Kritische und intellektuelle Möglichkeiten wecken

Paul Schallücks Briefe an die Eltern als Zeugnis eines Schriftstellerlebens in der jungen Bundesrepublik

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Schriftsteller Paul Schallück (1922–1976) aus dem westfälischen Warendorf ist ein heute nahezu Unbekannter. Dabei zählte der weitgehend als Prosaautor tätige Schallück seinerzeit in der jungen Bundesrepublik, aber auch noch während der 60er Jahre als geachtetes Mitglied der ‚Gruppe 47‘, ausgezeichnet durch drei renommierte Literaturpreise (Annette von Droste-Hülshoff-Preis, 1955; Literaturpreis der Stadt Hagen, 1963; Nelly-Sachs-Preis, 1973), zu den herausragendsten Schriftstellern seiner Generation – mit durchaus beachtlichen Auflagen seiner Romane, durch Übersetzungen in viele europäische Sprachen, darunter ins Russische (mit sechsstelliger Auflagenhöhe). Ein Schriftsteller aber auch, der, worauf der Herausgeber Walter Gödden verschiedentlich hinweist, nah bei den ästhetisch-poetologischen Vorstellungen der (frühen) 50er Jahre steht und – vielleicht mit Ausnahme seines letzten komisch-humoristischen Romans Don Quichotte in Köln (1967), der tatsächlich auch sprachlich-stilistisches Neuland betritt – bis an sein Lebensende daran festgehalten hat, was – möglicherweise – die heutigen Schwierigkeiten einer Rezeption dieses Autors zu erklären vermag. Gödden schreibt, dass Schallück „ein typischer Erzähler der fünfziger Jahre“ war. „Die realistische, mit Reflexionen durchsetzte Schreibweise gab er nie auf.“ Hinzu kommt, dass sich Schallück selbst in aller Bescheidenheit neben seinem Kölner Freund Heinrich Böll als dessen kleineren, jüngeren Bruder bezeichnete und sein schriftstellerisches Anliegen, sein Schreiben insgesamt als – in den Worten des Kritikers Heinrich Vormweg – „moralischen Akt“ verstand. Als etwas, worin der sich für die Sozialdemokratie ebenso engagierende, die „Germania Judaica“ mitbegründende wie sich stets kritisch-wach zu gesellschaftspolitischen Fragen äußernde Schallück selbst verortet, das – jetzt mit Heinrich Böll – die Erinnerung zur Aufgabe des Schriftstellers bestimmt (Bekenntnis zur Trümmerliteratur (1952)). „Noch immer“, heißt es in einem autobiographischen Text mit dem Titel Mein lieber Vater, der sich neben einigen anderen im Anhang zur Briefedition befindet, in den letzten Zeilen, „werden ganze Generationen im Gehorsam, im blinden Glauben an das von außen zuschlagende Schicksal erzogen, präpariert lediglich zum Dulden. Immerhin aber wissen heute ein paar Leute mehr, daß die Gesellschaft um ihrer selbst willen daran denken muß, die Menschen vorzubereiten, ihre kritischen und intellektuellen Möglichkeiten zu wecken.“

Die von Gödden vorzüglich edierte und kommentierte Briefausgabe umfasst 225 Briefe (und Postkarten) Paul Schallücks an die Eltern aus dem Zeitraum zwischen 1954 und Schallücks Tod im Jahr 1976. Und man kann sich als Leser*in der Einschätzung Walter Göddens durchaus anschließen, wenn er anmerkt, dass die Briefe „Aufschluss darüber [gewähren], was es in den Jahren 1950 bis 1970 hieß, als freier Schriftsteller zu reüssieren. Das literarische und auch das politische Klima jener Zeit wird in unterschiedlichsten Facetten deutlich.“ Dabei – und das sollte im Blick auf die elterlichen Empfänger ohnehin klar sein – handelt es sich nicht um einen literarischen Briefwechsel. Schallück hält vielmehr über die Jahre hinweg seine geliebten Eltern stets auf dem Laufenden, was seine aktuellen Arbeiten, Projekte und auch Termine angeht, was dann – pars pro toto – so klingt (Brief vom 07.11.1954, ähnlich auch fürs Jahr 1957 Brief vom 17.02.1957 u. ö.):

Und dann die kommende Woche. Am Montag ein Interview, worauf ich wiederum wie im vergangenen Jahr (zu Weihnachten, die Sibirische Geschichte) etwas schreiben soll. Dann muß ich an einem, heute noch nicht bestimmten Tage in der kommenden Woche nach Frankfurt, um mit den Leuten von der Büchergilde zu sprechen, die ja meinen neuen Roman in ihre Produktion übernehmen wollen, um zum Verlag zu gehen. Und am Donnerstag will ich nach Bonn fahren, um an einer Bundestagsdebatte über außenpolitische Fragen teilzunehmen. Am Freitag muß ich im Funk sein und einen Vortrag, Gedanken zur Zeit, „Von deutscher Tüchtigkeit“, auf Band sprechen, der am Sonntag, den 12. Dezember gesendet wird.

Schallück berichtet den Eltern von Lesereisen und Vorträgen im In- und Ausland, erzählt ihnen von alljährlichen vier- bis sechswöchigen Urlauben in Alexandersbad (mit Ausflügen nach Karlsbad), von Krankheiten und – gerade in den Anfangsjahren – pekuniären Schwierigkeiten, von Reisen in die SU ebenso wie in die USA.

Insgesamt drängt sich jedenfalls dem Rezensenten das Bild eines Schriftstellers auf, der – wiewohl selbst Katholik – mit geradezu protestantischer Askese ein Arbeitsethos vertritt, das nichts anderes kennt und zu sehen vermeint als das Schreiben, als die permanente produktive Entäußerung im Text. Auf diese Weise ist schließlich ein beachtliches und bemerkenswertes Werk entstanden – Romane, Erzählbände, Hörspiele und Features, Essays, Aufsätze und Reden –, dessen (wenn auch nur beiläufige) Erwähnung die gesamte Korrespondenz mit den Eltern begleitet.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Walter Gödden (Hg.): Vom Leben, vom Schreiben. Der Schriftsteller Paul Schallück privat. Briefe an die Eltern 1954-1975.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2025.
430 Seiten, 28 EUR.
ISBN-13: 9783849821081

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch