Ganz normale Leute, ganz normale Gesellschaft
Peter Longerich legt mit „Unwillige Volksgenossen“ eine detailreiche Stimmungsgeschichte der Jahre 1933 bis 1945 vor
Von Kai Sammet
Der Nationalsozialismus wird in der Historiographie oft als „Zustimmungsdiktatur“ bezeichnet: Eine Mehrheit der Deutschen habe Hitler und den Nationalsozialismus viele Jahre (innerlich) unterstützt. Das Konstrukt der „Volksgemeinschaft“, eine Verschmelzung zum Kollektiv ‚rassisch‘ reiner Deutscher, in der Klassen-, Schichten- und Konfessionsunterschiede weggeschliffen sein sollten, soll die nach wie vor quälende Frage beantworten, warum es so wenig Widerstand gab, warum so viele ‚mitmachten‘, warum die Deutschen brav (und entschlossen zerstörungslustig) in den Untergang trotteten.
Peter Longerich, ausgewiesener NS-Historiker, widerspricht in seinem Buch Unwillige Volksgenossen dieser Sicht. Longerich hat Stimmungsberichte unterschiedlichster Provenienz ausgewertet: Für einige Jahre sind die Berichte der Regierungspräsidenten von Bayern vorhanden, später auch anderer regionaler Behörden. Dann gibt es Berichte des SD, des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS, für eine gewisse Zeit Berichte der Wehrwirtschaftsinspektionen. Ergänzt und kontrastiert werden diese regimetreuen oder –nahen Berichte durch die Berichte der SOPADE, der Sozialdemokratischen Partei im Exil, die über Gewährsleute im Reich Informationen sammelte. Der Gesamtbefund: Die Annahme, es sei den Nationalsozialisten gelungen, das deutsche Volk zu einer „Volksgemeinschaft“ einzuschmelzen, ist ein Propagandamärchen, die Zustimmung der Deutschen zum Dritten Reich war prekär.
In seinem Durchgang durch die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 beleuchtet Longerich sechs Aspekte: die Stimmung unter den Arbeitern, in Mittelstand und Bürgertum, unter den Bauern, die Auseinandersetzungen mit den Kirchen und das Verhältnis der Bevölkerung zur NSDAP.
Sicher, man darf diese Berichte aufgrund der Repressionen einer Diktatur nicht als Politbarometer avant la lettre lesen. Longerich weiß um diese Problematik. Die Berichte maßen „nicht Einstellungen“, vielmehr „registrierten“ sie öffentlich Geäußertes. Und da wurde sehr viel genörgelt und gemeckert, die Nationalsozialisten kämpften immer mit ‚Miesmachern‘ (so NS-Sprech).
Durch die gesamte NS-Zeit zogen sich beispielsweise Konflikte mit den Kirchen. Das Regime agierte oft ungeschickt, teils wurde brachial vorgegangen. So zum Beispiel, wenn zu Beginn der 1940er Jahre verstärkt Klöster beschlagnahmt wurden. Katholische Kirche und Katholiken vor Ort wurden bockbeinig, man nehme den Kampf um das Abhängen von Kruzifixen in Schulen, hier ruderte das Regime zurück. Ähnlich bei den protestantischen Kirchen. Je stärker der Druck auf die Bekennende Kirche wurde, umso stärker schloss sie sich zusammen.
Diese Widerständigkeit ist teils erklärbar durch weltanschauliche Unterschiede. Überdies unterschätzten die Nationalsozialisten die Beharrungskraft traditioneller, religiöser und regionaler Mentalitäten. Sinnfällig wird das in einer Notiz der Staatspolizeistelle in Aachen 1934: Für die Leute stünde fest, „dass ein Ortsgruppenkulturwart bei weitem nicht einen Kaplan ersetzen kann“.
