Das Ich im Krieg

Mit „Selbstbehauptung“ liefert Jan Röhnert eine monumentale Studie zum autobiographischen Schreiben vom Krieg

Von Wolfgang M. SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Wolfgang M. Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass Schreckliches Schönes hervorbringen kann, ist nicht neu, und so ist die Geschichte der Weltliteratur auch eine Geschichte von Kriegen. Autobiographische Texte, vor allem Tagebücher, die im Krieg verfasst wurden, haben für den Leser oft den zweifelhaften Reiz von Authentizität. Die umfangreiche Forschung zu autobiographischen Texten problematisiert dies vielfach – man denke nur an Philippe Lejeunes Standardwerk „Der autobiographische Pakt“. Nun hat der Literaturwissenschaftler Jan Röhnert dem autobiographischen Schreiben eine opulente Studie gewidmet, die einen weiten Bogen von Goethe bis hin zu Handke spannt und sich auf Texte, die vom Krieg handeln, konzentriert. Der Titel „Selbstbehauptung“ verdeutlicht bereits Röhnerts Lesart: Er fragt danach, wie sich das autobiographische Selbst angesichts eines selbst-bedrohlichen Krieges (zumindest) literarisch behaupten kann. Welche Strategien wählen Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Theodor Fontane, Gottfried Benn, Ernst Jünger und Peter Handke in ihren Texten, um einer Ich-Auflösung beziehungsweise Auslöschung literarisch zu begegnen? Die Grundfrage bei allen Textanalysen lautet für Röhnert: „Wie schafft es ein Autor, ohne eindeutig auf die Ebene der Fiktionalität auszuweichen, autonom aus seinem Leben zu erzählen, über das er selbst zu wesentlichen Stücken gar nicht autonom verfügen konnte?“ Röhnert nimmt sich dazu die Texte im close reading vor und zieht für seine Betrachtungen nur wenige ausgewählte Titel der Forschungsliteratur heran. Das hat einen großen Vorteil: Es soll nicht darum gehen, ausgewogen und auf Vollständigkeit bedacht Positionen der Forschung zu referieren – was auch im Falle der meisten untersuchten Autoren ein schier unmögliches Unterfangen darstellen würde –, stattdessen sollen mit einer neuen und starken Hypothese autobiographische Schriften der letzten 200 Jahre vom und über den Krieg analysiert werden.

In postmodernen Zeiten, in denen gerne – euphorisch oder resignativ – das Ende des Subjekts verkündet wird, liegt in Röhnerts Arbeit auch ein bewundernswerter Anachronismus, der über das Feld der Literatur hinaus zu denken gibt.

Den titelgebenden Begriff der „Selbstbehauptung“ übernimmt Röhnert von Blumenberg, der damit nicht das nackte Überleben gemeint haben will, sondern ein „Daseinsprogramm“, das erst durch die „Zerstörung des Weltvertrauens“ seine Evidenz erhält. Diese Destruktivität aber, die zugleich die Chance bietet, ein aktives Subjekt zu werden, zeigt sich selbstredend besonders in der Ausnahmesituation des Krieges. So ist Röhnert zufolge der Krieg die „Feuerprobe“ für die Selbsthauptung und der Grund für seine Textauswahl. Der Blumenberg‘sche Terminus sei laut Röhnert „janusköpfig“ aufzufassen, wie er in Bezug auf Goethes „Dichtung und Wahrheit“ deutlich macht: „Einerseits behauptet sich das Ich im bedeutungsstiftenden Resonanzraum seiner literarischen Ästhetik im Sinne einer artikulatorischen Instanz, andererseits strebt die literarische Darstellung des Selbsterlebens im Sinne ihres exemplarischen Anspruchs nach vorbildhafter, überindividueller Geltung des abgebildeten Ichs.“

Röhnert gelingt es dann auch mit dem in der Einleitung klar und prägnant vorgestellten Analyseansatz den zumeist sehr bekannten, teils kanonischen Texten eine neue Lesart abzugewinnen. Am eindrucksvollsten geglückt ist die Interpretation von Goethes „Campagne in Frankreich 1792“, bei der sowohl an Details als auch an der Makrostruktur des Textes aufgezeigt werden kann, wie sich das autobiographische Ich den widrigen Umständen aussetzt, aus ihnen gestärkt hervorgeht und nicht zuletzt dadurch große Literatur entsteht. „Objektivierung“, „Ästhetisierung“ und „Anekdotisierung“ heißen die drei Strategien der Selbstbehauptung, die Röhnert an Goethes Text kongenial herausarbeiten kann und die auch in ihren jeweiligen Modifikationen bei den folgenden Autoren eine wichtige Rolle spielen werden. Es sind aber auch die vielen Überlegungen zur innovativen Form von Goethes Text, die Röhnert bisweilen ganz nonchalant einfließen lässt, welche die inhaltliche Dichte der Studie ausmachen. So, wenn es in Bezug auf den Campagne-Bericht heißt, formal habe Goethe darin „seine eigene ‚Französische Revolution‘“ vollzogen. Dieser Autor muss mit seinen Thesen nicht haushalten. „Selbstbehauptung“ ist ein buchstäblich reichhaltiges Werk.

Im Gegensatz zu Goethe hat Heine keine unmittelbar autobiographischen Schriften zum Krieg verfasst, weshalb Röhnert das Autobiographische in den Gedichten und Erzähltexten suchen muss. Er wird fündig, ohne dabei eine allzu biographische Einengung dieser Texte zu betreiben. Als Leser werden wir eingeladen, „Heines literarisches Ich als eine indirekt autobiographische Instanz zu entdecken, die sich im Text durch Strategien der Selbstbehauptung inszeniert“. Immer wieder blickt die voranschreitende Untersuchung auf vorherige Betrachtungen zurück, um Entwicklungen und Verschiebungen in den Texten über den Krieg zu markieren und die Beziehungen der Texte untereinander zu beleuchten. So heißt es nur scheinbar lapidar über Fontanes „Kriegsgefangen“ und „Aus den Tagen der Okkupation“: „Die Enteignung des Subjekts gegenüber den (Kriegs-Ereignissen), von denen es betroffen ist, hat zugenommen. Wo Goethe noch von seinem unmittelbaren Beteiligtsein schreiben kann, reist Fontane dem Geschehen hinterher.“ Geht es bei Fontane trotzdem noch um das unmittelbare Dabeisein, die Erfahrung, die aus der Literatur gezogen werden kann, ist es doch schon der Blick des Journalisten oder Zeithistorikers, der dem Text seine Prägung gibt. Spannend ist das, weil Röhnert auch den Anspruch der Texte Handkes zum Jugoslawien-Krieg untersucht, die sich bewusst vom journalistischen Schreiben absetzen wollen. Ist Fontane noch an einer genauen Darstellung des Konflikts gelegen, interessiert Handke das Gegenteil: „nur die Form vermag bei Handke Sinn und Idee zu stiften“. Jenseits der feuilletonistischen Polemik gegen Handke und weit weg von dessen eigenem Furor beschreibt Röhnert die skandalträchtigen Texte über Serbien literaturwissenschaftlich nüchtern und nur manchmal empathisch, wenn es zum Beispiel um die Vergeblichkeit des Schreibens geht: „Der Selbstbehauptungsgestus kann das verlorengegangene Jugoslawien nicht zurückerobern.“ In der Sehnsucht nach einer Utopie, mehr formal als inhaltlich artikuliert, liegt die poetische Kraft von Handkes Texten.

Zwischen Handke und Fontane befasst sich die Studie in zwei beachtlichen Kapiteln mit Benn und Jünger. Benn setzt in „Doppelleben“ ganz auf die Form, auf die Strategie der „Ästhetisierung“, um sein Selbst zu behaupten. Auch Jünger, der sich während des Ersten Weltkrieges Caesars Bericht „De bello gallico“ in den Schützengraben schicken ließ und ihn zum Vorbild für „In Stahlgewittern“ nahm, setzt ebenfalls auf Ästhetisierung. Diese reichert er jedoch in seinem Tagebuchwerk über die Zeit des Nationalsozialismus, „Strahlungen I bis III“, mit einem eigenwilligen Platonismus an. Zudem zeichnet Röhnert Jünger als einen Meister der Objektivierung, die dem Ich Schutz in der Distanz ermöglicht, und macht auf eine Entwicklung aufmerksam, die zwar nicht neu, aber erneut wichtig ist: Jüngers neusachliche Emphase für die Technik nimmt in den 1930er-Jahren ab und das Ich rückt wieder in den Mittelpunkt. Man möchte sogleich zu spekulieren beginnen, wo wohl das Ich im autobiographischen Schreiben des technizistischen, virtualisierten 21. Jahrhundert stehen wird, das Jünger prophetisch als ein „titanisches“ charakterisierte. Eine solche Überlegung und auch ein Resümee der gewonnenen Erkenntnisse wären in einem Fazit wünschenswert gewesen, das – der einzige Wermutstropfen – leider fehlt. Sonst aber, soviel Pathos ist durchaus angebracht, ist diese Studie auch selbst ein Dokument der akademischen Selbstbehauptung, zeigt sie doch, was inmitten der Gefechte gegen die Geisteswissenschaften noch möglich ist.

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Jan Volker Röhnert: Selbstbehauptung. Autobiographisches Schreiben vom Krieg bei Goethe, Heine, Fontane, Benn, Jünger, Handke.
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2014.
553 Seiten, 79,00 EUR.
ISBN-13: 9783465038511

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