Obsessiv, radikal, virtuos

Joachim Zelter erhält für „Im Feld. Roman einer Obsession“ den Preis der LiteraTour Nord

Von Jörg SchusterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Schuster

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wir befinden uns im Jahr 2019 n. Chr. Die ganze Literatur ist von neorealistisch-zeitgeschichtlichen Familienromanen besetzt. Die ganze Literatur? Nein! Ein Autor aus der schwäbischen Kleinstadt Tübingen hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Es ist der Schriftsteller Joachim Zelter. Er hat in den letzten zwei Jahrzehnten neun Romane sowie mehrere Erzählbände, Theaterstücke und Hörspiele veröffentlicht. In der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur ist er eine Ausnahmeerscheinung, einer, der es auf die Spitze treibt, der den Dingen auf den Grund geht durch die Art und Weise seines Schreibens – ein radikaler Schriftsteller.

Sein 2006 publizierter Roman Schule der Arbeitslosen etwa schildert ein Trainingscenter der Agentur für Arbeit, in dem es um die Optimierung, die Abrichtung von Menschen geht, die auf dem Arbeitsmarkt wieder Erfolg haben sollen. Der Text treibt einem kalte Schauer über den Rücken, denn die absolut unpersönliche sprachliche Darstellung führt vor, was es heißt, wenn Menschlichkeit restlos getilgt wird. Im vier Jahre später veröffentlichten Roman Der Ministerpräsident schildert Zelter mit viel Humor, wie ein Politiker, der durch einen Autounfall einen Gedächtnis- und Identitätsverlust erlitten hat, von seinen Beratern gegen seinen Willen wieder als die öffentliche Figur hergerichtet wird, die das Wahlvolk sehen will. Hier ist es die raffiniert gewählte Ich-Perspektive, die auf komische Weise entlarvend wirkt.

Für Im Feld, 2018 mit dem Untertitel Roman einer Obsession erschienen, hat Zelter nun den Preis der LiteraTour Nord erhalten, eine Auszeichnung, die südlich von Leine und Weser leider wenig bekannt ist. Im Rahmen dieses Wettbewerbs gehen jeden Winter sechs Schriftsteller*innen auf Lesereise durch sechs norddeutsche Städte; dabei kooperieren Literaturhäuser, Buchhandlungen und Universitäten – zum Lesungsprogramm werden an den jeweiligen literatur- oder medienwissenschaftlichen Instituten Seminare angeboten.

Im Feld gehört zu den Büchern, die möglicherweise lange auf dem Nachttisch liegen, bevor man sie endlich aufschlägt. Ein Buch über Radrennsport – das ist gewöhnungsbedürftig für jeden, der das Fahrrad nur als praktisches Verkehrsmittel ansieht und Rennfahrerhorden als geballten Schrecken empfindet. Hat man jedoch die ersten Seiten gelesen, gibt es keinen Halt mehr, schon ist man ‚im Feld‘ des Radtrosses. So groß ist die Sogwirkung des Romans, der eine ans körperliche Limit führende Extremerfahrung nicht nur inhaltlich schildert, sondern als Text performativ vollzieht. Die atemlose Dynamik der wie ein Perpetuum mobile ablaufenden Fahrt bestimmt den Leseprozess.

Und wie das Feld der Rennfahrer, die auf ihrer unaufhaltsam-zermürbenden Tagestour durch Vogesen und Schwarzwald – weitgehend – ohne Pannen und Unfälle beträchtliche Distanzen und Höhenmeter absolvieren, so verliert auch der Text nie an drive – umso mehr, als er stets akrobatisch die Schwebe zwischen verschiedenen semantischen Ebenen hält. Denn natürlich handelt der Roman nicht nur vom Radfahren, sondern es geht, wie bereits der Titel suggeriert, auch um die Erfahrung des Massenwahns. Die Teilnehmer opfern ihr Leben und ihre Gesundheit einer Gruppe, einer ‚Bewegung‘, aus der es keinen Ausstieg gibt, sobald man sich ihr einmal ausgeliefert hat: Die Option „ohne mich“ wird zwar erwogen, aber nicht verwirklicht, aus dem kollektiven Wahnsystem gibt es keine Ausflucht.

Souverän mischt der Text immer wieder rennradtechnische Fachbegriffe mit dem satirisch verwendeten Vokabular des Totalitären. Mitten im Lese- und Fahrfluss wird man mit Formulierungen wie „Rennradgemeinschaft. Zu allem fähig und zu allem bereit“ oder „Er fiel friedlich“ konfrontiert. Und schließlich ist da noch der Held und Leiter der Gruppe, Landauer, der als Rennrad-Ikone kultisch verehrt wird und dessen Imago sich aus den Gerüchten speist, die ihn umgeben. Dass diese diskursive Konstruktion eines Führers durchaus sympathisch und faszinierend wirkt, gehört zu den beeindruckenden Abgründen des Romans. Die gesellschaftskritischen Pointen sind dabei so subtil gesetzt, dass der Leser, wie ein Rennsportler in einer scharfen Kurve, bei jedem einzelnen Wort des Romans aufmerksam bleiben muss. Bereits das Heidegger-Denkmal in Freiburg, das den Treff- und Ausgangspunkt der Tour bildet, stellt ein solch gewitztes, real nicht existierendes Textsignal dar.

Vielleicht hat Joachim Zelter, der selbst begeisterter Radsportler ist und den, wie er in einem Interview bekannte, neben dem Schreiben diese Manie am Leben hält, mit Im Feld den Roman seines Lebens geschrieben – auf jeden Fall aber hat er mit diesem virtuosen Sprachkunstwerk ein kleines literarisches Wunder vollbracht.

Titelbild

Joachim Zelter: Im Feld. Roman einer Obsession.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2018.
154 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783863514617

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