"We didn't need dialogue, we had faces"

Kulturtechnik Gespräch 2000

Von Claudia SchmöldersRSS-Newsfeed neuer Artikel von Claudia Schmölders

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vom Herausgeber der Zeitschrift "Focus", Helmut Markwort, kursiert der Satz: Das kulturell wertvolle Gespräch habe ausgedient, die Deutschen genierten sich nicht mehr, über Geld zu reden (FAZ vom 28. März 2000). Sollte Markwort wirklich so gesprochen haben, wäre es natürlich Unsinn. Bei keinem öffentlichen Thema - außer der Parteienfinanzierung - wird so viel über Geld geredet wie in kulturellen Fragen, gerade jetzt. Freilich steht die Debatte offenbar überall vor dem zwingenden Schluss, dass kulturell wertvoll nur sei, was auch Geld einbringt oder mindestens die Kulturschaffenden selbstständig erhält. Doch jener Sturm, der nicht mehr vom Paradiese herkommt, sondern von der Börse, erzwingt bekanntlich überall finanztechnische Raison, und vor der Kritik der ökonomischen Vernunft kann selbst die gesamte "Deutschland AG" nicht mehr bestehen. Trotzdem verrät Markworts Formel etwas über die Strömungsverhältnisse zwischen Geld und Gespräch oder auch Geld und Sprache und verbales Tauschverhalten. Wo treffen Geld und Sprache aufeinander, wo löst das Geld Sprache /Gespräch ab, wie heißen die Zwischenstufen, wie das Ziel?

Allseits bemerkt worden sind die Zeichen der Inflation, des Sprachverfalls; die Anglizismen sowohl der Börsen- als auch der Computerwelt, die Verhunzungen des Schriftwortes durch das Chatting am Bildschirm und in der E-mail, das buchstäblich grenzenlose, weil internationale Pidgin der Cyberkollektive, die sich ja ebenfalls am Bildschirm treffen. Der Untergang des kulturellen Wortes durch das Bild - nicht etwa durch das Geld - scheint programmiert, und doch ist das höchstens die halbe Wahrheit. Die Wirklichkeit ist komplizierter, vielleicht sogar literarischer als bisher angenommen.

Von allen traditionell bekannten literarischen Gattungen leidet unter dem heutigen hektischen Sprachverfall am meisten die frei nachdenkende, selbstgesprächige Prosa, vor allem der Essay. Dessen große Tradition setzt mit Montaigne ein, hat aber Vorläufer schon in der Antike und Nachfolger bis heute. Erwachsen aus dem Dreiklang von Portrait, Gespräch und Gedankenexperiment, ist der Essay alten Schlages mit der Sprache gleich dreifach liiert: als Kunst der Personen-Beschreibung, als Begabung zum Dialog mit andern Geistern und als Hang zum Witz in seiner romantischen Hybris, nämlich Gedankenexperiment, Chemie und Salz der Erkenntnis zu sein. Nun sind aber Beschreibungen unsere Sache nicht mehr, seitdem die professionellen Kommunikateure alles in Bilder verwandeln und Personen im multiple choice Format auftreten. Dialoge sind weniger geistige als mediale Abenteuer geworden, seitdem wir interaktiv adressieren; und das gedankliche Experiment ist auf seine pragmatische Dimension eingedampft. Zutiefst essayistische Autoren wie Baudrillard und Virilio und Flusser, die jahrelang und virtuos über unsere Lebensbedingungen und deren biotechnische Möglichkeiten hinspekuliert haben, sind in ihrem spekulativen Gestus schon von den Technikern selbst überholt, wenn nicht im Maelstrom der Realisierungen gelandet. Denken als Probehandeln ist out. Schon überschreibt eine Tageszeitung ihre biomedizinische Berichterstattung mit dem Serientitel "Auf dem Wege zur Unsterblichkeit". Der Utopismus schwemmt eine ganze festgetretene Schicht intellektueller, moralischer und ästhetischer Selbstverständlichkeiten aus, die doch schon jeder einzelne Aperçu braucht, um auf stumpfem Grunde zu leuchten. Das Besondere bedarf des Banalen. Man muss gar nicht von einem Bildungsnotstand reden; den "Provinzen des Geistes" (Georg Simmel) droht heute vielmehr ein Banalitäts-Notstand, so wie im visuellen Bereich das stille Bild vom dauernd und panisch bewegten verdrängt wird und beide sich nicht mehr gegenseitig beleuchten oder konturieren können.

