Zum 175. Jubiläum der Revolution von 1848/49 erscheint die Buchreihe „Bibliothek der frühen Demokratinnen und Demokraten“

Die Edition macht mit Schriften, Biografien, Gedanken und Geschichten der damals Beteiligten bekannt

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 18. Mai 1848 versammelten sich in der Frankfurter Paulskirche die Mitglieder des ersten gesamtdeutschen Parlaments, um über eine freiheitliche Verfassung und die Bildung eines geeinten deutschen Nationalstaats zu beraten. Ein für die damalige Zeit mutiges und ehrgeiziges Unterfangen. Mit dem Beschluss der Nationalversammlung vom 21. Dezember 1848 erlangten zum ersten Mal individuelle und staatsbürgerliche Freiheitsrechte Gesetzeskraft in Deutschland.

Trotz des späteren Scheiterns der Frankfurter Nationalversammlung und ihres Vorhabens, Deutschland im Rahmen einer parlamentarisch-demokratischen Verfassung zu einigen, hatten die Leistungen des Paulskirchenparlaments eine Vorbildwirkung für spätere Verfassungen. Seither gilt die Frankfurter Paulskirche als Symbol der ersten deutschen Demokratiebewegung.

Zum 175. Jahrestag des Zusammentretens der Nationalversammlung in der Paulskirche startete der Verlag Kiepenheuer & Witsch 2023 die edtion paulskirche, eine Bibliothek der frühen Demokratinnen und Demokraten, die in Einzelbänden erstmals Originaltexte, Schriften, Biografien, Gedanken und Geschichten der damals Beteiligten versammelt. Herausgegeben wird die Buchreihe von Jörg Bong, Ina Hartwig, Helge Malchow, Nils Minkmar, Walid Nakschbandi und Marina Weisband. Bis zum Herbst 2024 sollen im Halbjahresrhythmus insgesamt 16 Bände erscheinen.

Die ersten fünf Bände der Edition wurden in einer Auftaktveranstaltung am 28. Februar 2023 in der Frankfurter Paulskirche vorgestellt; dabei war der erste Band Emma Herwegh (1817-1904), der Ehefrau von Georg Herwegh und rabiaten Republikanerin (so Elke Heidenreich im Vorwort), gewidmet. Neben einer Auswahl ihrer Korrespondenz enthält der Band ihr autobiografisches Werk Zur Geschichte der deutschen demokratischen Legion aus Paris. Von einer Hochverrätherin (1849). Emma Herwegh, die sich auch als Übersetzerin revolutionärer Literatur (u.a. von Giuseppe Garibaldi) betätigte, förderte das Werk ihres Gatten und blieb den demokratischen Idealen bis zu ihrem Lebensende treu.

Die folgenden Bände der Edition beschäftigten sich dann mit Theodor Fontane (1819-1898), Robert Blum (1807-1848), Friedrich Hecker (1811-1881), Amalie Struve (1824-1862), Louise Aston (1814-1871), Josef Fickler (1808-1865), Arnold Ruge (1802-1880) sowie den Frühen demokratischen Programmen. Zu Beginn des Jahres sind nun vier weitere Bände erschienen: Mathilde Anneke, Louise Otto-Peters, Georg Herwegh und Mehr als Einigkeit und Recht und Freiheit.

