Die Entdeckung der persönlichen Geschichte

Neue Bücher über Leben und Werk Uwe Timms

Von Dirk HempelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Hempel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die erste Biografie Uwe Timms liegt vor. Sie ist gründlich gearbeitet und gut geschrieben. Der Verfasser, Martin Hielscher, Programmleiter für Literatur beim Verlag C. H. Beck, kennt seinen Autor gut. Er behandelt ihn von den Anfängen bis zur Gegenwart, das heißt von der Kindheit in den 1940er-Jahren bis zu den autobiografischen Werken "Am Beispiel meines Bruders" (2003) und "Der Freund und der Fremde" (2005). Im Mittelpunkt der Darstellung stehen das literarische Werk und Aktivitäten Timms im Literaturbetrieb. Hielscher stellt anfangs die frühen Einflüsse auf den späteren Schriftsteller heraus: den Vater als Geschichtenerzähler, die Lektüre von Abenteuerromanen, die ersten Schreibversuche des Zwölfjährigen. Das "Erzählzentrum seiner Kindheit" lag in der Küche einer Tante im Hamburger Gängeviertel, in der sich Prostituierte, Rausschmeißer, Werftarbeiter und Matrosen trafen und bei Kaffee und Zigaretten stundenlang "klönten".

Nach der Kürschnerlehre, die er 1958 mit "Sehr gut" bestand - ein hübsches Foto zeigt ihn mit weißem Kittel und Krawatte im Pelzgeschäft der Eltern -, beschritt er Anfang der 1960er-Jahre zielstrebig den zweiten Bildungsweg, als Vorbereitung auf ein anderes Leben, wie Hielscher zutreffend schreibt: Lesen und Schreiben wurden hier zu seiner Hauptbeschäftigung, und er freundete sich mit Benno Ohnesorg an, dessen gewaltsamer Tod am 2. Juni 1967 auch für Uwe Timm zum politischen Erweckungserlebnis wurde.

Der Studienzeit und dem frühen politischem Engagement Timms ist der zentrale Abschnitt des Buches gewidmet. Hielscher lässt allerdings nicht selten Zitate aus Timms Romanen sprechen, um von biografischen Ereignissen zu "berichten". Dadurch vermischt er die Ebenen von Fakten und Fiktion. Außerdem bringt er sich und seine Leser um eigene Formulierungen und dezidierte Bewertungen der Geschehnisse. Letztere geraten zuweilen etwas zu kurz, zu einer Reproduktion gängiger Klischees von Gesellschaft und Politik der Bundesrepublik vor 1968, die die Zeitgeschichtsforschung längst differenzierter behandelt. Warum Uwe Timm nun als Revolte gegen eine vermeintlich autoritäre Gesellschaft ausgerechnet in der straff organisierten, moskautreuen und antidemokratischen DKP "mitarbeitete", und wie diese Parteiarbeit eigentlich aussah, darüber hätte man gerne mehr erfahren. Auch über die Arbeit an der Autorenedition im Bertelsmann Verlag seit 1973, ein linkes Kollektiv von Herausgebern, Autoren und Verlagsmitarbeitern, ließe sich vielleicht noch mehr und anderes berichten, etwa wie es Erich Loest erging, als er seinen Roman "Es geht seinen Gang, oder Mühen in unserer Ebene" ohne Genehmigung der DDR-Behörden in Westdeutschland publizieren wollte und sich an Timm wandte (siehe dazu Loest, "Der vierte Zensor. Vom Entstehen und Sterben eines Romans in der DDR", Köln 1984).

So erzählt Hielscher - unterbrochen von längeren und kürzeren Romanzitaten oder Interviewpassagen - weiter, flüssig, aber ohne Überraschungen. Er referiert Inhaltsangaben der Romane von "Morenga" (1978) über "Kerbels Flucht" (1980) bis "Johannisnacht" (1996) und "Rot" (2001), liefert Interpretationsansätze und Deutungen, weist intertextuelle Bezüge und autobiografische Verbindungen ausführlich und kenntnisreich nach. Zumeist geht es in diesen Büchern um Vergangenheit und Erinnerung, um die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert und um das Weiterwirken in der Gegenwart, was sich nicht selten in den eigenen Geschichten widerspiegelt, etwa in der Auseinandersetzung mit dem Bruder ("Am Beispiel meines Bruders"), der sich freiwillig zur Waffen-SS meldete und nach schwerer Verwundung an der Ostfront starb.

Auch die Kinderbücher wie etwa "Die Zugmaus" (1981) oder "Rennschwein Rudi Rüssel" (1989)- warum bedeutendere Autoren zuweilen als Verfasser von Kinderbüchern hervortreten, ist wohl noch nicht untersucht worden - kommen nicht zu kurz. Dass Timm für jedes seiner vier Kinder eines geschrieben hat, liest man nur nebenbei. Auch mit weiteren biografischen Informationen hält sich Hielscher in der zweiten Hälfte seines Buches zurück. Sie sind nur noch gelegentlich in die Werkanalysen eingestreut: etwa dass Timm Ende 1974 mit seiner Frau ins Münchner Lehel zog, dass er im Jahr 1981 als "writer in residence" zwei Monate an der Universität von Warwick verbrachte und danach, um einer Belastung durch zahlreiche Verpflichtungen und politische Auseinandersetzungen zu entkommen, mit seiner Familie für zwei Jahre nach Rom ging, wo er prompt überfallen und ausgeraubt wurde.

So erfährt man insgesamt einiges über Kindheit und Jugend, viel über seine Werke, aber wenig über den Menschen Uwe Timm, den Alltag des Schriftstellers, seine Motivation, sein Verhältnis zu Kollegen, etwa zu den lange vor ihm etablierten, älteren Autoren oder zu Schriftstellern aus der DDR vor und nach der Wende. Der Faszination seines Gegenstandes ist Hielscher - im Gegensatz zu manch anderem Biografen - nicht erlegen, aber der Funke der Begeisterung will auch nicht so recht überspringen. Das Porträt bleibt, trotz bunter Gestaltung, wie in der Reihe "dtv portrait" üblich, etwas blass. Auch die zahlreichen farbigen Kästchen, die den Text ergänzen sollen, helfen nicht: Manches kommt da zusammen, neben Passagen aus Timms Werken auch Zitate von Bob Dylan, Hans Erich Nossack, Informationen aus dem Lexikon "Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert" und Passagen aus Heideggers "Sein und Zeit". Aber das bleibt so zufällig, wie es hier klingt, und ein Zugewinn will sich auch beim Lesen nicht recht einstellen. Den hätte eine ausführlichere Bibliografie in jedem Fall verschafft.

Das zweite Buch des Jahres 2007, das sich mit Uwe Timm befasst, "Erinnern, Vergessen, Erzählen. Beiträge zum Werk Uwe Timms", behandelt vor allem "Am Beispiel meines Bruders". Zwei Beiträge sind "Rot" gewidmet, auch "Kopfjäger" und die "Römischen Aufzeichnungen" sind dabei. Der Sammelband, herausgegeben von Friedhelm Marx, wendet sich an ein akademisches Fachpublikum, auch wenn nicht alle Beiträger vom Fach sind (ein Schriftsteller, ein Verlagslektor; aber - anders als von der Verlagswerbung angekündigt - anscheinend kein Literaturkritiker). Die Aufsätze versuchen, den Autor in den aktuellen Diskursen um Erinnerungskultur und Literatur zu verorten. Letztere soll die mündlich tradierte Erinnerung vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis überführen. Uwe Timm wirkt nach Meinung des Herausgebers und der Autoren daran mit. Der Sammelband geht zurück auf eine internationale Tagung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg im Sommer des Jahres 2005. Er wird eingeleitet durch einen Beitrag Uwe Timms über die Beziehung von Mythos und Erzählen am Beispiel eigener Texte, am Beispiel individueller und historischer Fixpunkte: Rückkehr des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft und Neugründung der Existenz, Mythos der Stunde Null, 1968, 1989.

Das Spektrum der im Sammelband untersuchten Fragen ist vielfältig, die Ergebnisse sind es nicht immer. Grundsätzliche Erwägungen zum Zusammenhang von Erinnerung und Geschichte, von Gedächtnis, Literatur und Geschichtsschreibung stehen neben der Untersuchung von Einzelaspekten im Werk, neben der engen Rückbindung an die untersuchten Texte. So entsteht zwar ein recht facettenreiches Bild, in dessen Fokus aber doch immer Timms Beschäftigung mit individuellen, familiären und kollektiven Gedächtnisinhalten steht. Bei aller Intensität der literatur- und medientheoretischen Auseinandersetzung kommt jedoch etwas zu kurz, was im Umgang mit zeitgenössischer Literatur, gerade bei einem über viele Jahre so "engagierten" Autor wie Uwe Timm, durchaus angemessen wäre: eine stärker literaturkritische Auseinandersetzung mit den Werken und eine etwas schärfere Sicht auf die gesellschaftspolitischen Intentionen des Autors.


Titelbild

Friedhelm Marx (Hg.): Erinnern, Vergessen, Erzählen. Beiträge zum Werk Uwe Timms.
Wallstein Verlag, Göttingen 2007.
254 Seiten,
ISBN-13: 9783835301177

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Martin Hielscher: Uwe Timm.
dtv Verlag, München 2007.
192 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783423310819

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