Schrödingers Katze in der Büchse der Pandora

Ursula K. Le Guins Band „Der Tag vor der Revolution“ versammelt größtenteils noch immer lesenswerte Science-Fiction-Stories

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ursula K. Le Guin zählte insbesondere in den 1960er bis 1980er Jahren zu den erfolgreichsten AutorInnen der Genres Fantasy und Science Fiction. Zu verdanken hatte sie dies insbesondere ihren Erdsee-Bänden sowie den im Hainish-Universum angesiedelten SF-Romanen The Dispossessed und der damals bahnbrechenden Geschlechterphantasie The Left Hand of Darkness. Auch heute noch ist sie alles andere als eine Unbekannte, wurden ihre wichtigsten Romane doch auch hierzulande über all die Jahre hinweg immer wieder neu aufgelegt und ihr eigentliches Opus Magnum Always Coming Home 2023 erstmals ins Deutsche übersetzt.

Nun hat der Tor-Verlag ein Buch mit – wie der Untertitel ankündigt – 25 ihrer fantastischen Kurzgeschichten auf den Markt gebracht. Der voluminöse Band ist in zwei Teile gegliedert, deren erster unter der Überschrift Im Labyrinth solitäre Stories versammelt, während die Texte des zweiten ausnahmslos im Hainish-Universum spielen und auch schon einmal den Umfang einer längeren Novelle erreichen können. Außerdem stiftete er den Titel des gesamten Buches, der zugleich der einer der Geschichten ist.

Tatsächlich enthält der Band aber entgegen der Ankündigung des Untertitels nicht 25, sondern 23 Stories. Denn jeder der beiden Teile wird mit einem nicht-fiktionalen Text eröffnet. Der des ersten Teils trägt den provozierenden Titel Science Fiction lese ich nicht und begründet, warum SF sehr wohl lesenswert ist. Denn es handelt sich der Autorin zufolge um „Erzählliteratur, die mit Themen spielt, weil sie interessant, schön und für die Menschen relevant sind“. Das trifft zwar zweifellos auf ihre eigenen Werke und die etlicher anderer wie etwa James Tiptree jr. oder Joanna Russ zu. Doch sind SF-Texte, die diesem Anspruch nicht gerecht werden, wohl noch immer in der Überzahl. Erinnert sei nur an die Massenware der Groschenhefte, die über etliche Jahrzehnte hinweg die Kioske, Zigarettenläden und Bahnhofsbuchhandlungen fluteten. Allerdings muss auch gesagt werden, dass das Genre seit gut fünfzig Jahren zunehmend an Qualität gewonnen hat. Das ist nicht zuletzt den SF-Autorinnen zu verdanken, die – von einigen früheren Ausnahmen abgesehen – seit den 1960er- und 1970-er Jahren den Plan betraten. Jedenfalls zählen zu den Qualitäten, die Le Guin an dem Genre schätzt, „Lebendigkeit, Aufgeschlossenheit, Präzision der Phantasie, Verspieltheit, Vielfalt und Metaphernstärke, Freiheit von konventionellen literarischen Erwartungen und Manierismen der Phantasie, moralische Ernsthaftigkeit, Geist, Leidenschaft und Schönheit“. Und zumindest ihre Texte bieten all das. Die Settings der zwischen 1969 und 1995 entstandenen Stories des vorliegenden Bandes wirken allerdings gelegentlich etwas angestaubt. Auch sind einige Geschichten des ersten Teils eher der Fantasy als der Science Fiction zuzurechnen. Originell sind sie dennoch.

Während es sich bei Die aus Omelas fortgehen um eine merkwürdige Parabel handelt, lässt sich Das Gesichtsfeld als Geschichte von Weltraummissionen lesen. Die Verfasserin der Akaziensamen tritt wiederum als „Auszüge aus der Zeitschrift der Gesellschaft für Therolinguistik“ auf und beschäftigt sich auf phantasievolle Weise mit der Sprache und Schrift von Ameisen, Pflanzen und, ja, Steinen. Schrödingers Kater aber ist vielleicht diejenige ihrer im ersten Teil versammelten Stories, die wie keine andere Le Guins schier grenzenlose Phantasie unter Beweis stellt, die als sprühend oder überbordend zu bezeichnen ausgesprochen phantasielos wäre. In ihr wirft Le Guin etwa die Frage auf, warum die Beobachtenden in Schrödingers berühmtem Gedankenexperiment nicht sowohl eine tote wie auch eine lebendige Katze sehen, nachdem sie den Deckel der Kiste geöffnet haben.

