Eichmann und Heidegger, Brecht und Benjamin

Hannah Arendts „Vorträge und Aufsätze 1963-1977“ sind großenteils noch immer instruktiv

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hannah Arendt zählt zu den bedeutendsten PhilosophInnen, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Bekannter allerdings wurde die jüdische Autorin durch ihre politischen Publikationen und Stellungnahmen, für die sie einerseits von ihren GlaubensgenossInnen, andererseits von Seiten der kommunistischen Linken zwar Widerspruch erntete. Von jüdischer Seite wurde sie wegen ihrer Berichterstattung über den Eichmann-Prozess und der in diesem Zusammenhang bekanntgewordenen, insbesondere auf den Angeklagten gemünzten Sentenz von der „Banalität des Bösen“ kritisiert. Arendt war 1963 als Prozessbeobachterin nach Jerusalem gereist und veröffentlichte regelmäßig Prozessberichte in der Zeitschrift The New Yorker. Noch im gleichen Jahr erschienen diese in Buchform unter dem Titel Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil.

 Der kommunistischen Linken wiederum missfiel ihre Untersuchung Ursprünge und Elemente totalitärer Herrschaft (1955), in der sie vor allem auf die nationalsozialistische Herrschaft und ihren Antisemitismus einging. Hier beleuchtete sie allerdings auch die totalitäre Politik  Stalins und in späteren Auflagen auch Maos, wobei sie den terroristischen Charakter jeder totalitären Herrschaft als deren Wesen analysierte. Arendt zufolge eine Gemeinsamkeit, welche die extreme Rechte mit der extremen Linken verbindet.

Der nun erschienene Band enthält mit Vorträgen und Aufsätzen aus den Jahren 1961 bis 1977 Veröffentlichungen der „Starintellektuelle[n]“ und „umstrittensten politischen Theoretikerin“. Als solche charakterisiert Thomas Meyer Arendt in seiner Vorbemerkung zum Sammelband.

Von den chronologisch angeordneten zwanzig Texten Arendts sind einige philosophisch, andere politisch oder gar tagespolitisch. Nicht wenige changieren zwischen beiden Bereichen, wobei ersteres durch letzteres fundiert wird. Eine Reihe von ihnen hat seit ihrem Erscheinen nicht an Relevanz eingebüßt, und teilweise sogar an Aktualität gewonnen. Andere hingegen sind heute kaum noch bedeutend. Gelegentlich führt die wiederholte Beschäftigung mit ein und demselben Thema zu Redundanzen, die auch schon einmal wortgleich sein können.

Andere Texte sind biographischer Natur. Auch enthält der Band Würdigungen, die etwa Karl Jaspers gelten, sowie eine Eloge auf Martin Heidegger und sein „leidenschaftliche[s] Denken, in dem Denken und Lebendigsein eins werden“. Arendt hat sie anlässlich seines achtzigsten Geburtstags verfasst. Seine nationalsozialistische „Eskapade“ verschweigt sie zwar nicht, verbannt sie jedoch in eine Fußnote. Angesichts dessen, dass sich Heidegger im Herbst 1933 in einer studentischen Zeitschrift seiner Universität zu der Aussage verstieg: „Nicht Lehrsätze und Ideen seien die Regeln eures Seins. Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz“, erscheint Arendts Interpretation, es handele sich um eine Eskapade, doch recht verharmlosend. Heidegger selbst versuchte in einem 1966 durchgeführten und nach seinem Tod 1976 veröffentlichten Spiegel-Interview die zitierte Aussage damit zu rechtfertigen, er habe halt „Kompromisse“ eingehen müssen. Auch Arendt exkulpiert ihn gleichsam, indem sie sein von ihm „nach kurzer Zeit eingesehen[es]“ „Irren“ in einem Atemzug mit Platos Bewunderung für Dionysios I., den Tyrannen von Syrakus, nennt. In dieser Erhöhung, wenn nicht gar Überhöhung Heideggers auf das Niveau Platos hallte möglicherweise dessen frühe Rechtfertigung, wenn nicht gar Selbstexkulpation in seiner Schrift Aus der Erfahrung des Denkens (1934) „Wer groß denkt, kann groß irren“ nach.

