Wissen in poetischer Verkleidung

Drei Bücher bezeugen Thomas Manns Vernetzung mit dem Wissen seiner Zeit

Von Jochen StrobelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Strobel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lange Zeit stand die Forschung zu Thomas Mann im Bann der Ideengeschichte, gestützt auf die Vorgaben des Autors, der sich gern auf sein "Dreigestirn" berief, bestehend aus Arthur Schopenhauer, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche. Daneben und vor allem hieß, literaturwissenschaftlich über Thomas Mann zu arbeiten, Quellenkritik zu betreiben und damit die synkretistische Montageleistung heterogenster, durch den Autor "nur" angelesener Materialien zu rekonstruieren. Das dahinter sichtbar werdende Schreibverfahren ging zwar im Ausgang des 20. Jahrhunderts als modern oder sogar als postmodern durch, schien aber den Skeptikern von bescheidener Halbbildung und erst recht dürftigen wissenschaftlichen Vorkenntnissen des Schulabbrechers und Nicht-Akademikers Mann zu zeugen.

Umso erstaunter, ja ausgesprochen positiv überrascht ist der Mann-Leser, wenn der renommierte Ägyptologe Jan Assmann die Josephs-Tetralogie als veritablen "Beitrag zur historischen Anthropologie und Religionstheorie" liest, der Schriftsteller Thomas Mann also den Wissenschaften seiner Zeit auf Augenhöhe begegnen darf und sogar, so Assmann, als einer der bedeutendsten Religions- und Mythentheoretiker gelten darf.

Längst bekannt war zumindest, dass Mann als Briefpartner des Religionswissenschaftlers Karl Kerényi erhebliches Interesse an einer Reflexion über Begriff und Funktion von Mythen zeigte und ein erheblicher Teil des Werks als eigenwillige Verarbeitung solcher Mythen in Kenntnis der Freud'schen Psychoanalyse gelesen werden kann.

Assmann also nimmt wohl erstmals den Josephroman aus ägyptologischer Sicht ernst, weniger als Erzähltext - er entnimmt ihm folglich vor allem originelle "Beobachtungen und Reflexionen zur Anfangslosigkeit der kulturellen Tiefenzeit". Mann erzählt auf knapp 2.000 Druckseiten eine mythische, also sich wiederholende Passions- und Heilsgeschichte, den archetypischen Weg Josephs vom Leben über den symbolischen Tod im Brunnen, die "Unterwelt" in Ägypten bis zur Wiedergeburt, einen Weg, der etwa als Präfiguration des Leidensweges Christi zu lesen ist. Die Innovation besteht nun in der Überbrückung des Bruches zwischen dem archaisch-mythischen Lebensgefühl der ewigen Wiederholung von 'Geschichte' und einer mit der Geschichte des Judentums beginnenden monotheistischen Gesetzes- und Geschichtsmythologie. Bei der Kunstfigur Joseph ergänzen sich zwei Seiten eines Menschen: Seele und Geist, zyklisches und lineares Zeitbewusstsein - Joseph lebt in "orphischer" und in "mosaischer" Zeit.

Manns Ägyptenbild, so Assmann voller Bewunderung, entspricht nicht der traditionellen Verklärung, die das alte Ägypten seit der Zeit der Griechen erfuhr, sondern folgt dem entzaubernden Bild der zeitgenössischen Ägyptologie und dient im Roman als Gegenposition zum stets positiv gewerteten Israel. Diese "Neubewertung" ist freilich so überraschend nicht, folgt sie doch Manns Hauptquelle, dem Alten Testament.

Zeichnen Ägyptens Kultur im Roman ein ausgeprägter Totenkult und eine intensive Erotisierung aus, so trägt der Monotheismus rational-aufklärerische Züge oder doch die einer Mythologie der Zukunftsbezogenheit. Assmann stellt Manns Romantetralogie in den Kontext der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem jüdischen Monotheismus, die in den 1920er- und 1930er-Jahren immer auch ein Gegenentwurf zum mythischen 'Rückfall' des Nationalsozialismus ist. Im direkten Vergleich mit Sigmund Freuds "Mann Moses" und Arnold Schönbergs "Moses und Aaron" kommt Manns Roman der Vorzug zu, zwischen Monotheismus und Mythos, zwischen 'wahr' und 'falsch' in der Gestalt des Joseph einen dritten Weg zu beschreiten, der am besten mit dem Begriff der Verschonung zu umschreiben ist.

