Von der Spiritualität in den Kapitalismus

Eine interessante Aufsatzsammlung analysiert den „Wert des Heiligen“

Von Jörg FüllgrabeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Füllgrabe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Scheint es auf den ersten Blick (der dann freilich durch eine romantische Perspektive geprägt ist) so zu sein, als sei das Mittelalter nicht nur spirituell, das heißt von allgegenwärtiger Religiosität geprägt, sondern diese auch in ökonomischem Sinne vollkommen ‚wertfrei’ präsent gewesen, so macht doch bereits ein zweites Hinschauen deutlich, dass dem keineswegs so war. In welchem Umfang beispielsweise im Spätmittelalter kirchliche und spirituelle Dienstleistungen durch materielle Gegenwerte erkauft werden konnten, macht die Kritik an der gängigen Praxis des Ablasshandels deutlich, an deren Ende der Thesenanschlag Martin Luthers respektive die Reformationsbewegung in Mitteldeutschland stand. Aber auch lange vorher, verbunden etwa mit dem Reliquienhandel, sind bereits, trotz der immer wieder prominent rezipierten Provokation Jesu, der die Tische der Devotionalienhändler und Geldwechsler im Tempelbereich umwarf und somit gegen die Kommerzialisierung des Religiösen protestierte, Gelder zur Erlangung des Heils geflossen. Und bei Licht betrachtet sind auch die von den Großkirchen angebotenen ‚Spendenbons‘ – im Gegensatz zum klassischen Klingelbeutel steuerlich absetzbar – letztendlich eher merkantil als heilsdienlich.

Somit greift der vorliegende Band Der Wert des Heiligen, die verschriftlichte Ergebnissicherung einer 2018 vom Arbeitskreis für hagiographische Fragen veranstalteten Tagung, historische wie aktuelle Befindlichkeiten auf. Diese Überzeitlichkeit ist eben auch eines der Phänomene des Feldes von Heiligkeit, denn diese „hat viele Dimensionen. Sie ist ethisches Ideal, numinose Kraft, kostbares Gut, rituelle Handlung und transzendentale Größe“, wie die Herausgeberinnen vermerken. Die mit der Suche nach einem Weg zum Heil ursprünglich unabdingbar verknüpften Aspekte der virtutes beziehungsweise merita im Sinne von verdienstvollem, also gottgefälligem und frommen Handeln und Leben ließen sich bereits sehr früh durch Handfesteres, das heißt durch Opfer und Spenden, aufwerten. Diese Praxis reicht nachweislich bis in die vorchristliche Antike zurück und wurde dann sukzessive von den Kirchen übernommen.

Der Wert des Heiligen konzentriert sich auf eben diesen christlich-kirchlichen Bereich. Eine der arbeitshypothetischen Grundlagen ist daraufhin ausgerichtet, dass das Heilige kein durch das absolut Andere bestimmter Wert ist, sondern durch Skalen definiert werden kann und muss. Das bedeutet, der potenziell erhobene Absolutheitsanspruch des Heiligen, der darauf hinausläuft, letztlich unermesslich zu sein, wird in der religiös-kultischen Praxis relativiert und auf eine menschliche Dimension ausgerichtet. Daraus resultieren in der angewandten kultischen Wirklichkeit abgestufte Qualitäten des Heiligen, wobei diese Vermenschlichung auch in gewisser Hinsicht einem Aneignungsprozess entspricht, der als normative Abschwächung begriffen werden kann. Zugleich legt er nahe, dass Lebensentwürfe, die durch eher heilsferne Parameter bedingt sind, der jeweiligen Person durch einen merkantilen Einsatz durchaus die Erlösung gewährleisten können.

Auf dieser Metaebene sind die Beiträge des Bandes zu sehen und zu verstehen. An die Materie respektive die Fragestellung heran führt die Einleitung der, leider im letzten Jahr verstorbenen, Mitherausgeberin Miriam Czock, in der zum einen die Themenschwerpunkte sowie die dazu vertretenen Beiträge aufgelistet werden. Darüber hinaus werden aber auch grundlegende Informationen und Fragestellungen zur Kommerzialisierung der Erlösungswege vorgestellt. Wie bereits angesprochen: Diese Kommerzialisierung im Bereich der religiösen Praxis ist ein altes Phänomen der menschlichen Geschichte, das in vorliegendem Band aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandelt wird. Vor allen Dingen ist es den an Tagung und Publikation Beteiligten darum zu tun, das Spannungsfeld zwischen idealtypischer Heiligmäßigkeit und der durch eben jene merkantilen Aspekte in mehr oder minder starkem Maße kontaminierten Religionspraxis in den Blick zu nehmen.

