Gemeinsam allein – wie Corona Einsamkeit verschärft

Diana Kinnerts „Die neue Einsamkeit“ ist ein wichtiger Debattenbeitrag

Von Thorsten SchulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Schulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Corona-Pandemie hat in vielen Bereichen Entwicklungen beschleunigt und dabei zugleich Probleme verschärft. Die Verlagerung privater und dienstlicher Treffen sowie des Schulunterrichts ins Virtuelle versetzte der Digitalisierung einen Schub. Doch die digitalen Welten machen uns einsam. Menschen sind heute – vor allem in den großen Städten – allein unter Menschen, gemeinsam allein, es ist eine neue Form der Einsamkeit entstanden. Diana Kinnert analysiert in ihrem neuen Buch Die neue Einsamkeit die aktuellen Entwicklungen.

Es erschien mitten im Lockdown des Frühjahrs 2021. Es wurde unter dem Eindruck der immer neuen Verordnungen, Einschränkungen und rasanten gesellschaftlichen Veränderungen geschrieben und ermöglicht einen intensiven Blick auf komplexe Prozesse. Beschleunigt durch Gentrifizierung, Digitalisierung und die Corona-Pandemie seien Großstädte längst Brutstätten der Einsamkeit geworden, betont die Autorin. Stadtbewohner erleben „eine komplett überdrehte Entwurzelung, die Herauslösung aus sämtlichen Wertesystemen und persönlichen Bezugskoordinaten“. Der moderne Mensch sei einem enormen inneren Druck ausgesetzt und verliere den Bezug zur Welt. Dies gelte insbesondere für Bereiche wie die soziale Mobilität, eine immer schnellere berufliche Neuorientierung und die damit zusammenhängende verlorene Selbstbestimmung. Verbindlichkeit oder die Loyalität zu einem Unternehmen werden in einer global vernetzten Welt nicht geschätzt. Im Gegenteil, Kinnert bezeichnet kontinuierliche Freundschaften und Beziehungen im Kapitalismus als „geschäftsschädigend“. Was näher hätte zusammenbringen sollen, reißt weiter auseinander und verängstigt. Deswegen warnt sie davor, „Neoliberalismus und Turbokapitalismus allzu freien Lauf“ zu lassen. Sie schreibt, dass ihr die Akteure der Berufswelt „wie Fische im Netz des flexiblen Kapitalismus“ vorkommen. Resultat sei ein „ständiges dem Risiko Ausgeliefertsein“.

Diana Kinnert verbirgt nicht, dass sie Mitglied der CDU ist. Doch ihre Parteizugehörigkeit schadet dem Buch nicht, es ist wahrlich keine einseitige oder ideologisch verklärte Einlassung. Schließlich würde man Kapitalismuskritik und soziale Reformvorschläge traditionell dem politisch linken Flügel zuschreiben, der aktuell zum „Kampf für eine soziale Gesellschaft“ aufruft. Kinnerts Buch gibt Antworten auf die Fragen zur Umsetzung und zieht dabei eine Vielzahl von historischen und sehr aktuellen Quellen zusammen. Es ist eine Stärke des Buches, dass es einen breiten Überblick über Forschungsergebnisse und Studien von Forsa und Bundesministerien ebenso wie vom Chaos Computer Club oder US-Gesundheitsbehörde NIH gibt. Kinnert hat viele Gespräche mit Soziologen und Philosophen geführt. Sie recherchierte in Zeitungen und Zeitschriften, Arbeiten von Neurowissenschaftlern und sogar in Büchern von Architekten und Stadtplanern. Sie vergleicht Dystopien in Netflix-Produktionen. Sie zitiert Theodor W. Adorno, dessen Analysen zu Warenform und Ideologie exakt zu ihrer Analyse des Systems passen. Und sie zitiert neben Adorno auch Gandhi, Luhmann und Nietzsche.

Auffällig sind die dabei entstehenden Reihungen. Es häufen sich rhetorische Fragen, Aufzählungen sind ein oft genutztes Stilmittel. Asyndeta schieben Begriffe eng zusammen und erzeugen den Eindruck schneller Gedanken. Emotional steigert Kinnert darin die Lautstärke bis zum harten Ausrufezeichen. Mehrfach entsteht so eine vielgliedrige Klimax. Hernach wird geschlussfolgert, und auch die Schlussfolgerungen steigert die Autorin mit spürbarem Elan und Leidenschaft: Sie setzt gerne Formeln wie „mehr noch“, „mehr und mehr“, „mehr denn je“, „zudem“ oder „schon gar nicht“ ein. Dabei besteht stets die Gefahr des Überschwangs – „Highspeed“ eben. Ironisch überspitzt sie, dass man heute in der digitalen Welt „hemmungslos und schrankenlos“ dem „Reiz am Falschen und am Schönen“ nachgehen kann. Ob „die Jugend“ jedoch eine Erzählung lesen kann, ohne das Smartphone in die Hand zu nehmen, bezweifelt sie mit den Worten: „Ich weiß nicht, ob die Jugend das noch hinkriegt. Aber es wäre ein Anfang.“ An Stellen wie diesen wird ihr Buch kulturpessimistisch. Sie erkennt es selbst und schränkt ein: „genug gemeckert, konstatiert und schwarzgesehen“.

