Sich-Verstehen und Miteinander-Verstehen
„Die Sagkraft der Hermeneutik“: Was Gadamers Hermeneutik uns heutzutage vermitteln kann
Von Markus Oliver Spitz
Angesichts der Breitenwirkung seines Werkes über den deutschen Sprachraum hinaus, insbesondere von Wahrheit und Methode, mögen manche Hans-Georg Gadamer als Klassiker der Philosophie einordnen. Und das ist er durchaus, aber keineswegs museal, sondern von packender Aktualität, was die Herausgeber Hans-Helmuth Gander und Zlatko Valentić sowie die Beitragenden aus unterschiedlichen Fachrichtungen in vorliegender Publikation demonstrieren.
Die 1960 publizierten Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik verdeutlichten, dass es Gadamer keineswegs um die Wiederherstellung ursprünglicher Bedingungen, wie noch von Schleiermacher als Ideal angestrebt, ging. Hermeneutik stellte für ihn weit mehr als eine Hilfsdisziplin bei der Auslegung religiöser, philologischer oder juristischer Texte dar. Im Rekurs auf Heidegger, welcher davon ausgegangen war, dass das Sein immer in eine Welt hineingeboren wird, die von Traditionen, Sprache und vergangenen Entscheidungen geprägt ist, entwickelte er den Begriff des „Horizonts“ als historischen wie kulturellen Wirkungszusammenhang, in welchen das Individuum gestellt ist. Das Sich-Verstehen in der Welt ist dabei die Grundlage dafür, sich miteinander verstehen zu können. Diese Auffassung impliziert wiederum, dass Verstehen ungleich Besser-Verstehen sei. Es gehe vielmehr darum, das andere (beispielsweise einen Text), aber auch den anderen als in seiner Differenz eigenständig gelten zu lassen – differente Horizonte einander anzunäher, um zu verstehen.
Dies, so Gadamer, werde möglich vermittels der berühmt gewordenen „Horizontverschmelzung“, bei welcher sich zwei Bedeutungs- oder Erfahrungsebenen, eine historisch, die andere aktuell, überschneiden:
Vielmehr ist Verstehen immer der Vorgang der Verschmelzung solcher vermeintlich für sich seiender Horizonte. Bekannt ist die Kraft solcher Verschmelzung vor allem aus älteren Zeiten und ihrem naiven Verhalten zu sich selbst und zu ihrer Herkunft. Im Walten der Tradition findet ständig solche Verschmelzung statt. Denn dort wächst Altes und Neues immer wieder zu lebendiger Geltung zusammen, ohne dass sich überhaupt das eine oder andere ausdrücklich voneinander abheben.
Wie kann es nun zu einer Verschmelzung mit dem gegenwärtigen Horizont der Rezipienten kommen? Am Beginn steht die „Gewinnung des rechten Fragehorizontes für die Fragen, die sich uns angesichts der Überlieferung stellen“, um das Eintreten in einen Dialog mit der Wirkungsgeschichte zu ermöglichen. Dabei ist die fortlaufende Erweiterung der Erkenntnis geprägt vom Bewusstsein der eigenen Voreingenommenheit, Vorurteilsbefangenheit, der Begrenztheit des Vorverständnisses. Im Hinblick auf die Auslegung ästhetischer Artefakte spricht Gadamer auch von einem „Spiel“, das „die Wirklichkeit der Spielenden darstellt und übersteigt.“ In diesem Zusammenhang setzt man buchstäblich seine eigenen Vorurteile aufs Spiel, entfernt sie mitunter aus diesem. Insofern ist diese philosophische Ausrichtung eine, welche – so konstatieren die Herausgeber sehr zu Recht – „ihre eigenen Voraussetzungen mitreflektiert.“
Die Anwendung des Begriffs der „Methode“ auf die Geisteswissenschaften sah Gadamer bekanntlich kritisch, denn die menschliche Existenz als eine historische sei unmethodisch. Verstehen – so erneut die Herausgeber – sei somit „kein methodisch steuerbares Verfahren”, sondern ein „Vorgang, der uns widerfährt“. Dieser stellt einen unabschließbaren Prozess dar, der sich immer wieder neu entfaltet. Absolute Wahrheit existiert also nicht, wie Gadamer kategorisch formuliert: „Die hermeneutische Reflexion ist darauf beschränkt, Erkenntnischancen offenzulegen, die ohne sie nicht wahrgenommen würden. Sie vermittelt nicht selbst ein Wahrheitskriterium.“ Vertreter einer bestimmten Richtung des Linguistic Turns würden vergleichbar formulieren: Der Text ist und bleibt polyvalent.
