Verblasste Bilder aus Dörfern der Ukraine

Eine imaginierte Kindheitswelt: Aharon Appelfelds Roman „Sommernächte“

Von Johann HolznerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Johann Holzner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seinen Büchern hat er sich immer wieder zurückgezogen in die Welt der Sicherheit, in die längst verlorene Welt der Kindheit, in das Land seiner Vorfahren: Aharon Appelfeld (geb. 1932 in Jadowa, in einem Dorf, das damals zum Königreich Rumänien gehört hat, inzwischen aber in der Ukraine liegt und heute Schadowa heißt) kehrt auch in dem Roman Sommernächte, dessen hebräische Originalausgabe 2015 erschienen ist, noch einmal in jene Landschaft zurück, die er schon im Roman Elternland beschworen, dort aber noch in Polen angesiedelt hat. Immer wieder gilt sein ganzes Augenmerk abgelegenen Dörfern, die nach dem Ende der Ära der Habsburgermonarchie allen Modernisierungswellen getrotzt und nur eines sich bewahrt haben: die unter der gesitteten Oberfläche zuweilen schlummernde und zeitweise aufflammende Tradition der Judenfeindschaft. 

Es sind also Transformationen des klassischen Heimatromans, die Appelfeld (der 2018 in Petach Tikwa bei Tel Aviv verstorben ist) sich mit seinen Büchern vorgenommen hat. – Die Sommernächte, von denen in diesem letzten Roman die Rede ist, sind nur mehr in Träumen präsent, in den Träumen eines Kindes, das noch nicht viel gesehen und noch viel weniger mitbekommen hat von all dem, was ringsum immer schon passiert ist: Janek, ein kleiner Junge, dessen Eltern auf der Flucht sind, sein Vater ist Jude, man schreibt die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs, wird indessen in diesen Zeitläuften schnell erwachsen; hat er doch einen Lehrer an seiner Seite, der zwar alt und mittlerweile auch blind ist und am liebsten schweigt, aber in seinem Leben allerhand mitangesehen und erfahren hat und deshalb durch nichts und niemanden mehr aus der Ruhe gebracht werden kann, Großvater Sergei nämlich.

Sergei, der sich hin und wieder Verse aus den Psalmen zu Gemüte führt, und Janek, sein Enkelkind, haben keine Heimat mehr und so ziehen sie von Dorf zu Dorf, man nennt sie Landstreicher. In den Dörfern sieht man sie nicht übermäßig gerne, somit bleiben sie zumeist am Rand der Siedlungen im Freien, auch bei jedem Wetter; und mit den wenigen Geldscheinen, die ihnen ab und an ein empfindsamer Mensch doch zusteckt, kaufen sie bei Bauern, was die ihnen eben anbieten: Brot, Käse, Kartoffeln, Gemüse, immer und ewig dasselbe. Sie sind trotzdem keineswegs unzufrieden. Sie haben gelernt, zumindest der Großvater ist sich da sicher, dass Bescheidenheit eine Zier ist, allein in den grünen Inseln der Natur noch so etwas wie Glück gefunden werden kann und die Lichter der Stadt ohnehin nur ins Verderben führen.  

„Plötzlich“, erinnert sich Sergei doch eines Tages, „lockten mich die Lichter der Stadt, die Wirtshäuser, Cafés, Kinos und die flüchtigen Bekanntschaften mit Mädchen. […] Ich wusste, dass mein Leben verkam, ich mich aufrappeln und zu den Eltern, den Feldern, Gärten und zu all dem Guten zurückkehren musste, das das Dorf uns gewährte. Ich wusste es, aber meine Füße trugen mich nicht zurück. Gott hat mich gerettet; ich weiß nicht, warum.“ – Immer wieder aber gehen die gestrengen Einwürfe des Großvaters und die patriarchalen Sichtweisen des Erzählers nahtlos ineinander über; und indem somit der Gegensatz zwischen dem Guten und dem Bösen als unauflöslich festgeschrieben und zugleich überhöht wird zum Ausgangspunkt eines Exerzitiums, in welches Janek widerstandslos einwilligt, werden die beiden Landstreicher sukzessive zu Identifikationsfiguren, unverdächtig allerdings, unanfechtbar … aus der Sicht des auktorialen Erzählers.

Der Kampf des Guten mit dem Bösen (nach wie vor ein aktuelles Thema in den Kathedralen der Russisch-Orthodoxen Kirche) wird von Sergei, der regelmäßig von seiner Militärzeit schwärmt und zugleich doch auch schon davon geträumt hat, als Mönch zu leben, zum Kerngedanken jeder Erziehung stilisiert. Der Roman freilich leidet darunter, weil er mehr und mehr auf den Pflöcken dieses pädagogischen Programms festgezurrt wird.

Anders als noch in Elternland verfließt in diesem Buch die Landschaft zur Kulisse, und die Dörfer (allesamt ukrainische Dörfer, von Iwanow über Janowka oder Krylowka bis Schadowa) bekommen keine eigene Kontur, nirgends; sogar die Ressentiments den Juden gegenüber, die Janek als Kind, noch in der Schule, erlebt hat und nach wie vor x-fach erlebt, geraten ganz in den Hintergrund, nicht anders als seine Träume, die Alpträume wie die Bilder von den glanzvollen Festen, die man in seiner Familie ehedem ausgerichtet und gefeiert hat, „allen voran Pessach und Schawuot“: Unter der rigorosen Festlegung auf die zentrale Botschaft, es gelte, sich zu rüsten für den Kampf gegen das Böse oder auch gegen die Bösen, zerbrechen die Handlungs- und die Dialogführung, folgt Ungereimtes auf Ungereimtes, Widersprüchliches auf Paradoxes, geht jegliche Anschaulichkeit verloren und die „Wanderschaft“ der beiden Landstreicher Sergei und Janek schließlich zu Ende, als wären, ausgerechnet auf diesem Schauplatz und in dem hier vorgestellten höchst-brisanten Zeitabschnitt, die Auswirkungen der NS-Politik und des Krieges kaum auszumachen und deshalb auch nicht unbedingt mit darzustellen gewesen.

Titelbild

Aharon Appelfeld: Sommernächte.
Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2022.
160 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783737101240

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