Am Rand des Abgrunds

Eine gute und eine schlechte Nachricht zur „Debatte“ um Takis Würgers Schundroman „Stella“

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die gute Nachricht zuerst 

Die deutschsprachige Literaturkritik lebt. Nachdem in den letzten Jahren immer wieder Warnrufe laut wurden, die das Ende jedweden kritischen Rezensionswesens nahen sahen, war die heftige Ablehnung von Takis Würgers Versuch, mit seinem Roman Stella einen Bestseller zu generieren, in den Tages- und Wochenzeitungen nahezu einhellig. Dabei handelte es sich keineswegs um einen Fall vorher abgesprochener Zensurforderungen durch bornierte KritikerInnen, die dem Publikum keine Unterhaltung mehr gönnen und an einem wehrlosen jungen Autor ein Exempel statuieren wollten. Vielmehr war ein erstaunliches Einverständnis vollkommen unabhängig voneinander arbeitender und den euphorischen Suggestionen des Hanser Verlags widerstehender RezensentInnen zu bestaunen. 

Genau so sollte es sein. Die Literaturkritik ist kein verlängerter Arm der Verlagswerbung. Ihre Aufgabe ist es, mittels transparenter ästhetischer Vergleichswerte und Textbelege auf literarische und ethische Mängel von Veröffentlichungen hinzuweisen. Damit kommt dem Rezensionswesen eine aufklärerische Aufgabe gegenüber dem Publikum von Zeitungs- und RomanlerserInnen wie auch der Verlagsbranche und ihren AutorInnen zu. Die Literaturkritik streitet für bessere Bücher und agiert damit nicht zuletzt als Anwalt eines Publikums, das in der Literatur mehr sucht als die bloße Bestätigung seines Wissenshorizontes. 

Marcel Reich-Ranicki betonte, dass selbst Verrisse in ihrer Negativität als Arbeit an der positiven Utopie einer besseren Belletristik zu begreifen seien: „Denn wie man die Kritik auch auffassen mag, als unzweifelhaft darf man voraussetzen, daß es ihre dringlichste, ihre vornehmste Aufgabe ist, der Literatur zu dienen“. Abwertende Rezensionen, so Reich-Ranicki in seinem Buch Lauter Verrisse, waren nicht zuletzt seit den Zeiten Gotthold Ephraim Lessings und Heinrich Heines ein Vademecum gegen den antiintellektuellen deutschen Untertanengeist. Verrisse üben demnach innerhalb des von vielfachen wechselseitigen Korruptionen bedrohten Literaturbetriebs konstruktiven Widerstand gegen die drohende Dominanz des Stumpfsinns und der Langweile in der Prosa: „Was sie anstreben ist nichts anderes als eine aggressive Verteidigung der Literatur“. 

Auch die deutlichen literaturkritischen Warnungen vor Takis Würgers Roman Stella haben also nichts mit betriebsinternem Opportunismus unter wutschnaubenden Macho-Kritikerpäpsten oder programmatischer Intoleranz gegenüber dem Massenpublikum und seinem süffig schreibenden, noch dazu gut aussehenden Lieblingsautor zu tun. Vielmehr machten sich die KritikerInnen, denn es waren auch in diesem Fall am Ende keineswegs nur Männer, selbst angreifbar, weil es keine leichte Sache ist, der Öffentlichkeit derartige schlechte Botschaften zu überbringen.

Machen wir uns nichts vor: Wer verreißt, macht sich Feinde, und zwar zu allererst unter den SchriftstellerInnen, die man kritisiert. Kritische RezensentInnen sind daher keineswegs feige. Sie müssen sich vorwagen und dürfen den Widerspruch der breiten Öffentlichkeit nicht scheuen. Daher müssen sie zu allererst gut schreiben können. Und sie müssen sich ihrer Sache sicher sein, indem sie ihre Kritik auf nachprüfbare Recherchen und ihre eigene Belesenheit aufbauen. Bloße Geschmacksurteile und Beschimpfungen ohne jede Begründung wären keine Literaturkritik, die den Namen verdient.

