Der Dichter des Kleinseins in großem Format

Robert Walsers „Der Gehülfe“ erscheint im Rahmen einer gigantischen Kritischen Ausgabe

Von Franz SiepeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franz Siepe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist wahrlich zum Staunen: K. D. Wolff, um 1968 einer der Hauptakteure der Studentenbewegung und seit 1970 Verleger (zuerst Roter Stern, später Stroemfeld), gehört nun nicht mehr zu den ganz jungen Leuten, aber seine Passion für „Kritische Editionen“ will nicht nachlassen. Im Gegenteil, derzeit befinden sich, nachdem die aufsehenerregende Friedrich-Hölderlin-Ausgabe vollendet ist, weitere vergleichbare Projekte in Arbeit: Beispielsweise werden auch Franz Kafka, Gottfried Keller, Heinrich von Kleist, Gustav Regler oder Georg Trakl auf diese Weise mit dem Anspruch editionswissenschaftlicher Innovativität gewürdigt. Ebenfalls der Schweizer Dichter Robert Walser (1878–1956), dessen poetologisches Programm auf Kleinheit und Bedeutungslosigkeit abzielte, gehört in diese Reihe gewaltiger Editionen und ist von Stroemfeld in Kooperation mit dem Schwabe-Verlag in Angriff genommen worden. Als Herausgeber fungieren Wolfram Groddeck und Barbara von Reibnitz.

Als Walser von Carl Seelig einmal gesprächsweise in den schriftstellerischen Rang Gottfried Kellers erhoben wurde, replizierte er entrüstet, er sei eine „Null“ und wolle „vergessen sein“. Man wird es niemandem verdenken dürfen, wenn es ihm angesichts der laut Editionsplan sage und schreibe 51 Bände nebst einer – laufend aktualisierten – DVD mit Findbuch und digitalisierten Erstdrucken ähnlich ergeht wie einem Besucher der italienischen Stadt Assisi vor der monströsen Basilika des heiligen Franziskus.

Nach „Fritz Kochers Aufsätzen“ und Robert Walsers erstem („Geschwister Tanner“) erscheint nun sein zweiter Roman, „Der Gehülfe“, in zwei Teilen. Der erste, kleinere Band (mit einem Lesebändchen) dokumentiert den Erstdruck von 1908, der zweite, großformatige (mit zwei Lesebändchen), präsentiert jeweils rechts die faksimilierten Seiten des Manuskripts und links daneben die Transkription. Anders als etwa im Falle der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, wo die Umschrift von Herausgeber D. E. Sattler mitunter als aufwendig gestaltetes Kunstwerk sui generis zu studieren ist, hat Robert Walser den beiden Herausgebern Angela Thut und Christian Walt die Arbeit am „Gehülfen“ nicht übermäßig schwer gemacht; denn der in deutscher Kurrentschrift auf einfachem vorliniertem Industriepapier im Format 21,7 x 28 cm fein säuberlich mit Tinte verfasste Text enthält erstaunlich wenige Korrekturen oder Streichungen und erweckt, wie die Herausgeber formulieren, den Eindruck, als sei er „aus einem Guss niedergeschrieben“.

Nun ist nicht leicht zu sagen, welche Vorteile der schlichte Leser, der bisher den von Jochen Greven herausgegebenen und bei Suhrkamp noch als Taschenbuch lieferbaren „Gehülfen“ kannte, aus der Lektüre dieser Edition beziehen sollte. Erstens befindet man sich natürlich nun um einiges näher am Walser‘schen Original, und zweitens ist es für einen Verehrer Robert Walsers fraglos ein bewegendes Ereignis, die Handschrift des Dichters über 197 Manuskriptseiten beschauen zu dürfen.

Inhaltlich hochbedeutende Varianten der Textzeugen sind nicht sehr viele zu entdecken. Aber ein Blick in das Manuskript erlaubt doch die Teilhabe an Walsers Überlegungen während des Schreibens, wenn er beispielsweise das Gegröle eines Betrunkenen zunächst als „schwarz“ und dann, sich korrigierend, als „brandrot“ apostrophiert. Einer eigenen Betrachtung wert ist auch eine lange Streichung ganz am Ende des Romans.