Als William James zu Ende des 19. Jahrhunderts den berühmten "stream of consciousness /Strom des Bewusstseins" beschrieb, konnte er ihn noch als Wechsel zwischen Ruhe und Bewegung denken; der Geist sucht Fixpunkte im Begriff wie ein Mensch im Fluss nach festen Steinen sucht oder "Like a bird's life it seems to be made of an alternation of flights and perchings." Das Pendant zu James lieferte wenig später der philosophische Essayist Georg Simmel mit seiner Theorie des Geldes: Das Geld nimmt sich als farbloses Meer vor dem erdhaften Fond des Landes aus, dem Boden der Spekulation. Spekulation also hier durchaus schon ökonomisch verstanden.

An wenigen lebensweltlichen Techniken ist nun die Umwidmung des spekulativen Gebarens ins Monetäre fassbarer als am Gespräch, der vielleicht ältesten Kulturtechnik, jedenfalls weit älter als die Schrift. Allein schon die Durchsetzung der Gleichung Zeit = Geld, dann aber vor allem die Erfindung des Telefons, hat das Gespräch in einen Horizont von Investition und Verschwendung gerückt, den sich ältere Generationen kaum vorstellen konnten und gewiss für ein Sakrileg gehalten hätten. Hätte zum Beispiel das ökonomische Grundgesetz von der Kraft-Ersparnis, also möglichst viel Information in möglichst wenigen Worten, immer schon unsere Gespräche regiert, wir hätten zum Beispiel nie etwas gelernt, vor allem nicht als Kind. Redundanz und Wiederholung waren jedenfalls bisher die Bedingungen des Lernens, wenn man denn unter Lernen nicht nur "Speichern" verstünde, sondern auch Anwendung des Gelernten auf unterschiedliche Situationen. Und nicht nur Redundanz und Wiederholung: auch die Anerkennung des Lehrenden durch den Lernenden, seine Autorität, steht als mimetische Vorlage daneben. Platons berühmte Ablehnung der Schrift bezeugt, wie schon die Überführung des Gesprächs ins Lesen als Verfall des Lernens begriffen werden konnte. Ob die interaktiven Computerspiele für Zweijährige das heute besser machen?

Was wir aus alten bis archaischen Urkunden über den Dialog wissen, ist fast immer zauberhaft, fast immer asymmetrisch und fast immer dem Lernen gewidmet: Gespräche zwischen Gott und Mensch, Tier und Mensch, Erwählten und Erleuchteten und Gläubigen, großen Lehrern und Schülern, leider alles natürlich meist unter Männern. Nicht zu vergessen die Fundamentallehren aus dem Gespräch von Tier zu Tier: die Moral der frühen aesopischen Fabel und der religiösen Parabel. Keine hat exzessiver vom geistlichen Lernen im Dialog gesprochen als der persische Mystiker Attar in seinem Lehrstück "Die Konferenz der Vögel" aus dem 12. Jahrhundert. Es lohnt, die Geschichte zu rekapitulieren. Nach langer Beratung brechen unter Anleitung des Wiedehopfs tausende von Vögeln auf zu ihrem Herrn, dem Simurgh, der jenseits der sieben Täler wohnt. Sie fliegen los, aber auf dem Weg dorthin sterben die meisten. Nur dreissig kommen an und erhalten Einlass im prächtigen Palast - freilich nur um zu erkennen, dass der Simurgh ihr eigenes Selbst bedeutet, denn Simurgh bedeutet einfach "dreissig Vögel". Alle religions- und literarhistorischen Feinheiten einmal beiseite gelassen: Die "Konferenz der Vögel" überführt das Lehr- ins Selbstgespräch und bietet ein merkwürdiges Amalgam von mystischer Intimität, öffentlicher Beratschlagung und Abenteuerroman. Der Weg der Seele zu sich selbst ist ein gefährlicher Weg, jedenfalls viel gefährlicher, als die spätere bürgerliche Version vom Bildungsroman vermuten lässt.

