Der Fluss des Lebens

Uwe Kolbe dichtet in „Das Alter der Elbe“ über Vergänglichkeit und Zeitlosigkeit

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Aus den Fragmenten, die vom vorsokratischen Philosophen Heraklit überliefert sind, stammt die vielzitierte Weisheit: „Alles fließt.“ Wer mit freier Deutungslust sich den Bedeutungshorizont des Sinnspruchs vergegenwärtigt, dem mögen antike Götternamen, etwa Apollo, – wie in dem neuen Gedichtband von Uwe Kolbe – ebenso in den Sinn kommen wie verlockende Sirenengesänge aus der Sagenwelt des Odysseus oder auch das zeitlose Bewusstsein der Vergänglichkeit im Zyklus des Lebens. Geschichtsmächtig, geschichtsträchtig ist der titelgebende Fluss, um den Lyriker Uwe Kolbe seine Verse ordnet, spielerisch, auch mit Ernst, im Wissen darum, dass die Kiesel „nicht alle Flussmuschelschalen zerrieben“ haben und dass man Legenden noch neu oder wieder entdecken kann.

Der Fluss möge, so das lyrische Ich, von der Quelle her erzählt sein, wie das menschliche Leben vielleicht auch und nicht weniger, von der Geburt an oder der Herkunft her,, denn der Mensch trete ein in die „Menschenspur“. Die Elbe beginnt so am „Elbfall“ – wo sonst, in dem böhmisch-tschechischen Land, im Riesengebirge. Das Kind, das lyrische Ich, vielleicht auch die innere Stimme des Lyrikers, vernehme ein „dunkel glimmendes Erz“, stammend „aus der Kammer des Berggeists“. Dort entspringt der Fluss, der Deutschland durchzieht, einst auch teilte und heute verbindet, „von Böhmen bis zum Meergrau“, Landschaften und Städte durchfließend. Kolbe benennt „Mythologien“, die nicht in Schriftform gebildet sind, sondern von Natur gezeichnet. Koloriert von den Farben der Berge, von den Gestaden der Ufer, bahnt sich im „Gesang“ vieler Sprachen der Fluss seinen Weg. Manche fahren dahin auf einem „Floß ohne Wiederkehr“. Die Götter müssten gütig gestimmt werden, Apollon Embasios erscheint, der die Einsteigenden beschirmte und behütete, es genüge nicht, „auf das Glück zu vertrauen“:

Was gäbe es sonst außer,
die schon am Abend des Tags
mit den Fluten sich mischen,
salzige Tränen?

Wer im Wasser versinkt, versinkt für immer, doch ob Apollons Geleit oder Hermes‘ Fürsprache genügen? Kolbe stellt Streifzüge von ferne durch die Geschichte an. Lyrisch verdichtet benennt er die „Schlachten“, in denen Brücken zerstört wurden. Immer wieder, immer wieder neu werden in allen Jahrhunderten also „salzige Tränen“ vergossen, auch dies ist der Lauf der unausweichlichen Endlichkeit.

Bildhafte Vergleiche werden gestreift, gewürdigt und bedacht, etwa wenn – eine „weit verbreitete Metapher“ – alle Brücken abgebrochen werden. Dieser Abbruch sei vielsagend, möglicherweise auch verschleiernd, denn dieses Tun bedeute etwas für die Landschaft, es könne „desaströs“ sein und vieles verändern. Zugleich aber, gibt das lyrische Ich zu bedenken, bleibt es doch bloß ein Wort, eine Wendung: Es könne etwas bedeuten, aber es müsse nichts notwendigerweise implizieren. Der Fluss, auch der Lebensfluss, relativiert so viele Worte. Sie fließen dann dahin und entschwinden. Dann tritt, fast leibhaftig, das „lyrische Ich“ auf, das nach dem Wort des Dichters „vor einhundert Jahren“ geboren, das heißt in die Welt gesetzt wurde:

Das tosende Wasser umhüllt ihn und schleudert
ins Licht seinen Körper, alterslos, traumgegeben.
Zu schwimmen ist zwecklos, er wird emporgerissen
ins Licht wie des Himmels, das ist die Wahrheit.

Der Fluss bestimmt die Richtung, gegen ihn anzuschwimmen ist unmöglich. Alle, die in der Vergänglichkeit fortbewegt werden, mögen noch an Steuerung denken, wenigstens Orientierung, doch auch diese bleibt aus, sie werden fortgerissen, fortgetrieben, mit ihnen alle Gedanken, Überlegungen, Pläne und guten Absichten. Das „tosende Wasser“ bestimmt den Rhythmus und nimmt alle auf, die sich in ihm befinden. Der Fluss des Lebens setzt die Töne, niemand anders fungiert hier als Tonsetzer. Auch jene nicht, die darauf vertrauen oder wenigstens hoffen. In der „christlichen Zeit“ wurde das „Buch der Bücher“ aufgeschlagen, und zumindest wird dem lyrischen Ich „hier und da“ das Kreuz aufragend sichtbar, jenes Kreuz, „das wir trugen im Verschwinden“. Rauscht alles fort, dahin, für immer? Uwe Kolbe lässt die Tür zur Hoffnung wider alle Hoffnung zumindest einen Spalt breit offenstehen, und scheut sich, doppelsinnig, nicht – „Mein Gott“ – zu schreiben, zu dichten, wenn er den Blick von oben auf das „Kunstwerk Gebirge“ zeigt, zugleich das „Kunstwerk Verfall“ niemals vergessend.

Die Dichtung bleibt, zählt zum Erwachsen-Sein:

Was ist schön daran, erwachsen zu sein?
Gut, es gibt dieses und jenes, das schön ist,

doch einmal, in einer Sommernacht
– die Luft steht still, es ist fast so heiß

wie am Tag, und sie, für die dein Herz
schlägt, atmet ruhig im Schlaf – da also,

hellwach, du hast gelesen, legst das Buch
aus der Hand, gehst an den Kühlschrank

und schenkst dir Weißwein in ein Glas,
es beschlägt sofort, du nimmst das Buch

wieder zur Hand und fährst fort zu lesen,
Gedichte, wirkliche, echte Gedichte.

Zu wissen, was echte Gedichte sind,
das ist schön daran erwachsen zu sein.

Eine leise, sanfte, zärtlich fließende Ironie scheint hervorzutreten, denn wer wünscht sich „echte Gedichte“? Es ist ein Kinderwunsch, nach Authentizität, nach Glaubwürdigkeit, nach den Farben einer eigenen, schönen Welt, nicht nach Trug und Illusion, sondern nach dem Erwachsen-Sein. Und dieser Wunsch kehrt wieder, bleibt erhalten, begleitet durchs Leben, das nur manchmal sanft und ruhig dahinfließt. Von dem rauschenden Fluss erzählen Kolbes Verse, berührend, bemerkenswert, die bestehen bleiben und von Dauer sind, wie „echte Gedichte“, von denen Kinder träumen und an denen sich Erwachsene erfreuen und für die sie auch dankbar sein dürfen. Bücher wie diese legen wir nicht für immer aus der Hand, wenn sie gelesen sind, wir nehmen sie „wieder zur Hand“, wie der Dichter schreibt, und lesen darin, noch einmal und immer wieder, im Lauf des Lebens. Gedichte wie diese, „echte Gedichte“, bleiben auf eine gewisse Weise und im besten Sinne zeitlos.

Titelbild

Uwe Kolbe: Das Alter der Elbe. Gedichte.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2026.
144 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783103977011

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