Wie stand es um die Arbeiter? Die waren nicht dankbar für die Abnahme der Arbeitslosigkeit, denn dass die Konjunktur eh anzog, war ihnen klar. Vor allem aber gab es Frust und Zorn darüber, dass sich ihre wirtschaftliche Lage „seit der Wirtschaftskrise nicht“ verbessert, vielmehr verschlechtert hatte. Dann gab es immer wieder Konflikte zwischen Arbeitern und Unternehmern, die jetzt als „Betriebsführer“ das Sagen haben sollten. Das sächsische Innenministerium katalogisierte die Klagen: Löhne zu niedrig, Direktoren erhielten zu viel Geld, die Preise für Lebensmittel und Mieten zu hoch.
Kam also zuerst das Fressen und dann fehlte die (nationalsozialistische) Moral? Jedenfalls waren die wirtschaftlichen Verhältnisse schlecht. Die Teuerung lag zwischen 1932 und 1938 bei etwa 15 %, teils regional noch höher. Immer wieder kam es zu Lebensmittelverknappung. Im strengen Winter 1939/40 fehlten Kohlen. Auch vor der Umstellung einer Friedens- auf eine Kriegswirtschaft lässt sich resümieren, dass die Ernährung eher schlecht war: „Das Vertrauen in eine stabile Versorgungslage ging verloren“, man sorgte sich um künftige Engpässe. Die mögliche „Lösung des Problems – Freigabe der landwirtschaftlichen Erzeugerpreise“ sowie „kräftige Lohnerhöhungen“ hätten das Ziel nationalsozialistischer Politik, „Aufrüstung um jeden Preis, gefährdet. Dieser Zusammenhang“ sei sicher auch den „meisten Berichterstattern klar“ gewesen, „aber natürlich legte ihn keiner von ihnen offen dar“. Kurz: Große Teile der Arbeiterschaft standen „dem Regime ablehnend, distanziert und vor allem auch gleichgültig“ gegenüber. Es gab „keine einheitliche Haltung“, vielmehr unterlag „die Arbeiterschaft nach der Ausschaltung von Gewerkschaften und Arbeiterbewegung“ einem Prozess „der Entsolidarisierung und Ausdifferenzierung“. Der einzelne Arbeiter sorgte sich „um sein eigenes Fortkommen“: Nicht Homogenisierung in der Volksgemeinschaft, sondern Atomisierung in der Diktatur.
Wie sah es bei den Bauern aus? Waren für die Arbeiter die Lebensmittel zu teuer, so versprachen sich die Bauern vom Regime höhere Preise, doch auch sie wurden enttäuscht. Zwar stiegen 1933 und 1934 die bäuerlichen Einkommen verglichen mit dem Tiefstand 1932 durchschnittlich „um mehr als 30 Prozent, doch blieben sie damit immer noch unter dem Stand vor der Krise“.
Das Reichserbhofgesetz vom 29. September 1933 – ein zentrales Versatzstück nationalsozialistischer „Blut-und-Boden“-Ideologie – trug erheblich zur Kritik bei. Etwa 20 % der landwirtschaftlichen Betriebe wurden als Erbhöfe ausgewiesen. Es gab nur einen Erben, die Höfe durften nicht verkauft werden und zugleich wurde der Zugang zu Krediten unmöglich gemacht. Dieses Gesetz führte in traditionell dem Realteilungsrecht folgenden Gegenden dazu, dass Nichterben ausbezahlt werden mussten. Viele Bauern fürchteten, sie könnten das nicht stemmen.
Wie sah es in Mittelstand und Bürgertum aus? Hier muss man zwischen Handwerk und gewerblichem Mittelstand einer- und Beamten- und Bildungsbürgertum andererseits unterscheiden. Der Einzelhandel litt unter Kaufkraftmangel. Der Gesamtumsatz von 1938 betrug nur 93,7 % des Umsatzes von 1928. Das Beamten- und Bildungsbürgertum, traditionell deutschnational eingestellt, begrüßte häufig den Nationalsozialismus, doch galten sie aus Sicht des Regimes oft als Hort der „Reaktion“. Konflikte zwischen traditionellen Eliten und dem Nationalsozialismus (der wiederum von „Bürgerdünkel“ sprach) waren die Folge.