Als in der Renaissance das höfische Idol der Konversation formuliert wird, stehen also mindestens drei Inszenierungen der Gesprächspraxis parat: eine lehrhafte (didaktische), eine erzählende (epische) und eine intime (lyrische). Belehrung, Erzählung, Gebet oder Zwiegespräch: alle drei Sprechweisen konstellieren soziale Beziehungen, hierarchisch oder ungestuft, intim oder öffentlich, allein im Gespräch mit Gott, zu zweit, oder zu mehreren bei Hofe oder im Salon. Alle drei denken die im Gespräch übermittelte "Information" eingebettet in diese Beziehungen, ihnen teils über-, teils aber auch untergeordnet. Die der "Information" nächstverwandte dramatische Version des Gesprächs steht dabei eher im Hintergrund: der Dialog als Handlung wie im Theater, oder als Streit, oder Befehl oder überhaupt in juristischen und politischen Situationen. Aber damit verließ man natürlich Kirche und Schule und Salon und betrat andere Schauplätze. Hier hieß das Gespräch auch nicht Konversation sondern Unterredung oder Besprechung, wenn nicht Kommando und Verhör. Nur der erotische Dialog, besonders in seiner geistlichen Brechung, vermochte in wechselnden Konstellationen all dieses zugleich aufzunehmen.

Was im Jahrhundert der Aufklärung dann aus Italien und Frankreich in Deutschland landete, war nicht das Konversations-Ideal der höfischen Salons. Auch wenn um 1800 Salons in Berlin entstanden, wie etwa durch die beiden Jüdinnen Rahel Varnhagen und und Henriette Herz, standen sie mit ihrer ganz überirdischen Gesprächsidee unter dem Stern der Frühromantik, inspiriert teils aus der Mystik, teils aus der revolutionären Erotik, teils aber auch von Goethe selber, der das Gespräch märchenhaft ins Spiel gebracht hatte: " Was ist herrlicher als Gold"? fragt der König im "Märchen". "Das Licht, antwortete die Schlange. Was ist erquicklicher als Licht? fragte jener. Das Gespräch, antwortete diese."

Weniger Goethe und die Romantiker, Friedrich Hölderlin hat "das Gespräch" in seiner emphatischen Bedeutung als sozialer Existenzform eigener Art in der deutschen philosophischen Debatte verankert, bis hin zu Heidegger und Gadamer, also weit über 1945 hinaus. "Viel hat von Morgen an, / Seit ein Gespräch wir sind / und hören voneinander,/ Erfahren der Mensch; / bald sind wir aber Gesang." Wenn eine Versgruppe dem Adorno-Verdikt, wonach es in Deutschland nach 45 keine Lyrik mehr geben dürfe, hätte unterliegen müssen, so diese aus Hölderlins Ode. Sie trägt den Titel "Friedensfeier"- und so gab es nach 1945 eine vielleicht fahrlässige, vielleicht auch verzweifelte Renaissance dieses dialogischen Friedenspathetik. "Man suchte den Dialog" mit den Opfern, den traumatisierten, verwundeten Überlebenden, mit den einstigen Feinden, mit allem, was Gegnerschaft geheißen hatte. "Das Gespräch" hing als weiße Fahne der Ergebung über der Szene. Wo kein Gespräch war, drohte Unheil. "Kommt, reden wir zusammen, wer redet ist nicht tot", dichtete Gottfried Benn 1955; Hannah Arendt beschwor das Gespräch in ihrer Lessing-Rede von 1959; Hans Georg Gadamers Gesprächshermeneutik erschien als "Wahrheit und Methode" 1960. Zwei Jahre zuvor hatte der alte Rudolf Kassner in einem Interview zum 85. Geburtstag die Hohe Schule des Gesprächs im europäischen Bildungskanon vorgeritten; schließlich war er, ebenso wie Gadamer, mit Martin Bubers Dialogik aufgewachsen und hatte Carl Schmitts schneidende Abrechnung mit der "Politischen Romantik" des Gesprächs erlebt. Was heißt schon Gespräch? Meint man Unterredung, Dialog, Konversation, Zwie- oder Selbstgespräch, Gebet, Duett, Pas de deux? fragte Kassner ironisch, oder überhaupt gemeinsames Schweigen?

