Des anderen, klagenden Hölderlin Gegenwärtigkeit
Dieter Burdorf bereichert mit einer weiteren Hölderlin-Studie
Von Günter Helmes
Bei dem schmalen, an der einen oder anderen Stelle interpretatorisch leicht überstrapaziert wirkenden, doch insgesamt gehaltvollen und anregenden Band handelt es sich um die überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags, den der Leipziger Hölderlin-Experte Dieter Burdorf im April 2024 im Tübinger Hölderlinturm gehalten hat.
Für Burdorf ist Hölderlin, um eine zentrale, im Kapitel über Ilma Rakusa in der Bandmitte nachzulesende These als ‚Leitfaden‘ vorwegzunehmen, derjenige Lyriker, der sich „am besten zur poetischen Selbstreflexion der eigenen Existenz“ eignet.
Im Zentrum von Burdorfs Interesse stehen „elegische Formeln und Passagen“, stehen der „Ton der Klage, der Erinnerung und der Verlusterfahrung“ nicht nur aus bzw. in Hölderlins Elegien, sondern auch aus bzw. in seinen „alkäischen oder asklepiadeischen Oden“ und seinen „freirhythmischen Hymen“. Letztere nämlich seien ebenfalls „für spätere Dichtungen anregend geworden“. Aus systematischen Gründen bleibt allerdings die Liebeselegie und damit Hölderlins Menons Klagen um Diotima – eine Ausnahme bestätigt die Regel – ausgeblendet. Ausgeblendet bleiben auch, wie in der etliche Literaturbeispiele auflistenden und von daher herauszustellenden Anm. 100 zu lesen ist, „solche aktuellen Hölderlin-Adaptionen, die eher an hymnische denn an elegische Tendenzen in Hölderlins Texten anknüpfen.“
„Hölderlins poetische Sprache ist unter uns“: Mit diesem auf die Gegenwart gemünzten, in anderer Weise freilich auch für frühere Zeiträume geltenden Satz beginnen die einleitenden Ausführungen. Diese setzen sich u.a. mit Martin Heideggers einflussreicher Rede „Hölderlin und das Wesen der Dichtung“ (1936) auseinander – Heideggers Hölderlin-Verständnis wird auch im Weiteren gelegentlich angesprochen.
Die Ausführungen, die Hölderlins berühmte Frage „»und wozu Dichter in dürftiger Zeit?«“ aus der Elegie Brod und Wein zum Hintergrund haben, handeln unter Verweis auf eigene und andere wegweisende Vorarbeiten zu Traditionslinien der poetischen Hölderlin-Rezeption – „ernsthafte, existentielle »Hölderlin-Linie«“ hier, „spielerisch-parodistische »Hölderlinie«“ dort – von der nach Ansicht des Verf. keineswegs zufälligen „Aktualität des Elegischen“. Es seien die derzeitigen prekären Zeitläufte, so die nicht ganz überzeugende, von daher wohl auch ‚elastisch‘ formulierte These in diesem Zusammenhang, die die „»elegische Weltbetrachtung«“ (Ilma Rakusa) Hölderlins „besonders aktuell“ machten.
Prekär waren die Zeitläufte ja immer schon, und doch wirkte Hölderlin dem an dieser Stelle beizupflichtenden Klappentext nach über lange Zeiträume „vor allem mit seiner hymnischen Welthaltung und seinen utopischen Impulsen auf nachfolgende Dichterinnen und Dichter“. Der Verf. räumt denn auch ein, dass es „Dichtungen aus dem Geist elegischer Weltbetrachtung“ schon seit längerer Zeit gegeben habe. Unter besonderer Akzentuierung poetischer und stilistischer Merkmale und deren inhaltskonstitutiver Rolle verhandelt er von daher im Nachfolgenden sechs „Beispiele aus den vergangenen knapp fünf Jahrzehnten.“
Das erste Beispiel gibt der als Lyriker weniger bekannte Peter Hamm mit seinem dem Band Der Balken (1981) entnommenen, autofiktional unterlegten Gedicht Erinnerung an Lindau ab. Dieses Gedicht nimmt Bezug auf Hölderlins Heimkunft. An die Verwandten. Während das „›glückselige Lindau‹“ für Hölderlin in mehrfacher Hinsicht ein willkommen geheißener „Transitort“ sei, so der Verf. wohl begründet, sei Lindau für Hamm „der Ort der durch materiellen Mangel und erotischen Schmerz, ja eine Art Schmerz-Lust gekennzeichneten Jugend“.
Im Werk von W.G. Sebald, dies des Verf. zweites Beispiel, komme Hölderlin an „zwei Gelenkstellen […] ausführlich zur Sprache“, in dem autobiographisch eingefärbten Langgedicht Nach der Natur (1988) und in der zur Eröffnung des Stuttgarter Literaturhauses am 17. November 2001 gehaltenen Rede Ein Versuch der Restitution. Beide Texte reichere Sebald montageartig mit „nicht exakt ausgewiesenen Zitaten aus Werken und Briefen Hölderlins“, d.h. auch mit einem „spezifischen Hölderlin-Sound“ an.