Für diejenigen, die keine Vorstellung von diesen literaturbetrieblichen Prozessen haben, sei hier kurz daran erinnert, wie ein solcher Verriss in der Regel entsteht. Ein Verlag kündigt ein Buch an und behauptet, es sei das wichtigste seines Frühjahrprogramms. Auf dem dunklen Cover des angepriesenen Romans prangt das mysteriöse Gesicht einer blonden schönen Frau. Eine verlagseigene Homestory über den Autor, einen viel gepriesenen jungen Spiegel-Journalisten, verrät andeutungsweise, worum es in dem Buch geht: Takis Würger saß in Berlin auf dem Bordstein und trank Bier. Da erzählte ihm sein Zechkumpan von Stella Goldschlag, einer Jüdin, die im nationalsozialistischen Berlin der frühen 1940er Jahre selbst zu einer Denunziantin ihrer eigenen verfolgten Minderheit wurde. Würger war elektrisiert, begann zu recherchieren und beschloss, einen Roman über diese schillernde Figur zu schreiben.

Der Verlag flankiert seine Ankündigung dieses angeblichen Spitzentitels im Katalog mit allerhand marktschreierischem Broschüren- und Social-Media-Tamtam. Er streut mysteriöse Slogans und rhetorische Fragen wie „Hätten Sie zu Stella gehalten?“ im Netz. Das Haus versendet vorab die Druckfahnen an (Laien-)RezensentInnen und MultiplikatorInnen aller Art. Der Autor des Romans gibt in diesen PR-Materialien für die KritikerInnen sogar seine persönliche E-Mail-Adresse an und verspricht, auf jede einzelne Nachricht privat zu antworten.

KritikerInnen dürfen auf solche Kontaktanzeigen und internen Umarmungsversuche natürlich nicht hereinfallen. Sie müssen sich allein auf ihre persönliche Urteilskraft verlassen, sich auf den Text konzentrieren, ihn nach bestem Wissen und Gewissen genau lesen, nüchtern beurteilen und ihre Kritik binnen relativ kurzer Zeit verfassen, um sie bereits einige Tage vor dem gesetzten Erscheinungsdatum des Romans bei der auftraggebenden Zeitung abzuliefern. In diesem Fall hieß das, den Artikel idealerweise bereits über die Weihnachtsfeiertage bzw. zwischen den Jahren zu verfassen, da der Veröffentlichungstermin von Stella auf Mitte Januar 2019 gelegt worden war.

Es gibt dabei in der Regel auch keinerlei Absprachen mit KritikerInnen oder Redaktionen anderer Zeitungen. Verabredungen solcher Art sind mit der Ethik der Literaturkritik nicht vereinbar, genauso wie es nicht im Sinne des Feuilletons sein kann, wenn KritikerInnen Bücher besprechen, deren AutorIn sie selbst persönlich kennen, sodass Befangenheiten im Urteil bzw. conflicts of interest vorprogrammiert sind. Man kann also als KritikerIn in so einer Situation nur vermuten, wie die anderen KollegInnen über das angekündigte Buch urteilen werden und wer die Kritiken für die anderen Blätter überhaupt verfassen wird. Doch auch von diesen Annahmen darf man sich nicht weiter irritieren lassen. Erst recht nicht dann, wenn zu befürchten steht, dass alle anderen das Gegenteil von dem schreiben könnten, was man selbst über das Buch sagen möchte.

Kurz: All dies hat im vorliegenden Fall geradezu mustergültig funktioniert. Es war zudem faszinierend zu sehen, wie sich die Argumentationen in den verschiedenen Verrissen ergänzten. Oft haben die KritikerInnen unabhängig voneinander sogar die gleichen Zitate aus Stella aufgespießt, um jeweils mit verschiedenen Ansätzen zu vergleichbaren und überprüfbaren Ergebnissen zu gelangen.

Nun die schlechte Nachricht 

Die Marketing-Kampagne des Hanser Verlags, der mit diesem Buch weit unter das von ihm gewohnte Niveau fällt, wird von Erfolg gekrönt sein. Man könnte von einer Art Henckel-von-Donnersmarck-Effekt sprechen, der zugleich mit diesem „Downgrading-Signal“ des Hauses einhergeht. Letzteres Symptom diagnostizierte Alexander Cammann in der ZEIT. Der hier vorgeschlagene Begriff des „Henckel-von-Donnersmarck-Effekts“ ist u.a. von der kürzlichen Oscar-Nominierung des Films Werk ohne Autor inspiriert, in dem in einer Sequenz die „Vergasung“ einer Frau in der Aktion T4, der Fortführung des national-sozialistischen Euthanasieprogramms und einer logistischen Vorstufe der Shoah, mit der Bombardierung Dresdens gleichgesetzt wird.