1848 hatten die Frauen in ganz Europa keine bürgerlichen und politischen Rechte, umso erstaunlicher – oder umso folgerichtiger –, wie viele von ihnen sich an dem revolutionären Umbruchversuch beteiligten. Das Scheitern der Revolution und die Restauration trafen die politisierten Frauen besonders hart. Die Biedermeier-Dichterin und Journalistin Mathilde Franziska Anneke (1817-1884) gehörte zu den führenden Köpfen der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49 in Rheinland-Westfalen. Mit ihrem Mann musste sie 1849 in die USA emigrieren, wo sie zu einer Pionierin der US-Frauenstimmrechtsbewegung avancierte. Die Auswahl der Texte von Mathilde Anneke konzentriert sich auf die revolutionären Ereignisse der Jahre 1848/49. In der Streitschrift Das Weib im Konflikt mit den sozialen Verhältnissen (1847) schlug sie zum ersten Mal die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frauen an, während sie in Memoiren einer Frau aus dem badisch-pfälzischen Feldzug 1848/49 (1853 in Amerika) ihre revolutionären Erlebnisse schilderte. In der Erzählung Die Sclaven-Auction. Ein Bild aus dem amerikanischen Leben (1862) steht das Sklavenmädchen Isabella im Mittelpunkt, die versteigert werden soll. Wie viele US-Frauenrechtlerinnen dieser Zeit stritt auch Anneke für die Abschaffung der Sklaverei.

Louise Otto-Peters (1819-1895) gilt als die Initiatorin der ersten organisierten deutschen Frauenbewegung. Als Journalistin und Schriftstellerin kämpfte sie zeit ihres Lebens für mehr Bildung und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen. Sie veröffentlichte sozialkritische Romane, politische Gedichte und zahlreiche Presseartikel. Die von ihr gegründete und redigierte Frauen-Zeitung (1849-1853) war ein gesellschaftliches und politisches Sprachrohr auf einem sonst von Männern dominierten beruflichen Feld. Hier setzte sie sich mit aktuellen Themen auseinander, brachte Berichte über Frauen aus anderen europäischen Ländern und berichtete über Vereinsgründungen. Aus ihrem umfangreichen Werk versammelt die Neuerscheinung einige politisch motivierte Texte (Gedichte, Artikel, Essays), die sich vorrangig an den revolutionären Ereignissen 1848/49 orientieren. Bereits 1847 entwickelte sie in ihrem grundlegenden Artikel Über die Teilnahme der Frauen am Staatsleben programmatische Ideen für eine Frauenbewegung. Darin forderte sie die rechtliche Gleichstellung von Frau und Mann und den notwendigen Zugang der Mädchen und Frauen zu Bildung. Ein Jahr nach Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenbundes (ADF) veröffentlichte Louise Otto-Peters ihre Abhandlung Das Recht der Frauen auf Erwerb. Blicke auf das Frauenleben der Gegenwart, in der sie sich vehement für das Recht der Frauen auf eigenen Erwerb und eine eigene Berufsausübung einsetzte.

Georg Herwegh (1817-1875) gilt als erster politischer Dichter Deutschlands. Seine Gedichte eines Lebendigen (1841) waren das Initial für die revolutionären Ereignisse der Jahre 1848/49. In ihnen übte er scharfe Kritik an den politischen Zuständen und beschwor die deutsche Einheit und den Kampf gegen Unterdrückung. Herwegh beteiligte sich mit seiner Frau Emma auch aktiv an den revolutionären Kämpfen. Die Textauswahl des Herwegh-Bandes präsentiert neben einer kleinen Auswahl seiner politischen Lyrik auch einige Beispiele seiner Korrespondenz. Der radikale Demokrat Herwegh war der am besten vernetzte Dichter des Vormärz; er hatte Kontakt mit Heinrich Heine, Richard Wagner, Karl Marx oder dem russischen Revolutionär Michail Bakunin. Mit seinen journalistischen Artikeln griff er in die politischen, sozialen und künstlerischen Auseinandersetzungen ein. Anders als viele Mitstreiter, die sich nach dem Scheitern der Revolution aus der Politik zurückzogen, blieb die „eiserne Lerche“ des Vormärz auch weiterhin im Kampfmodus. Doch sein Ruhm verblasste sehr bald, da er sich nicht für das Deutsche Reich von Bismarcks und Preußens Gnaden begeisterte, sondern sich über den Krieg von 1870/71 entsetzte: „Germania, mir graut vor Dir!“

