Lesen in der Corona-Krise – Teil 10

Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge bringen sich auf den neuesten Stand

Von Jonas HeßRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jonas Heß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Trotzdem heißt das kleine Bändchen, in dem sich Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge über die Dimensionen und die Folgen der Corona-Krise unterhalten. Es ist eines der mittlerweile zahlreichen Bücher, die sich – in großer Eile auf den Markt gebracht – nur wenige Wochen oder Monate nach Beginn der Krise in Europa quasi in „Echtzeit“ mit dieser auseinandersetzen. Der Titel nimmt Bezug auf die Stelle in Thomas Manns Tod in Venedig, an der sich Aschenbach versichert, dass alles Große als ein Trotzdem dastehe. Ob das nun heißen soll, dass die beschleunigte Produktion des Bandes oder die darin skizzierten Ideen für die Zeit nach Corona das ‚Große‘ sind, bleibt dahingestellt.

Bei dem Text handelt es sich, wie wir eingangs informiert werden, um „zwei Gespräche über einen Instant-Messaging-Dienst“ zwischen Schirach und Kluge. Was zunächst aufgrund des Entstehungskontextes nachvollziehbar ist – die Gespräche fanden am 30.03.2020 statt – erscheint dann doch einigermaßen verwunderlich, sobald man sich den „Gesprächen“ zuwendet. Denn diese machen den Eindruck, ein Publikum sei stets mitgedacht. Meist erzählen die Autoren sich nämlich, was sie beide anscheinend längst wissen.

So informiert von Schirach seinen Gesprächspartner beispielsweise, dass die Spanische Grippe, die ihren Anfang mutmaßlich in Kansas genommen habe, wahrscheinlich vom Schwein auf den Menschen übertragen wurde, was Kluge irritierenderweise mit dem Hinweis zur Kenntnis nimmt, dass Elektronenmikroskope immer seltener an Fotoapparate angeschlossen seien. Nachdem die beiden einige Sätze zur Problematik der Triage – ein Begriff, der dabei zwar vorausgesetzt aber irgendwie trotzdem auch erläutert wird – ausgetauscht haben, fasst Kluge seinem Gesprächspartner dessen eigenes Theaterstück Terror kurz zusammen, damit dieser die Verbindung zum vorherigen Thema herstellen kann. Als von Schirach Kluge die Entstehungsgeschichte von John Lockes Hauptwerk, Vom Geist der Gesetze, näherbringt, demonstriert Kluge mit einem kurzen Einwurf implizit, dass er wohl weiß, wie es um diese bestellt ist, was Schirach jedoch nicht davon abhält, noch einmal weiter auszuführen, worüber die beiden sich längst bewusst und einig sind.

Und so geht es durch die halbe westliche Kulturgeschichte der Neuzeit: in loser Reihung von u.a. – natürlich – Boccaccio über Papst Gregor VII., John Locke, Voltaire, Dante, die Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, von denen einer – fun fact – ein Vorfahre von Schirachs ist, Kleist, Rousseau, Zweig, die Nazis bis selbstredend zu Thomas Mann. Zwar ist es spannend zu lesen, welch zahlreiche Verknüpfungen die beiden Autoren hier ziehen und wie sie diese – an manchen Stellen – gedanklich mit der Pandemie in Verbindung bringen, vor allem die Kürze des Bandes und des Gesprächs führt aber dazu, dass das Ganze sehr an der Oberfläche bleibt und schnell zu einer Art kulturhistorischem Name-, Story- und Anekdotendropping degeneriert.

Diese Masse an Bezugspunkten kann zudem meist nur durch ein gewisses Maß an Assoziation in einen Zusammenhang gebracht werden, was manchmal in eher kryptische Ausführungen mündet. So von Schirach:

Thomas Mann sagte über Jünger, er sei ein „eiskalter Wollüstling der Barbare“. Das trifft auf Schmitt ebenso zu. Hobbes wollte Bürgerkriege verhindern, wie alle Menschen sehnte er sich nach einem Leben in Frieden. Aber die Folgen seiner Gesellschaftstheorie waren schrecklich – bis in die Moderne hinein. Am 1. Juli 1934 lässt Hitler Ernst Röhm, den Stabschef der SA, weitere Führungskräfte der SA und andere […] ermorden. Es sollen bis zu 200 Menschen gewesen sein.

Ja, was will man dazu sagen? Kluge weiß es: mehr Infos zum Röhm-Putsch, durch die wir erfahren, dass die Gesellschaft 1934 noch nicht auf den vollen Faschismus vorbereitet ist und Röhm – hört, hört! – Hitlers einziger Duz-Freund war.

Dankbarerweise kommen die beiden jedoch gegen Ende nicht nur zurück in die Gegenwart, sondern auch zu einem Ausblick, einer Utopie für die Zeit nach Corona und plädieren hier u.a. für einen Umbau des Gesundheitssystems, eine europäische Verfassung, das individuelle Recht, über die eigenen Daten zu bestimmen, und den Anspruch auf eine intakte Umwelt. Da mag man ihnen gerne zustimmen, schade nur, dass diese Gedanken nicht mehr ausgeführt werden können, weil der Weg zu ihnen über so viele pandemiefremde Umwege führte. Aber egal, ihre Überlegungen zu all diesem anderen haben von Schirach und Kluge schon mal zu Papier gebracht. Trotzdem!

 

Hinweis: Alle bisher erschienenen Teile unserer Reihe „Lesen in der Corona-Krise“ finden Sie hier.

 

Titelbild

Ferdinand von Schirach / Alexander Kluge: Trotzdem.
Luchterhand Literaturverlag, München 2020.
80 Seiten, 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783630876580

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