Für Nach der Natur weist der Verf. – Stichworte u.a.: Begriffe, Metrik, Motivik, Gehalt – enge Bezüge zu Brod und Wein, Der Wanderer, Stutgard. An Siegfried Schmidt und Griechenland (erster Entwurf) nach. Diese Texte kreisen grob gesprochen um Optimismus und Pessimismus, um Utopie und Dystopie. Sebald lasse anklingen, zitiere, radikalisiere, weiche ab, verneine, parodiere. Letztendlich sehe er Ende der 1980er Jahre aber offensichtlich keine Möglichkeit mehr, „aus der intensiven Auseinandersetzung mit Hölderlins poetischem Werk“ eine seiner Zeit gemäße Verssprache zu entwickeln.
Auch Sebalds Festrede 13 Jahre später, vor allem anfangs geprägt von dessen „katastrophische[r] Weltsicht“, nimmt auf Stutgard Bezug, darüber hinaus auf Menons Klagen um Diotima. Bezeichnenderweise klammere Sebald die sechste und letzte, gleichermaßen von „Vision“ wie von „Sorge“ bestimmte Strophe von Stutgard aus, so wie er sich bei Menons Klagen um Diotima zwar für deren klagende, trübsinnige Zeilen interessiere, nicht aber für diejenigen, die ein „Hochgefühl“ imaginieren. Dabei lese er, darin vom interpretatorischen Mainstream abweichend, Hölderlins Klage „als eine Klage über das »Leiden anderer«“ (Susan Sontag): „In Hölderlins elegischer Sprache findet Sebald eine adäquate Ausdrucksform und eine Legitimation seiner eigenen Poetik des Andenkens an das anderen von Deutschen im 20. Jahrhundert angetane Leid.“
Mit „Poesie des Rückzugs I“ bzw. „Poesie des Rückzugs II“ sind die Kapitel über die nächsten beiden Beispiele Michael Krüger und Ilma Rakusa überschrieben. Bei beiden sei die „extensive Verwendung von Hölderlins Texten […] eng mit der Schock-Situation des Jahres 2020 verbunden“.
Ein Ausgangspunkt im Krüger-Kapitel, das auch auf Bezüge zu Brockes, von Haller, Klopstock und Goethe hinweist, ist die Beobachtung, dass Hölderlin in Krügers umfangreichen Gedichtband Mein Europa. Gedichte aus dem Tagebuch (2019) keine Rolle spielt, wohl aber in dessen nachfolgendem, im Hauptteil von „chthonische[r] und zugleich moribunde[r] Motivik“ durchzogenen Gedichtband Im Wald, im Holzhaus (2021). Dieser, in dem Hölderlin in motivischer, figuraler, phraseologischer und erzählerischer Hinsicht „mehrfach als wichtiger Gesprächspartner gesucht“ werde, stehe im Unterschied zum persönlich in guten Zeiten entstandenen Vorgänger allerdings im Zeichen einer lebensbedrohlichen Erkrankung des obendrein von der Pandemie bedrohten Autors. Diese „Extremsituation“ sei Voraussetzung dafür, dass er sich bzw. das gegen Ende „fast in eine Art Hölderlin-Rausch“ geratende Ich des Gedichtbandes „auf die Herausforderungen von Hölderlins poetischer Sprache“ einlassen kann.
Im einlässlich referierten und kommentierten Gedicht Nr. 16 des Gedichtbandes sieht der Verf. auf formaler wie auf inhaltlicher Ebene Krügers „eindringlichste Weiterarbeit an Hölderlin-Texten“. Weiterarbeit nicht nur im Sinne von Zitierung, sondern auch von Auslassung: im Einzelnen an den Elegien Das Gasthaus (Der Gang aufs Land) und Brod und Wein, an der Hymne Wie wenn am Feiertage …, an dem „»Scardanelli«-Gedicht“ Der Frühling und am Roman Hyperion. Am Schluss des Gedichtbandes stehe die Erkenntnis, dass das „Wissen, auch die Kenntnis und das Auswendiglernen von Hölderlins Versen und Prosa-Passagen“ in einer „Situation der konkreten Bedrohung“ wie der des Autors „nur noch wenig“ nütze.
Das Rakusa-Kapitel setzt sich mit deren Gedichtband Frühling. Corona mit Hölderlin (2020) und damit mit Rakusas Erprobung der „Leistungsfähigkeit von Hölderlins Zeit-Denken in […] der Corona-Pandemie“ auseinander. Im Unterschied zu Hamm, Sebald und Krüger integriere Rakusa, deren „Vorliebe“ den ab 1807 entstandenen Gedichten gelte, Hölderlin-Zitate und -Verse in der Regel nicht rhythmusbestimmend in die eigene Sprache, sondern stelle sie, nach Versgrenzen, Orthographie und Lautstand manchmal abgewandelt, dem eigenen Gedicht in Kursivdruck voran. Dieses Gedicht sei dann „eine Art Glosse[]“ zum Vorangestellten. Nehme die Autorin Hölderlin-Zitate in ihren eigenen Text auf, seien diese ebenfalls durch Kursivdruck markiert.
