Was ist Feridun Zaimoglu?

Gemeinsam mit dem Germanisten Norbert Otto Eke nähert sich der Schriftsteller Feridun Zaimoglu in „Durchdrungenheit. Texte und Gespräche“ seinem Schreiben, der deutschen Sprache und sich selbst.

Von Erkan OsmanovićRSS-Newsfeed neuer Artikel von Erkan Osmanović

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sei es der „lauwarme Faschist“, die spuckende Pastorin oder die von innerasiatischer Kunst sprechende Frau auf der Straße – sie alle haben ihren Anteil an Feridun Zaimoglus Schreiben. Es sind Begegnungen mit Menschen, deren Sprache(n) und Geschichten, die der Schriftsteller sammelt und zu Literatur formt: Etwa die Geschichte Martin Luthers für seinen Roman Evangelio (2017) (https://literaturkritik.de/zaimoglu-evangelio-aberglaube-apokalyptik-als-kunstgewerbe-feridun-zaimoglu-ist-mit-seinem-luther-roman-evangelio-gescheitert,23224.html) oder die halbfiktiven Interviews mit Figuren des gesellschaftlichen Randes für sein prominentes Kanak Sprak (1995), dessen Untertitel nicht umsonst 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft lautet. Dass es ihm dabei nicht um das Einfangen etwas Dokumentarischen oder Authentischen geht, wird bei der Lektüre des bei Königshausen & Neumann erschienen Buches Durchdrungenheit. Texte und Gespräche evident.

Durch dick und dünn

Der Band strukturiert sich um die poetische Methodik Zaimoglus: Durchdringung und Durchdrungenheit. Mit Hilfe verschiedener Textformate, Eigen- und Fremdzuschreibungen, aber auch Beobachtungen vagen sich sowohl der Germanist Norbert Otto Eke als auch der Schriftsteller selbst an den Menschen Zaimoglu, dessen Schreiben und Leben. Das Unterfangen gelingt gerade auch, weil die Komposition des Bandes selbst Leserinnen und Lesern, die bisher keine Berührungspunkte mit Werk und Autor hatten, ermöglicht, Zaimoglus Schaffen zu durchdringen – wenn man sich denn darauf einlassen will.

Am Anfang steht die Einleitung Norbert Otto Ekes. In Durchdrungenheit I: In die Dinge hineingehen führt er das Konzept der Durchdrungenheit ein und kontextualisiert dieses, daneben gibt er einen Einblick in das zu erwartende Programm. Eke bedient sich dabei einer wissenschaftlich-essayistischen Sprache, von der im darauffolgenden Über die Eigenheit Feridun Zaimoglus keine Spur mehr ist. Der Schriftsteller breitet sich in der ersten von drei Vorlesungen – die Vorlesungsreihe Einfall, Bild und Bühne hielt Zaimoglu im Wintersemester 2020/21 an der Universität Paderborn – sprachlich aus: Nicht von ungefähr bezeichnet der Verlag auf der Rückseite des Buches die Vorlesungen als „Mikroroman des Künstlerseins in nicht allein schwierigen Zeiten der Krise“.

So berichtet Zaimoglu über seine Arbeit an der Geschichte eines nationalsozialistischen Poeten, der nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes in eine ungewisse Zukunft, auf Verdienstspangen, vergoldete Pokale und eine nutzlose Existenz blickt. Eben diese Geschichte ist es, die einen Freund Zaimoglus Richtung Wutanfall lotst, da er nicht versteht, wie ebenjener auch nur versuchen könne, die Welt des nationalsozialistischen Poeten in Literatur zu gießen – und zum Startpunkt der poetologischen Ausführungen Zaimoglus wird. Die darauffolgende Begegnung mit einem Siebzehnjährigen, der seine Unlust am Studieren vor seinem Vater hinter einer gespielten Identitätskrise versteckt und bei Zaimoglu um Beistand und Verständnis ansucht, nimmt der Schriftsteller zum Anlass, um gegen die Kategorisierungen seines Schreibens zu eifern. Dabei liegt die Wurzel aller Schubladisierungen in seinem Debüt Kanak Sprak und dessen Konstruktion. Zaimoglu hatte Gespräche mit Männern geführt, die sich aufgrund ihrer (sozialen) Herkunft in Opposition zu Deutschland sahen. Dass es sich bei den gedruckten Interviews um fiktionalisierte Interviews – samt Einsatz aller erdenklichen literarischen Handgriffe – handelte, hat ein Großteil der Öffentlichkeit ignoriert. Nicht wenige sahen in Zaimoglu einen Exponenten eines anderen Deutschlands, den man gerne mit dem Etikett mit Migrationshintergrund versehen haben wollte. Ehe der Schriftsteller sich versah, wurde er fallweise zu einem gesellschaftspolitischen Beobachtungsobjekt, einer Antithese oder einem Wichtigtuer: 