Oder man mag ins Sinnieren geraten, wenn der Protagonist zuerst sagt: „Ich habe mich in die hiesigen, eigenartigen Verhältnisse hineingefunden, und ich glaube, ich passe vorzüglich in diese Verhältnisse hinein, denn es gefällt mir hier ausgezeichnet“, um sich sich dann zu verbessern: „Ich habe mich in die hiesigen, eigenartigen Verhältnisse hineingefunden, und ich glaube, ich passe in diese Verhältnisse.“

Bei diesen „Verhältnissen“ handelt es sich um eines jener für Walser charakteristischen Dienstverhältnisse, die autobiografisch fundiert sind und im Roman „Jakob von Gunten“ ihre höchste künstlerische Ausprägung erfahren haben. Hier, im „Gehülfen“, nimmt der vierundzwanzigjährige Joseph/Josef Marti eine Stellung als Büro-Faktotum (Commis) an und erlebt innerhalb eines knappen halben Jahres den geschäftlichen Niedergang seines Herrn, des Projektemachers Tobler, der mit grandiosen Erfindungen wie einer „Reklame-Uhr“, einem „Schützenautomaten“ oder einem „patentierten Krankenstuhl“ eigentlich zu Reichtum kommen wollte.

Der Anfang der Geschichte lautet folgendermaßen: „Eines Morgens um acht Uhr stand ein junger Mann vor der Türe eines alleinstehenden, anscheinend schmucken Hauses. Es regnete. ‚Es wundert mich beinahe,‘ dachte der Dastehende, ‚daß ich einen Schirm bei mir habe.‘ Er besaß nämlich in seinen früheren Jahren nie einen Regenschirm. In der einen nach unten grad ausgestreckten Hand hielt er einen brauen Koffer, einen von den ganz billigen. Vor den Augen des scheinbar von einer Reise herkommenden Mannes war auf einem Emailleschild zu lesen: C. Tobler, technisches Bureau. Er wartete noch einen Moment, wie um über irgend etwas gewiß sehr Belangloses nachzudenken, dann drückte er auf den Knopf der elektrischen Klingel, worauf eine Person kam, allem Anschein nach eine Magd, um ihn eintreten zu lassen.“ Am Ende verlässt der Held, den Koffer wieder in der Hand, zusammen mit seinem gescheiterten alkoholkranken Dienstvorgänger die niedergegangene Villa zum Abendstern; und das klingt dann so: „Unten auf der Landstraße angekommen, machte Joseph halt, zog einen Toblerschen Stumpen aus der Tasche, zündete sich denselben an und drehte sich noch einmal nach dem Haus um. Er grüßte es in Gedanken, dann gingen sie weiter.“

Diese unvergleichlich lakonische, sentimentalitätsabwehrende Weise des Abschiednehmens – das ist Robert Walser. Eines seiner Gedichte schlägt den Ton so an:

„Er schwenkte leise seinen Hut
und ging, heißt es vom Wandersmann.
Er riß die Blätter von dem Baum
und ging, heißt es vom rauhen Herbst.
Sie teilte lächelnd Gnaden aus
und ging, heißt’s von der Majestät.
Es klopfte nächtlich an die Tür
und ging, heißt es vom Herzeleid.
Er zeigte weinend auf sein Herz
und ging, heißt es vom armen Mann.“

Blickt man auf den Romananfang, so ist auch dort Walser-Typisches zu finden; nämlich die bis ans Manische heranreichende Vermeidung Eindeutigkeit signalisierender, eigentlicher Rede. Ausdrücke wie „anscheinend“, „beinahe“, „scheinbar“, „wie um“ und „allem Anschein nach“ distanzieren sich performativ von jeder Festlegbarkeit. Und es ist die „nach unten grad ausgestreckte Hand“, die einen weiteren genuin Walser‘schen Gestus vorführt: Während alle Welt die Vertikale aufwärts in irgendwelche Höhen fahren will, sind seine aufstiegsverweigernden Figuren vertikalistische Renegaten: „Ich kann nur in den unteren Regionen atmen“, sagt etwa Jakob von Gunten.

