Ein Exil am Pazifik

Über Thomas Manns Jahre in Amerika

Von Anja BeisiegelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anja Beisiegel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es waren 14 schwere Jahre, die Thomas Mann in Amerika als Exilant verbrachte. Bereits nach der Bücherverbrennung 1933 – die Thomas Manns Bücher zwar verschonte, der die Bücher seines Bruders Heinrich und seines Sohnes Klaus jedoch zum Opfer fielen – dachte der Nobelpreisträger von 1929 darüber nach, Deutschland ins Exil zu verlassen. Nach einer Zwischenstation in der Schweiz und der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft siedelte die Familie 1938 in die USA um. Die Manns blieben bis 1952 in den Staaten. In Kooperation mit dem Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich widmet das Literaturmuseum der Moderne in Marbach diesen 14 Jahren eine Ausstellung und einen überaus lesenswerten Band mit Ausätzen, Essays und zahlreichen Abbildungen.

Den Herausgebern Ulrich Raulff und Ellen Strittmatter gelingt mit ihrem Buch Thomas Mann in Amerika ein äußerst vielschichtiger und lebendiger Einblick in die Exilzeit von Thomas und Katja Mann. Dabei beschränken sich die Textbeiträge des Bandes nicht allein auf wissenschaftliche Ausarbeitungen. Als Herzstück des Buches kann man das Interview mit Frido Mann (Jahrgang 1940) bezeichnen, der eine sehr persönliche und subjektive Schilderung der Besuche im „Weißen Haus des Exils“ bei seinen Großeltern in Pacific Palisades beisteuert.

Dem Aufsatz von Kai Sina verdankt man einen weiteren – auch anekdotischen – Einblick. Sina recherchiert den denkwürdigen Besuch Susan Sontags im Hause Mann, die im Dezember 1949 als junge Studentin Thomas Mann über den Magic Mountain interviewte. Für Thomas Mann eine knappe Randnotiz im Tagebuch, für Susan Sontag ein bedeutendes Erlebnis, das sie in einer später entstandenen Erzählung verarbeitete.

In zahlreiche Selbstzeugnissen Thomas Manns (Tagebucheintragungen und Briefe) lässt sich nachverfolgen, wie Amerika sich sukzessive als Fluchtort aus dem „nationalsozialistische Kesseltreiben“ herauskristallisierte und wie schwer Thomas Mann die Exilzeit ankam. Neben dem Verlust der Heimat waren dies auch die ganz praktischen Umstände: Auf der Überfahrt mit dem überfüllten Passagierschiff „Washington“ wurde Thomas Mann ein Schlafplatz im Massenlager der Männer zugeteilt, mit dem Münchner Arbeitszimmer ist dem Schriftsteller vieles an Unterlagen abhandengekommen, unter anderem seine Tagebücher.

„Wo ich bin, ist Deutschland“, formulierte Thomas Mann 1938 in der New York Times und verstand sich als einer, der aus der Ferne die „vergiftete Atmosphäre“ seiner Heimat konstatierte und immer wieder öffentlich anprangerte. „A family against a dictatorship“, so nannte Klaus Mann die familiären Aktivitäten von Thomas, Golo, Erika und sich selbst. Die vier Schriftsteller (Vater, Tochter und Söhne) richteten sich über den Rundfunk an das deutsche Volk. Thomas Mann in seinen 61 berühmten Rundfunkreden, Erika über die BBC, Klaus als Autor von Flugblättern und Golo als Radiokommentator. Robert Galitz gibt in seinem Aufsatz über die Rundfunkstrategien der Familie Mann einen guten Abriss über die politischen Positionen der Manns und illustriert den interfamiliären Diskurs mit vielsagenden Zitaten: „Der Alte schwankt wie eine geköpfte Wespe hin und her!“ ätzte Golo Mann über die anfängliche Unschlüssigkeit seines Vaters.

Die Exilzeit war für Thomas Mann jedoch nicht nur die Zeit, in der er politisch Stellung bezog; er arbeitete in Amerika unter anderem auch an der Joseph-Tetralogie und an Doktor Faustus. Zu der Arbeit an diesen Stoffen ist in Thomas Mann in Amerika einiges Interessante zusammengestellt worden: Skizzen und handschriftliche Manuskriptseiten, Briefe, Zeitungsausschnitte und Photos vermitteln einen plastischen Eindruck von Arbeitsweise und Entstehungsgeschichte.

Nach dem Kriegsende stand kein amerikanisches Happy End für die Familie Mann. Nach Franklin Delano Roosevelts Tod (kurz vor Kriegsende 1945) änderte sich unter der Präsidentschaft Harry S. Trumans die politische Situation. In der McCarthy-Ära begann die Jagd auf tatsächliche und vermeintliche Kommunisten in den USA. Betroffen von diesen Verfolgungen war auch Thomas Mann, der sich vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ für vermeintliche stalinistische Sympathien verteidigen musste. Die Familie Mann sah sich gezwungen, die Wahlheimat zu verlassen und sich ein zweites Mal ins Exil zu begeben. 1952 zogen die Manns zurück in die Schweiz, wo Thomas Mann 1955 verstarb.

Mit dem durchgängig illustrierten Buch Thomas Mann in Amerika gelingt den Herausgebern ein spannendes und vielschichtiges Panorama der Jahre von 1938 bis 1952. Privates und Familiäres wird eng verknüpft mit den politischen Verwerfungen der Zeit vor und nach 1945. Die Manns, eine Jahrhundertfamilie.

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Ulrich Raulff / Ellen Strittmatter (Hg.): Thomas Mann in Amerika.
Marbacher Magazin 163/164.
Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 2018.
241 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783944469416

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