Allerdings fällt es nicht immer ganz leicht, sich einen Reim auf die Geschichten zu machen, die wie Der gewandelte Blick auch schon einmal Assoziationen an Samuel Becketts Prosa evozieren könne. Dem Bericht des schiffbrüchigen Fremdlings an den Kadanh von Derb dient hingegen ganz offensichtlich Thomas Manns Tod in Venedig als Prätext. Die Frage, „warum die Gondeln Trauer trugen“, lässt er allerdings unbeantwortet. Die titelstiftenden Wunschfantasien einer weiteren Story sind diejenigen eines postpubertären Jungen, in denen „alle weiblichen Wesen zwischen zwölf und zwei- oder dreiundzwanzig […] sexuell verfügbar, willig und versiert“ sind. Die Männer wiederum bleiben jung, bis sie vierzig Jahre alt sind. Danach spielen sie keine Rolle mehr. Außerdem wird eine womöglich nur fiktive These von H. Rider Haggard erwähnt. Der erste Kontakt mit den Gorgoniden beschließt den ersten Teil des Bandes. In dieser Geschichte ironisiert Le Guin bereits 1992 anhand des ebenso ahnungslosen, wie selbstgewissen Maskulinismus der männlichen Figur das, was später Mansplaining genannt werden wird.

Im dem zweiten Teil des Bandes vorangestellten Essay stellt sich Le Guin als Mann vor und kritisiert damit nicht nur Geschlechterklischees. Etliche der dort versammelten Stories könnten genauso gut in einer Fantasywelt spielen. Das liegt nicht nur an Le Guins Faible für monarchische Gesellschaften und rurale, gelegentlich fast mittelalterlich anmutende Handlungsplätze. Hinzu kommt ihre offensichtliche Abneigung gegenüber technischen Spekulationen und pseudowissenschaftlichen Erklärungen künftiger Erfindungen wie sie lange Zeit in der SF gang und gäbe waren.

In Die Geschichte der Shobys versucht ein Mitglied eines Experimentes, das eine neue Technik erprobt, den anderen zu erklären, wie diese funktioniert, und scheitert dabei auf ganzer Linie – zumal auch er selbst die neue Erfindung nicht so recht verstanden hat. Das ist Le Guins amüsante Art, sich über pseudowissenschaftliche Erklärungen fiktiver Techniken in der SF lustig zu machen. Eigentliches Thema der Geschichte aber ist ein anderes: Die Verlässlichkeit von Wahrnehmung und ihre (Inter-)Subjektivität. Denn nach Erprobung der neuen Technik unterscheiden sich die Wahrnehmungen der an dem Experiment Teilnehmenden voneinander. In der Story Nach Ganam tanzen wurde die besagte Technik zwar nicht verbessert, aber das Experiment umgestaltet. Das führt zu einem andren, besseren aber immer noch nicht befriedigenden Ergebnis, das eine der Figuren zu der Vermutung kommen lässt, dass „Tatsachen […] unsere schönsten Fiktionen [sind]“.

Wiederholt sind bereits aus Le Guins Romanen bekannte Planeten des Hainish-Universums Schauplatz der Handlung. So spielt Der König von Winter auf Gethen vor den Geschehnissen in The Left hand of Darkness. In einer Vorbemerkung zu der Kurzgeschichte geht Le Guin auf die Kritik ein, die der Roman nach Erscheinen von einigen Feministinnen erfuhr. Sie betraf die Verwendung maskuliner Pronomen für Wesen, die nicht in der Kemmer (also gerade weder Männer noch Frauen) sind, was die meiste Zeit der Fall ist. Überhaupt spielt Genderlinguistik in Le Guins Stories und Überlegungen über die Jahrzehnte hinweg immer wieder eine Rolle.

