Von Frauen, Männern und Menschen

Charlotte Perkins Gilman erklärt, wie es zur Kultur der Männer kam

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Charlotte Perkins Gilman zählt zu den nicht allzu vielen US-amerikanischen Autorinnen der vorletzten Jahrhundertwende, deren Werke noch immer regelmäßig neu aufgelegt werden, und zwar nicht nur in ihrem Heimatland, sondern auch im deutschsprachigen Raum. Bemerkenswert ist zudem, dass sie immer wieder in neuen Übersetzungen erscheinen. Dabei interessieren sich gleich mehrere Verlage für die feministische Autorin. So brachte beispielsweise der Österreichische Mandelbaum Verlag 2017 den Roman Diantha heraus, im Jahr darauf erschien im Züricher Dörlemann Verlag ihr wohl bekanntestes Werk Die gelbe Tapete  in der wer weiß wievielten Ausgabe.

All dies sprich für die Qualität des ebenso umfangreichen wie vielfältigen Œuvres der Schriftstellerin. Doch heißt es keineswegs, dass bereits alle Werk Perkins Gilmans in deutscher Übersetzung vorliegen. Weit gefehlt. Der Philosophin Ursula P. Meyer ist es zu verdanken, dass mit Die Kultur der Männer nun eine weitere der theoretischen Schriften erstmals in deutscher Übersetzung erscheinen konnte. Der Aachener ein-Fach Verlag brachte sie auf den Markt.

Wie aus Meyers Einleitung zu erfahren ist, handelt es sich um den „ersten Sachtext“, den die feministische Autorin für die von ihr selbst herausgegebene Zeitschrift The Forerunner schrieb. Das spricht schon einmal für das historische Interesse an der Schrift. Ob ihre „scharfsinnige Analyse“ aber, wie Meyer meint, „bis heute nicht an Bedeutung verloren“ hat, ist fraglich. Allzu viel hat sich in der (Kultur-)Wissenschaft seither getan. Und niemand würde heute noch derart auf tatsächliche oder vermeintliche Analogien und Parallelen zwischen dem Leben im Tierreich und in zwischenmenschlichen Beziehungen rekurrieren wie Perkins Gilman, ohne sich den Vorwurf des Biologismus einzuhandeln.

Sehr modern klingt hingegen ihre nicht ganz unwichtige Feststellung, „dass unser Mensch-Sein nicht so sehr in dem liegt, was wir als Einzelwesen sind, sondern in unseren Beziehungen untereinander; und selbst jene Individualität ist nur das Ergebnis unserer Beziehungen untereinander. Sie liegt eher in dem was wir tun, als in dem, was wir sind.“

Auch sonst sind ihre Argumente oft interessant. So ist zum Beispiel die grundsätzliche Unterscheidung zwischen dem Menschlichen, dem Weiblichen und dem Männlichen noch immer diskutabel: „Das, was dem Männchen eigen ist – jedem Männchen, ungeachtet seiner Gattung, ist männlich. Das, was jedem Weibchen eigen ist, jedem Weibchen ungeachtet der Gattung, ist weiblich.“ Jeder Mensch und jedes Tier hat demzufolge sowohl einen geschlechtsspezifischen wie auch einen artenspezifischen Charakter. Ersterer ist der Autorin zufolge artenübergreifend zweigeteilt in einen weiblichen und einen männlichen, während das spezifisch Allgemeinmenschliche allen Menschen gemein ist. Entsprechend verhält es sich auch in der (übrigen) Tierwelt. Alle weiblichen Tiere teilen artenübergreifende weibliche Eigenschaften, alle männlichen Tiere männliche. Was die Arten voneinander unterscheidet, sind die artenspezifischen Eigenschaften, die den jeweiligen Männchen und Weibchen einer Art gemeinsam sind.

Hinsichtlich der menschlichen Gattung hat sich der Autorin zufolge nun allerdings eine problematische Entwicklung vollzogen: „Wir sind derart mit den Phänomenen der Männlichkeit und der Weiblichkeit beschäftigt gewesen, dass unser gemeinsames Menschsein fast gar nicht bemerkt wurde.“ Die Geschichte, so wie sie bisher verlaufen ist, konstatiert die Autorin, „wurde von Männern gemacht und niedergeschrieben“. Daher wurden „alle menschlichen Standards auf männliche Charakteristika gegründet“. Entsprechend wurde „seit der Morgendämmerung der Zivilisation für selbstverständlich gehalten, dass ‚Mensch-sein‘ Mann-sein bedeutet, und dass die Welt ihnen gehört“. Das buchstabiert Perkins Gilman in 14 Kapiteln von der Familie und der Erziehung, über Kunst, Literatur, Spiel und Sport bis hin zu Religion, Gesetz, Politik und Krieg aus. Dabei zeigt sie, dass sie nicht nur die zeitgenössischen Geschlechterdiskurse in den USA verfolgt, sondern beispielsweise auch die Publikationen der Misogynisten im deutschsprachigen Raum rezipiert hat. So erwähnt sie etwa den über den angeblichen „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ öffentlich delirierenden Psychiater Paul Julius Möbius und den „armen jungen Weininger“.

Die Absicht des vorliegenden Buches besteht nun nicht etwa darin, „Männern einen vollkommen schlechten Einfluss zuzuschreiben und Frauen einen vollkommen guten“. Vielmehr geht es der Feministin darum, aufzuzeigen, „was männliche Züge im Unterschied zu menschlichen sind, und welche Auswirkungen die ungezügelte Dominanz eines Geschlechts auf das andere hatte“. Ihrem niederschmetternden Befund der Auswirkungen männlicher Vorherrschaft stellt sie nicht etwa eine anzustrebende Prädominanz des Weiblichen gegenüber, sondern argumentiert, „dass der Einfluss der beiden gemeinsam besser ist als jener von einem allein“.

Die Kultur der Männer ist weitgehend unterhaltsam geschrieben, voller witziger Einfälle und ironischer Wendungen. Vor allem aber entwickelt Perkins Gilman originelle Argumentationen, die sie allerdings gelegentlich nicht ganz klar darzulegen weiß. Auch überzeugen sie aufgrund von Erkenntnissen, die in den letzten 100 Jahren gewonnen wurden, nicht immer. Dennoch bleibt die Lektüre des Buches insgesamt ein Vergnügen. Getrübt wird es dadurch, dass einige der Kerngedanken allzu oft wiederholt werden. Trotz einiger hoch aktuell anmutender Bemerkungen zum Beispiel über „große, schreckliche, weitreichende, weit verbreitete Verbrechen“, „die Gemeinschaft mit schlechter Nahrung zu vergiften“ oder „Luft und Wasser zu verschmutzen“ ist es alles in allem eher von historischem als von aktuellem Interesse.

Titelbild

Charlotte Perkins Gilman: Die Kultur der Männer.
Herausgegeben und eingeleitet von Ursula I. Meyer.
Übersetzt aus dem Englischen von Petra Altschuh-Riederer.
ein-FACH Verlag, Aachen 2018.
221 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783928089845

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