Explizite oder implizite Repräsentationen der Shoah, die Opfer- und Tätergruppen bis zur Unkenntlichkeit verschmelzen lassen, sind in Deutschland todsichere Erfolgsgaranten und werden in Hollywood beinahe ebenso wahrscheinlich mit Oscars prämiert, wenn sie verfilmt werden. Würgers Roman wäre hier kein Präzedenzfall. Nicht einmal der letztes Jahr so viel gelobte Hanser-Roman Die Drachenwand von Arno Geiger ist von diesem Viktimisierungstrend im deutschsprachigen NS-Gedenken vollkommen frei. Doch dass Würger Stella seinem in der Aktion T4 „vergasten“ Urgroßvater widmet, um dann für seinen Plot den netten SS-Gourmet Tristan von Appen zu erfinden, der im Berliner Tiergarten ein „mongoloides“ Kind herzt und ‚beneidet‘, um am Ende im Gegensatz zu Stella Goldschlag von den Nazis grausam dafür hingerichtet zu werden, dass er französischen Camembert mochte, stellt Geigers in der Presse erwartbar nachsichtig besprochene Geschichte über das Leid eines verwundeten Wehrmachtssoldaten weit in den Schatten.

Dass ein miserabler Roman wie Stella, der aus der Sicht eines angeblich neutralen Schweizer Pappkameraden erzählt wird, der aufgrund seines Passes die Lizenz haben soll, nichts als Klischees über nette deutsche Nazis wie Tristan und eine im Holocaust mit schuldig gewordene Jüdin von sich zu geben, nun auch noch zum ‚Debattenthema‘ geworden ist, spielt der Verlagskalkulation des Hauses nur weiter in die Hände. Paradoxerweise wird es also für den finanziellen Erfolg des Buchs kaum eine Rolle spielen, dass Blätter wie die ZEIT, die taz oder auch die SZ teils sogar mehrfach Verrisse und kritische Beiträge über Takis Würgers Roman brachten. Selbst der Umstand, dass ein erfahrener Redakteur wie Lothar Müller in der SZ darauf beharrte, dass dieser Text seinem Anspruch der semi-historischen Verarbeitung von Archivquellen nicht gerecht werde und diese Fakten stattdessen an die „Maschinerie der Liebeshandlung“ verrate, wird nichts an der Begeisterung der ‚NormalleserInnen‘ für das Machwerk ändern. Dass dies so ist und der Roman bereits zur Spitze der Bestsellerlisten aufzuschließen begonnen hat, hat nicht allein mit der paradoxen Tatsache zu tun, dass sich harsche Verrisse oft verkaufsfördernd auswirken. Es liegt auch nicht nur an der Bild-Zeitung, die umgehend einen reißerischen Artikel zu einem halluzinierten „Riesen-Streit“ über ein „Nazi-Buch“ publizierte, obwohl dessen Verurteilung durch die Kritik zu dem Zeitpunkt Konsens war.

Die explodierende Aufmerksamkeit für den Roman hängt nicht zuletzt mit der zunehmenden Spaltung der Öffentlichkeit in verschiedene Social-Media-Blasen zusammen. InstagramerInnen, YouTuberInnen, BloggerInnen und sogenannte KundenrezensentInnen bei Amazon mögen generell äußerst heterogene und schwer einschätzbare Echokammern bilden. Doch viele von denjenigen, die hier in irgendeiner Weise Anteil an der literaturkritischen Kommunikation haben, halten Werbegeschenke von Verlagen wie Hanser in ihrer Naivität für persönliche Auszeichnungen und agieren als bereitwillige und billige AgentInnen literaturbetrieblicher Marketing-Propaganda.

In ihre Kreise ist zudem oft noch nicht vorgedrungen, dass Selbstaussagen von Autoren oder deren Verteidigung durch Verleger für die Literaturkritik keineswegs prioritäre Bedeutung haben, sondern von ihr äußerst zurückhaltend zu behandeln sind. Wenn sich etwa der Hanser-Lektor Florian Kessler, an sich ein kritischer Geist, via Facebook mit gemessenen Worten für Stella einsetzt, dessen Publikation er zusammen mit seinem Arbeitgeber selbst mit vorbereitet hat, so ist er schlicht Partei und fungiert als diplomatisches Sprachrohr der Verlagswerbung. Man muss sich nur den Tweet anschauen, den Kessler drei Tage vor Publikation von Stella absetzte. Es handelt sich dabei um nichts weiter als blumiges virales Marketing und muss von den RezensentInnen entsprechend ignoriert oder kritisch analysiert werden. 

