Frühneuzeitliches Verfasser-ABC

Der erste von sechs Bänden des literaturwissenschaftlichen Verfasserlexikons der Frühen Neuzeit ist soeben erschienen

Von Clarissa HöschelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Clarissa Höschel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Literaturwissenschaftliche Verfasserlexika sind zunächst einmal der Versuch, eine bestimmte Zeitspanne in einem bestimmten Raum anhand von Literaturproduzenten und deren Produktion zu konkretisieren, einzugrenzen und dabei gleichzeitig auch von früheren, späteren oder geografisch entfernteren abzugrenzen.

Diese Aufgabenstellung birgt an sich schon eine Reihe von Schwierigkeiten, allen voran die Probleme, die immer dann auftreten, wenn man versucht, in Raum und Zeit irgendeine Art von Anker zu werfen, denn allein schon die genaue Festlegung des in Frage kommenden Raumes oder der Zeit ist üblicherweise und aus den unterschiedlichsten Gründen und Bedenken heraus problematisch; und je weiter zurück man geht, umso deutlicher wird dies.

Im vorliegenden Fall liegen die Dinge anders – hier waren Raum und Zeit von Beginn an klar und deutlich umrissen: Der deutsche Kulturraum sollte dargestellt werden, und zwar im 16. Jahrhundert, zwischen Reformation und Beginn des 30jährigen Krieges – eine Zeit also, die geprägt ist von Differenzierungen, angefangen von der beginnenden Konfessionalisierung über die Ausgestaltung unterschiedlicher literarischer Gattungen bis hin zu einer ungeheuren Wissensvermehrung und, eng damit verbunden, einer rasant zunehmenden Bedeutung von Schriftlichkeit.

Diese Zeitspanne, die Frühe Neuzeit, schlägt den Bogen zwischen Mittelalter und Neuzeit und hat gerade in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit vor allem der literaturwissenschaftlichen Forschung auf sich gezogen, was sich anhand einer ganzen Reihe monografischer Publikationen jüngeren Datums belegen lässt. Nicht zuletzt dieses verstärkte Forschungsinteresse ermöglicht erst den nun erscheinenden Gesamtüberblick über das Schrifttum dieser Zeit.

Dabei gestaltete sich gerade das Festlegen der Inhalte, die abgebildet werden sollten, wesentlich schwieriger als die Festlegung von Raum und Zeit, denn der theoretische Anspruch an das zu konzipierende Nachschlagewerk war alles andere als niedrig, wie im Vorwort des soeben erschienenen ersten Bandes nachzulesen ist. Dort wird dieser Mangel als „Darstellung der Frühen Neuzeit in Deutschland, die dem Gegen- und Miteinander von Traditionsbezug und Diskontinuitätsbehauptung, der Pluralisierung akzeptierter Normen und neuen Ansätzen einer Universalisierung gerecht wird“ skizziert.Anders ausgedrückt: Die gesamte Literatur der Zeit soll erstmals durch einheitlich strukturierte bio-bibliografische Artikel in einer repräsentativen Auswahl erschlossen werden.

Von Beginn an lag dabei die Schwierigkeit auf der Definition dessen, was alles in einer darzustellenden „Gesamtheit der Literatur“ beinhaltet sein sollte – der erste Konzeptentwurf sieht denn auch die Erfassung des gesamten Schrifttums dieser Zeit vor, was bedeutet, dass auch das theologische, juristische, philosophische, naturkundliche, medizinische, enzyklopädische und das historiografische Wissen der Zeit einzubinden gewesen wäre. Dieses Vorhaben hätte sich in rund 900 Artikeln niederschlagen müssen und konnte – man ahnt es – aus Gründen des Aufwands und des Umfangs nicht in die Tat umgesetzt werden.

So wurde der zentrale Begriff der „gesamten Literatur“ auf die Literaturwissenschaft beschränkt, blieb allerdings noch weit genug gefasst, um auch interdisziplinäre Bezüge zu gestatten. Des Weiteren galt und gilt die Prämisse, in den nun vorgesehenen 500 Artikeln möglichst viele Texttypen und zeitgenössische Strömungen abzubilden.

Ein solch anspruchsvolles Projekt steht selbstverständlich nicht frei im Raum, im Gegenteil: Der Begriff „Verfasserlexikon“ verweist auf das mittlerweile in der zweiten, völlig neu bearbeiteten Auflage erschienene „Verfasserlexikon zur deutschen Literatur des Mittelalters“, das derzeit mit dem zweibändigen „Verfasserlexikon zum Deutschen Humanismus 1480 bis 1520“ ergänzt wird, das gleichzeitig den zeitlichen Anknüpfungspunkt bietet. Dass das vorliegende Werk ebenso wie die bereits vorhandenen das Standardwerk für die Epoche darstellt, muss im Grunde ebensowenig erwähnt werden wie die Tatsache, dass die (noch nicht fertiggestellte) Online-Version konsequenterweise Teil der ab Februar nächsten Jahres verfügbaren Verfasser-Datenbank des De Gruyter-Verlags wird, die neben den Einträgen der drei hier genannten Verfasserlexika auch die Daten des Killy-Literaturlexikons enthält.

Die Zugeständnisse, die verglichen mit dem 14-bändigen „Verfasserlexikon zur Literatur des deutschen Mittelalters“ mit seinen 5.000 Artikeln in Bezug auf Umfang und damit auch die Detailgenauigkeit der hier abgebildeten Zeitspanne der Neuzeit gemacht werden mussten, werden zu einem großen Teil kompensiert durch den integrativen Charakter des vorliegenden Werkes, das nicht nur gerade diejenige Epoche würdigt, für die bis dato eine literarhistorische Gesamtdarstellung fehlt, sondern dabei auch die verstreut liegende monografische Neuzeitforschung zusammenführt und mit den bibliografischen Daten verknüpft. Das eingangs erwähnte zentrale Problem dieses (und der meisten anderen) Nachschlagewerke, sein zunächst großzügig konzipierter, dann deutlich reduzierter Umfang, begleitet Herausgeber wie Autoren seither in jedem Artikel, der neben dem Verfassernamen beziehungsweise Werktitel und einer Kurzcharakteristik eine kurze Vita bietet, gefolgt von einer gegliederten Werkübersicht und dem Quellenverzeichnis, das immer dann etwas knapp ausfällt, wenn auf bereits bestehende Bibliografien verwiesen werden kann.

Noch ist nicht abzusehen, wann der letzte der sechs Bände erscheinen wird, doch hofft man auf eine nicht allzu lange Wartezeit, bis der längst freigeräumte Platz im Regal neu besetzt wird; der soeben erschienene erste Band hat vor allem eines bewirkt: Dass das Interesse für das, was nach dem ABC kommt, nun erst richtig geweckt ist.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

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Wilhelm Kühlmann / Johann Anselm Steiger / Friedrich Vollhardt / Jan-Dirk Müller (Hg.): Frühe Neuzeit in Deutschland 1520-1620. Literaturwissenschaftliches Verfasserlexikon.
De Gruyter, Berlin 2011.
530 Seiten, 159,95 EUR.
ISBN-13: 9783110223910

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