Vom Umgang mit Ungeheuern

"Moby-Dicks" Übersetzer als Walfänger

Von Robert HabeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Robert Habeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Kaufen Sie dieses Buch nur ja nicht - lesen Sie es nur ja nicht, wenn es herauskommt, denn es ist ganz und gar nichts für Sie. Es ist kein feines weibliches Stück Spitalfields-Seide, sondern aus jenem grauenhaften Gewebe, das aus Schiffstrossen und Tauen gemacht ist. Ein Polarwind pfeift hindurch, & Raubvögel umflattern es. Warnen Sie alle zartbesaiteten Seelen davor, auch nur einen flüchtigen Blick in dieses Buch zu werfen - sie riskieren Hüftweh und Hexenschuß."

Diese Warnung vor dem Kauf des Buches "Moby-Dick" stammt vom Autor selbst. Herman Melville schrieb sie 1851 seiner Nachbarin Sarah Morewood. Doch die Warnung wurde in den Wind geschlagen. "Moby-Dick" wurde Weltliteratur, wenn auch mit einiger Verzögerung. Denn zunächst hagelte es Verrisse auf den damals zweiundreißigjährigen Melville. Und erst 70 Jahre später, in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts, wurde erkannt, was dieses Buch aus "Schiffstrossen und Tauen" für ein ungeheures Werk ist.

Ungeheuer ist Melvilles "Moby-Dick" im doppelten und dreifachen Sinn. Ungeheuer ist es in seiner Anlage: 864 Seiten Dünndruckprosa bieten einen Abenteuer- und Seefahrerroman, eine Allegorie auf die amerikanische Gesellschaft, eine Geschichte des Walfangs, eine philosophische Meditation über das Böse, eine Parabel über die Naturbeherrschung und Naturvernichtung, das gesammelte Wissen der Zeit über die Wale selbst und einen verzweigten Dialog mit anderen Büchern, wissenschaftlichen und literarischen. Über 160 Bezugstexte hat die akademische Forschung im "Moby-Dick" nachweisen können, Tendenz steigend. Melville brach mit fast allen Gattungskonventionen seiner Zeit - und auch mit der noch heute eingeschliffenen Leseerwartung: Er schrieb ein Buch, in dem Frauen nicht vorkommen, ein Buch, in dem es keine Liebesgeschichte gibt, ja schlimmer, in der die rauhe Männergesellschaft immerhin einige homoerotische Möglichkeiten zuläßt, für die man aber keine zärtliche Emotion annehmen möchte. Bis auf den Erzähler und vielleicht den Steuermann Starbuck gibt es keine Figur, die positiv besetzt ist. Meer und Walfang verweigern sich jeder romantischen Etikette. "Moby-Dick" beschreibt eine wahnsinnige und wahnwitzige Höllenfahrt. Das Buch endet in der Katastrophe: Der Walfänger versinkt mit Mann und Maus. Nur Ismael überlebt.

Nicht geheuer ist die Jagd auf den Weißen Wal zweitens, weil der Text offen läßt, wer eigentlich das Ungeheuer ist. Moby-Dick, der weiße Wal, wird als Meermonster eingeführt und auch wenn ihm heute qua seiner Zugehörigkeit zur bedrohten Gattung der Pottwale einige Sympathie sicher sein dürfte, der Text verniedlicht ihn nicht. Einzig die wissenschaftlichen Exkurse über die Pottwale entschärfen in gewisser Weise sein Bedrohungspotential, obwohl sie wahrscheinlich geschrieben wurden, um gerade das zu schärfen. Pottwale sind in erster Linie groß und in zweiter Linie lebende Rohstoffbasen für die amerikanische Industrie. Anders das zweite Ungeheuer des Textes, der Kapitän der Pequod, der Krüppel Ahab, dem Moby-Dick ein Bein abgebissen hat. Er ist so deutlich ein größenwahnsinniges Scheusal, daß er über seine unsympathischen Züge etwas Archetypisches besitzt. Er ist zu phantastisch gezeichnet, als das man ihn nur abstempeln kann. Er ist nicht ein böser Mensch, er ist das Böse des Menschen. Und das Böse des Menschen ist über weite Strecken etwas, von dem keiner der Gattung Homo sapiens frei ist. Ahab ist das Negativ eines Idealisten, sein Streben zum Absoluten endet in Naturbeherrschung, sein Verlangen nach Gerechtigkeit in Vernichtungsphantasien, sein Anspruch der Gottesebenbürtigkeit wird zur Gotteslästerung. Mit Ahab hat Melville die zweideutigen Figuren der europäischen Literatur wie Faust, Hauke Haien oder Macbeth amerikanisiert und das heißt: radikalisiert. Als Ahab seine Mannschaft auf dem Achterdeck auf sein Vorhaben einschwört, imitiert und pervertiert er das Abendmahl, indem er die Harpuniere aus den Eisenschäften ihrer Speerspitzen trinken läßt und sagt: "Schwört Tod dem Moby Dick! Gott soll uns alle miteinander hetzen, wenn wir nicht Moby Dick zu Tode hetzen." Mit den Harpunen will er durch die Maske des Tieres stoßen, um die nackte und rohe Welt hinter der Schöpfung zu erkennen. Er ruft aus: "Wenn der Mensch schlagen will, so schlage der durch die Maske! Wie kann der Häftling ins Freie, wenn er die Mauer nicht durchbricht? Für mich ist der weiße Wal die Mauer, dicht vor mich hingestellt. Ich würde selbst die Sonne schlagen, wenn sie mich beleidigt."

