Im Kosmos Ihrer Königlichen Hoheit
Holger Pils hat mit „Liebes Fräulein Herz“ einen Band herausgegeben, der offenbart, wie Ida Herz im Umkreis der Mann-Familie bisweilen ins Stolpern gerät
Von Heribert Hoven
„Der letzte große, bislang noch nicht veröffentlichte Briefwechsel Thomas Manns.“ So kündigt die Verlagswerbung die Briefe an, die der Schriftsteller mit Ida Herz über die letzten dreißig Jahre seines Lebens wechselte. Gegenüber den 335 Schreiben von Thomas Mann existieren allerdings nur 27 Briefe seiner Briefpartnerin. Warum, wird später deutlich. Es scheint jedoch, als habe Thomas Mann selbst diesen umfangreichen Austausch auf den letzten Platz verweisen wollen.
Alles beginnt Anfang 1924. Am 24. Februar dieses Jahres liest Thomas Mann am Vormittag in Fürth aus Die Bekenntnisse des Felix Krull. Zur Zuhörerschaft gehört die 29-jährige Ida Herz, eine Nürnberger Bibliothekarin und große Bewunderin des Dichters. Thomas Mann steht kurz vor dem Erscheinen seines Epochenwerks Der Zauberberg, hat sich inzwischen zur Weimarer Republik bekannt und geht auf die Fünfzig zu. Während der Trambahnfahrt nach Nürnberg, wo Thomas Mann einen weiteren Vortrag halten soll, spricht das kulturbeflissene „Fräulein Herz“ ihn an. Weiß sie, dass er seine Frau Katia in einer Straßenbahn kennengelernt hat? Sogleich schickt sie ihm einen Brief mit Zeitungsausschnitten hinterher und regt wohl einen Besuch in München an. Weil er pflichtbewusst jeden eingehenden Brief beantwortet, reagiert er auch hier routiniert und bittet lediglich um eine vorherige telefonische Anmeldung. Bei einem Treffen offenbart sie ihm ihre „seelischen Sorgen“. Für seine „Teilnahme“ bedankt sie sich dann überschwänglich und ist bestrebt, den Kontakt fortzusetzen – auch, indem sie Geschenke sendet, was Thomas Mann „wieder zu großem Dank verpflichtet”. Während ihrer Besuche in der Poschingerstraße bemerkt Herz die Unordnung im Leben des verehrten Dichters und bietet Hilfe an. Nach einigem Zögern lässt er sie seine Bibliothek ordnen. Damit, so möchte man meinen, schnappt die Falle zu.
Ida Herz ist von nun an Teil des umfangreichen Mann-Haushalts. Die enge Verbindung dokumentiert sie auf zahlreichen Fotos. Zeitlebens gratuliert die Jüdin der Mann-Familie zu den christlichen Hauptfeiertagen. Ostern schickt sie regelmäßig Ostereier, für die sich der Dichter wiederum artig bedankt. Seinerseits aber nutzt er vor allem ihre Hilfsbereitschaft weidlich aus. Denn sie sammelt alles, was sie an Gedrucktem über den und von dem Schriftsteller auftreiben kann, in einem – in den Briefen bald so genannten – Thomas-Mann-Archiv, das der Namensgeber selbst immer wieder zu Rate zieht. Nur als sie sogar um Gegenstände – wie Möbel – bittet, lehnt er entschieden ab. Seine sechs Kinder könnten schließlich auch derer bedürfen. Das „Archiv“, Papierkorb und Aktenschrank zugleich, ist die Basis für die lebenslange Verbindung.