Der vorliegende Sammelband setzt sich zum Ziel, den Themenkomplex des Verstehens abzubilden und dabei einen „Einblick in die Aktualität“ Gadamers zu geben. Diese Zielsetzung wird umgesetzt, denn behandelt werden die oben angesprochenen (aber auch weitere) Kernbegriffe, zuvorderst auf der philosophischen, juristischen und politischen Ebene. Emil Angehrn beispielsweise steckt konzise den philosophischen Rahmen ab. Insbesondere rezipiert er Gadamer sprachphilosophisch, indem er auf Sprache als Teil der Grundverfassung des Menschen, als „das Vermögen, die Welt zu verstehen, das darin gründet, dass sie das Medium ist, in welchem die Welt sich selbst offenbart“, abhebt.
Simone Glanert reflektiert Gadamers juristische Hermeneutik, welche sich aus der deutschen Rechtskultur und -sprechung speist. Dabei stellt sie die Bedeutsamkeit für den Bereich der Rechtsvergleichung nicht in Abrede, konstatiert aber Gadamers „unrealistisches Bild vom Recht, das auffallend wohlwollend, schlichtend und dialog-orientiert ist“. Glanert führt dies auf das seitens des Philosophen selbst konzedierte Fehlen systematischer juristischer Studien zurück. Auch Gert-Jan van der Heidens mithilfe von DeepL und Google Translate übersetzter Beitrag rekurriert auf einen juristischen Aspekt: das individuelle Zeugnis im Verhör oder bei Gericht, das laut Gadamer aus seinem „pragmatischen Zusammenhang gelöst“, somit artifiziell und im Sinne der Hermeneutik sinnentstellend sei. Wenn überhaupt, so lässt sich Sinnzusammenhang einzig aus dem Zusammenwirken verschiedener Gesichtspunkte und Aussagen herstellen. Dann erst wird das Zeugnis zu einer Form, „in der sich Verstehen vollzieht.“
Als Gadamer-Experte und Ehrenmitglied der korrespondierenden Gesellschaft unternimmt es Jean Grondin, die Todesthematik im Werk zu beleuchten. Ausgehend von Prometheus und die Tragödie der Kultur, einer Frühschrift, setzt er den Begriff der Kultur angesichts der „Unbegreiflichkeit des Todes“ in Zusammenhang mit „Vergessenheit“. Der Mensch strebe an, zu einer „Überwindung der Todesgewissheit durch Zukunftsgläubigkeit“ zu gelangen, und hegt somit Hoffnung – wenn auch bei Gadamer nicht christlich motiviert, sondern auf eine „noch offene Zukunft, die es aber eines Tages nicht mehr geben wird.“ An dieser Stelle nähert sich Gadamer auf den ersten Blick überraschenderweise seinem Nachfolger auf dem Leipziger Lehrstuhl für Philosophie, Ernst Bloch, welcher vom Tod als der „stärksten Nicht-Utopie“ sprach.
