Von der Hölle der Erinnerung

Lim Chul Woo begibt sich in „Ein Flüstern aus der Mauer“ auf die Spuren eines kollektiven Traumas

Von Annette ViethRSS-Newsfeed neuer Artikel von Annette Vieth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Südkorea – da denken die meisten heute an ein hoch technologisiertes, modernes Industrieland, wie es die alles dominierende Millionenmetropole Seoul verkörpert. Ein Bild, das uns im Kino bei all ihrer Kritik an der teils eklatanten sozialen Ungleichheit etwa Filme wie Parasites (KOR, 2019), Broker (KOR, 2022) oder Past Lives (USA, 2023) vermitteln. Der südkoreanische Autor Lim Chul Woo dagegen thematisiert in seinen Büchern immer wieder die Provinz und nimmt auf der Grundlage seiner eigenen Biographie teils weite Rückblicke in die Geschichte des Landes vor.

So ist auch sein jüngster Roman Ein Flüstern aus der Mauer (2019, dt. 2023) eine Art Erinnerungsbuch, mit dem sich Lim der Aufarbeitung einer kollektiven Gewaltgeschichte widmet, die lange tabuisiert war: Diesmal geht es um grausame Massaker im unmittelbaren Vorfeld des Koreakrieges (1950-53), durch den das Land bis heute in Nord und Süd geteilt ist und dessen anhaltendes Konfliktpotenzial auch im Rest der Welt wieder vermehrt Besorgnis auslöst. Auf dem Gebiet der heutigen Republik Korea fand 1948-1949 eine breit angelegte Kommunistenverfolgung statt, die insbesondere auf den südlichen Inseln zu Massenerschießungen und Zwangsevakuierungen einschließlich der Zerstörung ganzer Dörfer führte. Die Opferzahlen gingen in die Zehntausende, und allein auf der größten Insel Jeju wurden hunderte Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Das einschneidendste Datum ist in Referenz auf den 3. April 1948 bis heute als „4/3“ (Sa Sam) bekannt, dem Tag der Niederschlagung einer vorgeblichen Revolte auf Jeju.

Gut 70 Jahre später lässt Lim seinen Protagonisten Han Minu auf die traumatischen Folgen, die diese Geschehnisse in der südkoreanischen Gesellschaft und auch in ihm selbst hinterlassen haben, stoßen. Buchstäblich: Denn es sind Spuren in der Landschaft, Mauerreste und andere Überbleibsel ebenso wie das plötzliche Auftauchen geisterhafter Stimmen, die den pensionierten Lehrer zu einer immer intensiveren Suche nach vergessenen Hinweisen und verschütteten Erinnerungen an diese dramatische Zeit antreiben. Nach und nach deckt er so die Umstände um den tragischen Tod dreier Kinder auf, der in Lims Roman die ganze Brutalität der damaligen Verbrechen symbolisiert. Besondere Hilfe erhält Han dabei von einer älteren Frau, Yun Cheonyeop, die ihm schließlich die leidvolle Geschichte anvertraut, die sich damals im Dorf ihrer Familie zugetragen hat. Vorkommnisse, die sie noch immer zutiefst belasten. Denn auch Frau Yun ist eine der Überlebenden, von denen sie sagt, dass diese „ihr ganzes weiteres Leben in der Hölle dieser Erinnerungen zubringen mussten“.

Doch auch Han selbst, der erst vor Kurzem aus der überfüllten Hauptstadt, in der man „erstickt“, in die vermeintliche Idylle der abgeschiedenen grünen Insel gezogen ist und nun mit seinem Hund Manggo am Rande des Dorfes Mangwol lebt, während seine Frau noch weiter in der Stadt arbeitet, wird von „Erinnerungen“ geplagt. Es sind düstere Bilder vom frühen Tod seines Vaters, der den Verfolgungen ebenfalls zum Opfer fiel und damit noch vor der Geburt seines Sohnes gewaltsam ums Leben kam und dessen ins Meer geworfene Leiche nie geborgen wurde. Seit seiner Kindheit wird Han Minu von verstörenden Albträumen dazu heimgesucht, die plötzlich erneut auftreten. Diese „bösen Träume“, in denen er regelmäßig in dunklen Wassermassen zu ertrinken droht, deutet Han zusammen mit seinen von unerklärlichen Angstgefühlen begleiteten seltsamen Trancezuständen als sein „Trauma“, obwohl er nie eine offizielle Diagnose dafür erhielt. In dieser verletzlichen Dünnhäutigkeit vermeint Han auf einmal, hinter seinem Haus das Flüstern von Kinderstimmen zu vernehmen. Doch die Kinder bleiben unsichtbar …

Von hier an verschwimmen für Han die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit, Diesseits und Jenseits zunehmend und er begibt sich auf eine immer dringlichere Spurensuche, um den Grund für seine mysteriösen Erscheinungen herauszufinden. Als er dann – ist es Zufall? Vorsehung? – auf Frau Yun trifft, die ihm von der drastischen Verfolgung und Repression durch die damalige Polizei und das Militär berichtet und hierbei nach und nach auch auf die schreckliche Verstrickung ihres Vaters und ihre eigene Rolle zu sprechen kommt, versucht Han mit allen Mitteln, die Hintergründe des Verbrechens, das einst zur Auslöschung eines ganzen Dorfes und zum Tod der drei Kinder Monggu, Monghui und Mongseon geführt hat, aufzudecken. Und am Ende stößt er tatsächlich auf längst vergessene Fakten.

