Von der Ungerechtigkeit, als begabte Frau auf die Welt zu kommen

Die gesammelten Werke von Mechtilde Lichnowsky bieten Einblicke in ihr Leben und literarisches Schaffen

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach überaus verdienstvollen Editionen der Werke und Schriften von Irmgard Keun, Hermynia zur Mühlen oder Gertrud Kolmar, die im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot-Stiftung im Zsolnay und Wallstein-Verlag herausgekommen sind, ist nun in einer vierbändigen Cassette das Werk von Mechtilde Lichnowsky im Zsolnay Verlag herausgegeben worden.

Die am 8. März 1879 auf Schloss Schönberg in Niederbayern geborene Mechtilde Christiane Marie ist das dritte Kind des Grafen Maximilian von und zu Arco-Zinneberg und seiner Ehefrau Olga. Nach einer Internatserziehung und einer wieder aufgelösten, unstandesgemäßen Verlobung heiratet sie 1904 den Fürsten Karl von Lichnowsky, mit dem sie bis 1912 auf den Schlössern Grätz (Österreich-Schlesien) und Kuchelna (Preußen-Schlesien) lebt und wo ihre drei Kinder geboren werden. Parallel dazu entstehen erste Texte, nach einer Ägyptenreise 1912 dann das Buch Götter, Könige und Tiere in Ägypten, das 1913 bei Rowohlt erscheint. Es folgen Stücke, eine Lyriksammlung, die Erzählung Der Stimmer und 1921 der Roman Geburt, der bis 1926 sieben Auflagen erreicht.

1918 beginnt eine immer intensiver werdende Freundschaft mit Karl Kraus, für die die multitalentierte Mechtilde eine Reihe von Couplets vertont. Nachdem 1928  ihr Ehemann verstirbt, erwirbt Mechtilde gemeinsam mit einem Partner eine Villa mit Garten an der französischen Riviera, die sie bis Mitte 1938 bewohnt und wo weitere Romane entstehen. Durch die Heirat mit dem früheren Verlobten Ralph Harding Peto im Jahr 1937 erhält sie die englische Staatsbürgerschaft, kann aber nach dem Kriegsausbruch, den sie in Deutschland erleben muss, nicht mehr zurück nach England und verbringt die meiste Zeit der Kriegsjahre bei ihrer Schwester in München. Ihren Mann, der am 3. September 1945 stirbt, hat sie nie mehr wiedergesehen. 1946 übersiedelt sie nach London, wo sie am 4. Juni 1958 stirbt.

An ihre frühen Erfolge aus der Zeit des Expressionismus über die Weimarer Jahre hat sie, obwohl noch einige Bücher von ihr in Österreich und der Bundesrepublik erscheinen und sie 1954 den Kunstpreis der Stadt München erhalten hat, nach dem Krieg nicht mehr anknüpfen können. Bitter beschwert sie sich einmal in einem Brief an den Freund Max Stefl am 16. November 1954 darüber, dass in der Bundesrepublik die Werke einer – wie sich die beiden Herausgeber Hiltrud und Günter Häntzschel ausdrücken – „intellektuellen, progressiven Autorin“ „als Büchlein bezeichnet werden, ich als Dame und meine Arbeiten als ‚Plaudereien‘.“

In ihren editorischen Bemerkungen am Ende des vierten Bandes fassen die beiden Herausgeber die grundsätzliche Problematik der Schriftstellerin und Künstlerin Mechtilde Lichnowsky treffend zusammen:

Mechtilde Lichnowsky war nie, auch nicht bei ihrem literarischen Debut, ein unbeschriebenes Blatt. Von Anfang an war ihre Wahrnehmung als Schriftstellerin verstellt – oft anhimmelnd, aber meist begleitet von Argwohn – von ihrem Status in der Gesellschaft. Ihr Erscheinungsbild als Frau und als Adelige, Fürstin und Urururenkelin der Kaiserin Maria Theresia, steht zu ihrem Ärger vor ihrer Leistung. Und die biographischen wie die politischen Umbrüche in ihrem Leben haben jegliche Kontinuität in der Wertschätzung der in den zwanziger Jahren vielbeachteten, von Kollegen hochgeschätzten Autorin vereitelt.

Nun kann ihr Werk in einer soliden Edition rezipiert werden, in einer Auswahlausgabe aus 18 Büchern (Romane, Sachprosa, Theaterstücke, Lyrik) und ca. 120 Zeitungs- bzw. Zeitschriftenveröffentlichungen. Die Edition enthält neben ausführlichen Bemerkungen zur Überlieferung der Texte auch ausgiebige Auskünfte über die zeitgenössische Rezeption sowie einen maßvollen Stellenkommentar. So können die heutige Leserin und der heutige Leser eine Schriftstellerin (wieder-)entdecken, deren weitverzweigtes – oftmals autofiktional grundiertes – Oeuvre literarhistorisch von frühen, expressionistisch inspirierten Texten (Lyrik, Dramatik und Prosa) über Romane, die durchaus den Geist der „Neuen Sachlichkeit“ und den Ausdrucksstil der „Neuen Frau“ zeigen, bis zu sprachkritischen und ideologiekritisch argumentierenden Großessays (etwa Worte über Wörter, 1949) reicht. Es mag zwar etwas apodiktisch klingen – problematisch sind solche Gesamteinschätzungen allemal –, doch hat die Schriftstellerkollegin Eva Menasse, die der Edition einen einführenden Essay vorangestellt hat, eine glückliche Bezeichnung für das Werk und die Texte Lichnowskys gefunden, wenn sie feststellt, dass sich Lichnowskys Bücher „der heute üblichen Einordnungen und Genres“ entziehen:

Offenbar war Literatur am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein viel flexibleres Feld, zerfiel nicht bloß in Romane, Erzählungen oder Lyrik. Es gab auch das zum Buch erhobene, nach allen assoziativen Seiten mäandernde Großfeuilleton, das sich dennoch himmelweit vom Sachbuch heutiger Facon unterscheidet.

Und auch in einem weiteren Punkt stimmt der Rezensent nach seiner Lektüre Menasses Einschätzung zu, dass nämlich „das große Lebensthema dieser ungewöhnlichen Schriftstellerin“ die „Ungerechtigkeit, als begabte Frau auf die Welt gekommen zu sein“, war. Hinzu gesellen sich Selbstzweifel und der sich vielfältig zeigende und in verschiedenen Variationen verarbeitete Reflexionszusammenhang von Literatur, Kunst und Leben. Dieser steht im Zentrum der frühen Prosa Der Stimmer (1917), die die Problematik eines Klavierstimmers erzählt – Musik als Gabe des Genies oder als angestrengt-anstrengende Arbeit –, wird in Geburt (1921) auf dialektische Weise behandelt (Dichter als Träumer, andererseits auch wieder Dichtung als Medium der Selbsterkenntnis) und schiebt sich als Oberstimme noch in die Prosa von Der Gärtner in der Wüste (um 1938) hinein, denn der Gärtner ist ja nicht zuletzt eben wieder ein Künstler im Umgang mit Natur und Landschaft.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Mechtilde Lichnowsky: Werke. 4 Bände.
Hg. von Hiltrud Häntzschel und Günter Häntzschel. Mit einem Vorwort von Eva Menasse.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2022.
1872 Seiten, 60,00 EUR.
ISBN-13: 9783552072800

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