Da Hermeneutik als eine Kunst des Unterscheidens nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit differenten politischen Positionen umgreift, sieht man dem umfangreichen Beitrag von Zlatko Valentić zu den politischen Implikationen mit Spannung entgegen. Dabei verbleibt Valentić zwar überwiegend auf der Theorie-Ebene. Dies jedoch erfolgt stimmig, wenn er zunächst die Aufgabe der PolitikerInnen dahingehend definiert, dass sie zwischen dem Gemeinwohl einerseits und der jeweiligen aktuellen politischen Lage andererseits zu vermitteln hätten. Er benennt in der Folge drei Ausprägungen derartiger Vermittlung, zunächst phronêsis, sodann sensus communis und schließlich eumeneia. Phronêsis bedeutet hier die praktische Klugheit, welche dem Verständnis zugrunde liegt und situationsgebunden ist. Der sensus communis steht für die Fähigkeit, eine bestimmte Lage auf der Basis gemeinsamer Überzeugungen und Erfahrungen einschätzen zu können. Eumeneia repräsentiert nicht nur „die Bereitschaft, das Gegenüber zu verstehen, sondern auch die Offenheit, die eigenen Vorurteile im Gespräch in Frage zu stellen.“ Auch Politik, so verdeutlicht Valentić somit, stellt keine erlernbare Methode dar, sondern ist letztlich „situativ“. Neben der sachlich-reflexiven Sicht auf die politische Lage komme dem Begriff der „Stimmung“ eine wichtige Bedeutung zu. Er definiert diesen als „elementare Verbindung zwischen Mensch und Welt“, welche bestimmt, „wie wir etwas sehen.“ Stimmungen repräsentieren somit den „Grundton des gesellschaftlichen Erlebens“, welchen die Politik nicht einfach ausblenden kann.
Abschließend unterzieht Janice Trinh den Expertenbegriff einer Kritik, indem sie wider die Logik des Wissens nebst ihres Allgemeingültigkeitsanspruchs und für „individuelle Urteilskraft“ argumentiert. Methodik, so notwendig und ertragreich sie auch sein mag, kann das „ethische und praktische Wissen, das der sozialen Lebenswelt zugrunde liegt, nicht ersetzen“, dafür allerdings durchaus „den modernen Menschen von den Entscheidungen ausschließ[en], die die res publica betreffen.“ ExpertInnen, welche sich aus Selbstüberschätzung oder auch auf Drang von außen zu Themen äußern, für welche sie nicht als Kenner ausgewiesen sind, werden in der Terminologie Bourdieus leicht zu „Tuttologi.“ Im Gegensatz dazu gilt es, selbst neugierig zu bleiben und sich von differenten Gesichtspunkten überzeugen lassen zu wollen. Somit gelangen wir zurück zum „Sich-Verstehen“ – nunmehr als ein „Sich-Erziehen“, ohne welches sich kritisches Urteilsvermögen nicht entfalten kann. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Gadamer die Aufgabe der Bildung und Erziehung nicht an Elternhaus oder Schule delegiert, sondern vielmehr das Individuum konkret in die Verantwortung nimmt.
Die Beiträge verdeutlichen nicht allein Kennern der Materie, welch vielfältige Anschlussmöglichkeiten Gadamers Hermeneutik eröffnet. Gewünscht hätte man sich allerdings einen zusätzlichen Exkurs zu autoritären, ideologischen motivierten beziehungsweise unilateral ausgerichteten politischen Systemen, welche für sich beanspruchen, stets im Recht zu sein, weder ihre inhärenten Prämissen noch ihren exklusiven Wahrheitsanspruch hinterfragen und infolgedessen gerade nicht in den Dialog mit dem anderen eintreten. Beim Unterfangen, aktuell differente Positionen innerhalb des sozialen Raums zu unterscheiden und zu verstehen, wäre gleichfalls an eine Vertiefung der Thematik divergenter kultureller Horizonte zu denken gewesen – ein Aspekt, welcher von Valentić anhand des Beispiels der historischen französisch-deutschen „Erbfeindschaft“ zumindest angeschnitten wird, im Ganzen jedoch zu kurz kommt, obwohl sich doch beispielsweise Immigration im Spannungsfeld von Vorurteilen und integrierendem Verstehen vollzieht.
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