Die ständige Anwesenheit der Abwesenheit

Zu Gustavo Germanos Versuch, die verschwundenen Opfer der argentinischen Militärdiktatur ins Bild zu retten

Von Christian LuckscheiterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christian Luckscheiter

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In einer neuen, auf verwaistem Terrain erbauten argentinischen Stadt, die innerhalb kurzer Zeit zu einer blühenden Metropole herangewachsen ist, zeigen sich plötzlich Symptome einer eigenartigen Unruhe: Die Bewohner, so schreibt Julio Cortázar in seiner Erzählung von 1981, fühlen sich von seltsamen Kräften, von Ahnungen und Ängsten bedrängt. Ihnen – oder zumindest den Sensibelsten unter ihnen – wird schließlich klar, dass sie ihre Stadt auf einem Friedhof errichtet haben, von dem kein Zeichen mehr zeugte; dass sie also in einer Art Nekropole leben, auf Toten erbaut, „und dass die Toten auf ihre Weise zurückkommen und in die Häuser, in die Träume, in das Glück der Bewohner eindringen können“. Das Glück, der Reichtum, das blühende Leben der neuen Stadt ist kontaminiert, das Neue wird von seiner Vergangenheit eingeholt, wie von einem Fluch, „für den es keine Worte gibt und der trotzdem auf alles, was diese Menschen über einer Nekropole errichtet haben, sein unaussprechliches Grauen legt“.

Gibt es für die Ermordung und das Verschwinden von etwa 30.000 Menschen durch die argentinische Militärjunta in den Jahren von 1976 bis 1983 keine Worte?

Gustavo Germano, dessen ältester Bruder Eduardo von der argentinischen Polizei tagelang gefoltert und am 23. Dezember 1976 ermordet wurde, versucht, das Grauen mit Fotografien auszusagen. Sein Fotoprojekt „ausencias“ soll zeigen, wie es ist, wenn ein Mensch plötzlich gewaltsam aus dem Kreis seiner Familie, seiner Verwandten und Freunde herausgerissen wird und spurlos verschwindet, wenn die Angehörigen Jahrzehnte mit einer „unerklärlichen Abwesenheit“ und einer „qualvollen Leere“ leben müssen, die die desaparecidos hinterlassen; „dass man selbst da war und da ist, dass sie da waren und es nicht mehr sind“, wie Germano sagt. Er kombiniert dazu alte Fotos, die aus Familienalben von Hinterbliebenen stammen und die Verschwundenen im Zusammensein mit Angehörigen oder Freunden zeigen, mit neuen, auf denen er die Szenen der ausgewählten Fotos mit den Überlebenden nachstellt. Auf jedem Foto Germanos fehlt also mindestens eine Person. In dieser Inszenierung der Abwesenheit wird auf so einfache wie geniale und brutale Weise die Lücke sichtbar gemacht, die die Ermordeten hinterlassen haben und bis heute hinterlassen. Die Fotos zeigen die starke Verbindung und extreme Spannung zwischen den zwei argentinischen Zeiten auf – vor und nach der Militärdiktatur. Sie fügen damit dem fotografischen Gedenken der Toten – den Fotos aus der Zeit vor ihrem Verschwinden, den von Víctor Basterra aus den Folterkammern geretteten Fotos, die die Militärs von den noch lebenden Verschleppten gemacht haben, und den Fotos von ihren Skeletten und Knochen – eine weitere Form hinzu. Zeigen diese Fotos aber die Verschwundenen, indem sie die Lücken zeigen, die sie hinterlassen?

Martín Caparrós warnte angesichts von verschiedenen Auseinandersetzungen mit der Zeit der argentinischen Militärdiktatur davor, die Verschwundenen auf ihren passiven Opferstatus zu reduzieren, sie im Gedenken noch einmal zum Verschwinden zu bringen. Germanos Fotos stellen dieses zweite Verschwinden der Verschwundenen dar. Ihm geht es aber auch um das Belichten der ständigen Anwesenheit der Abwesenden.

Sein Fotoprojekt zeigt vor allem diejenigen, die noch da sind, die Überlebenden, und die Spuren, die die Geschichte an ihnen, in ihren Gesichtern hinterlassen hat; Blicke, Falten, Ausdrücke, die verstören, vor allem im Gesicht von Laura Cecilia Méndez Oliva, die vor weißen Gardinen schmalschultrig und mit gefalteten Händen verloren an einem Bett hockt, am Bildrand ein gerahmtes Foto, auf dem womöglich die verschwundenen Eltern zu sehen sind, die auf dem gegenüberliegenden Foto vor geblümter Gardine die kaum einjährige Laura Cecilia freudestrahlend in ihrer Mitte auf dem Arm halten.

Ein anderes Foto zeigt allerdings gar nichts und niemanden mehr, weder Verschwundene noch Überlebende; nur rötlich braunen Sand an einem Fluß, und klein, am oberen linken Bildrand, zwei Kinder, die im Sand spielen. Ein harmloses Foto, wie von einem Urlaubstag. Durch die Kombination mit dem parallelen Foto, das Orlando René Méndez und Leticia Margarita Oliva, also die Eltern Lauras, in Badekleidung im Sand am Strand des Flusses Uruguay zeigt, entsteht ein Bild, das die brutale Gewalt sichtbar macht: als ob Orlando René Méndez und Leticia Margarita Oliva mit einem Bulldozer überfahren, tief in die untersten Schichten des Sandes hineingedrückt und für immer im Strand begraben worden wären. Ist an dieser Stelle noch ein Schwimmen ohne Ahnungen und Grauen möglich?

Germano meint, es sei nicht nötig, mehr zu zeigen als seine Fotos zeigen, um einen Eindruck von der Gewalt und der Grausamkeit des Militärs zu erhalten. Im Verbund mit Worten kann der Eindruck der Fotos jedoch manchmal noch stärker und treffender sein. So erfährt man durch das an die Fotoserie anschließende Interview mit Germano zum Beispiel, dass die ältere Dame mit den für das gestellte Foto extra frisch gekämmten grauen Haaren bereits mehrere Fotos von ihrem einzigen Sohn zur Auswahl auf den Tisch gelegt hatte, als Germano sie das erste Mal zu Hause besuchte – neben dasselbe Radio und dieselbe Obstschale wie auf den Fotos von vor dreißig Jahren.

Kein Bild

Gustavo Germano: Verschwunden. Das Fotoprojekt ausencias von Gustavo Germano mit Texten zur Diktatur in Argentinien 1976-1983.
Übersetzt von Ricarda Solms und Steven Uhly.
Münchner Frühling Verlag, München 2010.
128 Seiten, 28,90 EUR.
ISBN-13: 9783940233431

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