Vier große Fragestellungen wurden in der Tagung thematisiert und dann in vorliegendem Band zusammengestellt: Das Maß der Heiligkeit. Valuierungen, (Ver)rechnen und (Ver)handeln, Der Wert des Heiligen. Ideale, Umwertungen und Kritik sowie Schätze des Heils. Die Repräsentation ethischer Werte in Sprachen und Bild. Zur thematischen Verdichtung sind den Beiträgen kurze Essays vorangestellt, die „weder als systematischer Themenaufriss noch als eine nochmalige Zusammenfassung konzipiert, sondern als ‚impulshafte Anmoderationen‘ der vier Tagungssektionen“ gedacht sind, so Miriam Czock.

Diesem Duktus entsprechend ist Claudia Alraums ‚Anmoderation‘ zu Das Maß der Heiligkeit. Valuierungen gehalten, die in knappster Form an das Themengebiet heranführt, wobei der Bericht des Eusebius über das Martyrium des Polykarp und die daran anschließende Verehrung der Überreste des Bischofs als Kronzeugnis angeführt wird. Uta Kleine geht mit Heilige Ökonomie. Schatzsemantik, Geldgebrauch und Güterzirkulation zwischen Himmel und Erde auf das Problem einer divergierenden und höchst komplexen Beziehung zwischen der theologischen Basis, dem entsprechenden Überbau und der Einbindung des aus heutiger Perspektive rational-kalkulierten ökonomischen Denken und Handelns in diese anscheinend so ganz andere Sphäre ein – und weist dabei sowohl Kontinuitäten als auch Brüche in der Tradition der zugrunde liegenden adäquaten Vorstellungen nach. Der Konnex zwischen religiöser Basis und Praxis und anhängiger Ökonomie ist demnach eine Konstante, die weit in die Vergangenheit zurückweist.

Diesem grundsätzlich weiter gefassten Ansatz folgt mit Der Wert der Armut und der Armen für die Heiligen bei Venantius Fortunatus (Philip Zimmermann) ein zwar auf eine Meta-Deutung hin ausgerichteter, aber hinsichtlich der Quellenbasis stark verdichteter Beitrag. Verglichen werden hier die Hagiographien des Heiligen Martin und der Heiligen Radegunde von Thüringen, die – als Geisel ins Frankenreich entführt – später den Merowingerkönig Chlotar heiratete und schließlich ihre bereits früh erkennbaren Heiligmäßigkeit insofern erfüllte, als sie das Kloster Poitiers gründete. Venantius kannte die Heilige persönlich und verfasste die erste Beschreibung ihres Lebens; im Beitrag wird als erweiterte Referenz noch auf die Hagiographie der in Radegundes Kloster lebenden Nonne Baudonivia Bezug genommen. Auch die Lebensbeschreibung Sankt Martins durch Venantius wird durch weitere Verweise erweitert. Wesentlich hier ist, dass beide im Kontext der Armenfürsorge prominent hervorgetreten sind.

Felicitas Schmieder führt daraufhin kurz in den Themenbereich (Ver)rechnen und (Ver)handeln ein, der von Stefan Esders mit der auf den ersten Blick überraschenden Frage Heilige als juristische Personen? konkretisiert wird. Auf den ersten Blick deshalb, weil die Verwunderung über diese Einordnung einer aktuellen Perspektive entspringt und nichts oder doch nur sehr wenig mit den zeitgenössisch-mittelalterlichen (Wert-)Vorstellungen gemein hat. Eine wesentliche Komponente, auf die der Verfasser hinweist, ist die gewachsene Bedeutung der Reliquien, deren Verehrung den Weg zu den Heiligen und somit eine Art indirekten Erlösungsweg offeriert. Und da die Gültigkeit des do ut des nicht in Zweifel gezogen wurde, konnte auch eine Erwartungshaltung entstehen, die den Vorgang der mit Sach- oder Geldspenden verbundenen Reliquienverehrung quasi automatisch als eine Art Geschäftsvorgang interpretierbar machte – und Geschäfte haben eben juristischen Charakter.