Drittens ist "Moby-Dick" ein ungeheures Buch, weil es auch sprachlich ungebändigt ist. Walfang hat nichts Romantisches. Die Amerikaner bauten schon im neunzehnten Jahrhundert ihre Schiffe zu schwimmenden Fabriken um, die oft über Jahre auf See blieben. Das tat sich kein freier Amerikaner freiwillig länger an - und Herman Melville, der selbst auf einem Walfänger arbeitete, desertierte bei der erstbesten Gelegenheit. Die Mannschaft der Pequod besteht aus Matrosen aller Herren Länder. Ihre drei Harpuniere sind ein Schwarzer, ein Indianer und Queequeq, der am ganzen Körper tätowierte Schrumpfkopfsammler aus der Südsee. Die Pequod wird, wie Amerika, zum Schmelztiegel der Rassen und Völker und jeder spricht in seinem eigenen Dialekt. Zudem variiert Melville den Stil je nach Passagen des Textes. Es gibt fast wissenschaftliche Prosa, es gibt den hohen Predigerton, es gibt jede Menge indirekte Zitate klassischer und inzwischen vergessener Werke. Das Buch strotzt von nautischem Fachjargon und schließlich sprengt es auch literarisch alle Konventionen. Melville hat Worte neu erfunden, hat kühne Satzkonstruktionen ersonnen, hat die Zeichensetzung entfremdet.

Ganz unwahrscheinlich mutet an, dass dieses opulente literarische Feuerwerk in nur 18 Monaten und unter erheblicher Zeit- und Geldnot entstanden ist. Eine sorgfältige Korrektur war wahrscheinlich nicht mehr möglich. Zudem gab es vor den Erstdrucken gravierende Lektorats-Eingriffe und jede Menge, teilweise sinnentstellende Satzfehler. Unter der Oberfläche des Textes liegt auch ein editorisches Geheimnis verborgen. Da das Manuskript Melvilles und auch die Korrekturen des Autors in den Fahnen verloren sind, ist die ursprüngliche Form des Textes nur hypothetisch zu erschließen.

Ins Deutsche ist "Moby-Dick" bislang sechs Mal übersetzt worden. Nun ist eine siebte Übersetzung, erstellt von Matthias Jendis, hinzugekommen, die den sprachlichen Verwerfungen und dem Wellenspiel der Worte des Melvillschen Originals ernsthafter und poetischer nachgeht, als alle anderen zuvor. Aber nicht ernsthaft genug, wie ein anderer Übersetzer, Friedhelm Rathjen meint. Rathjen hatte vor Jendis den Auftrag, "Moby-Dick" neu zu übersetzen und lieferte seine Version des Textes bereits 1993 beim Hanser Verlag ab. Aber der Verlag war mit der vorgelegten Variante unzufrieden und holte Jendis als redigierenden Lektor hinzu. Die beiden Übersetzer kamen nicht zusammen, eine gemeinsame Textfassung scheiterte - und es entbrannte ein Streit über die richtige Form der Übersetzung, hinter dem ein Grundsatzstreit über das Wesen von Literatur durchschimmert. Dieser Übersetzerstreit ist für Menschen, die gerne über das Wesen oder Unwesen von Sprache reden und nachdenken, ein erregendes Fallobjekt. Für die Mehrzahl der Lesenden hingegen steht die Frage im Mittelpunkt, ob sie mit der neuen "Moby-Dick"-Übersetzung wieder nicht die wirklich beste erstehen.

Rathjens Übersetzung wurde in gewichtigen Auszügen in der Literaturzeitschrift "Schreibheft" publiziert, und ein Textvergleich macht einerseits deutlich, wie sehr die Hanser-Übersetzung noch immer auf seiner Vorarbeit aufbaut, andererseits auch, wo die Bruchlinie bei der Zusammenarbeit verlaufen ist.

Flankiert wurde die Gegenveröffentlichung im "Schreibheft" mit einem Essay des Übersetzers Friedhelm Rathjen. Dort heißt es u. a., dass Melvilles Text "eigenwillig, dunkel, ungehobelt; fremd" ist "ein absolutes Unding, eine Monstrosität, ein Bastard", "handwerklich völlig verkorkst", eine "Wirrnis" - aber gerade das mache ihn zum "Meisterwerk der maniristischen Exzesse" und das dürfe nun nicht, wie es die Übersetzung von Jendis tut, erneut zugunsten einer besseren Lesbarkeit geglättet werden. Rathjen unternimmt es demnach, den Text des Originals vermeintlich eins zu eins abzubilden. Das liest sich dann so:

"Bei einem der mächtigsten Triumphzüge, wo einem römischen General bei seinem Einzug in die Hauptstadt der Welt dargeboten, waren die Knochen eines Wals, den ganzen langen Weg von der syrischen Küste hergeschafft, das auffälligste Schaustück in dem bezimbelten Festzug."