Ebenso skeptisch sollte man ein Interview wie das mit dem Verlagsleiter Jo Lendle behandeln, in dem der wendige Branchenstar scheinheilig abwinkte, die scharfe Kritik an dem Roman seines Schützlings Takis Würger habe größtenteils auf außerliterarischen Agumenten beruht. Ähnlich wie Kesslers Behauptung auf Facebook, es  gebe „in diesem Buch schlicht und ergreifend keine ‚Unsere Väter, unsere Mütter‘-Stereotypen“, war das einfach falsch. Jeder konnte sich anhand der allerersten fulminanten Totalverrisse von Jan Wiele in der F.A.Z. und Fabian Wolff in der SZ leicht vom Gegenteil überzeugen, die sich vor allem kritisch auf die Sprache und den Plot des Romans kaprizieren und damit die Ähnlichkeit des Textes mit mancher deutschen TV-„Vergangenheitsbewältigung“ der letzten Jahre deutlich machen. 

Dank solcher rhetorischer Winkelzüge und Marketingoperationen wie denen des Hanser Verlags ist es jedoch nun ungeachtet aller öffentlichen Verdammung von Takis Würgers Stella durch die professionellen KritikerInnen möglich, anhand misogyner Brigitte-Romantik, stupider White-Man’s-Burden-Larmoyanz, Cultural Appropriation des Leidenswegs einer Shoah-Überlebenden, bizarrer Holocaust-Pornografie und einer parataktischen Schnulzen-Sprache für LeserInnen mit einer Aufmerksamkeitsspanne unter der Donald Trumps ein entzücktes Massenpublikum zu erreichen und mit dem zu befriedigen, was es sich seit jeher wünscht: sinnlich anregende, beruhigende Klischees, die simple Vorlüste bedienen und ohne jedwede tiefergehende Verstörung auf der Couch oder in der Badewanne konsumiert werden können. 

Es handelt sich um die ideale Literatur für deutsche Frohgesichter, die auf ihren Social-Media-Selfies in der einen Hand das Badesalz von Manufactum halten und in der anderen mit einem ‚Wohlfühlroman‘ über eine jüdische ‚Nazi-Täterin‘ winken, während sie laut darüber jubeln, dass man damit ganz wunderbar in das Jahr 1942 in Berlin ‚eintauchen‘ könne. Die Bilder, die man auf Instagram zum Roman „Stella“ findet, sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache. Wie Dirk Knipphals in der taz richtig bemerkte, avanciert der Holocaust-Roman hier zum bloßen Food- bzw. Lektüre-Porn-Acessoir, das aus Sicht der Prosumer bestens neben eine appetitliche Speise oder eine anheimelnde Espresso-Tasse passt. Manchmal liegt auch eine schmusige Katze darauf. Das ist, frei nach Theodor W. Adorno, tatsächlich deutsche Kulturindustrie 2.0 at it’s best.

Nun ist Würgers Roman jedoch nicht bei Bastei-Lübbe erschienen, sondern bei einem der renommiertesten deutschen Verlage, der unter anderem die Bücher des Holocaust-Opfers Primo Levi verlegt. Wenn der Verlagsleiter das Lektorat zur Chefsache macht und dabei idiotische Sätze und schiefe Bilder wie die ergreifende Formulierung „Ihre Tränen rannen lautlos“ anstandslos durchwinkt, ist das ein echtes ethisches Problem. Würde Levi noch leben, so hätte er zum Erscheinungstermin von Takis Würgers Shoah-Tearjerker seinen Vertrag mit Hanser sicher umgehend gekündigt.

