Sprache finden für einen sprachlosen Zustand

Der Schauspieler Stephan Lohse schrieb 2017 seinen Debütroman über die Trauer, dieses Jahr tritt er beim Bachmannpreis an

Von Leon HuffRSS-Newsfeed neuer Artikel von Leon Huff

Ein Romanautor ist Stephan Lohse erst seit 2017, als sein literarisches Debüt Ein fauler Gott bei Suhrkamp erschien. Was die schriftstellerische Tätigkeit für ihn im Kern ausmacht, hat er jedoch schon viel länger praktiziert: „Ich war fast 25 Jahre Schauspieler und habe über Figuren nachgedacht und tue das jetzt halt auch – nur mit anderen Mitteln“, sagt er in einem Video auf der Website des Suhrkamp-Verlags.

Stephan Lohse wurde 1964 in Hamburg geboren, studierte Schauspiel in Wien und war in den folgenden Jahrzehnten in zahllosen Inszenierungen auf großen und kleinen Bühnen in Hamburg, Wien sowie in Berlin zu sehen, wo er heute auch lebt. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2018 in Klagenfurt liest er auf Einladung des Bachmannpreis-Juryvorsitzenden Hubert Winkels, mit dem er bereits einen gemeinsamen öffentlichen Auftritt auf der Leipziger Buchmesse 2017 absolviert hat.

Damals hatte Lohse gerade Ein fauler Gott veröffentlicht. Der Roman handelt vom elfjährigen Ben und seiner Mutter Ruth, zwischen denen die Erzählperspektive ständig wechselt. Nach dem plötzlichen Tod von Bens kleinem Bruder Jonas beschreiten die beiden manchmal gemeinsam, meist jedoch getrennt, den Weg der Trauer. Gott habe Jonas zu sich geholt, weil er seine Hilfe bräuchte, erklärt Ruth ihrem Sohn und der denkt sich: „Fauler Gott. Fauler Kackgott.“ Und dann geht das Leben, das für Ruth zunehmend erstarrt, für Ben weiter, mit neuen Freundschaften, einem etwas skurrilen alten Nachbarn, einem seltsamen ersten Kuss; mit allem, was zum Aufwachsen dazugehört. Stephan Lohse schildert all dies in einfacher, eindringlicher und bildhafter Sprache. Die Trauer wird in Ein fauler Gott oft nicht im Vordergrund ausgebreitet, sondern schleicht sich in den Nebensätzen ein, frisst sich in die Fugen des Lebens (und des Schreibens). Da erzählt zum Beispiel ein Zimmernachbar im Kinderkurheim, er habe keine Geschwister, Ben antwortet, er auch nicht, und das Gespräch dreht sich weiter. An einer Stelle des Romans fragt sich Ben, „warum sich Glück manchmal traurig anfühlt.“ Bei Stephan Lohse fühlt sich, andersherum, die Bearbeitung der Trauer immer wieder beglückend an; Ein fauler Gott ist mindestens so sehr ein Buch des Trostes und des Humors wie eines der Trauer. Es brachte dem Autor eine Reihe positiver Kritiken, einen Platz auf der SWR-Bestenliste (Juni 2017) sowie verschiedene Auszeichnungen und Nominierungen bei kleineren Literaturpreisen ein.

Die Handlung des Romans spielt in den 1970er Jahren, was nach Aussage des Autors vor allem damit zu tun hat, dass ihm aus der Kinderperspektive diese Zeit am vertrautesten war. Ein autobiographisches Werk ist es nicht – doch letztendlich spielt das für Stephan Lohse keine Rolle: „Ich glaube, dass es meinem Gehirn wurscht ist, ob ich was erfinde oder was erinnere“, sagt er. „Es fühlt sich gleich an.“

In seinem Videoportrait zum Bachmannpreis wird von ihm weder etwas erfunden noch etwas erinnert; er tritt lediglich als Fragensteller auf. Im Gespräch mit der südafrikanischen Lyrikerin Linda Gabriel und dem britischen Autor, Journalisten und Musiker Musa Okwonga geht es um Stigmata schwarzer Künstlerinnen und Künstler, um weiße Privilegien und letztendlich um die Frage, inwiefern es möglich ist, Kunst im Vakuum zu schaffen: Kann man sich losgelöst von den Übeln der Welt (in den Stichworten, die Stephan Lohse nennt: Waffen, Homophobie, Korruption, Trump, Brexit) beispielsweise nur der Betrachtung von Schönheit widmen? Für den Bachmannpreis-Teilnehmer scheint das nur begrenzt möglich zu sein. Zwar ist Ein fauler Gott kein politischer Roman, doch auf Lohses beruflicher Facebookseite wechseln sich Posts zum Buch immer wieder mit kritischen Kommentaren zum tagesaktuellen Geschehen ab. Auch dort denkt er über Figuren nach, wenn auch über unangenehmere. Zuletzt rechnete er vor, dass, wenn für jedes Todesopfer des Zweiten Weltkriegs eine Taube auf Alexander Gauland kacken würde, ein Vogelschiss von circa 1000 Kubikmetern zusammenkäme. Ein oberflächlich beglückender und unterschwellig bitterer Gedanke – eigentlich das genaue Gegenteil zu Lohses anrührender Trauerverarbeitung in seinem Debütroman.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen