Funkkämpfe

Nina Heidrich zeigt in „Rundfunk in der Weimarer Republik“ die Auseinandersetzung um die nationale und regionale Identität auf

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

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Die regionale Struktur des deutschen Rundfunks, die ihn bis heute prägt, hat – wie es aussieht – anfänglich weniger konzeptionelle als technische Gründe gehabt. Daraus ergab sich halb gewollt, halb gezwungen eine relative Selbständigkeit der Rundfunkanstalten, die konzeptionelle Auseinandersetzungen geradezu provozierte. Nina Heidrich stellt in Rundfunk in der Weimarer Republik die Gründungsphase der Rundfunkentwicklung am Beispiel der beiden schlesischen Anstalten in Breslau und Gleiwitz dar, zieht zur Abgrenzung allerdings noch die Entwicklung der Sendeanstalten in Köln und Königsberg heran, um dadurch die spezifische Entwicklung der schlesischen Anstalten präziser fassen zu können. Sie fokussiert dabei auf den Zeitraum 1924 bis 1932, also auf die Gründungs- und erste Konsolidierungsphase des Rundfunks, an die die Situation nach der Machtübernahme des NS-Regimes angrenzt. Allen vier Anstalten gemeinsam ist, dass sie aus unterschiedlichen Gründen zu den finanziell schlechter ausgestatteten Gesellschaften gehören, die insbesondere in ihrer Anfangsphase mit äußerst geringen Mitteln auskommen mussten – Heidrich spricht von Budgets von 20 Reichsmark pro Sendetag. Das liegt im Fall der drei Häuser in Schlesien und Königsberg an ihrer randständigen Lage und der geringen potenziellen Hörerschaft, im Falle des Kölner Hauses daran, dass die westdeutsche Anstalt aufgrund der Besetzung des Rheinlands in Münster gegründet wurde.

Die beiden schlesischen Häuser ziehen dabei besonders große Aufmerksamkeit auf sich, da aufgrund der territorialen Verluste in Schlesien im Nachgang des Versailler Vertrags Fragen nach nationaler und regionaler Identitätsstiftung und -sicherung intensiv diskutiert wurden. Die Anstalten agierten dabei, wie Heidrich darstellt, in einer Gemengelage unterschiedlicher Interessen, die durch die Struktur der Rundfunklandschaft, ihrer Eigentumsverhältnisse und nicht zuletzt der Konstruktion der Kontrollgremien provoziert wurde.

Grundsätzlich waren die Sendeanstalten staatliches Eigentum und unterlagen der Kontrolle von Gremien, die insbesondere von der Reichspost gelenkt wurden. Die damit verbundene politische Zurückhaltung brach sich an den Anforderungen, die an die Sendeanstalten vor Ort gerichtet wurden respektive von Gruppen formuliert wurden, die eine relevante Mitsprache an der Programmgestaltung der Anstalten und damit auch an den Revenuen des Rundfunks forderten.

Das geht sogar so weit, dass die Besetzung der Kontrollgremien der schlesischen Anstalten umstritten war. Der in Oberschlesien angesiedelten Hauptsendeanstalt Breslau war das in Niederschlesien liegende Gleiwitz als Nebenanlage zugeordnet. Die Bedeutung der Anstalten war entsprechend mit einem Gefälle versehen. Der Streit zwischen den Anstalten zog sich bis in die Programmgestaltung hinein, bei der niederschlesische gegen oberschlesische Interessengruppen auftraten und Einfluss wie zum Beispiel bei einer spezifischen Programmgestaltung einforderten. Zwar waren beide Teilregionen wie die ihnen zugestandenen Sendeanstalten in die Abgrenzungs- und Reklamierungspolitik gegen das angrenzende Polen eingebunden, mit dem die schlesischen Anstalten einen veritablen Senderkrieg ausfochten. Je stärker die Sendeleistung, desto weniger Hörer hatte die Konkurrenz auf polnischer Seite (die allerdings mit deutlich höherer Leistung dagegenhielt). Grenzlandkriege, die die Weimarer Republik gern führte, nur mit den Mitteln des Rundfunks. Die sich mit dem Rundfunk und dessen offensichtlichen Erfolg eröffnenden Einfluss-, Gestaltungs- und Karrierechancen machten aber beides, Posten wie Programm, zu umstrittenen Feldern.

Die Spannung zwischen der nationalen Formierung und der Behauptung einer regionalen, ja lokalen Eigenheit von Kultur setzte sich bis in die Programme der Anstalten hinein fort. Gerade von lokaler Seite wurden angemessene Sendeplätze und -formate reklamiert, mit denen eine regionale Identität ihren Ausdruck zu finden suchte.

Dass regionale Identität – im Übrigen nicht anders als nationale – im Wesentlichen das Resultat einer Konstruktion ist, wird von Heidrich mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt. Dabei spielt eine vorgeblich spezifisch schlesische Literatur, die von der deutschen abgegrenzt werden musste, eine besondere Rolle. Dazu berufen sich die Förderer der regionalen Literatur auf historische Autoren wie Angelus Silesius und Martin Opitz, denen als gleichrangige Nachfolger Gerhart Hauptmann (der als früher Moderner seinerzeit wohl eher weniger große Anerkennung gefunden hätte) und mit Abstrichen Paul Keller oder Hermann Stehr zugeordnet wurden. Die Fokussierung auf regionale Literatur, die eben auch zur Abgrenzung gegenüber den polnischen Nachbarn dient, führte zu einer vergleichsweise heiß laufenden nationalistischen Polemik, die von eher nachrangigen Autoren vorgetragen wurde. Der Widerspruch von Nationalisierung und Regionalisierung wird von ihnen über die Frontstellung als Grenzregion gelöst. Wenn denn nicht diese Region als spezifisch deutsch zu gelten habe, welche denn sonst?

Offensichtlich richteten sich die Bemühungen – insbesondere die des langjährigen Leiters der Breslauer Anstalt, Friedrich Bischoff (eigentlich Fritz Walther Bischoff, 1896–1976), der selbst als Autor tätig gewesen war – im Gegensatz dazu auf ein angemessenes Niveau des Programms. Das führte dazu, dass Bischoff, der als Förderer und Freund Max Hermann-Neißes gilt, neben dem unvermeidlichen Hauptmann auch überregional anerkannte Autoren wie Herrmann-Neiße, Thomas Mann, Alfred Döblin oder Erich Kästner ins Programm nehmen konnte, deren politisches Profil und literarisches Niveau sich von denen der regionalen Autoren deutlich unterschied. Die starke Präsenz von nationalistisch-chauvinistischen Autoren um 1932, die auf ihrer regionalen Anbindung bestanden, hat dies aber, wie Heidrich betont, nicht verhindert.

Heidrichs Studie Rundfunk in der Weimarer Republik, die auf intensive Quellenrecherchen zurückgeht, zeichnet sich durch ihren großen Detailreichtum und das Ziel aus, die Diskussionen und Programme der schlesischen Sender aus den verfügbaren Quellen hinreichend zu sichten und auszuwerten. Das führt im Einzelfall dazu, dass Heidrich Textmaterial abarbeiten muss, das ihre Analyse unterfüttert. Der Mehrwert ist freilich nicht abzustreiten.

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Nina Heidrich: Rundfunk in der Weimarer Republik. Regionale und nationale Konzepte.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2018.
219 Seiten, 39,80 EUR.
ISBN-13: 9783849812614

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