon dargestellte enge Zusammenhang zwischen den verschiedenen, auf gleicher Stufe angesiedelten Textsorten und Auftrittsformen von "Heute morgen" wird so aus anderer (Gattungs-)Perspektive und eingebettet ins Projekt verdeutlicht. Weitere Korrespondenzen und Verknüpfungen werden zwischen den einzelnen Teilen auf gebündelte Weise sichtbar - das Werk macht weiter. Der Epilog kann auch als eine Art Gegenstück und eine Spiegelung der Anfänge des Zyklus gelesen werden. So heißt die Reihe von Taggedichten "Krank", eine Chiffre auch des lyrischen Ichs, die Interviews laufen unter dem Stichwort "Kaputt". Während "Rave" (1998) die Abenteuer der Rave-Nacht, das Ausschweifende, das Verfallensein an das Nachtleben und den Verfall des Nachtlebens in einem rauschhaften Mitschrieb evoziert und damit auch den Techno-Aufbruch zu Beginn der 90er Jahre festhält, bewegen sich etwa die Gedichte auf das Ende des letzten Jahrhunderts zu. "Hass/ Ozeane/ Finsternis// ich liege im Bett/ will weg sein/ draußen wird es dunkel// Angst// 24.12.99". Die euphorischen Momente zu Beginn der Beschäftigung mit "Heute morgen", die zweifelsohne, von vielen Lesern unbemerkt, bereits ihre dunklen Passagen aufwiesen, bekommen nun schon alleine durch die Titelgebung der einzelnen Abschnitte ein gewisses Gegengewicht.

Die Taggedichte setzen sich aus Fundstücken zusammen, aus tagebuchartigen Skizzen. Sie sind eine Fortsetzung des Künstler- und Ich-Romans "Abfall für alle" im Rahmen einer Internet-Gemeinschaftsproduktion. Dabei wurden, das erfährt man in einem Gespräch im zweiten Teil des "Jahrzehnt"-Buches, die Gedichte zunächst missverstanden: "Die Leute dachten am Anfang, ich bin wirklich krank und schickten mir Gute-Besserungs-Grüße. Daß das Kranke bei mir tiefer liegt, wurde mit der Zeit klar. Und jetzt gibt es da einen, der spricht relativ leise und kurz und knapp vor sich hin. Es geht mir dabei wieder um die Auslotung einer solchen Form auf der Täglichkeitsbasis." Die Krankheit des Goetz'schen Ich ist vielleicht eine Wahrnehmungs-Verstörung: Was das Ich fortdauernd und tagtäglich anbrandet, geht durch es hindurch und gelangt dann gefiltert in den verschiedensten Formen zurück aufs Papier - das Mediale generiert sich ständig wieder neu aus sich selbst heraus. Diesmal wird aus dem alltäglichen Abfall eben ein Gedicht, "ein Text, der schnell lesbar ist, weil er aus kürzeren Zeilen gemacht ist, der dabei aber irgendein Geheimnis hat", fügt er als knappe poetologische Anmerkung hinzu.

So lassen sich zahlreiche Querlinien ziehen zwischen den Gesprächen und Gedichten und hin zu den anderen Büchern von "Heute morgen". "Jahrzehnt der schönen Frauen" ist tatsächlich eine Art Sammelstelle für Reflexionen, nicht unbedingt, wie einmal geplant, für solche Erfahrungen, "die diesen speziellen Weltaspekt behandeln, den die Geschlechterdifferenz aufmacht." Aber auch das gehört zum Goetz'schen Projekt: die rasante Änderung der Versuchsanordnung, wenn es denn nötig ist.

Fast ganz am Ende des neuen Buches wird Goetz in einem nach dem Muster von Multiple-Choice-Quizshows ablaufenden Interview nach Rainald Goetz gefragt. Der Kandidat kann sich zunächst nicht zwischen den angebotenen Zuschreibungen entscheiden und wählt den Telefon-Joker. Der Anruf bei seinem Freund Moritz von Uslar bringt die Lösung: "Moritz, hör zu, ganz schnell, es geht um mich. Ich: Fotograf, Tagebuchschreiber, Zumutung, Medienopfer? (kurze Stille) Ja, genau. Hätte ich auch gesagt, vielen Dank für deine Hilfe. Er sagt Tagebuchschreiber, dem schließe ich mich an."

Kein Bild

Rainald Goetz: Heute Morgen. 2 CD.
Der Hörverlag, München 2001.
ca. 150 Minuten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3895848786

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Rainald Goetz: Jahrzehnt der schönen Frauen.
Merve Verlag, Berlin 2001.
214 Seiten, 12,30 EUR.
ISBN-10: 3883961698

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