Kassner war zwar ein Mann des dialektischen, wenn nicht sprunghaften Wortes, aber seine Leidenschaft galt nicht ihm. In der Weimarer Republik gab er vielmehr den Physiognomiker: das Lesen in Gesichtern und Gestalten im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Noch in den fünfziger Jahren veröffentlichte er eine "Physiognomik der Ideen", eine frühe Form des Imaging vielleicht, damals aber gedankliche Spekulation reinsten Wassers. Vermutlich hätte ihm jener Satz gefallen, der 1950 in einem amerikanischen Film von einer schönen Frau gesprochen wurde und sich wie ein greller Scheinwerfer auf die Gesprächsduselei der deutschen Nachkriegsreden richten ließ:

" We didn't need dialogue, we had faces", sagt Gloria Swanson in Sunset Boulevard von Billy Wilder.

Der Satz hätte als Stoßseufzer bis in die siebziger Jahre fungieren können. Denn weniges hat die Gesprächs-Philosophie der Nachkriegszeit so nachhaltig unterströmt wie jene professionelle Dialogtechnik, die mit der Psychoanalyse aufkam und schließlich die familiären, die Liebes- Beziehungen wie auch das Selbstgespräch an den Rand der Sinngebung brachten. Als 1976 das Buch von Bruno Bettelheim, "Kinder brauchen Märchen", erschien, traf es in Deutschland auf die müde geredeten und wund-analysierten Seelen derer, die sich vom Polit-Terror der RAF-Szene gleich weit entfernt hatten halten wollen wie von der verstockten Kriegsgeneration ihrer Eltern.

Man hat gut spotten über diese psychoanalytische Klientel. Mag sein, dass sie heute vergessen ist, weil nichts an ihr Lebenslust ausstrahlt oder Genusssucht oder Körperbegeisterung. Dabei bot doch auch bei missglückten Therapien das Psycho-Gespräch immerhin die integrale Figur des erzählenden, des lehrhaften und des intimen Dialogs, einschließlich der dramatischen Komponente im erotischen Flair von Übertragung und Gegenübertragung. Als gegen Ende der siebziger Jahre die sogenannten "Selbstkonzepte" in der psychologischen Debatte auftauchten, hatte sich der therapeutische Dialog auf die Heilung des - gestörten - Selbstgesprächs verschoben, weg von der Sexualität als Wurzel allen Übels, hin zur Verhaltenstherapie auch im Umgang mit der eigenen Geschichte.