In der Frankfurter Nationalversammlung wurde heftig debattiert, gestritten und diskutiert. Die Reden der Parlamentsmitglieder füllen neun umfangreiche Bände, die bereits 1849 von dem sächsischen Politiker Franz Wigard (1807-1885) herausgegeben wurden. Der Band 13 der edition paulskirche versammelt eine kleine Auswahl der Reden von entschiedenen Abgeordneten, die mehr als „Einigkeit und Recht und Freiheit“ wollten. Sie forderten politische Gleichheit und eine Volksvertretung als „Generalgewalt“ und als Alleinträger der Souveränität der Nation. Diese „linken“ Paulskirchenfraktionen machten jedoch nur ein Fünftel der Abgeordneten aus. Die Mehrheit suchte den Ausgleich mit den Fürsten; ihr Ziel war eine konstitutionelle Monarchie.

Ein wortgewandter Redner war Robert Blum (1807-1848), der einen größeren politischen Umschwung erhofft hatte und in der revolutionären Bewegung eine europäische Dimension sah. In seinen Reden stritt er für freiheitliche Rechte, Rechtstaatlichkeit, Einheit und Völkerverständigung. Ein gefürchteter Redner auf Seiten der Linken war auch der Schweizer Carl Vogt (1817-1895), der als Naturwissenschaftler eine Ausnahme in der Nationalversammlung war. Er setzte sich für die Stärkung der parlamentarischen Demokratie, das Prinzip der Volkssouveränität und – als erklärter Atheist – für die Trennung von Kirche und Staat ein.

Die knapp 30 ausgewählten Redebeiträge veranschaulichen die Breite der Ideen und Forderungen, die vor 175 Jahren in der Paulskirche heftig diskutiert wurden – von der Ausarbeitung einer neuen Verfassung über die Presse- und Versammlungsfreiheit bis hin zum allgemeinen Wahlrecht, der unabhängigen Gerichtsbarkeit und der Freiheit des Eigentums.

In den Vorworten der vier Neuerscheinungen verdeutlichen die Autoren (Daniela Dahn, Helke Sander, Stephan Reinhardt und Frank Engehausen) jeweils das politische und gesellschaftliche Anliegen der „frühen Demokratinnen und Demokraten“, während der Publizist Rüdiger Dammann neben biografischen Überblicken einige Hinweise zur Textauswahl (teilweise leicht gekürzte Fassungen) gibt. Band 13 wird außerdem durch eine mehrseitige Zeittafel zur Geschichte der deutschen Nationalversammlung ergänzt.

Im Herbst 2024 wird die Bibliothek der frühen Demokratinnen und Demokraten dann mit drei weiteren Neuerscheinungen abgeschlossen, die sich dem Jenaer Abgeordneten Christian Schüler (1798-1874), dem radikalen Demokraten Carl Schurz (1829-1906) und dem schwäbischen Revolutionär Ernst Elsenhaus (1815-1849) widmen.

Titelbild

Mathilde Franziska Anneke: Auf denn, ihr Schwestern! Mit einem Vorwort von Daniela Dahn.
edition paulskirche, Band 10.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024.
176 Seiten , 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783462500103

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Titelbild

Louise Otto-Peters: Wenn die Zeiten gewaltsam laut werden. Mit einem Vorwort von Helke Sander.
edition paulskirche, Band 11.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024.
176 Seiten , 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783462500110

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Titelbild

Georg Herwegh: Vor der Freiheit sei kein Frieden. Mit einem Vorwort von Stephan Reinhardt.
edition paulskirche, Band 12.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024.
160 Seiten , 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783462500127

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Titelbild

Frank Engehausen (Hg.): Mehr als Einigkeit und Recht und Freiheit. Demokratische Reden in der Frankfurter Nationalversammlung.
edition paulskirche, Band 13.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024.
176 Seiten , 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783462500134

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