Für Ärger in allen Schichten sorgte die Metastasierung der Zuständigkeiten, die niemand durchschaute. Oft war unklar, wer für ein Problem zuständig war: eine Lokalbehörde wie ehedem? Die Kreisleitung der NSDAP? Da sich neben staatlichen Strukturen Parteiordnungen der NSDAP als Ergänzung, Kontrolle und Konkurrenz etablierten und sich damit viele kleine Führer installierten, die oft von Kenntnis unbeleckt, aber mit großer (Macht-)Gier ausgestattet waren, waren Konflikte vorprogrammiert. Machtposition und Drohpotenzial nutzten diese kleinen Adolfs zur Bereicherung und Korruption. Klagen gegen die „Bonzen“ waren an der Tagesordnung.
Auffällig an den Berichten ist, dass zwar Misshelligkeiten mit kleinen Führern beschrieben wurden, doch Hitler selbst von der Kritik ausgenommen blieb. Longerich erklärt das zum Teil damit, dass man da der grundlegenden Propagandamaxime folgte. Die Utopie der „Volksgemeinschaft“ implizierte ja eine unhinterfragbare Einheit zwischen Volk und Führer. Somit ist schwer zu sagen, was in den Berichten nur NS-Sprech folgt oder ob Hitler tatsächlich lange positiv gesehen wurde.
Wie auch immer: Die Deutschen waren keine „Volksgemeinschaft“. So notierte die Staatspolizeistelle Köln im November 1934, dass jeder nur an sich denke und das Allgemeine nicht sähe. Der Politischen Polizei in Oldenburg platzte gar 1936 der Kragen, die Bauern seien „derart raffgierig, daß man von nationalsozialistischem Geist“ kaum sprechen könne. Wohlgemerkt, dieser ‚Geist‘ des Kollektivischen sollte ja nicht nur für sich stehen, sondern vielmehr auf Kriegs- und Gewalttüchtigkeit ausgerichtet sein. Doch da gab sich die Wehrinspektion 1938 ernüchtert. Arbeiter zeigten nicht „Leistungswille“, sondern „Verdienstwille“. Kurz: „Die Erziehung der Gesamtbevölkerung zu den Aufgaben, die ein totaler Krieg“ erfordere, sei „noch keineswegs hinreichend erfolgt.“
Die angeführten Klagen, besonders bei Brot-und-Butter-Themen, zogen sich stereotyp durch die Diktatur. Longerich erörtert aber auch detailliert die Reaktionen auf außen- wie innenpolitische Ereignisse.
Der sogenannte Röhm-Putsch wurde auf der einen Seite als gewalthafte Aktion gesehen, man war eingeschüchtert, zum anderen war man froh, dass die rabaukige SA ausgeschaltet worden war. Die oft als Konsolidierungsphase angesehene Zeit zwischen 1935 und 1937 brachte Stimmungsaufhellungen, die aber stets wegen der wirtschaftlichen Lage dunkel grundiert waren. So wurde der erste größere außenpolitische Erfolg, die Saarabstimmung vom 13. Januar 1935, die das Saarland wieder dem Deutschen Reich eingliederte, begrüßt, ebenso spätere ‚Erfolge‘ bei der Revision des weithin abgelehnten Versailler Vertrags. Doch das immer riskantere außenpolitische Vorgehen des Regimes ließ auch Kriegsängste aufkommen. Andererseits verfing die Propaganda durchaus. Als Hitler am 10. November 1938 davon sprach, Deutschland sei von Feinden eingekreist, übernahmen viele Deutsche diese Sicht.
Die Berichte von Anfang 1938 bis Kriegsbeginn zeigen eine hektische Zeit: Kriegsangst, wirtschaftliche Bedrängnis, Kirchen-Konflikte, die zunehmende Verfolgung der Juden, die von vielen aus der Bevölkerung nicht gutgeheißen wurde.
