Trümmerbilder des Sozialismus

Ines Geipel zeichnet in „Umkämpfte Zone“ markant eine bedrückende Welt von Verdrängung, Schmerz und Hass

Von Christina BickelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christina Bickel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Buch Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass von Ines Geipel vereint Elemente eines Generationenromans und Romans über die DDR mit Elementen der Autobiographie und des Sachbuchs. Es besticht durch eine bilderreich-künstlerische, poetische Sprachgewalt und geisteswissenschaftliche Reflexionen. Geipel erzählt darin die Geschichte der autobiografisch gezeichneten Ich-Erzählerin, die in einer stark durch NS und SED geprägten Familie voller Gewalt und Schweigen aufwuchs und kurz vor der Wende in den Westen floh. Schonungslos deckt sie die Wahrheit über ihre Vergangenheit auf. Das anhand des Lebens der Protagonistin narrativ entfaltete Thema des Werkes ist die Frage, warum heute, fast 30 Jahre nach dem Mauerfall, in den neuen Bundesländern vielerorts ein Klima von Verdrängung, Schmerz und Hass herrscht, und die Autorin bedenkt dabei, wie mit diesen unterschwelligen, destruktiven und aggressiven Gefühlen umgegangen werden sollte.

Eine Ursache des Hasses besteht für die Ich-Erzählerin darin, dass alles, was nicht in das positiv gezeichnete Bild des Sozialismus passte, vor 1989 in den Westen ausgelagert wurde. DDR-Bürgern ging es wie dem Astronauten Major Tom in David Bowies Space Oddity. Sie lebten in einer Kapsel, in einer eigenen Welt (konnten sie aber, anders als Major Tom, nicht verlassen). Dies wurde besonders nach der Wende deutlich. Alte Sicherheiten und Gewissheiten zerbrachen. Das Leben musste in diesem Ruinenfeld falscher Bilder neu ausgerichtet werden. Illustriert wird dieser Bruch anschaulich anhand einer Ausstellung des Künstlers Joseph Beuys in Darmstadt kurz nach der Wende. Durch die Darstellung des Schmerzes in der Kunst von Beuys wird der im Osten aufgewachsenen Ich-Erzählerin ihr eigenes Leid an den zerbrochenen und falschen Bildern der Vergangenheit bewusst.

Durch bildhafte Sprache hat Geipel den zum Inhalt passenden Sound gefunden. Bilder sind mehrdeutig, polysemantisch aufgeladen und offen, wenn auch in ihrer Struktur nicht beliebig. Es ist die Sprache, mit der Menschen aus der Bevölkerung der DDR, Musiker und Literaten der SED-Diktatur getrotzt haben. Sprachbilder haben es ermöglicht, hinter vorgehaltener Hand die wesentliche Kritik zu verbergen und implizit zu äußern, ohne direkt dafür belangt werden zu können. Doch – so die Protagonistin – dabei darf es heutzutage, in unserer demokratischen Gesellschaft, nicht bleiben. Bildhafte Sprache muss gedeutet und differenziert in ein neues Narrativ transformiert werden.

Um den Prozess vom Totschweigen zur Verbalisierung zu erzählen, wird von Geipel das Motiv des Bildes sprachgewandt durch die Umkämpfte Zone gezogen: Fotografien als Manifestationen der Erinnerung, das Auge des Bruders – durch einen Hirntumor tragisch erblindet – abgeschnitten von den Bildern der Vergangenheit, ideologisch idealisierte Mythen, deren Bilder von der Ich-Erzählerin zertrümmert werden, Spiegelbilder von NS- und  DDR-Diktatur, surreale Imaginationen, Traumbilder wie der Wunsch der Protagonistin nach einem Fell, das sie, kurz vor der Wende in den Westen geflohen, in ihrer Nacktheit vor der Wucht der Geschichte schützt. Es sind Bilder, die sich wandeln und von anderen Bildern verdeckt werden in der „Seelenkrypta“. Scham- und schuldhaft verborgene Bilder, schwarz-weiße Bilder, aus denen irritierende Graustufungen eliminiert worden sind, regimekritische Bilder, die übermalt worden sind, Bilder in Erinnerungskisten, dunkle Bilderströme in den Abgrund, Vogelschauen, Innenansichten, Illusionen eines abgeschotteten Landes. Bilder in Form von Fotografien, die die Wirklichkeit verflachen, durch Haptik handhabbar, begreifbar machen, sie bannen. Bilder, die, an die Oberfläche geholt, helfen können, mit dem Geschehenen umzugehen.