Mit Albträumen und flashbackhaften Erinnerungsfragmenten, übernatürlichen Eingebungen und geisterhaften Begegnungen, Augenzeugenberichten bis hin zum Auffinden historischer Quellen und Belege beginnt so für Han ein schubweiser Erinnerungs- und Rechercheprozess. In dessen Verlauf werden auch wir als Lesende mit den verschiedenen Positionen konfrontiert, die nahezu alle gewaltsamen individuellen oder kollektiven Traumatisierungserfahrungen kennzeichnen: mit dem Leid der unschuldigen Opfer wie mit den Schuldgefühlen derjenigen, die unfreiwillig zu Tätern gemacht wurden, mit der Gleichgültigkeit und dem zerstörerischen Hass der Täter, der Scham und dem Schmerz der Überlebenden, der traurigen Hilflosigkeit der Zeugen wie zuletzt auch mit den transgenerationalen emotionalen Folgen aufseiten der Nachgeborenen. Zugleich zeichnet der Text nach, welch ein mühsames Unterfangen diese Erinnerungsarbeit darstellt, nicht nur in psychologischer Hinsicht und im Hinblick auf die häufige Vernichtung von Beweisen, sondern auch, weil solche Gewalttaten zumeist von einer dicken Mauer des Schweigens umhüllt werden.

Diese Mauer wird in Lims Roman, in dem das Geschehen auch stilistisch polyphon erzählt wird, von immer mehr Stimmen durchbrochen. So gibt es zwar einen übergeordneten, unbekannten Erzähler, gleichzeitig wird uns das Meiste aus der personalen Perspektive sowohl von Herrn Han als auch von Frau Yun bzw. deren früherem kindlichen Ich geschildert. Daneben wird mit den Stimmen der drei Kinderseelen wie auch der Stimme der in einem Baum lebenden weiblichen Schutzgottheit, der Pongnang-Alten, jedoch noch eine weitere Erzählebene eröffnet, die das Geschilderte unter Rückgriff auf schamanische Elemente des koreanischen Volksglaubens ins Märchenhaft-Phantastische ausweitet – und damit auf eine weitere symbolische Ebene hebt. Die in einer klaren, unprätentiösen Sprache gehaltene Darstellung kommt dabei ohne große Dramatisierung aus und kippt nur manchmal in ein etwas sentimentales Pathos, wobei die ungezwungene, lebhafte Sprechweise der Kinder, besonders ihrer kleinen Sprecherin Monghui, aber auch der raue Jargon der Schutzgöttin den ruhigen Erzählton immer wieder auflockern. All diese Stimmen verbinden sich in Ein Flüstern aus der Mauer zu einem multiperspektivischen Erinnern, das die Wunden der Vergangenheit Schicht für Schicht freilegt.

Der Roman entwickelt eine Traumanarration, die zum einen lange beschwiegene historische Gräueltaten ins gesellschaftliche Gedächtnis zurückholen will und zum anderen mit den Mitteln der Fiktion ein psychologisches Durcharbeiten ermöglichen soll. Lims Text bietet dafür eine literarisierte Form der Traumabewältigung an, die nie durch das bloße Aufzählen von Fakten erfolgt, sondern stets einer symbolischen Ebene bedarf, die das Geschehene ver-sinn-bildlicht und mental begreifbar macht. Gehört es doch zum Wesen eines jeden Traumas, das eben diese Fähigkeit zur Mentalisierung und Symbolisierung zerstört ist. Dabei scheint in Lims Erzählung gerade in den alten Mythen und Legenden seiner Heimat ein besonderes Potenzial auf, durch das das Unerträgliche psychisch contained werden kann: Mit ihrer ebenso eigentümlichen wie poetischen Bildwelt, ihrem Glauben an Seelenwanderung und ihrer Vorstellung einer beseelten Natur vermögen diese offenbar auf ganz eigene Weise, erschütternde Erfahrungen aus ihrer Verdrängung ins Unbewusste hervorzuholen – sowie auf heilsame Weise Trost zu spenden. So verbindet sich für Lims Protagonist und Alter Ego Han Minu dessen eigenes Trauma zuletzt mit dem kollektiven, kann sich in diesem spiegeln und mit ihm zusammen endlich auch ein Stück weit aufgelöst, ja ‚er-löst’ werden.

In seinem Text geht es Lim Chul Woo weniger um eine Schuldanklage als vielmehr um eine grundsätzliche Würdigung, Entstigmatisierung und Rehabilitierung der Opfer. So handeln seine Schilderungen von den langanhaltenden Folgen einer „Vergangenheit, die nicht vergeht“, wie sie für traumatische Erlebnisse typisch ist, und verdeutlichen das Unheil, das massive Gewalt sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene anrichtet. Sein schmaler, poetischer Roman reiht sich in eine Literatur ein, die Zeugnis ablegen und damit auch die „unerlöste Vergangenheit“ (Ruth Klüger) befreien will. Die zusätzlich eingezogene mythologische Ebene im Roman ermöglicht darüber hinaus eine spirituelle Einbettung, die das Leid sinnhaft transformiert. Am Ende steht eine erfolgreiche Trauerarbeit, die nicht nur Lims Protagonisten einen Neuanfang eröffnet, sondern auch ein Roman, dem es gelingt, ein schwieriges historisches Erbe symbolisch durchzuarbeiten.

Titelbild

Chul Woo Lim: Ein Flüstern aus der Mauer.
Iudicium Verlag, München 2023.
192 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783862056446

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