Assmanns hochkompetent und zugleich spannend erzählendes Buch ist ein Neben- und Vorabprodukt der Joseph-Bände innerhalb der Großen Frankfurter Ausgabe der Werke Thomas Manns, herausgegeben von Jan Assmann, Dieter Borchmeyer, Peter Huber und dem 2006 verstorbenen Wolf Daniel Hartwich. Auf den Kommentar dieser Ausgabe darf man nun besonders gespannt sein. Wohl erstmals hat ein Fachmann den Roman auf die konzeptionelle Plausibilität des immer wieder konstatierten Mythensynkretismus hin geprüft. Sachkenntnis und Vermittlungskompetenz gehen in diesem Buch eine selten gelingende Synthese ein.

Seit den 1990er-Jahren schon trifft sich regelmäßig die Gemeinde in Davos zu einem transdisziplinär und zugleich populär ausgerichteten Austausch über Leben und Werk Thomas Manns. Daraus sind einige stattliche Bände hervorgegangen, die die zunächst naheliegenden, durch den "Zauberberg" vorgegebenen Themen auch überschreiten. Zuletzt waren es die "Wissenschaften vom Menschen", die verhandelt wurden. Der 2007 erschienene Band kann und will nicht verleugnen, dass ihm Vorträge für ein breites Publikum zu Grunde liegen, die nicht selten erkennbar auf bereits vorhandenen Forschungsleistungen ruhen und diese abrunden. So hatte Malte Herwig in seiner 2004 erschienenen Monografie mit dem beziehungsreichen Titel "Bildungsbürger auf Abwegen" erstmals das Œuvre des "Zauberers" auf Naturwissenschaftliches hin untersucht.

Unterhaltsam und informativ sind die meisten der hier versammelten Beiträge. Der Mathematiker Urs Stammbach etwa sucht nach fachlich Einschlägigem im Werk des Mehrfach-Sitzenbleibers und kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass die Mathematik Metapher für das Kühle und Leblose - aber auch für das "Geordnete" sei. Ihm entgeht das Ekphrastische, dem in Manns Sprache mathematische Grapheme unterzogen werden: Mann liest komplizierte Kritzeleien aus Zahlen und Buchstaben nicht als arbiträre Zeichen, die eine mathematische Operation repräsentieren, sondern als ikonische Zeichen, insgesamt also als Bild. Solange nicht gerechnet werden muss, darf die Mathematik zusammen mit der Musik als Inbegriff ästhetisch gerechtfertigter Ordnung gelten, so im Denken Adrian Leverkühns in "Doktor Faustus".

Ein Mathematiker also schreibt über Thomas Manns Verhältnis zur Mathematik - der Neuropathologe Hans-Dieter Mennel äußert sich zu einer Leben-Werk-Einheit Manns unter dem doppelten Blickwinkel der Pathologie, nämlich der morphologischen und der Psychopathologie. Generell spielen sichtbare Veränderungen des Körpers in der Pathologie eine Rolle, spezieller aber Verhaltensauffälligkeiten bis zur "Morbidität". Noch einmal rekapituliert Mennel Tuberkulose, Syphilis und Krebs in Manns Texten - und kaum einmal wurde der Leser so drastisch mit der lebensgefährlichen Lungenkrebserkrankung des Einundsiebzigjährigen vertraut gemacht.

Nicht so bekannt sein dürfte, dass Mann unfreiwillig längst zum "Lehrer" medizinischer Laien wie auch von Studierenden der Medizin geworden ist, prägte doch der "Zauberberg" die Vorstellung von der bald nach Erscheinen des Romans aussterbenden Krankheit Tuberkulose, ihrer psychologischen und soziologischen Aspekte vor allem. Damit erhielt, ähnlich wie das benachbarte Sils Maria, Davos bis heute seinen genius loci.

Eher alt vertrautes und geistesgeschichtlich schon durchpflügtes Gelände betritt Philipp Gut mit seiner Monografie zu Thomas Mann Idee einer deutschen Kultur. Basierend auf Jörg Fischs großer begriffsgeschichtlicher Studie zu "Kultur" und "Zivilisation" in Reinhart Kosellecks "Geschichtlichen Grundbegriffen", aber auch auf zahlreichen Vorarbeiten der Mann-Forschung wie Kurt Sontheimers 1962 erschienenem Band "Thomas Mann und die Deutschen", unternimmt Gut nicht weniger und nicht mehr als einen werkbiografischen Abriss zum Thema 'Deutschland', der vor allem Sach- und Gebrauchstexte ("Essays") wie auch fiktionale Texte vom "Zauberberg" bis zum "Doktor Faustus" einbezieht. Ausgangspunkt ist der seit den 1980er-Jahren verstärkt reflektierte Kulturbegriff. Allerdings ist dem Autor nicht primär an einer theoretischen Auseinandersetzung mit der Transformation einer ehemals geistes- und sozialgeschichtlich arbeitenden Literaturwissenschaft zur Kulturwissenschaft oder einer Struktur- und Politikgeschichte zur Kulturgeschichte gelegen.