Im Gespräch lernen, im Gespräch erzählen und abenteuerlich Rollen einüben, im Gespräch redundant und verschwenderisch bis zum Klatsch soziale Beziehungen knüpfen und pflegen: was hat der moderne Informationsfuror von dieser idealistischen Architektur stehen gelassen? Glaubt man den Anhängern des Cyber-Chat, steht alles das im Netz und auch noch prächtiger denn je. In einem luziden und unaufgeregten Aufsatz hat Roberto Simanowski unlängst die Bedingungen der virtuellen Gesprächskultur nachgezeichnet. Selbst sie ist demnach der alten Dreifaltigkeit von lehrhafter, erzählender und intimer Dialogik unterworfen. Simanowski unterscheidet dreierlei Gruppen. Erstens die Spielgruppen im Netz, die abenteuerlich ihre Rollen tauschen, Identitäten wechseln und Geschichten nachspielen. Ferner die Diskussionsforen: hier dominiert das Thema, die Lehre und das Lernen. Schließlich die Gesprächsgruppen: hier kann, nach Art eines Salons, besucht von Habitués, aber auch Gästen, über alles gesprochen werden; zugleich aber kann jeder Teilnehmer mit Einzelnen auch "beiseite sprechen", intime Gespräche in eigenen Fenstern führen, sich verabreden oder sogar Sex treiben, während die Gruppe weiter über ihr Thema spricht. Wenn sich nach neuesten Statistiken von den Abiturienten und Studenten der westlichen Welt fast vierzig Prozent im Netz bewegen, betrachtet man mit Recht die Vorzüge dieser immateriellen Kommunikation nicht ohne an ihre Nachteile zu denken. Die Vorteile liegen auf der Hand: es entfallen die üblichen Anlässe zur Vorurteilsbildung und Ausgrenzung von Gesprächspartnern, nämlich die Kategorien von Klasse, Rasse, von Körper überhaupt und damit das Raster von schön oder hässlich. Was bleibt, ist die reine Schrift, der reine Geist, das blanke, wenn auch vielleicht falsch geschriebene Wort. Nur Wissens- und Bildungslücken, falsche Argumente oder Informationen, schräge Assoziationen oder ungehobelte Ausdrucksweise werden die Partner distinguieren. Als Kehrseite dieser liberalen Utopie nennt man die vollendete Anonymität aller Teilnehmer; die Möglichkeit, jederzeit aus den Gesprächen auszusteigen, die völlige Unverbindlichkeit der Vergesellschaftung; und last but not least die natürlichen Auslese-Bedingungen der Teilnahme: man braucht einen Computer, man muss die Technik beherrschen, man muss Englisch können, und man braucht immer Geld. Denn Geld kostet nicht nur der Computer selber, sondern auch das Verweilen im Netz.

An die Materie des Geldes erinnert die elektronische "Kulturtechnik Gespräch" mit jedem Zug; aber sie ist dessen bessere Version. Schon die Teilnehmer des Geldmarktes konnten damit rechnen, dass niemand an ihrer Erscheinung, ihrer Verwandtschaft, ihrer Sprache, ihrem Leumund, ihrem Alter oder Geschlecht, ihrem Glaubensbekenntnis oder sonst irgendeiner Qualifikation interessiert war außer an ihrem Geld, involviert in den Akt des Kaufens einer Ware oder einer Geldanlage. Ging es um eine Ware klassischen Zuschnitts, wie etwa ein Auto, so verschwand der reine Kapitalist im Akt der "conspicous consumption" (Thorsten Veblen), denn er legte sich ja auf einen Stil, auf eine Klasse und einen Status fest; verkaufte er das Auto, trat er wieder zurück in die Reinheit des Geldes, der schieren Quantität, die freilich ihrerseits nicht ganz stabil, sondern von Währungs- und Kursschwankungen abhängig war. Freilich: wollte er das Auto auf Kredit kaufen, trat der ganze Horizont der alten Vorurteile wieder hervor. Nicht so beim Cyber-Diskutanten: sein intellektueller Kredit stammt allein aus seinen vergangenen Reden.

Die Idee, dass sich mit Geld ganze Existenzen kaufen lassen, vom Schnürsenkel bis zum Golfplatz, erscheint im Netz deutlich in den Spielgruppen. Hier kann jeder nicht nur einen, sondern gleich mehrere Lebensläufe fingieren, vor allem auch das Geschlecht wechseln, was der Kapitalist noch nicht konnte und wohl eher selten wollte.

Der Eintritt der Gesprächsidee, einst bis an den Rand sozial gedacht, in die blanke Leere des monetären Mediums, ist ziemlich genau zu datieren. Er fällt zusammen mit dem Aufkommen des Wortes "Kommunikation" zur Bezeichnung von Theorie und Praxis der Massen-Medien. Der Terminus löscht jede Differenz zwischen Menschen, Tieren, Organismen und Maschinen, zwischen Sprache, Ton, Bild, Geruch. Er löscht ferner jede Differenz zwischen Sender-und Empfängeraktivität, sehr zum Schaden der Erkenntnis, und er löscht natürlich jede denkbare Hierarchisierung zwischen den Partnern. "Kommunikation" benennt letztlich nichts anderes als jenen Modus der Information, der einen Sender an einen Empfänger kettet, ohne dass dieser überhaupt antworten müsste.

