Dankbare Gelassenheit

In „Unsere Spiele enden nicht“ dichtet Dirk von Petersdorff über Momente des Lebens

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf philosophische Betrachtungen verzichtet Dirk von Petersdorff, der eher verborgen ungeschmeidig sinniert, diskret dichtet und entspannt beobachtet. Trotzdem weiß der Lyriker, dass das Alltägliche zwar alltäglich, zugleich aber das wunderbar Besondere ist, dann nämlich, wenn es sehr besonders beschrieben wird. Diese poetischen Mitteilungen über die Dinge des Lebens wirken auch lebensklug, aber manchmal wollen sie das wohl gar nicht sein. Petersdorff konzentriert sich auf Augenblicke, die manchmal sehr schön und zugleich auch ein wenig traurig sind. Trotzdem wünschen wir uns – für die Kunstfigur, profan oft als lyrisches Ich bezeichnet –, dass die Momente des Glücks noch etwas länger dauern dürften.

Petersdorffs Gedicht An eine Dreizehnjährige ist eine dankbare Ode, doch fernab jeglicher Sentimentalität. Niemand muss die Pubertät vermessen und exakt deuten. Sichtbar ist ein Mädchen, ein „Rätsel mit Locken“. Wer mag, zeichnet spröde pädagogische Entwicklungsstufen nach, denkt sich Identitäten und Selbstkonzepte aus und nennt es Wissenschaft. Sehr viel schöner, feiner und sanfter spricht der Dichter:

Ein Tag widerspricht dem anderen:
Deine Haare bürstest du nie –
ununterbrochen bürstest du deine Haare.

Mit wenigen Worten, kunstvoll geformt, sagt Petersdorff alles und fast noch mehr, weil die Phantasie des Lesers angeregt ist. Wir lächeln, lächeln auch nicht, sind doch dankbar für die eigenen Kinder oder für die Zeit, als wir jung waren, sein durften. Manch ein Mädchen wollte Prinzessin sein, ein anderes gern Pilotin – und die Jungs? Sie wussten auch nicht genau, was aus ihnen einmal werden sollte oder musste: Für sie alle galt oder gilt auf gewisse Weise: „Im Sommer schlurfst du als November herum“ – aber dann, unerwartet, beginnt mitten im Winter, „euphorisch“ sogar, auf einmal das Frühjahr, nämlich der Frühling des Lebens. Träume beginnen, vom Auswandern etwa, von Reisen in ferne Länder. Zugleich ist dieses Mädchen „zerknautscht wie die große Stoffkatze, / die neben dir schläft“. Einfühlsam beschreibt Dirk von Petersdorff jene unvergessliche Lebensphase, die niemand wirklich ganz versteht und ganz verstehen muss.

Von Reisen erzählt Petersdorff nachdenklich, versonnen, nicht spielerisch, auch nicht verspielt, stets aufmerksam für besondere Momente. Über eine Familie, dargestellt auf einem Fresko von Gonzaga, schreibt er:

Während der Herrscher
mit seinem Berater spricht, liegt sein Hund
melancholisch unterm Stuhl.

Der Hund, vielsagend und ausdrucksvoll, erscheint als schwermütiger Zeitgenosse, der Macht, Ehrgeiz und alles Streben mit seinem tierischen Mienenspiel denkwürdig kommentiert. In der Gegenwart spielen reisende Familien Ball am Strand, freudig, ausgelassen und entspannt. Solange sie spielen, schwebt droben, über allen und allem, „der Sonnenball“.

Die hohe lyrische Vernünftigkeit lehrt auch Schweigen, so wie vieles in Gesprächen und auf dieser Welt besser ungesagt bliebe. Weniger ist mehr, ganz wenig ist alles, so lautet Petersdorffs kluges, betörendes Gedicht, das warmherzig in einer Liebesgeschichte endet. Zunächst aber erzählt der Lyriker, worüber er dichten wollte und worauf er verzichtete:

Dies hier war ein langes Gedicht, es ging
um Physik und Philosophie, um Raumzeit,
ein Ereignis hieß Weltpunkt – alles gestrichen …

Die nahezu philosophische Einsicht zeigt an, dass es der Philosophie nicht bedarf, nicht des großen Grübelns über Zeit und Raum, über Endlichkeiten und Wendezeiten. Das „Ereignis“ erwähnt er doch noch, nämlich Annas Locken, die „wieder hoch“ fliegen, „schwingend“ auf und ab „hüpfen bei jedem Schritt“, damals und heute. Er erinnert sich, weiß dankbar „wie mein Blick dort sie, / sie mich damals anzog, / dieses Ziehen jetzt“. Die Facetten der Liebe koloriert er auch später treffend und sanft:

lernte später in einem winzigkleinen Apartment,
was Liebe sei, nebeneinanderzuliegen,
nicht zu wissen, wo man endet und sie beginnt

Petersdorffs Gedichte erzählen von Nähe und Vertrautheit, auch von einer erfüllten Zweisamkeit. Rauschhafte Ekstase darf es natürlich geben, jederzeit. Doch muss davon poetisch berichtet werden? Der kluge Lyriker Dirk von Petersdorff weiß, was wesentlich ist – und worauf dichtend verzichtet werden darf.

Immer wieder erinnert er sich an Reisen „per Interrail“, nach Italien, denkt zurück, an die Bilder, die im  Gedächtnis haften blieben, etwa an die Florentiner „aber-tausend-tonnenschwere Domkuppel“, die Brunelleschi „im Himmel schweben ließ / der selig darüber war“. Auch Lektürestunden, „vergilbte Stunden“, werden neu gegenwärtig, stille Lesezeiten, freudvolle Lebenszeiten. Der „Lebensstreifen“ ist bunt koloriert. Dies gilt auch für Annett:

Annett, im Freibad wälzt du dich verliebt,
auf Inline-Skates sieht man dich rasen,
du nimmst, was es für deine Tochter gibt,
die blickt so ernst, tauscht ihr die Lebensphase?

In das Lächeln über die neue Liebe mischen sich gedankenvolle Fragezeichen– denn wenn Annett mit dem neuen Gefährten nach Thailand reisen sollte, „erscheint dort auch dein inneres Gepäck“. Dirk von Petersdorff urteilt nicht, er beschreibt nur und hegt verständliche Ahnungen, fragt sich, ob Liebe und Freundschaft nicht dasselbe seien – und wenn nicht ganz, so doch fast. Jeder darf, aber niemand muss zu viel, schon gar nicht Unmögliches wollen. So denkt vielleicht auch der „Lieblingsritter“, Parzival genannt, der „zum Gral“ unterwegs ist – nur was mag das schon sein, der Gral? Wer auf Erlösung hofft, wird zu einem „Ritter des Zweifels“, nach „Trost im trostlosen Land“ suchend. Ein solcher Parzival ist der Dichter ganz gewiss nicht, dazu leuchtet zu viel Dankbarkeit für alles Vergängliche aus seinen Versen hervor. So viele Dinge des Lebens, auch die Schönheit vergangener Tage, die doch nicht wiederkehren, werden sichtbar, spürbar, gegenwärtig.

Poetisch nähert sich Dirk von Petersdorff dem Stoff, aus dem das Leben und auch manche Träume gemacht sind. Unsentimental und sanftmütig erzählen diese Gedichte von der Schönheit des Lebens. Petersdorffs Parzival würde darüber nachdenken, „falls das Sinn ergibt“. Dieser Lyrikband beendet mögliche Gedankenspiele hierzu auf eine höchst sinnvolle Weise, so liebevoll wie gelassen. Alles darf gestrichen werden – Physik und Philosophie –, nur die Liebe nicht.

Titelbild

Dirk von Petersdorff: Unsere Spiele enden nicht. Gedichte.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
80 Seiten , 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783406774409

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