Robert Walser schrieb den „Gehülfen“ 1907 in Berlin, der deutschen Metropole des kulturellen Fortschritts. „Ja, er kam aus den Tiefen der menschlichen Gesellschaft her, aus den schattigen, schweigsamen, kargen Winkeln der Großstadt.“ Jedoch kommen wir heute nicht umhin, den Roman auch auf seine sozial- und modernitätsdiagnostische Dimension hin zu befragen, und sind damit nicht einmal sehr weit entfernt von der damaligen Verlagsankündigung Bruno Cassirers, die das Werk als „eine einprägsame Alltagsstudie aus dem Geschäftsleben“ verstand.

„Alles in allem war es ein Bild des zwanzigsten Jahrhunderts“, kommentiert der Erzähler einmal eine Familienszene, in der sich die irreversible Entzauberung der Welt reflektiert. Walsers Poesie verleiht der Gegenwart aber qua nichtaffirmativer Affirmation wieder ihren eigenen Zauber; denn „[a]lles in und auf der Erde gehorcht schönen, strengen Gesetzen, wie die Menschen“. Immer wieder versichern sich die Walser‘schen Helden der Legitimität des ihrem trotzigen Weltvertrauen entspringenden, demütigen Einverständnisses mit dem Gegebenen und Vorgefundenen.

Doch gelingt das nicht immer. Dora ist das zierliche, liebreizende und von Mutter Tobler umhätschelte Töchterlein. Daneben die unablässig bettnässende Silvi – eine von Gott, Natur und Mutter vernachlässigte, „verschuggte“ Kreatur. Robert Walser schreibt: „Wie traurig das war. Diese zwei ungleichen Kinder! Joseph hätte aus dem Grund seines Denkens heraus hörbar seufzen mögen. Als Dora jetzt in ihr richtiges Schlafbett hinaufgetragen werden sollte, trat er zu ihr hin und war so betroffen von dem Anblick ihres keck-unschuldigen Wesens, daß er nicht anders konnte, als ihr die kleine Hand zu küssen. Mit diesem Huldigungskuß wollte er gleichsam die zwei Arten liebkosen, die Dora-Art und auch die Silvi-Art. Aber wie hätte er der zweiten Art tatsächlich huldigen können? Unmöglich! So versuchte er, wenigstens in Gedanken der jungen Bitterkeit und Bei-Seite-Geschobenheit etwas Tröstendes und Achtungsvolles zu sagen, indem er das Unausgesprochene mit seinem Mund auf die Hand der schwesterlichen Liebe und Naturgnade drückte.“

Belassen wir es bei diesen Proben aus einem Roman, an dessen Handlungsoberfläche sich wenig bewegt, und berufen uns auf Max Brod, der 1911 zu dem Schluss kam: „Es ist wirklich unmöglich, diesen Dichter nach Gebühr zu loben. Ich kann meine verliebte Freude über seine Existenz in Kurzem nicht mehr anders ausdrücken als indem ich die Namen seiner bisheutigen Bücher in meiner schönsten Schrift ins Manuskript kalligraphiere: GedichteFritz Kochers Aufsätze Geschwister TannerDer Gehilfe [sic] – Jakob von GuntenAufsätze.“

Das alles und noch viel mehr erscheint also jetzt und im Laufe der nächsten Jahre in der Kritischen Ausgabe von Stroemfeld und Schwabe. Sehen wir das Unternehmen als die gewaltige Anstrengung an, „diesen Dichter nach Gebühr zu loben“.

Titelbild

Robert Walser: Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte. Band IV 2 Der Gehülfe (Manuskript).
Herausgegeben von Angela Thut und Christian Walt.
Stroemfeld Verlag, Frankfurt a. M. / Basel 2012.
420 Seiten, 86,00 EUR.
ISBN-13: 9783866000872

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Robert Walser: Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte. Band I 3; Der Gehülfe (Erstdruck).
Herausgegeben von Angela Thut und Christian Walt.
Stroemfeld Verlag, Frankfurt a. M. / Basel 2012.
328 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783866000841

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