Stattdessen zeigt sie auf, welche Wege vornehmlich junge Menschen gefunden haben, echte Nähe über das Internet zu finden. Sie weist auf den schwindelerregenden Erfolg des Pianisten Igor Levit hin, dessen „Online-Hauskonzerte“ unzähligen Menschen in den einsamen Lockdown-Wochen verbanden. Levit hat mittlerweile – zusammen mit Florian Zinnecker – ein eigenes Buch über die wahre Dimension der Hauskonzerte geschrieben. Darin wird betont, jeder könne beim Streaming nun selbst entscheiden, ob ein Programm interessant ist oder nicht. Man braucht niemand aus dem Kulturbetrieb um Erlaubnis fragen. Wer will, hört zu. Diesen Vorteil nutzt Diana Kinnert mit ihrem Podcast Allein zu sein über Einsamkeit und Technologie in Zeiten der Pandemie. Doch ein Fazit von Kinnert in ihrem Podcast ebenso wie in ihrem Buch ist, dass die Digitalisierung trotz ihrer Vorteile vor allem eine systematische Desorientierung bewirkt: „Eine gezielte Abwendung von Stabilität und Nähe und eine gezielte Hinwendung zu Flexibilität und ständiger Bereitschaft“. Die schwierige Mischung aus Vorteilen und Problemen führe zu Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Einsamkeit. In den Großstädten sieht sie sogar „eine radikal getunte Version“ der klassischen Einsamkeit. Grundfertigkeiten der Kommunikation gingen verloren.

Corona hat diese Probleme verschärft. Die Frage ist: Was bleibt übrig, wenn die alltäglichen Freiheiten beseitigt sind? Wenn sich im Homeoffice das Private und das Dienstliche vermischen und die Begegnungen in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit, gemeinsame Kaffeepausen und Vereinsaktivitäten nicht mehr existieren. Einfach sei es nicht, „kluge Antworten zu finden“. Hernach präsentiert sie diese aber doch. Städte brauchen Räume, welche die Bewohner nicht trennen, sondern zur Begegnung einladen. Luftige und durchmischte Räume, „mehr öffentliche Freiflächen, mehr Grün, weniger Autos“. Ihre Lösungen sind nicht nur coronakonform, sondern bringen auch Klimaschutzziele und weitere Faktoren zusammen. Soziale Isolation ist der wirkstärkste negative Prognosefaktor, welcher der Gesundheitsforschung bekannt ist. Kinnert plädiert für „Anti-Einsamkeitsräume“, für „Lichtungen“, die Raum für Neues, Innovatives und Kreatives öffnen. Sie fordert: „Soziale Teilhabe als Klebstoff in Zeiten der Auseinanderdrift.“

Die neue Einsamkeit ist ein sehr wichtiger Debattenbeitrag, während die sich aus der Corona-Krise ergebenden gesellschaftlichen Probleme schon die Medien prägen. Sie bilden die Leitartikel jeder aktuellen Ausgabe der FAZ am Sonntag („Tierheime befürchten Überfüllung“, 13.06.2021, „Lehrer befürchten Leistungseinbruch“, 20.06.2021). Der SPIEGEL nahm das Thema Einsamkeit auf die Titelseite (Ausgabe 25/ 2021) und zitierte aus Kinnerts Buch. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung warnt in einer rein digitalen Arbeitswelt vor Einsamkeitserfahrungen und seelischen Belastungen. Deshalb seien alle Veränderungen „als wirkliche Gestaltungsaufgabe und Lernprozess zu verstehen“. Dabei geht es auch in der dynamischen Debatte endlich nicht mehr nur um die Einsamkeit der älteren Menschen. Sascha Lobo schrieb im Mai 2021 erzürnt: „Corona hat mit pandemischer Gnadenlosigkeit offengelegt, wie wenig junge Menschen in Deutschland zählen.“ Und er kommentierte: „In Sachen Corona haben sich Scharen junger Menschen in den Zwangsdeal gefügt, über ein Jahr ihres Lebens zu opfern, vorrangig, um Ältere zu schützen. Im Gegenzug bekamen sie wenig“. Kinnert appelliert, das Thema Einsamkeit müsse „raus aus der Tabuzone“. Das ist es bereits. Welche Konsequenzen die Politik, Arbeitgeber und alle Menschen für sich aus den Erfahrungen der Corona-Krise und der beschleunigten Digitalisierung ziehen, ist offen. Auch die neuen Klimaschutzziele passen nicht zu einer zu unbedachten Rückkehr zu globaler Reisetätigkeit und in eine Welt völlig ohne Homeoffice. Es darf kein „Augen zu und weiter. Ein jeder für sich“ geben, vor dem Kinnert eindringlich warnt. Die richtige Mischung zu finden, eine neue Arbeitswirklichkeit und ein neues Miteinander zu schaffen, ist eine spannende und geradezu historische Aufgabe nach und während der ebenso historischen Krise.

Titelbild

Diana Kinnert: Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2021.
447 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783455011074

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