Ist doch mit Stella eine neue Kitsch-Eskalationsstufe erreicht, die noch die Relativierung deutscher Schuld in Bernhard Schlinks Weltbestseller Der Vorleser (1995) weit übertrifft. Würger hat sich eben nicht nur an der nostalgischen „Swing-tanzen-verboten“-Geschichtsklitterung der ZDF-Serie Unsere Mütter, unsere Väter orientiert, sondern präsentiert uns als deutscher Autor ausgerechnet eine von der Gestapo zur Komplizenschaft erpresste Jüdin als Sinnbild schwer eindeutig zu verurteilender Nazi-Schuld. Mit ihrem Leinauer Latschenkieferbadesalz in der Nase wiegen sich deutsche LeserInnen dabei wohlig mit dem erleichternden Gedanken in Sicherheit: Wenn selbst eine Stella Goldschlag Juden jagte, dann wird es für ihren lieben deutschen Opa und ihre resolute Oma sicher auch nicht immer ganz so einfach gewesen sein, in dieser ‚dunklen Zeit‘ die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Was die Literaturkritik bisher noch nicht offen ausgesprochen hat, werden kommende literaturwissenschaftliche Untersuchungen neu zu diskutieren haben, wenn denn einmal genauer analysiert werden sollte, aufgrund welcher Affektszenarien in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zwanzig Jahre nach der Jahrtausendwende Bestseller generiert wurden. Das philosemitische Kippbild der unschuldig-schuldigen ‚schönen Jüdin‘, das Würger mit seiner semi-historischen Romankonstellation auf platteste Weise wiederbelebt, bewegte sich seit dem 19. Jahrhundert stets am Abgrund einer sentimental grundierten Affektpoetologie des literarischen Antisemitismus.

Hat denn tatsächlich niemand bei Hanser Takis Würger auf diese Gefahr aufmerksam gemacht? Der Autor und der Verleger hätten gewarnt sein können, ja müssen. Zu diesem Thema liegen etliche literaturwissenschaftliche Monographien und Aufsätze vor. Wer geht sehenden Auges das Risiko ein, ohne jede nennenswerte Kenntnis der ästhetischen Vorgeschichte des gefährlichen Scheiterns vergleichbarer literarischer Szenarien die schwere Verantwortung zu übernehmen, als deutscher Autor einen gefühligen Roman über eine reale Person namens Stella Goldschlag zu schreiben? Nach Auschwitz derart naiv auf den problematischen erzählerischen Topos der ‚schönen Jüdin‘ zurückzugreifen wie Würger, kommt einem Spiel mit dem Feuer gleich, dessen Unwägbarkeit dem Autor bei der Arbeit offensichtlich überhaupt nicht vollends bewusst geworden ist.  

Nun gibt er sich trotzig. Zumindest verblüfft es, wie nonchalant der Autor gegenüber der Jüdischen Allgemeinen entschied, was sein Roman über „Stella“ höchstens andeutet: „Ich glaube, sie war schuldig. Ich glaube, sie hat falsch gehandelt, als sie mit den Nazis paktierte, die sie erst in diese grausame Situation gebracht hatten.“ Sie haben sich nicht verlesen: Takis Würger meint also, darüber urteilen zu können, wie ein jüdisches Opfer der Shoah in Stellas Situation zu entscheiden hatte, dessen Ermordung im „Dritten Reich“ beschlossene Sache war. Glaubt er etwa, dass er selbst unter der Androhung der Deportation und „Vergasung“ seiner eigenen Eltern in Auschwitz und nach seiner eigenen Folterung bei einem Angebot der Gestapo, seinen Vater und seine Mutter vorerst zu verschonen, wenn er denn andere Juden verraten würde, diese traumatisierende Komplizenschaft mit seinen Verfolgern einfach mit dem souveränen Hinweis abgelehnt hätte, dass sie „ihn ja erst in diese Situation gebracht“ hätten?

Dies alles ist, gelinde gesagt, Ausweis schockierender Ahnungslosig- und Selbstgerechtigkeit. Festzuhalten bleibt, dass dem Hanser Verlag neuerdings offenbar jedes Mittel recht ist, um mit nichtswürdiger Literatur Kasse zu machen. Mit Thomas Bernhards Drama Minetti (1976) könnte man die Bedürfnisse, auf die Jo Lendle und der Lektor Florian Kessler hier bauen, damit wiedergeben, dass das Publikum stets nur „das Allerdümmste zur Unterhaltung“ wolle. Die Literaturkritik jedenfalls kann und darf sich nicht zur Komplizin derartiger Geschäftsmodelle herablassen. Dass sie das angesichts von Würgers Stella nicht getan hat, lässt hoffen.

Anmerkung der Redaktion: Der Autor des Artikels hat am 12. Januar 2019 eine Rezension von Takis Würgers Roman bei ZEIT Online  publiziert.

Titelbild

Takis Würger: Stella.
Carl Hanser Verlag, München 2019.
219 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783446259935

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