Mit der Zeit jedoch werden dem viel beschäftigten Autor die Zudringlichkeiten der Herz bewusst und damit ziemlich unheimlich. Allerdings manövriert er sich in seinen Briefen sehr oft selbst in eine klassische double-bind-Situation, wenn er Treffen unwirsch ablehnt und zugleich hervorhebt, wie sehr ihm und seiner Frau an einem baldigen Wiedersehen gelegen ist („Kommen Sie nur am Sonntag, da gibt es fettes Essen“). Dieses Muster durchzieht fortan und in zahlreichen Variationen wie ein Leitmotiv die gesamte Korrespondenz. Über weite Strecken hält Thomas Mann den Briefwechsel auf seiner Seite eher geschäftsmäßig kurz. Es sind meist Dankschreiben für geleistete Dienste, Geschenke und Gefälligkeiten, auch Urlaubsgrüße. Selbst der Nobelpreis für Literatur 1929 findet nur am Rande Erwähnung. Ihre Briefe kennen wir mit den oben genannten und hier versammelten Ausnahmen nicht. Es müssen viele gewesen sein. Offenbar sind sie vernichtet worden. Warum, lässt sich nur vermuten. Hielt Thomas Mann sie für belanglos? Dünkel lag der Mann-Familie keineswegs fern, wie mir einmal der mit Klaus befreundete Schriftsteller Hans Sahl verriet.
Mit dem Ende der Weimarer Republik und ihren Nöten intensiviert sich die briefliche Kommunikation. In dem umfangreichen Brief vom 27.9.31, dem ersten dieser Art, kommt dann der bekannte Thomas Mann zum Vorschein, der Intimität als existentielle Bedrohung ansieht und in den „Zumutungen des Außen“ (Klaus Harpprecht) sein Werk gefährdet sieht:
Die Forderung, Ihnen darüber hinaus gewissermaßen religiöse Privatbekenntnisse zu Ihrer Belehrung und Beratung abzulegen, setzt mich in Verlegenheit, in eine halb ärgerliche, wie ich hinzufüge, denn ich finde, das Letzte, und um dies handelt es sich ja, muss am Ende jeder, so gut er kann, mit sich selbst ausmachen.
In der Zwangsrolle des Therapeuten erklärt er Idas depressive Stimmung schlicht für unangemessen und lächerlich.
Auch in politischen Fragen der Zeit und deren Wirrnissen fällt es dem Dichter erkennbar schwer, die Bibliothekarin als Gesprächspartnerin auf Augenhöhe zu akzeptieren. Immer, wenn sie sich als solche aufdrängt, verweist er sie kühl auf seine öffentlichen Auftritte und Darlegungen. Im Tagebuch nennt er sie, die als Jüdin ein besonderes Gespür für die Bedrohungslage der Zeit entwickelt hat, „hysterisch“. Im März 1933 indes erweist sich die im Tagebuch des Dichters noch als „dumme Person“ Titulierte als klug und überaus weitsichtig, sogar bis in unsere Gegenwart hinein, wenn sie schreibt:
Ist es nicht absurd, wie die Demokratie mit ihren eigenen Mitteln geschlagen wurde, wie die Feinde der Demokratie die Methoden der Demokratie verwenden, um sie damit zu vernichten! Aber vielleicht irren wir Alle. Vielleicht will das Volk nicht Freiheit, vielleicht will es Diktatur, will es die Gewalt? Denn sie ist von seiner Art + ihm daher weniger unheimlich als der Geist, der die Menschheitsideale erfunden hat + glaubt die Menschheit unbedingt damit beglücken zu müssen.
Bevor Herz die Flucht aus Deutschland gelingt, expediert sie noch mit einigem Geschick die Arbeitsbibliothek des Schriftstellers kistenweise ins Ausland und gerät als entschiedene Nazigegnerin sogar für geraume Zeit in Gestapohaft.
Ida Herz begleitet die Familie Mann durch alle Stationen des Exils und der Nachkriegszeit. Es gibt Irritationen und längere Pausen in der Kommunikation. Mit der durch die Emigration der Manns nach Amerika und der Herz nach Großbritannien größer werdenden räumlichen Entfernung, aber vor allem, als Thomas Mann in der Nachkriegszeit erkennt, dass sein Schaffen einen durchaus zufriedenstellenden Abschluss gefunden hat, werden seine Schreiben immer vertrauter und wohlwollender. Sie bleiben allerdings auch jetzt über weite Strecken geschäftsmäßig und ohne literarischen Glanz, werden offenbar vielfach als lästige Pflicht empfunden. Humor klingt nur an wenigen Stellen durch; das hätte zu große Nähe hervorgerufen.
20 Jahre nach seinem Tod, als die inzwischen als Mann-Kennerin allgemein geschätzte Ida Herz Einsicht in seine Tagebücher nehmen kann, blickt sie in einen Abgrund. Die Unerschütterliche gerät in eine Lebenskrise, muss sie doch lesen, was der „Hochverehrte Herr Dr.“ wirklich von ihr gehalten hat. Im Eintrag zum 19.4.35 etwa, und das ist beileibe nicht die einzige Injurie, notiert er: „Unglückselige und beschämende Aufdringlichkeit der hysterischen alten Jungfer (…) froh, die Lästige los zu sein.“ Es folgt zugleich die ästhetisierende Selbstbespiegelung:
Meine Starre dagegen und Kälte erinnert mich an Mama … Immerhin bewährte ich zum Schluss einige allgemein zuredende Gutmütigkeit, entschlossen aber, dies nicht wieder zuzulassen.
Für die aggressiven und verletzenden Einträge im Tagebuch findet die alte Ida Herz schließlich eine Entschuldigung, ist sie doch stets eine Verdrängungskünstlerin von hohen Graden gewesen. Hat sie nicht schon damals bereits den nicht ganz durchsichtigen Vorfall wenig später entschlossen ignoriert und aufdringlich wie eh und je am 3.6.35 dem gerade noch Belästigten geschrieben: „… ich aber darf mich ausgezeichnet fühlen, denn ich besitze Ihre Freundschaft.“ Und in deutlich sakraler Konnotation hinzugefügt: „Sie ist das Wunder meines Lebens.“ Als sie jedoch von ihm, etwas ungeschickt, in einer entscheidenden Situation ihres Lebens einen Freundschaftsdienst erwartet, nämlich die Bürgschaft für die Einreise nach Amerika zu leisten, weist er sie vehement und wortreich in ihre Schranken und pocht entschieden auf Abstand: „Üben Sie dagegen ein wenig Diskretion, Schonung, Rücksicht, Verschwiegenheit, Takt und alles wird gut.“
Der Herausgeber der Briefe, Holger Pils, hat in seinem überaus lesenswerten Nachwort mit Erfolg versucht, beiden Seiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In den Kommentaren ergänzt er alles Nennenswerte, was die Briefe verschweigen, und ermöglicht es dem Leser so, sich ein eigenes Bild von den Protagonisten zu machen.
Das „liebe Fräulein Herz“ hat, aus welchen Motiven auch immer, es mit Ehrgeiz und Energie unternommen, im weiten Kosmos der Mann-Familie eine Schlüsselrolle zu spielen. Und Thomas Mann, von allen Seiten Huldigungen gewohnt, lässt sie hineinschnuppern in seine Welt aus Literatur, Reisen, Vorträgen, Ehrungen und Begegnungen. Er und vor allem seine Ehefrau teilen ihr Alltagssorgen mit, auch Geldnöte und Erkrankungen. Gleichzeitig schreibt ihr der Schriftsteller oft deutlich, dass sie, die überaus Aufopferungswillige („Vergessen Sie nie meiner (sic) absoluten Bereitschaft, erhöhen Sie mein Leben“), in diesem Netzwerk nicht die Einzige oder gar Herausragendste ist. Selbst Erika Mann lehnt als Nachlassverwalterin ihres Vaters ihre Briefe für ihre dreibändige Briefedition als unbedeutend ab. Sie ist nur ein kleines Steinchen im großen Mann-Mosaik. Wesentliche Formulierungen aus seinen Briefen und gar die Person Ida Herz hat er, wie er es schon immer getan hat, ohnehin längst in sein Werk übernommen. So taucht sie im „Doktor Faustus“ auf als leicht schrullige „Kunigunde Rosenstiel“, die, wie Idas Eltern, ein Geschäft für Metzger-Darm unterhält, oder als „Meta Nackedey“, die den von ihr verehrten Künstler Leverkühn in der Straßenbahn anspricht. Das nimmt sie, anders als viele andere, gelassen hin, fühlt sich gar geschmeichelt.
Es geht Thomas Mann immer und überall, also auch in den Briefen an Ida Herz, nur um das Werk, für das er Unterstützung braucht. Und für das er, weil er niemals etwas erfindet, wie selbstverständlich menschliches Anschauungsmaterial verwendet. Das haben viele zu spüren bekommen. Dieser Umstand mag fragwürdig erscheinen, vor allem bei einem Autor, dem es in der Nachfolge Goethes um das Allgemeinmenschliche geht. Dabei bleibt das hehre Postulat im Umfeld der Kunst durchaus schillernd. Gerade deshalb sollte das Unbestimmbare des Begriffs nicht verwundern, oder, wie Thomas Mann an Ida Herz schreibt: „Ich muss sagen, ich wundere mich, dass Sie sich so über mich wundern.“
Ist es doch die Ironie oder banaler das Scherzhafte, was Thomas Mann als „humane Komik“ für das zentral Menschliche seines Wirkens hält. Mit der ironischen Perspektive pflegt er sein Künstlertum und sein Werk zu schützen. Seinen Joseph-Roman nennt er in einem Brief „eine Art humoristisches Menschheitsepos“ – so, als käme man in dem Mammutwerk aus dem Lachen nicht mehr heraus.
Was zeigt der Briefwechsel? Nichts umwerfend Neues, höchstens weitere Nuancen. Man wird, was kaum verwundert, die bekannte Egozentrik des Schriftstellers und dessen ewiges Jammern über „quälende Neuralgien“ wiederfinden. Nebenbei ist die Disposition zur Krankheit die stets wiederkehrende Begründung für die Ablehnung eines Zusammentreffens mit Ida und andererseits natürlich ein zentrales Thema von Thomas Manns Werk. Die Briefe beginnen gewöhnlich mit einer kurzen Hinwendung an die Adressatin, um dann flugs zu dem oft ausschweifenden Anliegen des Absenders überzuleiten. Bei Katias Briefen, 69 immerhin und zuletzt an die „liebe Ida“ gerichtet, ist es genau umgekehrt. Die Korrespondenz gibt Einblicke in den Alltag eines Großschriftstellers, zeigt die Nöte der Prominenz, ist weniger Gedankenaustausch als vielmehr Ausdruck einer fortwährenden Selbstbeschreibung. Wer sich als Leser daran stört, für den und für seine Briefpartnerin findet er die passende Erklärung: „Sie sind ein kompliziertes und schwieriges Wesen und ich bin es auch.“
Die spielerische Mehrdeutigkeit ist die Basis von Thomas Manns Werk:
Dies … erfinderische Probieren sprachlicher Scherze und Überraschungen ist in seiner hintergründigen, im Grunde pessimistischen und doch humanen Komik doch das Beste, was man hat. (1. Dezember 1949)
Natürlich belastet das Ambivalente seines Verhaltens, das rätselhafte Lavieren, seine gesamte Umgebung, sein Netzwerk, das er sich geschaffen hat, um existentielle Sicherheit zu bewahren, die er durch die Zeitläufte, aber ebenso durch sein Künstlertum selbst gefährdet sieht. Die Sicherung des Werkes nach allen Seiten und unter allen Umständen stand deshalb im Vordergrund seines Denkens und Handelns.
Drei Facetten des Menschen Thomas Mann rückt die Lektüre des Buches ins Licht:
Zum einen den Briefpartner, der zuverlässig, aufmerksam und wohlwollend auf sein Gegenüber eingeht. Auch hier scheint bisweilen die Lust an der Karikatur durch, wenn er zum Beispiel Franklin D. Roosevelt als „Rollstuhl-Caesar“ bespöttelt. Im Nachwort des Herausgebers dominiert der Tagebuchschreiber, der seine Mitmenschen gnadenlos und sarkastisch seziert. Das Verdikt trifft viele, die ihm nahestehen, etwa die Kinder oder die Schwiegereltern. Im streng geheimen Tagebuch durchbricht der Künstler die Grenzen, die ihm öffentlich auferlegt sind. Das Diarium ist indes nicht die Wirklichkeit, die sich gegen die Briefe ausspielen ließe. Beide Haltungen entsprechen durchaus den Anforderungen an das jeweilige Genre. Beide Ausdrucksweisen sind Kunstübungen und fügen sich ein in das literarische Werk. Sie sind Ausdruck des Menschlichen und damit wesentlicher Bestandteil des Gesamtkunstwerks Thomas Mann.
„Immer schreiben“, was im Brief vom 10. September 1951 wie ein Klageruf klingt, war in Wahrheit die Bedingung seiner Existenz. Scribo ergo sum.
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