Von alldem hebt sich der virtuelle Salon wohltätig ab. Das Chatten und Diskutieren, die MUDS und die Foren, sie alle halten an menschlichen Sendern und Empfängern fest, auch wenn sie auf menschlich maskierte Programme gefasst sind, mit denen die Teilnehmer offenbar überwacht werden, um ökonomische Profile zu erstellen. Programme oder Menschen: Sie alle arbeiten mit der durchs Fegefeuer der "Kommunikation" gegangenen Sprache, oder mit sprechenden Bildern, und streifen gleichzeitig die Hemmschwellen sozialer Unterschiede ganz gezielt ab. Für ihr Geld tauschen die Teilnehmer Sprache ein; vom Tauschverkehr suchen sie den Gesprächsverkehr wenigstens in einer Schwundstufe zu retten. Der Geist sucht zu sich selbst zu kommen. Wollte man sich diese lautlosen Dialoge als eine "Konferenz der Vögel" vorstellen, die Teilnehmer wären jetzt eben auf dem Flug durch sieben Täler, angeführt von einem Wiedehopf namens Bill Gates.

Die Idee der schieren Rede - analog zur Idee des schieren Geldwertes - hat freilich einen unmittelbar erkennbaren psychoszialen Preis. "We didn't need dialogue, we had faces" - nach diesem Motto hat jüngst der englische Neurophysiologe Jonathan Cole ein Buch über die menschliche Mimik vorgelegt. "Mangel oder Verlust an mimischer Beweglichkeit wirken verheerend auf die soziale Interaktion", ist die Botschaft des Autors, der im Gefolge von Oliver Sacks reichlich Fallgeschichten erzählt, Fälle von Mimik-Versagen und Mimik-Entzug wie etwa bei Blinden, denen die mimische Botschaft des Gegenübers verborgen bleibt, abgesehen von der Stimme, und Möbius-Kranken, die umgekehrt selbst keine Miene verziehen können. Tatsächlich hat sich unser mimischer Austausch in nahezu allen postalischen Verkehrsformen verflüchtigt, außer beim Bildtelefon. Und wo er sich nicht verflüchtigt hat, ist er asymmetrisch und einseitig geworden. Als vor Jahren aus den USA die Nachricht kam, es würden neuerdings Mimik-Kurse in der Schule angeboten, weil die Kinder zuviel am Fernsehen säßen und dort den mimischen Austausch verlernten, mochte man dies hier nicht glauben. Vielleicht stimmte es ja auch wirklich nicht und war nur als Menetekel gemeint.

Menschliche Mimik, lernen wir von Cole, ist nicht bloß oder erst menschlich; die Primaten haben sie ausgebildet und Menschenaffen - oder kleine Kinder und Babies und bestallte Schauspieler -, beherrschen sie heute weitaus besser als wir Erwachsenen mit beherrschtem Mienenspiel im Wirtschaftskampf. Jeder, der eine mimische Botschaft entziffert, liest "Seele" am Körper ab; und jeder sendet selber immerfort solche zu entziffernden Botschaften aus, ob er will oder nicht. Wechselseitig lassen sich diese Botschaften freilich nur aus der Nähe und nur von lebendigen Geschöpfen wahrnehmen; zwischen Bildern und ihren Betrachtern herrscht keine Gegenseitigkeit. Aus diesem Grunde stellt jede sogenannte "Physiognomik", die nicht tendenziell lebendige Mimik und Gestik einschließlich der Stimme einschließt, die falschen Fragen.

Die vom Neurophysiologen Cole tröstlich nachgestellte Primatengesellschaft mit lebhaftem Mienenspiel ist freilich nicht mehr die Regel in unserem medialen Alltag - siehe oben. Zu häufig sitzen wir vor Leinwandmienen und Bildschirm-Augen, die uns ihrerseits nicht sehen. Und überhaupt hat niemand den Modus mimischer Interaktion gründlicher aufgekündigt als die Naturwissenschaft selber. Im Verbund mit der fotografischen Technik hat sie vor interessanten Gesichtern ein Möbius-Syndrom eigener Art entwickelt: das Kamerauge kann nicht und das Forscher-Auge will nicht entflammen, es sei denn aus Leidenschaft über eine plötzlich wahrgenommene These, eine gefundene Evidenz (heute auch gern "Selbstevidenz" genannt, als gäbe es eine Fremdevidenz).