Im Einzelnen macht der Verf. Bezüge zu den „Turmgedichten“ Der Frühling, Aussicht und Der Mensch aus, aber auch zu den Hymnen Mnemosyne und Patmos, dem Distichon Sophokles sowie dem Hyperion. Die von der Autorin getroffene Auswahl aus diesen sorge mehrheitlich dafür, dass ein „elegische[s] Element“ in ihre Gedichte komme. Am in Gänze wiedergegebenen, ausgiebig diskutierten 5. Gedicht des Bandes – das glossiert die Schlusszeilen „»Lang ist die Zeit / Er ereignet sich aber / Das Wahre«“ der ersten Strophe von Mnemosyne – weist der Verf. nach, dass sich die Autorin „fast durchgehend“ parodistisch von Hölderlin distanziert und somit der „»Hölderlinie«“ zuzurechnen ist. Es verblüffe allerdings, „in wie vielen Details Rakusa an Worte, Bilder und Gedanken Hölderlins anknüpfen kann.“
Die Diskussion eines Rakusa-Textes – Bei Hölderlin – eröffnet überraschender Weise auch das vorletzte Kapitel des Bandes. Der Text, das „vielleicht düsterste[] aller Tübinger Hölderlin-Gedichte“, endet mit dem letzten Vers „»Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage«“ von Aussicht. Dieser Schlussvers könne hier allerdings „nur als Sarkasmus lesen“ werden.
Im Fortgang geht es um zwei Gedichte aus Michael Buselmeiers Gedichtband In den Sanden bei Mauer. Letzte Gedichte (2023) und fünf Gedichte aus Olga Martynovas Gedichtband Such nach dem Namen des Windes (2024). Wie Sebald und Krüger zuvor, interessiere sich auch Buselmeier in Hölderlin in Frankreich für Hölderlins Reise nach Bordeaux, verwende aber nur „ansatzweise“ Hölderlin-Texte. In Ruinensprache bleibe es bei einem bloßen „Anklang“. Dennoch sei Hölderlin für Buselmeier „der zentrale Referenzautor“, stehe wie der Philoktet in Ruinensprache „für die politische Unnachgiebigkeit der Unterdrückten gegenüber ihren Unterdrückern“.
Soweit er sehe, so der Verf., weise das auf Russisch geschriebene lyrische Werk Olga Martynovas „noch keine deutlichen Hölderlin-Referenzen“ auf, obwohl von „lebensgeschichtlich früheren Hölderlin-Prägungen“ – der Verf. geht ausführlich darauf ein – gesprochen werden müsse. Vu nemt men a bisele Glik, teils in jiddischer Sprache geschrieben, gestalte die „»Winter«-Strophe von Hälfte des Lebens […] zu einer bitteren KZ-Satire aus.“ Mit Hölderlin ist tot – „erhellend“ sei in diesem Zusammenhang auch Martynovas Prosatext Hölderlin und die braunen Frauen daselbst (2020) – gehe es um die zugleich bestrittene wie qua Auseinandersetzung belegte Wirkkraft von Hölderlins Bordeaux-Gedicht Andenken. In dem titellosen, dialogischen Gedicht „»Trunken von Nüchternheit sind die Menschen geworden …«“ werde auch über Hölderlin gesprochen. Das „komplexe[], vielstimmige[] Totengespräch“ Von jenem Jänner hole die Hölderlin-Rezeption Paul Celans in eine Gegenwart, die gleichermaßen von dessen Verlust wie demjenigen von Martynovas Lebensgefährten, des Lyrikers Oleg Jurjew bestimmt sei. Ins/im Wasser hängend setze das Anliegen von Von jenem Jänner fort, bringe Celan und Hölderlin „mit den Toten des 20. Jahrhunderts“ und anderen Opfern von „Gewaltherrschaft“ in ein „zum Weiterdenken anregendes poetisches Gespräch.“
„Hölderlin – ein Autor nur für Isolierte, Alte und Kranke?“ fragt abschließend das „Resümee“ des Verf. Vor allem die Generation „der nun schon sehr Alten“ sei es, die „aufgrund ihres Bildungshintergrundes bevorzugt auf Texte Hölderlins zurückgreift“, wenn es um mit „Verlust“ oder mit „Krankheit, Isolation und Vereinsamung“ einhergehende „Erinnerungen“ und „Erfahrungen“ geht. Das gelte in besonderer Weise in alle betreffenden, außerordentlichen Krisenzeiten. Dann, wenn viele Individuelles und Allgemeines „in eine enge Beziehung“ setzten, sei der Hölderlin einer „elegischen Weltbetrachtung“ auch für Autorinnern und Autoren mittleren und jüngeren Alters ein „besonders gut geeigneter Referenzautor“.
Ebenso gerne wie man dem Verf. in all dem zustimmt, würde man ihm auch in seiner Überzeugung zustimmen, dass Hölderlin auch künftig für Junge und Jüngere „Referenzautor“ bleiben wird. Aber ist damit – Stichwort: von allen Seiten beklagter Bildungsverfall – wirklich zu rechnen?
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