Der Tag vor der Revolution wiederum spielt auf dem Planet Anarres und seinem Mond Urras vor dem anarchistischen Umsturz. Genauer gesagt erinnert sich „eine alte, sabbernde Frau“ daran, wie sie „eine Weltrevolution angezettelt“ hatte, die allerdings – wie alle Revolutionen – nicht verhindern konnte, dass weiterhin Elendsviertel bestehen. Denn „solange die Menschen eine freie Wahl hatten, war es allein ihre Angelegenheit, ob sie beschlossen, sich mit Fliegenwurz zu betrinken und in Kloaken zu leben. Hauptsache, sie waren nicht Opfer von Geschäftemacherei oder Mittel zum Profit und zur Macht anderer“.

Weiter als Weltreiche und langsamer wiederum handelt von einer Raumschiffs-Crew, der ein Autist angehört. Das erweist sich als Vorteil, als sie auf einer fremden Welt landen, deren planetenumspannende pflanzliche Lebensform die Gefühle der Menschen spiegelt.

Weitere Stories handeln von den „Sitten und Gebräuchen“ auf dem Planeten O, wobei einmal mehr die Geschlechterverhältnisse im Mittelpunkt stehen. Denn „Sexualität ist für alle, auf jeder Welt ein kompliziertes Thema“. Die Ehen auf dem besagten Planeten sind „strikt strukturiert“, und zwar sind stets vier Personen miteinander verheiratet: ein Abendmann, eine Abendfrau, ein Morgenmann und eine Morgenfrau. Jede der vier Personen verkehrt sexuell mit zwei anderen aber nie mit der dritten. Eine andere der auf O handelnden Geschichte firmiert als „Bericht von einem gänzlich unbekannten Bauern“. Überhaupt sind es zumeist sogenannte einfache Leute, die von Ereignissen erzählen, die in den außergewöhnlichen Gesellschaften fremder Welten ganz gewöhnlich sind. Wie die Übersetzerin Karen Nölle in ihrem von profunder Kenntnis des Le Guin’schen Œuvres zeugenden Nachwort bemerkt, „verzichtet“ Le Guin dabei stets „auf übliche Mittel zum Erzeugen von Spannung, auf erwartbare Handlungsbögen und Höhepunkte“.

Der Fall Seggri erzählt etwa von einer Welt, in der „die alltägliche Arbeit in den Fabriken und der Landwirtschaft […] von Frauen verrichtet [wird], die es in Überfülle gibt“ und die „als gewöhnliche Arbeitsmägde in Ortschaften [leben]“, während es sich die wenigen Männer auf ihren Schlössern mit weiten Parkanlagen gut gehen lassen. Die Frauen bezahlen sie dafür, dass sie mit ihnen sexuell verkehren – und wenn die Frauen schwanger werden, wird es für sie besonders teuer. Männliche Nachkommen werden kaum einmal ausgetragen oder sterben früh. Falls aber doch einer überlebt, wird er im Alter von elf Jahren auf eines der Schlösser gebracht.

Nicht eben gerecht geht es auch auf der Sklavenwelt der Geschichte Der Tag der Vergebung zu, auf der die „Weltraumgöre“ Solly landet. Dort werden nur „Besitzer“ anderer Menschen als Frauen oder Männer bezeichnet; diejenigen, die anderen gehören, werden hingegen scheinbar ganz geschlechtslos nur „Unfreie“ genannt.

Es sind der Ideenreichtum und die Originalität, die die meisten von Le Guins Geschichten auch nach etlichen Jahrzehnten noch immer lesenswert machen. Das lässt sich nicht von allzu vielen SF-Werken sagen, die nicht selten schneller altern als die Tinte trocknet, mit der sie geschrieben wurden.

Titelbild

Ursula K. Le Guin: Der Tag vor der Revolution. 25 Science-Fiction-Storys.
Aus dem Englischen von Karen Nölle.
FISCHER Tor, Berlin 2025.
784 Seiten, 36,00 EUR.
ISBN-13: 9783596710874

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