Liebe auf den zweiten Blick
Wie ein Märchen von Hannah Arendt seine Kraft entfaltet
Von Peer Jürgens
Denkerin, Demokratin, Humanistin, Mahnerin gegen den Totalitarismus, Protokollantin des Bösen – es gibt viele Attribute, mit denen man Hannah Arendt beschreiben kann. ,Märchenerzählerin‘ gehörte bisher nicht in diesen Kanon von Begriffen einer der größten und großartigsten Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts. Und dennoch ist eben auch das Hannah Arendt, die auch so wunderbar schelmisch in ihren Briefen formulieren konnte und in deren Nachlass nun das Märchen „Die weisen Tiere“ aufgetaucht ist.
In einem Dorf hütet ein Mädchen Gänse und eines Tages entdeckt sie eine fremde Gans mit einem schwarzen Fleck auf der Brust in ihrer Herde. Dieser Gans will sie folgen, aber die Gans entwischt ihr. Um sie wiederzufinden, braucht das Mädchen den Rat ebenjener titelgebenden weisen Tiere, die sie auf einer Lichtung trifft. Keines der Tiere aber kann helfen, nur Pegasus vermag es, das Mädchen in das Land der Gänse zu bringen. Dort findet sie tatsächlich ,ihre‘ Gans wieder, die sich prompt – auf Knopfdruck – in einen Jungen verwandelt. Ihn möchte sie natürlich heiraten.
Auf den ersten Blick ist das Kunstmärchen ein netter, manchmal etwas ungelenker, aber zauberhafter Text, welcher mit der Gans ein sehr präsentes Märchentier aufgreift. Man denke nur an Hans im Glück, die goldene Gans oder die Gänsemagd. Das Mädchen bricht zu einer Reise auf, trifft sprechende (Fabel)Tiere, lernt über Nacht die Vogelsprache, reitet auf einem fliegenden Pferd und findet am etwas kitschigen Ende ihren Prinzen. Wenn dieser erste Blick ein Kinderblick ist, so dürfte er bei diesem Märchen aus strahlenden Augen kommen.
Auf den zweiten Blick aber – und der lohnt sich allemal – offenbart Hannah Arendt eine Fülle an Verweisen auf Literatur, Religion, Gesellschaft und Philosophie. Dieser zweite Blick zeigt, dass eine Hannah Arendt eben nicht einfach ein unschuldiges Märchen schreiben kann. So kann das Mädchen auf ihrer Verfolgung der Gans einen Flugzeugpiloten nur deshalb bezahlen, weil sie wegen eines Krieges und dem Mangel an Schokolade und nach Leim schmeckenden Bonbons ihr gesamtes Taschengeld gespart hat. So trifft das Mädchen auf der Waldlichtung Tiere, die beim belesenen Leser alle Alarmglocken schrillen lassen. Zunächst spricht sie mit einem Löwen, neben dem ein Lamm friedlich schläft. Dieser Verweis auf den Propheten Jesaja verdeutlicht Arendts jüdische Wurzeln einerseits und ihren publizistischen Einsatz für Gerechtigkeit andererseits – war doch Jesaja der erste Prophet, der den Messias als Richter und Retter ankündigte. Danach trifft sie auf die Schlange aus dem Paradies und wundert sich, was so ein böses, tuschelndes Tier unter der Versammlung der weisen Tiere zu suchen hätte. Das ist philosophisch betrachtet sehr nah an der „Selbstverständlichkeit des Bösen“, das eigentlich hinter Arendts „Banalität“ steckt. Immerhin ist das Mädchen klug genug, die Schlange nicht nach einem Rat zu fragen. Im Folgenden begegnet sie erst dem Leviathan – ein zweifacher Verweis auf zum einen das biblische Seeungeheuer und zum anderen auf das Hobbes’sche Symbol des allmächtigen Staates – und anschließend dem abgemagerten Kamel, welches durch das Nadelöhr passen muss. Selten wurden innerhalb weniger Sätze Totalitarismuskritik und Kapitalismuskritik (alle 400 Jahre muss das Kamel Diät machen, weil dann mal ein Reicher in den Himmel kommt) schöner nebeneinandergestellt. Schließlich flicht Hannah Arendt noch einen literarischen Verweis in ihr Märchen ein, wenn sie einen weißen Elefanten auftreten lässt, der sich als Karussell-Elefant aus dem Luxembourg-Garten vorstellt. Eine bezaubernde Hommage an Rainer Maria Rilkes Karussell-Gedicht („und dann und wann ein weißer Elefant“), zumal der Elefant das sympathischste Tier ist und ihr tatsächlich hilft.
Diese ganzen Intertextualitäten zu entdecken, ist ein großes Vergnügen. Gesteigert wird das noch durch die feinen ironischen Bemerkungen, die Hannah Arendt so wunderbar einstreut. So ist das Mondkalb, eigentlich das Sinnbild eines Monsters, hier nur eine Heulsuse. Pegasus beschwert sich, dass das Mädchen kein Junge sei und es ihn mit ihren Fragen halb tot plagen würde. Auch maßregelt Pegasus das Mädchen, dass man nicht einfach so von zu Hause weglaufen dürfe, man müsse schon etwas Vernünftiges wollen.
Das alles für sich wäre schon wunderbar. Aufgewertet wird der recht kurze Text aber zusätzlich durch ganz herrliche Zeichnungen von Hildegard Elisabeth Keller, der nicht nur Dank für die Illustration, sondern auch für das Auffinden des Märchens gebührt. Im Rahmen ihrer Recherche für ihren Arendt-Roman stöberte Keller im Nachlass von Hannah Arendt und fand den Text. Dieser Fund ist ein großes Glück! Er zeigt eine andere Seite von Hannah Arendt, er erweitert ihre Bibliografie um einen literarischen Prosatext und er lässt uns als Leser ein wenig staunen, ein wenig schmunzeln und ähnlich wie die Märchenheldin ein wenig auf die Suche gehen nach Dingen, die im Text versteckt sind. Ein unerwarteter Text, der die Kraft besitzt, auf den ersten Blick Kinder und auf den zweiten Blick den erwachsenen Leser zu verzaubern.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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