Ein Sittenbild aus der Provinz

Eduard von Keyserling entwickelt schon in seinem ersten Roman eine fulminante Kampfansage an alle Krämerseelen und Tugendwächter des späten 19. Jahrhunderts

Von Johann HolznerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Johann Holzner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eduard Graf von Keyserling (1855–1918), geboren auf Schloss Paddern (im heutigen Lettland), war trotz seiner Herkunft zeitlebens ein Außenseiter in seiner Familie wie in seiner Heimat. Kein Wunder also, dass der kritische Blick des Außenstehenden schon seinen ersten Roman auszeichnet: Fräulein Rosa Herz, erschienen 1887.

Rosa Herz, „ein unbedeutendes armes Mädchen“, wie der Verfasser im Vorwort vorausschickt, hat – wo, weiß niemand – gerade das Licht der Welt erblickt, als ihre Mutter stirbt. Von nun an wird sie immer wieder mit dem Tod konfrontiert werden, sogar in den schönsten Momenten ihres Lebens: Auf einer Kahnfahrt mit dem Mann ihrer Träume, einem Blender namens Ambrosius Tellerat, beobachtet sie eine Wolke, eine „rosa Wolke“. Ambrosius sieht sie auch, „schon lange“, erklärt er ihr, und fügt hinzu: „sie wird immer blasser, sie stirbt […], sie kommt mir vor wie eine junge Dame, die langsam stirbt“. Rosa nickt, nickt die längste Zeit zu allem, was ihr zustößt.  

Von ihrer Kindheit und Jugend weiß der Erzähler nicht viel zu berichten. Sie lebt mit ihrem Vater, einem pensionierten Ballett-Tänzer, dem immer schon alles misslungen ist, bei dessen Schwester, bis diese stirbt. Mit 17 Jahren aber – und von da an verfolgt der Erzähler ebenso aufmerksam wie wohlwollend ihre Spur – beginnt sie ihre Tagträume in die Praxis umzusetzen, um ja nicht zu versäumen, was das Leben bietet.Es ist ohnehin nicht allzu viel, in der Kleinstadt, in der Rosa wohnt: Herweg Kollhardt, ein gleichaltriger Schüler, Baron Kollhardt von Kollerwegen (der auch in einem Marlitt-Roman eine traurige Figur abgegeben hätte) ist allenfalls ein Notnagel. Ambrosius, der eines Tages in der Kleinstadt auftaucht und eigentlich eine standesgemäße Verbindung anstrebt, kommt da gerade recht. Dass Liebe und Liebelei ihm eins sind, bemerkt Rosa erst viel zu spät.

Schon früh allerdings erfährt sie, wie die Gesellschaft sich über ihr Verhältnis das Maul zerreißt. Ihr ist, als ob die Blicke der Mitschülerinnen, der Nachbarn, der feinen Gesellschaft sie permanent verfolgten, wie die Kirchenglocken, die sie ab und zu daran erinnern, dass sie sich längst auf unsicheres Gelände vorgewagt hat. Also will sie mit Ambrosius fliehen, nicht nach Paris, denn dem Französisch-Unterricht ist sie doch zu oft ferngeblieben, lieber nach Wien.

Daraus wird natürlich nichts. Ambrosius verlässt sie, bekommt wohl nicht einmal mehr mit, dass sie ein Kind von ihm erwartet. Konrad Lurch, ein Lückenbüßer, der schon die ganze Zeit bereitsteht und in die schöne Rosa bis über beide Ohren verliebt ist, wird abgewiesen; er begeht daraufhin Selbstmord. Um die Schwangerschaft zu verbergen, muss Rosa die Stadt verlassen. Sie findet Aufnahme im Dorf  Tiglau, bringt ein Kind zur Welt, ist fast schon wieder glücklich und muss dann doch mit ansehen, wie es nach wenigen Wochen stirbt. Auch ihr Vater ist inzwischen verstorben, und so sieht sie sich gezwungen, endlich doch eine Stelle anzunehmen, die ihr einen Neustart (auf Bewährung) in Aussicht stellt: Rosa geht als Kindermädchen nach Moskau, das Schicksal der Emma Bovary bleibt ihr erspart.

So weit, so trist. Ob der Roman, wie Wiebke Porombka in dem lesenswerten Nachwort schreibt, schon „ein frühes Stück feministischer Literatur“ präsentiert, sei dahingestellt. Mit der „Gartenlauben“-Ästhetik verbindet ihn freilich nichts mehr. Der Erzähler macht nämlich kein Hehl daraus, dass er, auch wenn er Rosas Pläne manchmal durchaus „töricht“ findet, doch eher geneigt ist, ihre erotischen Eskapaden zu tolerieren, während er keinen Augenblick zögert, die Provinz-Philister, die Männer wie die Frauen [!], samt und sonders zu entzaubern. Wie sie, hinter ihren schweren Vorhängen, auskundschaften, was sich auf der Straße abspielt, wie sie über Hegel und Darwin diskutieren, ohne auch nur je eine Zeile der beiden gelesen zu haben, wie sie darauf achten, dass alles bleibt wie es immer schon gewesen ist: Keyserling kennt seine Pappenheimer, und auch die sozialen Mechanismen, die sie nach wie vor mit Zähnen und Klauen verteidigen, um ihre Positionen gegen alle Stürme der Modernisierung aufrechtzuerhalten. Oftmals ironisch, zuweilen sarkastisch, nur scheinbar zuweilen unschlüssig zeichnet und prüft er seine Figuren, mit jenem scharfen Blick, der Außenseitern, die „überall gesperrte Türen“ vorfinden, in aller Regel eigen ist. Und so steht fest: Fräulein Rosa Herz darf im Bücherregal ohne Weiteres einen Platz unmittelbar neben Effi Briest einnehmen.

Kein Bild

Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Roman.
Mit einem Nachwort von Wiebke Porombka.
Manesse Verlag, Zürich 2015.
574 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783717523949

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