Gut entgeht nicht dem bekannten Problem der mangelnden Trennschärfe der Textsorten und Redeweisen im Werk Manns, desgleichen reflektiert er nicht hinreichend die Gefahr der problematischen Zirkelschlüsse, die das Heranziehen von Manns Selbstinterpretationen allererst provozieren. Doch gelingt ihm aus der Sicht des Historikers eine umfassende, sehr gut lesbare Darstellung, ein Großessay über den Großessayisten. Gut bündelt seinen Stoff in zwei semantischen Oppositionen, nämlich "Kultur versus Zivilisation", bezogen auf die Zeit zwischen 1909 und 1933, sowie "Kultur versus Barbarei", die Jahre 1933 bis 1955 umfassend. Er beginnt mit Notizen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, entwickelt dann den Kultur- und Deutschlandbegriff der "Betrachtungen eines Unpolitischen" und wendet sich vom "Zauberberg" an auch den großen Romanen zu, bis hin zum Alterswerk "Doktor Faustus". Diese Romane liest Gut als allegorische Deutschlandromane, stärker als frühere Arbeiten bettet er Manns antibarbarische Wendung in den unabdingbaren Zeitkontext des Zivilisationsbruchs Auschwitz ein. Die Arbeit profitiert zudem vom Erkenntniszuwachs der Forschung auf dem Feld des "Kulturkriegs" 1914-1918.

Dem Konzeptschlagwort "Kultur" werden andere, begriffsgeschichtlich indessen heikle Begriffe in einer umfassenden Rekonstruktionsleistung zugeordnet, nämlich "Tiefe", "Innerlichkeit" und "heroische Moral". Der antinationalsozialistisch ausgerichtete Kulturbegriff des Exils ab 1933 kulminiert in dem nun zivilisatorisch begründeten "anderen Deutschland", dem sich Mann zugehörig fühlte.

Das aus dessen Texten bekannte Antithesenspiel relativiert Gut zu Recht, indem er zeigt, wie wenig im Laufe der Werkbiografie Manns 'Kultur' versus 'Zivilisation' als Oppositionspaar erhalten bleibt. Das auch in Werk und Person Manns angelegte 'barbarische' Potential verschweigt Guts Monografie nicht. Offen bleibt, ob nicht Thomas Manns notorische und zunehmend kritische Reflexion auf den "apolitischen Kulturkult des deutschen Bürgertums", so Gut an einer Stelle, ihm gerade nicht die Legitimation bot, bis ans Lebensende zugleich auch stets Vertreter dieses Kults zu sein.

Immer noch ist zuwenig geklärt, ob die viel gelesenen Texte Manns, etwa sein Roman "Doktor Faustus", Deutschlandkonzepte prägten - wie man gern unterstellt - oder mit gängigen Stereotypen zitativ spielen. Allzuoft will man das Herzblut des an Deutschland leidenden Autors aus dessen Texten pressen, unterstützt durch die scheinbar diskursiven, scheinbar metatextuellen "Selbstdeutungen".

Festzuhalten bleibt, dass auch Manns Romane als Orte politischen Wissens, geradezu "politischer Bildung" (Friedrich Schlegel) gelten können. In dieser Hinsicht steht Guts Buch in einer durch Kurt Sontheimer vor fast fünf Jahrzehnten begründeten, damals noch notwendigerweise apologetischen Auslegungstradition. Und summa summarum gilt für alle drei Bände, dass sie Thomas Mann als Autor porträtieren, der am Wissen seiner Zeit angemessen partizipiert, es auf seine Art bearbeitet und dabei, dies lehrt vor allem Assmanns Buch, nicht nur als Dichter, sondern auch als Denker originell ist.


Titelbild

Jan Assmann: Thomas Mann und Ägypten. Mythos und Monotheismus in den Josephsromanen.
Verlag C. H. Beck, München 2006.
256 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3406549772

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Thomas Sprecher (Hg.): "Was war das Leben? Man wusste es nicht!". Thomas Mann und die Wissenschaften vom Menschen.
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M. 2008.
295 Seiten, 59,00 EUR.
ISBN-13: 9783465035534

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Titelbild

Philipp Gut: Thomas Manns Idee einer deutschen Kultur.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
460 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783100278210

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