Nachdem Hitler am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen hatte, zeigte sich keine Kriegsbegeisterung. Das sahen die Nationalsozialisten durchaus. Diktaturen neigen zum Herbeizwingen von (gegenwärtig nicht vorhandener) Realität (um eine ihnen genehme zu schaffen) auf der Grundlage grundsätzlicher Realitätsverweigerung. Das Regime ging zur Eindämmung von Kritik mit verstärkten Repressionen vor, zum Beispiel durch das Verbot des Hörens von „Feindsendern“ – Herbeizwingen von Realität. Verweigerung von Realität: In seiner Rede am 1. September verordnete Hitler: „Keiner meldet mir, daß in seinem Gau, in seinem Kreis oder in seiner Gruppe oder in seiner Zelle die Stimmung einmal schlecht sein könnte. Träger, verantwortliche Träger der Stimmung sind Sie!“
Mit Kriegsbeginn nahm sich das Regime die Verwirklichung sämtlicher ideologischer Großprojekte vor, Schaffung einer (monströsen) Realität. Die sogenannte „Euthanasie“, die Ende 1939 startete und der bis August 1941 mehr als 70.000 psychisch Kranke zum Opfer fielen, sollte Volkskörper und arische Biomasse von (inneren) ‚Minderwertigkeiten‘ befreien; die Radikalisierung der Verfolgung der Juden sollte den ‚Erzfeind‘ beseitigen, während der Überfall auf die Sowjetunion zur Ausrottung und/oder Unterjochung slawischer Untermenschen und der Gewinnung von ‚Lebensraum‘ im Osten diente.
Die erste systematische Vernichtungsaktion war die sogenannte „Euthanasie“, die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ durch Vergasungen. Ab Sommer 1940 verbreiteten sich darüber Berichte. Instruktiv ist die Reaktion der Bevölkerung. Zumeist wurde die „Euthanasie“ abgelehnt. In den Berichten geht es aber oft weniger um die Opfer selbst als um die Angst vor einer Ausweitung auf andere Bevölkerungsgruppen. Ebenfalls lehrreich ist die Reaktion der Oberlandesgerichtspräsidenten und Generalstaatsanwälte, die im April 1941 in das Vorgehen eingeweiht wurden. Sicher zu Recht konstatiert Longerich, dass da „aus der Sicht der zu Mitwissern gemachten Spitzenjuristen die bisher offene Frage nach der Rechtmäßigkeit des Verfahrens geklärt“ worden sei: „Es wurde aufgrund eines „Führerbefehls“ in einem rechtsfreien Raum durchgeführt, also außerhalb ihres eigenen Verantwortungsbereichs“: Augen zu und durch und (irgendwie) nicht mitgemacht.
Bis zum Krieg wurden die Juden systematisch stigmatisiert, entrechtet, aus der ‚Volksgemeinschaft‘ ausgeschlossen. Die Berichte konstatieren, dass die Hetze gegen Juden und jüdische Mitbürger abgelehnt wurde. Aber auch hier instruktiv: Die Staatspolizeistelle Schleswig notierte, dass die „große Menge“ der Bevölkerung „wenig Teilnahme für die Judenfrage“ zeige. Solange man nicht selbst betroffen war, hielt man still.
Das Novemberpogrom wurde, so die SOPADE, „von der großen Mehrheit des deutschen Volkes scharf verurteilt“. Was aber vor allem auch abgelehnt wurde, war die „sinnlose Zerstörung“ von Sachwerten, gerade angesichts der prekären Wirtschaftslage.
Als Goebbels, da sich der Krieg hinzog, im Juli 1941 die Parole ausgab, die Juden seien (an allem) schuld, wurde dies „zum Leitmotiv der Kriegspropaganda“. Seitens des Regimes steckte dahinter auch eine perfide Strategie. Im Sommer und Herbst 1941, nach dem Überfall auf die Sowjetunion, war die Situation unübersichtlich, mithin die Stimmung schwer einschätzbar. Für Goebbels hingen „ein Nachgeben in der Kirchen- und Euthanasiefrage und eine Verschärfung der antijüdischen Politik“ eng zusammen.