"Bezimbelter Festzug"?, "ein Triumphzug, wo..."?, "Ein Triumphzug dargeboten"?

Dagegen Jendis:

"Auf einem der großen Triumphzüge, die einem römischen General bei seinem Einzug in die Hauptstadt der Welt gewährt wurde, waren die Knochen eines Wals, die man den ganzen langen Weg von der syrischen Küste hergeschafft hatte, das auffälligste Schaustück des zimbelklingenden Festzugs."

Keine Frage, daß Jendis Text verständlicher ist. Aber ist diese Verständlichkeit durch eine zu große Freiheit des Übersetzers unrechtmäßig erkauft, gaukelt sie etwas vor, was das Original gar nicht hat, geschweige denn beabsichtigt?

Zunächst ist festzustellen, dass es "den" Text des "Moby-Dick" so nie gegeben hat. Zudem übersetzt Rathjen nur vorgeblich genauer. Tatsächlich nimmt er sich aber eben solche Freiheiten wie Jendis - mit dem Unterschied, dass er sie nicht zugibt und dass sie in eine andere Richtung gehen: Rathjens Neologismen machen "Moby-Dick" zu einem nur noch verstockteren Text. Drittens ist Rathjens Argumentation in sich fragwürdig. Denn Übersetzungen sind ihrem Wesen nach Kompromisse. Sie sind Kompromisse zwischen den Sprachgewohnheiten der Zeit des Originals und denen der Gegenwart, sie sind Kompromisse zwischen den linguistischen Paradigmen der Ausgangssprache und der, in die übersetzt wird. Das Partizip ist im Englischen eine elegante, fast beliebig einzusetzende Möglichkeit, im Deutschen ist es eine klobige und nur sehr sparsam zu gebrauchende Ausnahme. Rathjen lässt fast alle Partizipien Partizipien sein, Jendis löst sie meist zu Infinitiven oder Nebensätzen auf. Übersetzungen sind zudem auch immer ein Kompromiss aus einer hypothetischen Autorenintention und einer angenommenen Leseerwartung. Mit anderen Worten: Das Reinheitsgebot von Übersetzungen unterstellt theoretisch eine falsche Eindeutigkeit sowohl der literarischen Grundlage, wie der Zielvorgabe, wie des Wesens von Sprache überhaupt, das nämlich ein Unwesen ist, eine offene Möglichkeit, die uferlos ist wie das Meer. Gerade das macht ihren Reiz aus. Die schroffen Worte, mit denen Rathjen wie Ahab mit seiner Harpune durch die Maske des Deutschen auf den Wesensgrund des Originals stoßen will, unterliegen derselben falschen Hybris des Idealisten.

Das alles weiß Rathjen und nimmt es sehenden Auges in Kauf. Man weiß eine Zeit lang nicht, ob man vor solcher Unnachgiebigkeit - auch wenn sie falsch ist - Hochachtung empfinden soll. Aber je länger man seine Übersetzung liest, desto mehr stellt sich Kopfschütteln ein. Denn auch praktisch scheitert die Übersetzung von Rathjen. Gäbe es nicht einen begleitenden Essay und hätte der Autor keinen Namen im Literaturbetrieb, würde man sie für eine rohe, unfertige und unleserliche Kladde halten. Der Grund ist eine Fehlannahme. "Moby-Dick" ist ein Text mit vielen gewollten und - durch die Umstände der Drucklegung entstandenen - ungewollten Sonderheiten. Aber er ist keine "Wirrnis". Statt der komplexen und schwierigen Konstruktion des Textes nachzuhorchen, macht es sich Rathjen zu einfach, indem er ihn über seinen "ungehobelten" Leisten schlägt und so festlegt. Jendis operiert verfahrensoffen und findet so nicht nur die lesbareren Satzkonstruktionen, sondern auch die einfallsreicheren. Wie oft in der Literatur ist das vermeintlich Schlichtere tatsächlich das Kunstreichere.

Insofern ist die jetzt neu vorgelegte Übersetzung von Jendis tatsächlich die beste denkbare deutsche "Moby-Dick" Ausgabe, liebevoll ausgestattet, mit einem kenntnisreichen Apparat versehen. Ein Buch, das Dauer haben kann - aber keine Ewigkeit. Die nächste Übersetzung kommt bestimmt. Und genau so ist es der Sache angemessen.

Titelbild

Herman Melville: Moby-Dick Oder Der Wal.
Herausgegeben von Daniel Göske.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Mathias Jendis.
Carl Hanser Verlag, München 2001.
1041 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-10: 3446200797

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Kein Bild

Norbert Wehr / Hermann Wallmann (Hg.): Schreibheft. Zeitschrift für Literatur. Nr. 57. Die Weiße des Wals. Herman Melville.
Rigodon Verlag, Essen 2001.
186 Seiten, 10,50 EUR.
ISBN-10: 3924071136

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