Leben und Werk in Bildern und Texten

Eberhard Siebert legt eine erweiterte und überarbeitete Kleist-Bildbiographie vor

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Heinrich von Kleist (1777–1811), der als der große Einsame unter den deutschen Klassikern und als ein früher „Dichter der Moderne“ gilt, war seiner Zeit weit voraus. Seine zu Lebzeiten äußerst umstrittenen Dramen, Novellen und Essays gehören heute zu den Klassikern der Weltliteratur – darunter Die Marquise von O., Michael Kohlhaas, Der zerbrochene Krug oder Prinz Friedrich von Homburg. Als Spross einer alten märkischen Junker- und Offiziersfamilie früh zu einer Karriere beim preußischen Militär gedrängt, quittierte er gegen den Widerstand der Familie den Militärdienst und wand sich nach einem abgebrochenen Studium mehr und mehr der Schriftstellerei zu. Nach vielen äußeren und inneren Krisen nahm sich der 34-Jährige mit seiner krebskranken Freundin Henriette Vogel das Leben.

Kleists kurze und ruhelose Lebensgeschichte ist die widersprüchliche Biographie eines Mannes, der aus seiner Zeit herauszufallen scheint und den Thomas Mann gleichzeitig einen „der größten, kühnsten, höchstgreifenden Dichter deutscher Sprache“ nannte. Viele Biographen haben sich in der Vergangenheit auf die Spurensuche des ewig Suchenden gemacht, der Bibliothekar und Kleist-Forscher Eberhard Siebert beschritt dagegen einen visuellen Weg. Bereits 1980 brachte er mit dem Insel-Taschenbuch Nr. 371 Heinrich von Kleist – Leben und Werk im Bild die erste Bildbiographie des Dichters heraus. Mit Heinrich von Kleist – Bildbiographie legte er dann 2009 eine stark erweiterte und umgearbeitete Ausgabe vor. Die Zahl der Abbildungen hatte sich in der Zwischenzeit mehr als verdoppelt. Infolge der deutschen Wiedervereinigung waren nun auch Bildvorlagen aus der ehemaligen DDR verfügbar.

Nach mehr als einem Jahrzehnt war diese Bildbiographie vergriffen, sodass jetzt eine erweiterte und überarbeitete Fassung mit jetzt 535 Abbildungen erschienen ist. Der umfangreiche Bildnachweis gibt Auskunft über die Vielzahl der Museen, Bibliotheken und Sammlungen, die Bildmaterialien zur Verfügung stellten. Der Neuerscheinung vorangestellt sind die Einleitung zur Erstausgabe (2009) und eine Vorbemerkung zur Neuausgabe. Die eigentliche Bildbiographie ist dann unterteilt in die zehn wichtigsten Lebensstationen des Dichters – von „Familie und Kindheit“ bis zu „Der Tod am kleinen Wannsee“. Bereits diese Fülle an Stationen zeigt den „unbürgerlichsten Schriftsteller seiner Zeit“ (Jens Bisky), der keinen festen Wohnsitz besaß. Die einzelnen Kapitel werden dabei mit kompakten Vorbemerkungen zu dem jeweiligen Lebensabschnitt eingeleitet, die zumeist anhand der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse überarbeitet wurden.

Die Vielfalt der Abbildungen und Dokumente ist reichhaltig, sie umfasst Porträts des Dichters und von Zeitgenossen, Stiche von historischen Gebäuden, Titelblättern von Erstausgaben, Faksimiles von Manuskript- oder Briefseiten, Zeitdokumente, Stadtpläne und Karikaturen bis hin zu Reproduktionen von Gemälden. Jede Abbildung ist mit einer informativen Legende versehen, die mitunter durch Zitate aus den Werken und Briefen ergänzt wird. Mit den Abbildungen, Dokumenten und Texten lässt sich nicht nur die Biographie von Kleist herauslesen, es entsteht auch ein lebendiges Bild der Epoche um 1800, die auch eine Blütezeit der deutschen Literatur war.

Im Anhang widmet sich Siebert dann mit zahlreichen Abbildungen noch weiteren speziellen Themen: „Kleist-Porträts von zweifelhafter Authentizität“, „Zur Geschichte des Kleist-Grabes“ und „Kleists Unterschrift im Wandel“. Dazu eine Liste von „Gesuchten Porträts“ von Zeitgenossen Kleist, die der Autor trotz intensiver Bemühungen nicht ausfindig machen konnte. Darüber hinaus punktet die Neuerscheinung neben dem umfangreichen Literaturverzeichnis mit einer zwölfseitigen Zeittafel, die bis ins Jahr 1901 reicht, wo Kleists dramatisches Guiskard-Fragment in Berlin uraufgeführt wurde. 

Die großformatige Bildbiographie spricht mit ihrer gelungenen grafisch-ästhetischen Komposition von Abbildungen, Kurztexten und Zitaten sicher viele Literaturfreunde an. Kleist-Neulinge finden mit diesem Grundlagenwerk einen bemerkenswerten Einstieg und für Kleist-Kenner gibt es sicher neben vielem Bekannten auch einiges Neues zu entdecken.

Kein Bild

Eberhard Siebert: Heinrich von Kleist: eine Bildbiographie.
Günther Emigs Literatur-Betrieb, Niederstetten 2021.
400 Seiten, 58 EUR.
ISBN-13: 9783948371791

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