Eröffnet aber wird der Band nicht mit Heidegger, sondern mit dem 1963 im Merkur erschienenen Text Adolf Eichmann. Von der Banalität des Bösen, der als Zusammenfassung des Buches Eichmann in Jerusalem betrachtet werden kann. Arendt kommt aufgrund ihrer Prozessbeobachtung zu dem Schluss, Eichmann sei „nicht aus Überzeugung in die Partei [NSDAP] eingetreten“. Auch sei „nie ein überzeugtes Parteimitglied aus ihm geworden“. Ebenso wenig handele es sich bei ihm um einen „Fall von Antisemitismus oder von besonderer ideologischer Verblendung“. Das „Dilemma zwischen dem namenlosen Entsetzen vor seinen Taten und der unbestreitbaren Lächerlichkeit des Mannes, der sie begangen hatte“, liege denn auch darin, „daß dieser Mann kein ‚Ungeheuer’ war“, sondern ein „Hanswurst“, der nur in Klischees sprechen könne. Diese Analyse des Täters brachte ihr den Vorwurf ein, sie sei auf Eichmanns Schauspiel während des Prozesses hereingefallen, und kostete sie noch im gleichen Jahr ihre Freundschaft mit Gershom Gerhard Sholem. Ein kurzer Briefwechsel, der das Ende dieser Freundschaft bezeugt, ist ebenfalls in dem Band dokumentiert. Arendt betont Sholem gegenüber, „daß das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal; es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie“. Eben wie Eichmann.

Wiederholt befasst sich Arendt mit dem Phänomen der Revolution. Der vorliegende Band enthält neben dem gleichnamigen Text von 1963 einen weiteren aus dem Jahr 1965 mit dem Titel Krieg und Revolution. Ersterer beleuchtet die Begriffsgeschichte des Wortes Revolution, das erst mit der Neuzeit aufkam und sodann eine Umkehrung seines Inhalts erfuhr. Denn, wie Arendt informiert, wurde unter dem Wort zunächst das verstanden, „was wir heute als Restauration bezeichnen“. Zudem räsoniert die Autorin über die Inhalte der Worte Freiheit und Befreiung und kommt zu dem Schluss, gesellschaftliche Veränderungen verdienten es nur dann, revolutionär genannt zu werden, wenn sie auf Befreiung zielten. Dies impliziert selbstverständlich, dass sich die nationalsozialistische Bewegung selbst missverstand, als sie sich für revolutionär hielt.

Dass auch Arend gehörig irren kann, zeigt der zweite Text, in dem sie etwa konstatiert, dass „Krieg und Revolution […] alle ideologischen Rechtfertigungen überlebt [haben]“. Bekanntlich sind derlei Rechtfertigungen auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach Arendts Befund noch immer hochvirulent. So soll etwa die imperialistisch motivierte Ideologie vom großrussischen Reich den Angriff auf die Ukraine rechtfertigen. Ein weiterer Irrtum Arendts besteht darin, dass angesichts der Massenvernichtungswaffen „ein zweckmäßiger Einsatz von Gewalt- und Vernichtungsmitteln nicht mehr möglich ist“ und sich daher „das allmähliche Verschwinden des Krieges überhaupt von der Bühne der Politik [vorbereitet]“. Diese Fehleinschätzung bekräftigt sie noch einmal in den 1970 erschienenen Reflexionen über Gewalt: In diesen prognostiziert Arendt, „daß die Vervollkommnung der Gewaltmittel“ dazu führen werde, „die Kriegsführung unmöglich zu machen“.

Plausibel sind hingegen ihre Darlegungen zum prinzipiellen Unterschied zwischen Macht und Gewalt. Beide, sagt sie, seien geradezu „Gegensätze“. Denn „Gewalt tritt auf den Plan, wo Macht in Gefahr ist“. Vor allem aber wendet sie sich sehr zu Recht gegen Jean-Paul Sartres menschenverachtende Feier der revolutionären Gewalt in seinem Vorwort zu Frantz Fanons Buch Les damnés de la terre. (1961). Ein weiteres damals tagesaktuelles Thema der Reflexionen über Gewalt ist die „Studentenrebellion“, deren „Rufe nach Mao, Castro, Che Guevara und Ho Tschi Minh“ sie an „pseudoreligiöse Beschwörungen“ erinnern. Auch moniert sie, dass „der Mut dieser Generation mit einer ausgesprochenen Zaghaftigkeit in theoretischen Angelegenheiten Hand in Hand geht“, die sich oft darin äußerte, dass sie sich an die ‚Klassiker’ Marx, Engels und Lenin, wenn nicht gar Stalin, klammerte.

