Postantiker Humor
In „Asterix in Lusitanien“ schickt das neue Gespann Fabcaro & Conrad die gallischen Helden in Europas Westen
Von Michael Braun
Ganz Europa ist von den Galliern heimgesucht. Ganz Europa? Nein, denn eine kleine Provinz am äußersten Westzipfel fehlte bislang noch im Katalog der Abenteuer von Asterix und Obelix. Unsere Helden, der listige Asterix und sein rauflustiger Freund Obelix, haben inzwischen fast alle Provinzen des von den Römern besetzten Kontinents bespielt. Jetzt ist Lusitanien dran. Schauplatz des jüngsten Abenteuers ist das heutige Portugal, im ersten vorchristlichen Jahrhundert erobert und besetzt von den Römern.
Im Westen nichts Neues?
Umstürzend Neues wird man billigerweise von Asterix in Lusitanien nicht erwarten dürfen. Das Erfolgsrezept der Comicreihe gründet seit mehr als sechs Jahrzehnten auf einem stabilen Handlungsbogen und Kernensemble. Variiert werden die Stationen der Heldenreise. Hier sind es, auch nicht ganz unvertraut, die regionalen Speisen und, das ist wirklich neuartig, eine hintergründige Weltwirtschaftslegende, die dem Geschehen Aktualität verleiht. Asterix in Lusitanien ist eine fabelhafte Parodie auf die selbstgemachten Konflikte des globalen Marktes.
Es beginnt – auf einem fast halbseitigen Panel – mit der Ankunft eines phönizischen Händlers in dem uns wohlbekannten gallischen Dorf. Epidemais landet an der Küste, und vor allem die gallischen Frauen hoffen auf neue Ware, um sich aufzuhübschen. Doch statt eines Catwalk-Models betritt ein Lusitaner den Landungssteg, Schnurres. Er ersucht die Gallier um Hilfe. Sein Freund Schãoprozes, ein lusitanischer Produzent von Garum, einem feinen und damals kostspieligen Gewürz aus vergorenen Fischeingeweiden, ist von seinem römischen Konkurrenten Croesus Lupus verleumdet und inhaftiert worden. Hinter der unfreundlichen Übernahme der Produktion aus einem Billiglohnland steckt eine handfeste Intrige mit dem Plan, letztlich Cäsar zu stürzen.
Mit dieser Allianz der Dörfer gegen Vetternwirtschaft und Marktmonopole beginnt das Abenteuer. Mit Schnurres reisen Asterix und Obelix auf Epidemais‘ Rudergaleere gen Westen. Der Phönizier, den wir schon aus den ägyptischen Geschichten der Helden kennen, hat aus seinen „Gesellschaftern“, von denen manche drunten sterben, ohne den Sternenhimmel je gesehen zu haben, Kunden mit Abonnements gemacht, die sich jedes Jahr automatisch verlängern: Sklaven des Marktes mit Knebelverträgen. Leutselig legt er den Galliern das Einmaleins der freien Marktwirtschaft aus: Durch den Seehandel können die Reichen auch Früchte und Gemüse außerhalb der Saison genießen. Und den neunmalklugen Einwand von Asterix, hier werde doch Energie vergeudet, kontert er mit dem ökonomischen Zeitgeist. Kein Wunder, dass die englischen Übersetzer diesem Entrepreneur und Dealmaker den Namen „Ekonomikrisis“ gegeben haben.
Sprechende Namen und Paradoxien
Der Bösewicht, Präfekt von Olisipo, dem heutigen Lissabon, heißt Fetterbonus und macht seinem Namen ebenso wie sein gut gebräunter neapolitanischer Vetter Croesus Lupus alle Unehre; wer will, kann in letzterem eine Karikatur von Silvio Berlusconi erkennen. Das Geschäft des Duos ist Korruption, ihr Medium emotionale Manipulation, die nur ein Ziel verfolgt: die römisch besetzte Welt glauben zu machen, ihr Garum sei das Einzige und Wahre, und die anderen unecht oder giftig. Ein ausgepichtes Gaslighting, dem Arbeiter und Endabnehmer wehrlos ausgeliefert sind.
Bevor die Gallier in der Handelsmetropole Olisipo aufkreuzen, wo Croesus Lupus eine Dependance hat, absolvieren sie einen kleinen Marathon durchs Land, zu dem neben den allfälligen (und sich später noch als hilfreich erweisenden) Zufallsbekanntschaften auch eine kleine Kollektion regionaler Speisen gehört – voran der Kabeljau, vor dem es natürlich den Wildschweinliebhaber graut. Die schönste Zutat zur Plotline allerdings ist die den Portugiesen von alters her zugeschriebene Saudade, eine merkwürdige Mischung aus Frohsinn und Wehmut. Glückliche Melancholie, ein „gourmetartig genossenes Unglück“, wie Arnold Stadler in seiner durchaus comichaften Novelle Ausflug nach Afrika (1997) schreibt.
Mit der Saudade bewältigen die unterdrückten Lusitanier ihren Alltag, bei der Produktion von Fischen, Kacheln oder Pflastersteinen wie auch beim Feiern und Singen. Das klingt dann bei den Lyrics so: „Alles Schône ist vergangen … der Schmerz in mir wuuute. Nach Glück geht mein Verlangen … mein Herz ist so muuude.“ Ein Steinbrucharbeiter formuliert es so: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“
Kein Wunder, dass auch die Römer angesteckt werden von dieser altneu-portugiesischen Trauerlust. Der eine gewinnt aus dem Befehl, die gesuchten Gallier nicht entrinnen zu lassen, die Einsicht, dass es sein soldatisches Leben ist, das da verrinnt, der andere wünscht sich einen arthritischen Esel. Und Obelix hilft mit einem Saudade-Song seinem Freund einmal so gewitzt aus einer Klemme, dass sich auf einmal die Rollen verkehren: „der lässige Dicke und der hektische Kleine“, wie es auf den Steckbriefen steht.
Details on duty und die Saudade am Ende
Gewürzt ist das Abenteuer, das wie gewohnt mit der Lösung des Konflikts und einem Festmahl endet, mit allerlei Details, die im Dienst einer postantiken Landeskunde stehen. Da sind nicht nur die Namen der Superreichen, die wie Elonmus oder Markus Zuckergus die Tech-Mogule unserer Zeit aufrufen. Da ist auch ein Zenturio auf verlorenem Posten namens Pistorius, der im französischen Original „Nouvelopus“ (also: neues Werk) heißt und dem britischen Comedystar Ricky Gervais (The Office) ähnelt. Da sind globale Nomaden, die mit ihren Wohnkarren durch den antiken ‚Kontinent‘ fahren, da sind die Piraten, die mit dem auf einmal das „r“ rollenden und nicht mehr (wie in den vorherigen Asterixheften) wulstlippigen dunkelhäutigen Ausguck offenbar politische Korrektheit gelernt haben, da sind fußballspielende Kinder, von denen eines Ronaldos ins Römische übersetzte Trikotnummer „VII“ trägt, da sind Straßenpferdebahnen an Seilen, die einen fragen lassen, was mit den Seilen wäre, wenn sie nicht dahin führen würden, wohin die Pferde wollen. Solche Details tun ihre Pflicht, wenn sie es uns heimelig machen in einer fernen Welt.
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