Der Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erzeugte verhaltene Reaktionen, andererseits ging man von großer Überlegenheit der Wehrmacht aus. Als sich der sowjetische Widerstand als überraschend zäh erwies, war man erstaunt. Temporäre Erfolge erregten nur kurz Aufmerksamkeit, die alten Sorgen blieben. Als sich im Herbst 1942 die Situation zu drehen begann, wurde das „Gesamtbild“ düster. Wiederum musste Realitätsverweigerung her. Im November 1942 verordnete Goebbels: „Stimmung“ sei „eine Augenblickssache“, „Haltung“ hingegen eine Sache von „Dauer“ – immerhin mussten da ja noch (Stichwort: Dauer), 991 Jahre des Tausendjährigen Reiches überstanden werden.
Nach dem Fall Stalingrads im Februar 1943 sprach der SD von einer „nüchternen Prüfung“ seitens der ‚Volksgenossen‘. Jetzt kam der durchschnittliche Deutsche drauf: Da war was faul gewesen. Es sei da wohl, so der SD-Bericht Volkes Stimme wiedergebend, „eine verhängnisvolle Täuschung vorhanden gewesen“: (mentale) Absetzbewegungen im Mitmachen.
Während des Kriegs ging die Stimmung immer wieder hin und her, mal Hoffnung, dann Ernüchterung. Goebbels’ Versuch, die Deutschen zum totalen Krieg zu brüllen, lief ins Leere. Dennoch machten die meisten weiter mit. Das lag unter anderem auch daran, dass die Deportationen der Juden in den Osten und Vergasung und Vernichtung spätestens im Sommer 1942 allgemein bekannt waren. Nun wurden die ‚Volksgenossen‘ gewissermaßen in Haft genommen. Der Kampf mit dem ‚jüdischen Bolschewismus‘ kenne nur noch Sieg oder Untergang – und die Deutschen folgten dieser Ansicht, denn ganz sicher würde das deutsche Volk bittere Vergeltung für seine Verbrechen zu spüren bekommen.
Von Ende 1943 bis zur Landung der Alliierten in der Normandie standen drei „militärisch politische Themen im Mittelpunkt der Diskussion der Bevölkerung“: die sowjetische Winteroffensive seit Dezember 1943, der Luftkrieg „gegen Deutschland, den man durch die immer wieder angekündigte Vergeltung“ – Stichwort: Wunderwaffe – „mit einem Schlag zu beenden, hoffte“, die „Erwartung einer Invasion der Westalliierten“. Stimmungsmäßig schlug sich das unterschiedlich nieder. So notierte der Regensburger Regierungspräsident 1943, zwar gebe es die „Überzeugung, daß wir unbedingt durchhalten müssen“, doch würden „viele nicht so recht wissen, wie der Sieg errungen werden soll“. Vor allen Dingen aber zeigten die Berichte seit etwa 1942 „einen zunehmenden Vertrauensverlust“ in den Führer, nach dem Fall Stalingrads gab es offenen Zweifel an seinen Fähigkeiten.
Nach dem 6. Juni 1944 war den meisten klar, dass der Krieg verloren war. Ende 1944 resümierte der Naumburger Generalstaatsanwalt die Stimmung dahingehend, sie sei „zum Teil fatalistisch“, zugleich wurde befürchtet, dass der Sieg der Sowjets von Osten zur Auslöschung führe. Da war es nur folgerichtig, dass sich die Deutschen offen von der Partei distanzierten, die ja „Schuld am Kriege“ hatte, vielleicht ließ sich ja so der Kopf irgendwie aus der Schlinge ziehen.
Welches Gesamtfazit zieht Longerich? Wenn der Nationalsozialismus nicht freudig unterstützt wurde – wie lässt sich dann das Mitmachen erklären? Die Anpassung an die Diktatur lasse sich „nicht in erster Linie“ durch Unterdrückung und Terror erklären. Die Gestapo war nicht allgegenwärtig. Zwar standen Repression und Gewalt stets als Drohung bereit, mussten aber gar nicht eingesetzt werden, um die Menschen zu steuern: „Dafür sorgte viel effizienter ein Bündel anderer Maßnahmen und Strategien“: (1) die „engmaschige“ Kontrolliererei im Alltag bis in die „engste Nachbarschaft“, (2) die „Beherrschung der Öffentlichkeit durch die Propaganda“, (3) die „Unterdrückung abweichender […] Meinungsbildungsprozesse“, (4) „Anreize materieller und ideeller Art“ mitzutun: „Anpassung“, „Opportunismus und nicht zuletzt der Mangel an Alternativen spielten im Verhältnis der Menschen zum Regime eine größere Rolle als Konsens und Zustimmung“.
Hierzu noch einige ergänzende Anmerkungen:
Die deutsche Gesellschaft war zwischen 1900 und 1945 im Übergang von einer stratifikatorischen zu einer funktionalen Differenzierung (mit Luhmann gesprochen). Es gab Klassen-, beziehungsweise Schichten-, Konflikte aufgrund unterschiedlicher Interessenlagen zwischen ihnen waren selbstverständlich. Die Raffgier des Bauern spürt der bildungsbürgerliche Professor im Portemonnaie. Doch das Reichserbhofgesetz, das den Bauern piesackt, tangiert ihn nicht. Die nationalsozialistische Utopie der Volksgemeinschaft kann als (realitätsferne) Antwort auf die zentrifugalen Konfliktlagen einer Klassengesellschaft verstanden werden. Die funktionale Differenzierung, die Pluralität einer modernen Gesellschaft sollten in der Volksgemeinschaft zusammengezwungen werden: Inklusion des (vermeintlich) Homogenen und Exklusion des Fremden, Bedrohlichen, der Juden, das vernichtet werden musste. So verwundert es nicht, dass es nicht gelang, eine Homogenität herzustellen, die historisch unmöglich war. Diese Homogenität konnte nur herbeigezwungen oder durch attraktive Angebote (‚Arisierung‘) herbeifinanziert werden. Da es den Nationalsozialisten aufgrund ihrer grundlegenden destruktiven Ideologie, die auf Vernichtung und Krieg basierte, nicht gelang, die Gesellschaft zumindest durch Wohlstand für ‚Arier‘ ruhig zu stellen, war dieser Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Hier noch eine saloppe Wendung ins Sozialpsychologische. Die NSDAP, während der Weimarer Republik eine ‚Schlechte-Laune-Partei‘, wollte jetzt gute Laune verbreiten. Doch Menschen, egal, ob unter einer Diktatur oder in einer Demokratie, leben ‚kleinräumlich‘, in ihrem Alltag. Suppe ist wichtiger als Großgruppe (aka im Nationalsozialismus: Volksgemeinschaft). Zugleich spielten, das kommt immer wieder in den Berichten zum Ausdruck, Neid, Missgunst und das Gefühl des Zurückgesetztseins (gegenüber den anderen) eine zentrale Rolle. Diese Gefühle verhinderten das Entstehen einer Volksgemeinschaft – und ermöglichten zugleich, in Kombination mit Egoismus und Opportunismus, das Wegsehen, wenn der jüdische Nachbar verschwand. Auch wenn man die ‚Judenhetze‘ ablehnte, die „Euthanasie“ verabscheute: Solange man selbst nicht betroffen war, hielt man still. Wahrscheinlich ist es ziemlich banal: Ganz normale Leute lebten in einer ganz normalen (und de facto destruktiv-monströsen) Gesellschaft.
Peter Longerich hat diesen bedrückenden Befund detailreich und mit großer Expertise herausgearbeitet – gut lesbar auch für jene, die keine Spezialisten für die NS-Zeit sind. Vielleicht sollten Abschnitte dieses Buches im Schulunterricht herangezogen oder diskutiert werden, um – eben – das „ganz Normale“ hochdestruktiver Gesellschaften zu verdeutlichen.
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