Mit einer anderen RevolutionärIn befasst sich Arendt 1968 anlässlich der ihr gewidmeten Biografie von Peter Nettl. Die Rede ist von Rosa Luxemburg, der „umstrittenste[n] und mißverstandendste[n] Gestalt der deutschen Linken“. Noch heute gilt, dass „die Rosa-Luxemburg-Legende zum Inbegriff der Sehnsucht nach der guten alten Zeit der Bewegung“ wurde, die sich immer noch alljährlich während der Trauerdemonstrationen anlässlich des Jahrestags der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beobachten lässt. Gar nicht erst wahrgenommen wurde und wird von Luxemburg-Fans ihre „Abscheu vor der Emanzipationsbewegung, von der sich alle anderen Frauen ihrer Generation und politischen Überzeugung außerordentlich angezogen fühlten“. Gut, dass Arendt daran erinnerte.

Dass Luxemburg, wie Arendt erklärt, „keine orthodoxe Marxistin war“, lässt sich leicht begründen, kaum jedoch, „daß sich bezweifeln lässt, ob sie überhaupt Marxistin war“. Sicher zutreffend ist jedenfalls, dass „ihre Beschäftigung mit der Revolution […] in erster Linie eine moralische Angelegenheit [war]“.

Stellt Arendt in Zweifel, ob Luxemburg eine Marxistin war, so macht sie in Walter Benjamin den „seltsamste[n] Marxist[en]“ aus, „den diese an Seltsamkeiten nicht arme Bewegung hervorgebracht hat“. Neben einer Würdigung dieses Denkers nutzt sie den ihm gewidmeten Essay dazu, gegen „das übliche akademische Mißtrauen gegen alles“ zu polemisieren, „was nicht garantiert mittelmäßig ist“. Ihr Benjamin-Text wurde 1971 gemeinsam mit einem zweiten Essay veröffentlicht, der Bertold Brecht gewidmet ist, einem seiner Zeit „gemäße[n] Dichter“. Arendt vertritt in dem Text die gewagte These, „daß wir den Dichtern einen weiteren Verhaltensspielraum zugestehen müssen als wir einander gewähren“. Mehr noch, „der einzige Maßstab, nach dem auch das persönliche Verhalten des Dichters zu beurteilen ist“, sei „seine Dichtung“. Daher bräuchten „wir uns […] um Brechts persönliches Leben nicht zu kümmern“. So blendet sie Brechts instrumentelles und ausbeuterisches Verhältnis zu seinen nicht eben wenigen Geliebten aus, das ihr allerdings auch unbekannt gewesen sein mag. Ebenso harte wie berechtigte Kritik übt sie hingegen an Brechts Lobpreisungen der Unfehlbarkeit der kommunistischen Partei und der dichterischen Rechtfertigung von Stalins Schauprozessen in seinem Stück Die Maßnahme. Das seien zwar „nur gelegentliche Entgleisungen“, doch sei gerade der „Inhalt des Stückes [Die Maßnahme] nicht nur moralisch anfechtbar, sondern schlechthin abscheulich“. Auch habe die Übersiedlung in die DDR seinem Schaffen nicht eben gut getan.

Ebenfalls erwähnenswert sind Arendts 1972 gemeinsam veröffentlichte Essays über Wahrheit und Lüge in der Politik, in denen sie nicht nur behauptet, sondern etwa anhand einer ausführlichen Befassung mit den Pentagon-Papieren belegt, dass „Wahrhaftigkeit […] niemals zu den politischen Tugenden [zählte]“, zu lügen hingegen „immer als ein erlaubtes Mittel in der Politik [galt]“, wie „seit den Anfängen der überlieferten Geschichte“ bekannt sei. Doch zeige sich „bei näherem Zusehen“, „daß man der Staaträson jedes Prinzip und jede Tugend eher opfern kann als gerade Wahrheit und Wahrhaftigkeit“. Bedauerlicherweise sei es jedoch „um die Chancen der Tatsachenwahrheit, dem Angriff der politischen Macht zu widerstehen, […] offenbar sehr schlecht bestellt“. Das gilt auch heute noch. Erinnert sei nur an die Präsidenten der USA und Russlands.

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Hannah Arendt: Vorträge und Aufsätze 1961–1977.
Hg. von Thomas Meyer.
Piper Verlag, München 2025.
608 Seiten , 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783492321242

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