Auferstanden

Denise Mina lässt Philip Marlowe wieder auferstehen: „Die große Hitze“ wagt sich an eine feministische Wende des hardboiled-Genres

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eigentlich bedauern wir alle, dass Raymond Chandler nur sieben Romane geschrieben hat. Aber das ist nun mal nicht zu ändern. Und auch so: Chandlers Einfluss auf die Krimiwelt ist bis heute unübersehbar groß, vor allem durch die Etablierung seiner Zentralgestalt Philip Marlowe, der das Profil des Privatdetektivs bis heute maßgeblich bestimmt.

Es gibt kaum einen Autor (jeden Geschlechts), der nicht seinen Ermittler ähnlich cool anlegen wollte wie Marlowe. Und so gibt es eben doch einen Haufen Wiedergänger der Figur, mal mehr, mal weniger gelungen. Aber das ist auch egal, da wir gelernt haben, das Vorbild immer wieder zu erkennen. Und erst recht ist das bei den Romanen so, in denen Marlowe leibhaftig wieder auftritt.

Nun hat sich die schottische Krimiautorin Denise Mina an einen Philip Marlowe Roman gemacht, der jetzt in der deutschen Übersetzung bei Ariadne erschienen ist. Mina hat in ihrem Roman, der im deutschen Titel direkte Anleihen an Chandlers berühmten Erstling macht (The Big Sleep von 1939), von Marlowe nun in Anspruch genommen, was einigermaßen auf einen neuen Roman anzuwenden war: den quasi alleinausreitenden Helden, der sich immer wieder mit den verkehrten Leuten gemeinmachen muss, die unsägliche Arroganz, den abgründigen Machtanspruch, die haltlose Gewalttätigkeit, die mit Reichtum verbunden sind, die extremen Umstände, die Attraktivität des Einzelgängers auf das andere Geschlecht (wobei es ja immer die falschen Frauen sind, die auf ihn abfahren), die fast schon theorielastige Blasiertheit, die mit einem geradezu unanständigen Intellekt verbunden wird (Simmel, ick hör Dir trapsen), den rotzigen Ton, die provokanten, teils aufgeklärten, teils resignativen Sprüche – alles Indizien dafür, dass wir es hier mit einem extremen Modernen zu tun haben, egal, ob er sich in Großstadtdschungeln oder ländlichen Steppen bewegt.

Daran ändert auch Mina nichts, ganz im Gegenteil. Wenn sie Die große Hitze (im Englischen The Second Murderer) als Marlowe Roman anlegt, muss sie sich an diese Grundauszeichnungen halten. Und auch an die Marlowschen Elemente der Plots der Chandler-Romane: die sich entwickelnde Dramatik, in der dann eine mörderische Tat der anderen folgen kann, und gern auch im allerintimsten Bereich. Es gilt die Szenerie, die Atmosphäre der dreißiger Jahre und der Chandler-Romane zu treffen.

Und es gilt, sie gut genug weiterzuentwickeln, damit die Geschichte eben doch auch in der Gegenwart ankommt und Leser genau dort abholt, wo sie heute stehen – auch in ihrem Verständnis einer Gesellschaft, die nun fast ein Jahrhundert vergangen ist (naja, zehn Jahre fehlen noch, aber das sind Petitessen im literaturkritischen Argumentationsfuror).

Es ist gerade eines der Kernmotive der Chandler-Romane, das Mina weiterentwickelt, nämlich das Verständnis von Geschlechterrollen und -typologien, das sie eben nicht auf dem Niveau der 1930er Jahre belässt, sondern so klug aufs heutige Niveau bringt, dass der intellektuelle Sprung dabei nicht zu sehen ist. Das liegt vor allem daran, dass die Figur Philip Marlowe zwar ein ungemein moralischer Mensch, ja Mann, ist, aber die Geschichte eben nicht moralisiert.

Im Zentrum des Plots steht der Auftrag eines der unsichtbaren und allem Anschein nach verstorbenen Repräsentanten der Superreichen seiner Zeit, seine Tochter aufzufinden, die das Anwesen der Familie verlassen hat – abgehauen, ausgezogen, entführt? Die rechte Hand des naheliegend ziemlich fiesen Auftraggebers ist eine junge Frau, die ihm so nahesteht, dass er sie nach Belieben quälen und schlagen kann – was sie mit sich machen lässt, weil sie darauf setzt, dass sie von seinem Tod profitiert. 

Marlowe macht sich auf die Suche nach der verschwundenen Tochter – nicht, um sie wie gewünscht zurückzubringen, sondern um sie vor ihrer Familie zu schützen, für die sie offensichtlich im Freien eine Gefahr darstellt. Ein Gut, das sie vor unerwünschtem Zugriff beschützen und wegschließen muss, zumal sie den Sohn, den es für die Fortsetzung der familiären Linie braucht, bereits geliefert hat.

In diesen typisch chandlerschen Plot eingewebt ist die Geschichte eines Nazi-nahen bildenden Künstlers, dessen Werk aber offensichtlich höchst modern ist, und der über seinen angeblichen Tod durch Nazi-Gegner seinen Marktwert zu steigern hofft. Seine Agentin: eine prominente jüdische Kunsthändlerin

Auf diesem Plot, der in den Ausstattungen teils überraschend bis schmerzhaft absurd ist, dennoch ungemein gut funktioniert, ruht Minas Roman recht komfortabel, was die Lektüre immerhin lohnt. Nur bei den Sprüchen und Scherzen funktioniert ihre Chandler-Adaptation nicht wirklich: Sie klingt zu aufgesetzt, zu peinlich, zu daneben, eben nicht cool genug. Aber irgendwas zu kritteln muss man haben, wenns um Marlow-Romane geht, die nicht von Chandler stammen.

Titelbild

Denise Mina: Die große Hitze. Ein Philip-Marlowe-Roman.
Aus dem Englischen von Else Laudan.
Argument Verlag, Hamburg 2026.
304 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783867542845

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