Ich schmierte keine Fibeln hin für Interkulturalisten […] Man glaubte fast schon frömmelnd an die Eigentlichkeit der Realität, und die Trivialrealisten unterschieden sogar viele Wirklichkeitsgrade. Ein Schreiber konnte nach ihrer Meinung nur nacherzählen, eine wahrhaftige Abbildung schlossen sie aus. Was aber tat ich? Ich sagte: ,So ist es draußen.‘ […] Und dann gab es auch Experten, die die Echtheit der im Buch gesammelten Dokumente anzweifeln. Ich gab ihnen recht und verwies darauf, dass ich mich oft über die deutsche Sprachart ,Kanak Sprak‘ als eine Kunstsprache ausgelassen habe. Sie unterstellten mir den Willen zur Vernebelung, sie spotteten über meine Darbietungsexzesse auf der Bühne.

Weitere Annäherungen an seine Haltung zum deutschsprachigen Kulturbetrieb präsentiert Zaimoglu in den weiteren zwei Vorlesungen – Über die Durchdrungenheit und Über die Nächtlichkeit des Meeres –, die ebenfalls im literarischen Gewand daherkommen. 

Die Welt markieren

Nach „Einfall, Bild und Bühne“ beginnt mit Gespräche der größte Teil des Bandes. Alle Unterhaltungen zwischen Feridun Zaimoglu und Norbert Otto Eke wurden, mit Ausnahme des fünften Gesprächs, Ende 2021 aufgezeichnet sind also ebenso wie die Vorlesungen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie (von der Zaimoglu in seinen Ausführungen als „Seuche“ spricht) zu sehen: (1) „Der Geruch des Anderen hängt mir dauerhaft an; (2) „Ich muss mich gewissermaßen ruinieren. Erzählen, im Feld‘; (3) „Der Abstand muss schmelzen. Über Hitler schreiben ein Romanprojekt; (4) „Parasitär sind wir doch irgendwie alle. Schreiben für das Theater und (5) „Ich habe mich vernichtet mit diesen Büchern Postskriptum Kiel 27. Juli 2022. Die durch Eke klar strukturierten und stellenweise mit Theorie unterfütterten Gespräche lassen den Menschen Zaimoglu zu Wort kommen, der über die Lebensgeschichte seiner Familie, aber auch seine eigenen Unzulänglichkeiten spricht: Etwa aus seiner Münchner Schulzeit, in der er als Arbeiterkind „Techniken der Weltmarkierung“ erlernen musste, um im Umfeld der Bürgerkinder bestehen zu können; sein Verhältnis zur Türkei oder die öffentliche Ausblendung seines deutschen Vordergrunds bei gleichzeitiger Betonung seines Migrationshintergrunds.

Der Band schließt, wie er beginnt: mit einer wissenschaftlichen Einordnung Zaimoglus. „Durchdrungenheit II: Gestimmte Welt(en)“schlägt eine Brücke zu Konzepten der Einstimmung und Stimmung und blickt auf die Spannungsfelder in Zaimoglus Poetologie.

Wie der von Feridun Zaimoglu gestaltete Umschlag, so lädt auch der gesamte Band Durchdrungenheit zum Kennenlernen des Schriftstellers ein. Das Buch ist nicht nur ein wertvoller Beitrag zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Zaimoglus Schreiben, sondern hoffentlich auch der Ausgangspunkt für weitere wissenschaftliche und künstlerische Durchdringungen seiner Literatur.

Titelbild

Feridun Zaimoglu: Durchdrungenheit. Texte und Gespräche.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2022.
187 Seiten , 40,00 EUR.
ISBN-13: 9783826077135

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