Franziska Quaas erarbeitet mit Sakralität und Handel eine kulturelle Semantik des Marktbegriffs in Spätantike und Frühmittelalter. Hier werden diejenigen Gesichtspunkte diskutiert, die hinsichtlich der – zumindest angesichts des Seelenheils gegebenen – Fragwürdigkeit von Geschäft und Handel bestanden, aber eben auch wie diese diametralen Aspekte nicht nur versöhnt, sondern überdies in einen konstruktiven und letztlich sogar notwendigen, weil zumindest teilweise interdependenten Kontext transferiert werden konnten. Denn „die christliche Glaubenspraxis selbst wurde als ein ‚heiliger Handel‘ verstanden, der ökonomischen Mechanismen folgte“. Und: „Das Verständnis des ‚Marktes‘ blieb keineswegs auf profane Aspekte beschränkt, sondern besaß von Beginn an eine dezidiert sakrale Bedeutungsdimension, die für eine in die christliche Frühzeit zurückreichende Verflechtung von ökonomischer und spiritueller Sphäre spricht.“

Klaus Herbers führt in den nächsten Hauptpunkt Der Wert des Heiligen. Ideale, Umwertungen und Kritik ein, der von Cordelia Hess (Der Erfolg der Heiligen) mit einem Blick ins Skandinavien der Konversionszeit – gemeint ist hier die Christianisierungsphase des Mittelalters und nicht die Etablierung des Protestantismus – konkretisiert wird. Dabei bringt sie das von Harvey Whitehouse für ethno-religiöse Untersuchungen in Neuguinea entwickelte Modell der divergent modes of religiosity zur Anwendung, das dabei an den vormodernen Verhältnissen im mittelalterlichen Skandinavien erprobt wird. Wesentlich sind hierbei Elemente der weitreichenderen Kommunikation, in denen im vorliegenden Fall Erfolge oder eben auch Misserfolge der jeweiligen Heiligen über- beziehungsweise vermittelt wurden. Der dabei eingangs erfolgte Analogverweis auf ein ursprünglich vom Kolpingwerk vertriebenes, mittlerweile offenbar jedoch nicht mehr erhältliches „Heiligenquartett“ wird in Bezug auf den Erfolg der oder des jeweiligen Heiligen am Ende des Beitrags noch einmal aufgegriffen, trägt dabei aber nicht unbedingt zum Verständnis des Ganzen bei.

Nachdem der Blick ins späte Früh- und Hochmittelalter gelenkt wurde, weist Volker Leppin mit seinem Beitrag zur Ablasskritik im späten Mittelalter nicht nur chronologisch in eine andere Region, sondern auch vom Kern des Ganzen her in eine andere Welt des Denkens, die gegenüber der bereits angesprochenen Paarung respektive interdependenten Unabdingbarkeit der Vorstellung von do ut des nicht nur leichte Zweifel entwickelte, sondern das Ganze als eine erhebliche Verfälschung von Glaubensinhalten bekämpfte. Dabei führt Leppin den (Argumentations-)Weg von der allgemeinen Kleruskritik über die dann schon spezifischere Kritik an der Position des Papstes zu den Motiven der Innerlichkeit, die sich wohl am ehesten mit gegenwärtigen Vorstellungen von Religion und Frömmigkeit verknüpfen lassen. Somit wird auch der Blick auf die Reformtheologie Luthers gelenkt, die in vielerlei Hinsicht – so der Verfasser – tatsächlich auch ihre Wurzeln in mittelalterlicher Kirchenkritik hatte.

Andreas Bihrers einführenden Zeilen zum Thema Schätze des Heils. Die Repräsentation ethischer Werte in Sprache und Bild leiten den abschließenden Schwerpunkt ein. Die Repräsentation der Heilige[n] Handschriften wird von Gia Toussaint an den Beispielen der St. Margarte’s Gospels, des Evangeliar des heiligen Augustinus von Canterbury sowie des aus dem Evangeliar von Cividale herausgelösten Markus-Evangeliums vorgestellt. Dass der Wert – oder vielmehr die Bewertung – dieser Bücher von den unterschiedlichsten Faktoren bestimmt war, die gegenwärtig so kaum mehr funktionieren würden, wird am Fall des Markus-Evangeliums deutlich. Eigentlich wäre zu erwarten, dass die Zerstückelung eines Buches, gerade in Zeiten vor dem Buchdruck, zur Wertminderung der einzelnen Teile führen müsste, was im Fall des Cividale-Evangeliars jedoch so nicht der Fall war. Es scheint erst mit der Zerstörung des ganzen Bandes die Möglichkeit entstanden zu sein, das Evangelium des Markus als authentische Handschrift aus der Feder des Evangelisten selbst zu interpretieren. Diese abstruse Zuschreibung wurde überdies ‚zertifiziert‘, das heißt, das Alter und die Authentizität wurden urkundlich bestätigt. Wer wollte da wohl widersprechen?