In Umkämpfte Zone fordert die Ich-Erzählerin, die unter Bedrohung eines hemmungslosen Stasi-Vaters aufgewachsen ist, den Einsatz für eine klare Aufarbeitung der Vergangenheit. Für unmissverständliche Systemkritik gibt es in der Familie keinen Raum. Auch die NS-Vergangenheit der Großeltern wird beharrlich verschwiegen und geistert doch immer als dunkles Phantom durch das Familienleben. Besonders berührend und dicht wird der Besuch der Protagonistin bei ihrem Bruder, dem Kunstlehrer Robby, im Krankenhaus beschrieben. Robby leidet unter einem Tumor, der ihm die Augen wegdrückt. Der Bruder hat kaum noch Bilder in sich. Ob das Nichts in seinem Kopf indirekt durch die schmerzhaft verdrängte Familien- und DDR-Geschichte ausgelöst worden ist, bleibt in der Schwebe. Insbesondere durch die Figur des Bruders wird deutlich, wie wichtig Bilder zur Vergangenheitsbewältigung sind und welche fatalen Folgen es haben kann, sie nicht kritisch abzurufen.

Bilder bergen Gefahren in sich. Sie können „ranzig werden und ausfransen“. Diese negativen Abnutzungserscheinungen geschehen durch mangelnde Verbalisierung und Überzeichnung. Ausgefranste Bilder sind kaputte Trugbilder, die einer kritischen Sprache, Deutung und Kommunikationsgemeinschaft ermangeln und eigentlich ausrangiert und erneuert werden müssten. Auf diese Weise gewinnen sie wieder an Wahrheit und klar umrissener, denkerisch scharf definierter Form. Bilder bedürfen einer Beurteilung bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes. Diese Erkenntnis ist in einer Zeit postfaktischer Bilddarstellungen und Fotomontagen von großer Brisanz und Aktualität. Gemäß diesem Programm unterzieht die Ich-Erzählerin einige Bilder des Sozialismus eingehender Kritik wie zum Beispiel das Bild der heldenhaft verklärten Kommunisten im KZ Buchenwald, welches durch den in der DDR zensierten und seiner Ambivalenzen beraubten Bestseller Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz verstärkt worden ist.

Als Meister der falschen Bilder wird in dem Buch die Vaterfigur gezeichnet. Nach außen hin getarnt als Chorleiter, operiert er mit acht unterschiedlichen Identitäten als Terroragent und löst sich in ganz unterschiedliche Körper auf. Er ist nicht das, wofür man ihn hält. Physische Gewalt, die er auch von seinen NS-Eltern empfangen hat, bekommen auch seine Kinder zu spüren.

Durch den implementierten Hass in der Abschottungszeit und durch Nicht-Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit konnten mithilfe einer Flucht ins Virtuelle die Idealbilder vom heldenhaften Kampf, heiligen Boden und eisernen Rationen entstehen. „Falschbilder“, die Kriegsenkel in Hooligans, Neonazis und Skinheads verwandelten. Hinzu kommt das soziale Ungleichgewicht zwischen Ost und West, welches die Menschen in eine virtuelle NS-Realität fliehen lässt.

Geipels Buch mündet in das dringende Plädoyer, die Bilderruinen des vergangenen Sozialismus neu zu erschließen, verborgene Bilder zu bergen, beschädigte zu restaurieren, die oberen Schichten von falsch überpinselten Palimpsesten abzutragen. Arbeitswerkzeuge zu diesem Zweck sind kritisches Denken, Sprache, Dialog und eine lebendige und konstruktive Debattenkultur über die jüngste Diktatur in der deutschen Geschichte, die im politischen Raum, in den Bildungsinstitutionen und am Familientisch stattfindet. Auffällig ist, dass die Sprache in einen deutlich wertenden Ton übergeht, der angesichts der angenommenen intentio auctoris seine Berechtigung hat. Die Autorin löst auf diese Weise in ihrem Werk die kritische Versprachlichung und Kritik an falschen Bildern ein, die sie von dem Einzelnen, und der Gesellschaft fordert. Dies sei der beste Weg, die Verstrickungen in das totalitäre System des DDR-Sozialismus positiv, ohne Hass und Gewalt, aufzuklären und angemessen zu verarbeiten ohne erneut Teile der Vergangenheit zu zerschreddern, zuzudecken, oder als verjährt zu betrachten, denn: „Im Osten wird DDR zunehmend sakralisiert, historische Wahrheit perlt am inneren der DDR ab wie Fett in einer Teflonpfanne.“ Kritische Aufarbeitung ist in unserer gesellschaftlichen und politischen Landschaft wichtig, um friedlich miteinander leben und Rechtspopulismus und -extremismus entgegenzutreten zu können. Geipel leistet dazu mit dem bereits in vierter Auflage erschienenen Sprach- und Bildwerk Umkämpfte Zone einen wichtigen Beitrag. Sie thematisiert darin vielschichtig, hochaktuell und lesenswert die Ursachen für derartig radikale Gesinnungen und reflektiert diese fundiert anhand der eigenen Familiengeschichte.

Titelbild

Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2019.
277 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783608963724

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