In keinem Denkgebäude der Gegenwart ist der riesige Bogen zwischen der mimischen Nahgesellschaft und der telematischen Fernschreibgesellschaft bewusster und unterschwellig verzweifelter geschlagen worden als in Peter Sloterdijks opus magnum aus dem Jahre 1999, dem so genannten "Sphären"-Werkes. "Sphären I" befaßt sich mit der innigen Kommunikation zwischen Mutter und Kind, angefangen vom intrauterinen Dialog des Embryos mit der Mutterstimme über die "interfazialen Primärprozesse" bis hin zu den "sonosphärischen Allianzen", mit denen Sloterdijk seinen Traum einer Kugelexistenz zum Klingen bringt. Dennoch gibt es hier kein wirkliches Gespräch. Dem "morphologischen Idealismus", der das ganze Werk beherrscht, fällt nicht nur der Terminus "Mimik" völlig zum Opfer. Auch die Sache selbst gibt es nicht; weder Zorn noch Wut, weder Tränen noch Lachen, geschweige denn Anbindung des Gesichts an die Sprache, es sei denn, in der Traditon der Kunst und der Philosophie. "We didn't need dialogue, we had faces". Mit dem merkwürdigen Axiom "Menschengesichter sind die Ausdrucksgestalten eines zwischengesichtlichen Freude-Prinzips", versucht Sloterdijk vielmehr einen Bogen zu jener stummen Urszene des Dialogs zu schlagen, die im platonisch-sokratischen Feld zu Hause ist: zum Entzücken über die Schönheit des Gegenübers, hier also des schönen Jünglings. Frauen und Mütter kommen im obsessiven Gesichtsdiskurs des Abendlandes bekanntlich nicht oder erst sehr spät vor. "Sphären II" handelt in einem Kapitel "Zur Metaphysik der Telekommunikation" von der Fortsetzung und Verstaatlichung des Freude-Prinzips. Als biologischer Quell des freudigen Makro-Kommunizierens stellt sich nun die - männliche - Sonne heraus; sonnenhaft ist die Kommunikation mit den entferntesten Gliedern des Weltalls; nach Art der Sonne kommuniziert der römische Imperator mit seinen Untertanen; und nach Art des römischen Imperators wiederum wird sich das Christentum organisieren mit der geistlich strahlenden Mitte namens Jesus Christus, für Sloterdijk ein primärer "Sender". Der Gedanke, das Vokabular der modernen Teletechnik von historischen Brechungen ungerührt auf das Sendungsbewußtsein der frühen Christen anzuwenden, wird freilich jeden Gläubigen aufs höchste befremden. Den Atheisten wiederum und den Biologen wird die Einmischung Gottes in technische Abläufe stören. Hätte Sloterdijk die "Konferenz der Vögel" des persischen Mystikers Attar studiert statt moderner Kommunikationstheorie, er hätte das "Sendungsbewußtsein" der Seele nicht um ihre schwierige und peinvolle Geschichte berauben mögen. Er hätte ein essayistisches Werk schreiben können, im Gespräch mit der Tradition und, wer weiß, mit Gott. So aber hat er einen hoch manieristischen Bildungsroman verfasst, darin die mimischen Ausdrücke von Trauer und Verzweiflung zur Maske gerinnen.

Titelbild

Peter Sloterdijk: Sphären I. Blasen.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
644 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3518410229

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Titelbild

Roberto Simanowski / Horst Turk / Thomas Schmidt: Europa - ein Salon? Beiträge zur Internationalität des literarischen Salons.
Wallstein Verlag, Göttingen 1999.
384 Seiten, 33,70 EUR.
ISBN-10: 389244370X

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Titelbild

Peter Sloterdijk: Sphären II. Globen.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
1013 Seiten, 32,70 EUR.
ISBN-10: 3518410547

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Titelbild

Jonathan Cole: Über das Gesicht.
Verlag Antje Kunstmann, München 1999.
398 Seiten, 20,40 EUR.
ISBN-10: 3888972264

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