In Stefan Laubes Beitrag Reliquienkapital werden die Reliquienverehrung und ihre Kapitalisierung in den Blick genommen. Der Verfasser dekliniert nach seiner Eingangsfrage „Geld oder Reliquien?“ diese als „ökonomisches“, „politisches“, „spirituelles“ sowie „mirakulöses Kapital“ durch, wobei der grundsätzliche Unterschied zwischen den beiden letztgenannten Aspekten kaum klar hervortritt. Wesentlich für Wirkung und Wert der Reliquien ist eine durch diese ermöglichte Art von ‚Verdinglichung‘ der Spiritualität oder allgemeiner ausgedrückt des Religiösen. Diese bietet paradoxerweise Möglichkeiten zur Verinnerlichung, aber eben auch zum Gegenteil derselben, indem die Reliquie nicht mehr nur Erinnerungs- oder Verdichtungsmedium des Glaubens ist, sondern selbst quasi als Heilsbringerin wahrgenommen wird. Dementsprechend ist es nicht sonderlich überraschend, dass „eine eindimensionale Sichtweise“ hinsichtlich von Bedeutung, Rezeption und Wert der Reliquien nicht ausreicht.

Das wären zunächst die Überlegungen zu den Beiträgen und damit eigentlich auch zum vorliegenden Band selbst. Aber – und das ist zumindest für den Rezensenten ein Novum – dem Ganzen ist mit Ludolf Kuchenbuchs Nachhaltgedanken eine knappe, gleichwohl dezidierte Kritik des Vorangegangenen angehängt, in der der Verfasser als „externer Kollege“ eingeladen wurde, „den vorliegenden Gesamttext in aller Kürze aufs Existentielle hin zu durchdenken“. Ludolf Kuchenbuch nimmt sich dieser Aufgabe mit erfrischender Offenheit an, spart einerseits nicht mit angebrachtem Lob, aber andererseits auch nicht mit zum Teil kleinteiliger, und deshalb eben auch essenzieller Einzelkritik. Dies ist in jedem Falle lesenswert und erschließt gerade in seinen kritischeren Passagen manches, was sich im jeweils bewerteten Text so nicht ohne weiteres offenbart (hat). Sehr wichtig ist die dort getroffene Feststellung beziehungsweise verdeckte Aufforderung, den Band als eine Art Initialprojekt zu verstehen, aus dem heraus Informationen und Gedanken, vor allem aber auch Anregungen zum eigenständigen Weiterdenken und -arbeiten entwickelt werden können.

Dem ist sich nur anzuschließen, denn der Leitfaden der Tagung wie auch der Publikation ist klar erkennbar und stringent und wirkt dadurch gleichermaßen gelungen wie ausgewogen. Gleichwohl scheinen eben auch ganz formale Irritationen auf. So ist beispielsweise nicht wirklich schlüssig nachvollziehbar, warum jeder der vier vorgegebenen Schwerpunkte, der dann in jeweils zwei Beiträgen abgearbeitet wird, durch einen Kurztext anmoderiert werden muss. Diese Einführungstexte sind durchaus lesenswert, aber angesichts der Anzahl der ‚echten‘ thematischen Texte nicht zwingend notwendig. Grundsätzlich gilt: Die Qualität des Gebotenen ist ansprechend. Gleichwohl erschließt sich der eine oder andere Beitrag einfach besser und ist hinsichtlich seiner Argumentationsführung geschlossener, was bei Sammelbänden allerdings eigentlich immer der Fall ist.

Der Wert des Heiligen bietet zweifellos Anregungen zum eigenen Arbeiten und dabei auch die Chance, vermeintlich Bekanntes noch einmal unter einem neuen Gesichtswinkel zu betrachten, und das ist schon ein Wert an sich. Für den Erwerb spricht auch der überschaubare Preis, der nicht zuletzt durch den ausschließlich farbig gehaltenen Abbildungsteil seine Berechtigung hat. Also: Eine lesenswerte Publikation mit Stärken und kleineren Schwächen, deren Anschaffung oder doch zumindest Kenntnisnahme sich in jedem Fall lohnt.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Andreas Bihrer / Miriam Czock / Uta Kleine (Hg.): Der Wert des Heiligen. Spirituelle, materielle und ökonomische Verflechtungen.
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2020.
234 Seiten, 46,00 EUR.
ISBN-13: 9783515126809

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