Zu viele Widersprüche im Code

Adam Schwarz‘ „Glitsch“ verstrickt sich in einer dystopischen Kreuzfahrt-Klima-Sekten-Beziehungs-Computerspiel-Story und scheitert trotz Spannung am eigenen Anspruch

Von Marcus NeuertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcus Neuert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Irgendwann in naher Zukunft: eigentlich wollte Kathrin, elegante und erfolgreiche Tochter aus gutem und wohlhabendem Hause, alleine nach Japan, um an einer wissenschaftlichen Konferenz über ihr geplantes Promotionsthema zur „interdisziplinären Erforschung der Weltablehnung“ teilzunehmen. Doch ihr Freund Léon, der langhaarige, ziegenbärtige und kiffende ewige Lehramtsstudent, drängt sich auf mitzukommen. Von Anfang an ist klar, dass die Beziehung eigentlich eine Mesalliance ist, aus der Kathrin einen Ausweg sucht, an der Léon allerdings festhalten will. Wegen Kathrins Flugangst reisen sie auf der infolge des Klimawandels inzwischen eisfreien Nordroute auf dem etwas in die Jahre gekommenen Kreuzfahrtschiff Jane Grey von Hamburg nach Tokio.

Nach einem Streit verschwindet Kathrin spurlos, und durch eine Reihe von Zufällen verliert Léon auch noch die Zutrittsmöglichkeit zu ihrer gemeinsamen, von Kathrins Eltern bezahlten Superior-Kabine und muss seine Recherchen nach dem Verbleib seiner Freundin von einer schäbigen Personalunterkunft aus betreiben, welche er sich mit einem auf dem Schiff angestellten Musiker teilt. Seine Identität erweist sich bald auf geheimnisvolle Weise als aus dem Bordcomputer gelöscht, und wechselweise verdächtigt man ihn, blinder Passagier oder gar für Kathrins plötzliche Absenz verantwortlich zu sein. Auf sich allein gestellt, entdeckt Léon die Existenz einer geheimnisvollen Sekte, deren Mitglieder den esoterisch-philosophischen Ideen eines Autors namens C. C. Salarius anhängen und auf dem Schiff merkwürdige nächtliche Rituale abhalten. Gehört Kathrin womöglich zu ihnen? Und was hat das alles mit einem sagenumwobenen Computerspiel zu tun, in dem es einige verhängnisvolle Programmierfehler (die sogenannten und wortspielerisch titelgebenden „glitches“) gibt, die sich auf das Leben außerhalb der virtuellen Welt auszuwirken scheinen? Von einem alternden Ermittler in Diensten der Reederei verfolgt, muss Léon endlich zu sich selbst finden und sich gegen eine immer feindlichere und zunehmend surreale Umgebung behaupten.

Adam Schwarz‘ zweiter Roman nach dem 2017 erschienenen und von Publikum und Kritik überwiegend wohlwollend aufgenommenen Debüt Das Fleisch der Welt ist ein ehrgeiziges Projekt. Der 1990 in der Nähe von Zürich geborene und heute in Basel lebende Schweizer versucht, aktuelle Themen wie den Klimawandel, Verschwörungstheorien und virtuelle Realität mit traditionellen Romansujets wie Beziehungskrisen und Identitätsproblemen zu verknüpfen. Eine Jury konnte er damit immerhin soweit überzeugen, Glitsch für den Schweizer Buchpreis des Jahres 2023 zu nominieren.

Die Atmosphäre auf dem Kreuzfahrtschiff ist Adam Schwarz durchaus gut gelungen; sie ist düster und geheimnisvoll, vor allem in jenen Passagen des Buches, die tief im Bauch der Jane Grey in den Mannschaftsräumen und Servicedecks angesiedelt sind. Offenbar hat der Autor hierfür einige Recherchen betrieben, deren Ergebnisse normalen Reisenden weitgehend verborgen bleiben. Vor diesem Hintergrund spielt sich dann aber eine Story ab, die sich nicht so recht entscheiden kann, was sie eigentlich erzählen will: steht die Literarisierung der Paarbeziehung in Relation zu den Folgen des Klimawandels im Fokus, wie offensichtlich noch zu Anfang? Oder die psychische Verfasstheit des Protagonisten Léon und seiner Leidenschaft für Hasch und Computerspiele? Oder das abgedrehte Ziel der Salarius-Sekte, die posthumane Existenz ins Meer und in die Kommunikationslosigkeit zurück zu verlagern? Jede dieser drei Hauptstoßrichtungen hätte als Idee durchaus eine starke Berechtigung gehabt, das Geschehen in Glitsch zu dominieren, und obwohl der Eindruck entsteht, dass sie einander eher ablösen als dass sie plausibel miteinander verwoben sind, liest sich das Buch insgesamt recht flüssig. Schwarz versteht es, seine Lesegemeinde bei der Stange zu halten, indem er beständig vorgaukelt, dass es für all die merkwürdigen Einzelheiten eine Erklärung geben muss: ein Versprechen, welches er am Ende, das hier nicht explizit verraten werden soll, allerdings nicht einlöst – oder nicht einlösen kann, da ihm die vielen losen Enden seines Plots aus der Hand geglitten sind.

Das Buch hinterlässt ein wenig den Eindruck, als läge ihm der Auftrag an einen orientalischen Imbiss zugrunde: Einmal alles mit scharf. Doch der würzige Zutaten-Mix kommt beim Lesepublikum offenbar gut an: Adam Schwarz‘ Glitsch steht unmittelbar vor einer zweiten Auflage, die hoffentlich wenigstens die Gelegenheit bietet, einige Mängel im Korrektorat zu beheben; die Schwächen des Lektorats (so etwa „Ein Mann, der trotz der milden Temperaturen in eine Pelzmütze gehüllt war […]“) bleiben, vor allem auch das etwas nervös wirkende Hin und Her zwischen Gamer-Sprech, einer weitgehend sinnfreien Verwendung von Anglizismen („Das war nicht die Kathrin, die er kannte. But then again, hatte er sie wirklich gekannt?“) und manieristischer Überfrachtung („[…] mit den beiden Menschen zu sprechen, die vor bald drei Jahrzehnten übereingekommen waren, ihn zu einer Realität werden zu lassen, würde vielleicht helfen, dass ihm der Bezug zu ebenjener nicht noch weiter entglitt“). Oder sollen das alles stilistische Reminiszenzen an die stets durchscheinende Sprachkritik des Autors Adam Schwarz sein, die sich auch immer wieder im Werk des zitierten fiktiven Sektengurus C. C. Salarius widerspiegeln? Das wäre allerdings in etwa so plausibel wie Léons beständig schwankender Kurs zwischen Verdrängung, Wut, Angst und Ratlosigkeit, den das Lesepublikum zwar rezipiert, aber nicht wirklich glauben kann – was wohl daran liegt, dass in Adam Schwarz selbst offenbar keine echte Empathie für seinen Protagonisten, ja seinen gesamten Figurenpark (denn mehr scheint ihm dieser nicht zu bedeuten) aufgekommen ist. So bleibt am Ende nicht viel mehr als ein literarisches Gebilde aus Themen, die zweifellos am Wege liegen, aus postmodernen Verschraubungen, die aber selbst die „glitches“ aufweisen, jene „Widersprüche im Code, die für Risse in der Spielwirklichkeit“ der virtuellen Welten verantwortlich sind. Was manchem Gamer vielleicht sogar faszinierend erscheinen mag, bleibt in seiner literarischen Umsetzung schließlich doch eher befremdlich.

Titelbild

Adam Schwarz: Glitsch.
Mit einem Nachwort von Philipp Theisohn.
Zytglogge Verlag, Oberhofen 2023.
292 Seiten , 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783729651197

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